Kanal voll vom Bundesligazirkus: Hertha BSC III statt Olympiastadion

Kanal voll vom Bundesligazirkus: Hertha BSC III statt Olympiastadion

 
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R 01 November 2022

Jahrzehntelang war meine Stimmung für die Woche von Herthas Ergebnis am Wochenende abhängig. Gewannen die Mannen im blau-weiß-gestreiften Trikot, war ich vom Abpfiff bis zum nächsten Anpfiff im Grunde glücklich. Bei einer Niederlage war das natürlich andersrum. Jeder, der ebenfalls die Fahne der alten Dame im Herzen trägt, weiß daher, dass ich mehr schlechte als gut gelaunte Wochen hinter mir habe.

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Dazu kamen dann auch immer die Kollegen, die sich Bayern-Fans nennen, einmal im Jahr ein Fußballspiel live sehen, aber dir erzählen wollen, was es heißt, mit seinem Verein zu leiden. Dann hast du immer, egal in welcher Firma, einen Unioner, der dich mit seinem Kiez-Club-Blödsinn zulabert. „Bei Union ist das Ergebnis nie entscheidend“, ist sein Lieblingsspruch. Klar Keule, erzähl das dem Hauptmann von Köpenick. Und es gibt die, die sich gar nicht für Fußball interessieren, aber trotzdem gerne sticheln, wenn Hertha verloren hat. 

 

Aber all das war immer egal. Ich konnte das immer alles ertragen, weil ich meine Hertha liebe. Ich liebe sie bedingungslos und wäre ohne sie nicht der, der ich heute bin. Jobs und Beziehungen, die verlangten, dass ich sie verlasse, wurden beendet. Ohne Zweifel und ohne Diskussion. Auch als SAP und ein taurinhaltiges Getränk in der Dose Teile dieser Welt wurden, kamen mir keine Zweifel. Etwas genervt wurde ich dann, als immer mehr Aktionen während eines Spiels von irgendeinem Sponsor präsentiert wurden. Vom Anstoß über eine Ecke bis hin zu einer Verletzungsunterbrechung. Für alles wirbt irgendein überflüssiges Produkt. Das Marketing der Hertha triggerte dann auch langsam sehr negativ. Von einem Verein der Berliner Malocher wollte offenbar keiner mehr was wissen. Ein Berliner Start-up wollte man sein. Was für ein Müll. Trotzdem kein Grund, die Hertha zu verlassen. Doch ein Investor, der im Grunde zeitgleich mit der Einführung des Videobeweises in der Bundesliga bei Hertha einstieg – das waren die zwei Tropfen zu viel.

Die Corona-Pause gab mir viel Zeit, um über alles nachzudenken, und nach und nach wurde mir klar, dass ich diesen Zirkus einfach nicht mehr ertrage. Für die Saison 2021/2022 habe ich mir, nach über 20 Jahren, keine Dauerkarte für die Profis von Hertha BSC mehr geholt. Trotzdem liegt, genau neben meiner Tastatur, eine neue Dauerkarte mit der wunderschönen Hertha-Fahne darauf. Sie berechtigt zu Besuchen von Hertha BSC III auch bekannt als die „Hertha BSC Ama Zwee“.

 

Ich war schon öfter bei dieser Mannschaft, die die erste Mannschaft des Hertha BSC e.V. ist. Nun werde ich, wie einige andere Fans auch, meinen Weg unter dieser Hertha-Fahne fortsetzen. Wie es dazu kam? Mein erster Kontakt mit diesem Teil der Hertha-Familie geht zurück in das Jahr 2007. Genauer gesagt in den Januar dieses Jahres und in das kleine Städtchen Bernau, welches ein Stück nördlich von Berlin liegt. Ich hatte irgendwo im Internet gelesen, dass Hertha BSC beim Hussiten Cup, ein Hallenturnier des FSV Bernau, teilnimmt. Und ich sah die Chance, meinen Geburtstag endlich mal beim Fußball feiern zu können. Vor lauter Euphorie hatte ich gar nicht genau nachgesehen, welche Hertha Mannschaft dort teilnehmen sollte und ging einfach von der U23 aus. Ich glaube, die hießen damals noch Hertha Amateure. Das würde meinen “Fehler” erklären, denn dann hätte ich einfach nur das “Zwee” hinter den Amateuren übersehen.

Tja, die Wege des (Fußball-)Gottes sind unergründlich und so sattelten meine Freunde und ich unser Tifo und machten uns auf den Weg nach Bernau. Dort angekommen bemerkten wir recht schnell, dass hier die dritte Mannschaft von Hertha antrat. Das tat unserem Spaß aber keinen Abbruch und wir machten uns über die Turnierdauer schön zum Nappel auf der kleinen Tribüne.

Die Spieler fanden unseren Auftritt aber ganz witzig und die Kicker waren uns sofort sympathisch. Daher beschlossen wir, die Truppe auch mal an der frischen Luft zu begutachten. Kurz nach dem Hallenturnier empfingen die Ama Zwee im Berliner Pokal der 2. Herren die Reserve von Union Berlin. Sensationell besiegten die Herthaner die höher spielenden Köpenicker im Elfmeterschießen. Ich war begeistert von der Leidenschaft, mit der die Mannschaft unsere Fahne vertrat und beschloss, öfter hierher zu kommen. 

 

Damals wurden die Heimspiele noch an der Ungarnstraße ausgetragen, und so schleppte ich meinen Kadaver oft am Sonntagmorgen nach einer Auswärtsfahrt mit den Profis in den Wedding. Ein Spiel der Ama Zwee, ein Konterbier und (meistens) eine lustige, lockere Stimmung. Das ging einige Monate so. Aber dann war mein Single-Dasein vorbei. Dadurch schraubten sich meine besuchten Spiele etwas zurück und die Ama Zwee fielen leider hinten runter. Die Besuche bei Herthas dritter Mannschaft reduzierten sich auf vielleicht ein Spiel pro Saison.

Um 2010 herum ließ ich mich zu der Aussage hinreißen, dass ich den Profis den Rücken kehren würde, wenn bei Hertha ein Investor einsteigen sollte. Nie hätte ich geglaubt, dass keine zehn Jahre später wirklich ein Geldgeber auftaucht, der Milliarden in den Verein buttern wollte. Doch da war er plötzlich und bot Summen, die wir bei Hertha eigentlich nur im Sollbereich kannten.

Sein Einstieg sorgte für kontroverse Diskussionen unter den Fans. Auch meine Freunde und ich waren uns nicht einig, ob uns nun ein Fluch oder ein Segen ins Haus stand. Für mich war es das endgültige Verschachern der Seele und zusammen mit dem Videobeweis vergeigte es mir den Spaß am Bundesliga-Team.

Nach einigem Überlegen und Gesprächen stand mein Entschluss fest: Bezirks- statt Bundesliga. Logo, man hätte auch zur U23 gehen können. Aber wenn schon einen Strich unter den Profifußball ziehen, dann richtig. Die U23 gehört genauso wie die Profis zur ausgegliederten GmbH & Co. KG aA. Dadurch sind die Hertha BSC Amateure Zwee die erste Mannschaft des Hertha BSC e.V. - und das ist doch eine gute Basis für einen Neuanfang.

Zu dieser Zeit, so um 2020 herum, befand sich Hertha III gerade auf der Suche nach einem neuen Sportplatz. Die Ungarnstraße hatte man vor Jahren verlassen und spielte nun mal auf dem Olympiagelände, mal auf der Lüderitzstraße. Aber dort begannen Umbauarbeiten und einer der beiden vorhandenen Plätze wurde für eine ganze Weile unbespielbar. Daher pochte der dort eigentlich beheimatete Verein auf sein Hausrecht und die Ama Zwee mussten sich eine neue Bleibe suchen.

 

Fündig wurden sie, und das dürfte alle Freunde der Fußball-Historie freuen, auf dem NNW Platz. Das ist nicht nur der älteste noch bespielte Platz Deutschlands, sondern liegt auch dem Areal gegenüber, auf dem einst die Plumpe stand. Also kann man Hertha BSC gar nicht näher kommen. Der ersten Mannschaft des e.V. folgend - und das direkt neben dem Geist der alten Plumpe. Daher fühlt es sich immer schön an, ein Heimspiel der Dritten zu besuchen:

Gedanklich schweifte man beim Erreichen des Bahnhofs Gesundbrunnen in die frühen 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ab und stellte sich vor, wie hier damals janz Berlin, ob groß ob klein, uff den Verein jeschworen hat und Sonntachs zur Plumpe jezogen is. Man stieg aus, fuhr mit der Rolltreppe an dem imposanten Hertha-Graffiti entlang, welches die Meisterschaft 1930 ehrt, warf dem Abbild von Hanne Sobek in ewiger Dankbarkeit einen Luftkuss zu und stand auf dem nach ihm benannten Platz.

Vom Hanne-Sobek-Platz bog man in die Behmstraße ein. Sie führt direkt auf die Swinemünder Brücke zu, die einst die Grenze zwischen Ost und West bildete. Im Volksmund ist sie aber eher als Millionenbrücke bekannt, da ihr Bau einst eine Million Mark verschlang. Über sie würde man den Wedding verlassen und in den Prenzlauer Berg gelangen. Aber kurz bevor man auf die Brücke erreicht, musste man abbiegen.

Durch einen kleinen Eingang geht es hier zu den Fußballplätzen „Kokswiesen“ und „NNW-Platz“. Während sich die Kokswiese rechtsseitig befindet und im Grunde ein schnöder Kunstrasenplatz ist, liegt auf der linken Seite der NNW-Platz. Zwar hat auch er einen Plastiküberzug, aber wenigstens wird er von einer achtstufigen Tribüne umfasst.

Ich bin dazu übergegangen, diesen Ort hier nur noch “kleene Plumpe” zu nennen. Fand ich persönlich schöner als NNW-Platz. Vor kurzem wurden sogar die Stufen, auf denen die Hertha-Fans das Spiel verfolgen, blau-weiß gestrichen.

 

Tja und kaum waren diese Zeilen geschrieben, musste der NNW-Platz auch schon wieder aufgegeben werden. Grund sind die Damen von Viktoria Mitte, die sich hier breit machten. Und dadurch, dass sie höher spielen als die Ama Zwee, dürfen sie sich ihre bevorzugte Anstoßzeit vor Herthas dritter Mannschaft aussuchen. Das heißt, Hertha III würde sonntags um 16 Uhr die Heimspiele austragen können. Da das für alle Beteiligten eigentlich nicht zur Debatte stand, ging es zurück an die Lüderitzstraße. Hier sind wieder beide Plätze bespielbar und eine Anstoßzeit von 12 Uhr ist realisierbar.

Wirklich ein bisschen schade, aber vielleicht führt der Weg eines Tages nochmal zurück in die “kleene Plumpe”. Bis dahin können Groundhopper den Platz natürlich noch mit dem SV Nord-Nordwest oder den Damen von Viktoria Mitte machen. 

Die Hertha Ama Zwee bleiben trotzdem eine gute Wahl für jeden Herthaner, der den Kanal vom Business satt hat. Denn ob es der Torwart ist, der sich mit Tränen in den Augen für eine 4:0 Auswärtsniederlage entschuldigt, oder der Kapitän, der einen nach einem verkorksten Spiel in den Arm nimmt und verspricht, es im nächsten Spiel besser zu machen. Diese Mannschaft spielt für die Fahne auf der Brust und nicht für die Kohle auf dem Konto.

Bericht: Des Kutten-Königs kleines Fußball-Tagebuch (externer Link)

Fotos: Felix, Marco Bertram

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