Rot-Weiss Essen vs. Aue: Erster Sieg in Liga 3 für RWE, aber Pfiffe statt Party

Rot-Weiss Essen vs. Aue: Erster Sieg in Liga 3 für RWE, aber Pfiffe statt Party

 
5.0 (4)
KH 03 September 2022

Puh, was für eine Erleichterung bei den 16.070 Fans an der Hafenstraße, abzüglich den ca. 500 Anhänger des FC Erzgebirge Aue, die den weiten Weg an einem Freitagabend ins Ruhrgebiet auf sich genommen haben. Der erste Sieg im Profifußball seit 15 Jahren und der erste überhaupt in der 2008 eingeführten 3. Liga für Rot-Weiss Essen. RWE ist am siebten Spieltag angekommen im Profifußball. War die Stimmung vorher schon gut, entlud sich die ganze Anspannung, vor allem auch wegen der spannenden Schlußphase, nach Abpfiff in einem großen Jubel und einem gewaltigen Bierschauer über der Fantribüne „West“.

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Aber Essen wäre nicht Essen, wenn alles immer „normal“ wäre. Essen ist anders. In Essen ist immer was los. Ohne Spannung geht es nicht. Genauso gestern. Nach dem warmen Bierschauer von der „West“ kam die kalte Dusche schneller als manch einer dachte und viele wussten nicht wieso. Erst die Spannung auf dem Rasen, dann gab es Spannung auf den Rängen.



Gehen wir auf Anfang: Rot-Weiss Essen grüßte vor dem Spieltag vom letzten Tabellenplatz der Liga, der Stimmung auf den Rängen tat das aber keinen Abbruch. Ein fast pickepacke volles Stadion an der Hafenstraße. Freitagabend. Flutlicht. Was will man mehr. Sportlich spielte RWE wie schon gegen den FC Ingolstadt vor zwei Wochen von Beginn an gut mit und die Fans waren begeistert. Diesmal verstärkt um gleich fünf Änderungen, als noch in Bayreuth suchte das Team von Christoph Dabrowski gegen den FC Erzgebirge Aue (Absteiger aus der zweiten Bundesliga) den schnellen Weg zum Tor. Auch wenn Aue die ersten Chancen hatte, war es dann Felix Bastians der nach einer Kopfvorlage von Simon Engelmann zum 1:0 für RWE einnetzte (23. Spielminute).





Essen spielte nun richtig auf, auch in der zweiten Hälfte, musste dann aber den frühen Ausgleich in der 55. Spielminute durch Sam Schreck hinnehmen sehr zur Freude der mitgereisten Fans, die im Gästeblock ein geschlossenes stimmungsvolles Bild abgaben. RWE wirkte kaum geschockt und erspielte sich weitere zahlreiche Chancen. In der 64. Spielminute staubte dann Rios Alonso zum 2:1 ab, nachdem Aue-Torhüter Philipp Klewin nach einer Ecke nur abklatschen konnte. Essen hätte nach der Führung noch höher stellen können, vergab aber beste Chancen. Dies rächte sich fast in der 85. Spielminute als Maximilian Thiel von der Strafraumgrenze abzog, aber nur die Latte traf. Glück für RWE. Kein später Ausgleich mehr wie zuletzt noch gegen Ingolstadt. Die drei Punkte waren eingetütet und man rutschte erstmal vom letzten Platz auf Rang 13 (vor Ende des Spieltags).





Sehr zufrieden und vor allem gelöst zeigte sich RWE-Cheftrainer Christoph Dabrowski nach dem Spiel im TV-Interview. Diesmal ging sein Matchplan auf. Sein zufriedenes Lächeln in die Kamera gefror aber in dem Moment, als mehrere Fans von der Haupttribüne einfach in den Innenraum spazierten und ihn mitten im Live-Interview bedrängten. Dabrowski diskutierte zuerst mit ihnen wurde dann aber anscheinend beleidigt und zog von dannen. Ähnliches erlebte Simon Engelmann, dazu schwoll während seines Interviews ein Pfeifkonzert, hauptsächlich von der „West“ an. Was war passiert?



Um alles zu verstehen, muss einen Spieltag zurück gespult werden: Nach dem Spiel bei der Spvgg Bayreuth (1:1) kam es auf einem Autobahn-Rastplatz zu Auseinandersetzungen zwischen RWE-Fangruppen, bei der mehrere RWE-Fans verletzt wurden. Laut einer Pressemeldung des Vereins vom 30. August, wurde das gesamte Team (Mannschaft und Betreuer) unfreiwillig Zeuge des Überfalls der einen Fangruppe auf die andere. Der Verein verurteilte in seiner Pressemeldung diese Aktion. Zitat: „Ein solches Verhalten ist in keinster Weise mit den Werten von RWE vereinbar und somit auch nicht hinnehmbar“.

Nach dem gestrigen Spiel kam es erst zu einer Reaktion der Mannschaft und dann zu einer emotionalen harten Antwort der Fankurve, vielleicht auch weil nicht alle um die Geschehnisse auf dem Rasthof wussten. Die Mannschaft applaudierte nach dem Abpfiff zwar in Richtung „West“ und bedankte sich so für die Stimmung, drehte dann aber zügig in Richtung Gegengerade (Rahntribüne) ab und bedankte sich bei den restlichen Tribünen auf die gleiche „zurückhaltende“ Weise. Einigen Fans war diese Art der Danksagung anscheinend zu wenig. Ja, bei früheren Siegen wie beispielsweise in der vergangenen Jahren in der Regionalliga West wurde mitunter noch einmal eine „LaOla“ angestimmt oder auch das legendäre "zweimal leise, einmal laut“ zelebriert. Auch der eine oder andere Spieler wurde öfters auf den Zaun gerufen um mit der Tribüne zu feiern. Ja das alles gab es gestern nicht und die frustrierten Fans reagierten deshalb mit nicht gerade freundlichen Gesängen („Wir sind Essener und ihr nicht“), Beschimpfungen und mit einem Pfeifkonzert, als ob der Klub hoch verloren hätte und abgestiegen wäre.



Aber viele wussten wahrscheinlich nicht warum die Mannschaft nur zurückhaltend feierte. Hätte man das irgendwie im Vorfeld kommunizieren können? Wahrscheinlich nicht. Auch wenn sich im Netz jetzt Vorschläge überschlagen, die richtige Herangehensweise hätte es nicht gegeben und hinterher ist man ja immer schlauer. Auch eine Vorankündigung, dass man im Falle eines Sieges nicht hätte feiern möchte aufgrund der Vorkommnisse, hätte nach hinten losgehen können und wäre kritisiert worden. Es sah auch eher nach einer spontanen Reaktion der Spieler aus und nicht wie von den Verschwörungstheoretikern aus den Fanforen und sozialen Netzwerken interpretierte Anweisung von „ganz oben“. In den Kommentaren im Netz war von einer Abstrafung aller Fans zu lesen, aber Hand aufs rot-weisse Herz: Wir reden hier von einer fehlenden vielleicht fünfminütigen Party mit „LaOla“ oder "zweimal leise, einmal laut“.

Die Reaktion von den Rängen war vielleicht etwas überraschend emotional, aber wiederum auch erklärbar: Da steigt man in die 3. Liga auf und vermasselt sportlich den Start, aber die Fans stehen zu Hause und auswärts (alleine 6.000 waren jeweils in Dortmund und Duisburg und über 1.000 in Bayreuth) hinter dem Team auch nach nur drei erreichten Punkten in sechs Spielen. Dann nach einem mitreißenden Freitagabend Heimspiel mit starkem Support wird der erste Sieg eingefahren und noch voller Adrenalin sowie wahrscheinlich reichlich Gerstensaft der lokalen Brauerei intus gibt es kein finalen Höhepunkt mit der Mannschaft, der sonst immer so voll Leidenschaft und Hingabe zelebriert wurde. Das war wahrscheinlich wie eine kalte Dusche für einige. Dieser Absturz in den Frust entlud sich dann in den nicht freundlichen Gesängen und Pfiffen im Stadion sowie im Internet in wüsten Kommentaren und Spekulationen.



Aber liebe Leute eine Nacht drüber geschlafen und nochmal nachgedacht: Die Mannschaft hat vor dem Spiel Richtung Tribünen geklatscht, die Tore vor den Tribünen gefeiert und ist nach dem Spiel nicht (!) direkt in den Katakomben des Stadions verschwunden, sondern hat sich für die Unterstützung bedankt, aber halt nicht in der Intensität wie sonst. Dazu: Trotz der erlebten Vorkommnisse auf dem Rastplatz und den Pfiffen sowie Beleidigungen nach dem gestrigen Spielende, ist die Mannschaft wenig später dann doch noch einmal herausgekommen vor die „West“ und hat mit den Fans das klärende Gespräch gesucht und ihnen den Grund für die ausgefallenen intensiven Feierlichkeiten erklärt.

Es wurde diskutiert, Hände geschüttelt, Trikots verschenkt und es gab auch wieder vereinzelt freundliche Gesänge von den Tribünen. Also alles gut? Es ist zu hoffen. Denn in der Liga kann man nur sportlich Bestehen mit einem starken Fanrückhalt und mit einer guten Fanbasis, auch wenn sie hochgradig emotional ist. Nach den Lila-Weißen aus Aue-Bad Schlema (Sachsen), gastiert Rot-Weiss Essen am kommenden Freitag bei den nächsten lila-weißen beim VfL Osnabrück in Niedersachsen. Der Gästeblock ist schon ausverkauft und auch hoffentlich wieder „vereint“ stimmungsvoll. Es geht nur zusammen - #nurderRWE.

Fotos: Sport Photo Agency frontalvision.com

> zur Rot-Weiss Essen Fotostrecke

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Spielergebnis:
2:1
Zuschauerzahl:
16.070
Gästefans
500

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90plus

Das Leben ist nun mal kein Ponnyhof. Lieber mal Krach in der eigenen Hütte als immer einen auf nett machen.
Bericht war wieder Top daher
weiter so!

E
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G
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Gut geschrieben. Danke.

G
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Gute Einordnung. Ich war auch angepisst gestern. Hab mich da aber wohl zu sehr mitreissen lassen. War alles auch etwas zu emotional. Für mich ist im Nachhinein die riichtige Entscheidung der Mannschaft.

G
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