In Dorfmerkingen das Schalke 2.0 erlebt - Stuttgarter Kickers müssen in die Aufstiegsrunde

In Dorfmerkingen das Schalke 2.0 erlebt - Stuttgarter Kickers müssen in die Aufstiegsrunde

 
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MB 08 Juni 2022

Wir schrieben den 19. Mai 2001. Vier Minuten und 38 Sekunden lang feierte damals der FC Schalke 04 bereits dein heiß ersehnten Meistertitel. Bis, ja bis die Nachricht aus Hamburg eintraf. Tor in der Nachspielzeit im Volksparkstadion. Patrick Andersson mit dem „strammsten Bumms“ haute den indirekten Freistoß in das HSV-Gehäuse. Der FC Bayern München war Deutscher Meister und das Parkstadion Gelsenkirchen wurde ein gigantisches Tränenmeer. So bitter kann Fußball sein.

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Ähnliches geschah am vergangenen Samstag im 1.000-Einwohner-Ort Dorfmerkingen, der zu Neresheim (östlich von Stuttgart) gehört. Punktgleich gingen der SGV Freiberg und die Stuttgarter Kickers am letzten Spieltag der Oberliga Baden-Württemberg ins Rennen. Allein das deutlich bessere Torverhältnis sorgte dafür, dass die Freiberger auf Rang eins zu finden waren / sind. Während Freiberg beim FC Nöttingen anzutreten hatte, mussten die Stuttgarter Kickers beim abstiegsbedrohten Spfr Dorfmerkingen ihre Hausaufgaben erledigen.

 

Vor insgesamt rund 2.000 Zuschauern wurde das Ganze für die Blauen jedoch kein Selbstläufer. Mit dem Rücken an der Wand ging Dorfmerkingen nach knapp einer Viertelstunde mit 1:0 in Führung. Daniel Nietzer brachte die Heimfans zum Jubeln, und die Stuttgarter Kickers mussten ein gehöriges Schippchen drauflegen.

Gesagt, getan. In der 27. Minute machte Konrad Riehle aus kurzer Distanz den Ausgleich klar. Im zweiten Spielabschnitt war es Kevin Dicklhuber, der in der 52. und 60. Minute mit seinem Doppelschlag die Gästefans zum fröhlichen Ausrasten brachte. In der Ferne stand es in Nöttingen vermeintlich bis zum Ende 1:1, und nach Abpfiff feierten die Fans und die Spieler der Stuttgarter Kickers auf dem Rasen ausgelassen den Aufstieg.

 

Zu früh gefreut. Die Partie in Nöttingen war noch gar nicht abgepfiffen, und in der 90.+ 3. Spielminute erzielte Marcel Sökler den 2:1-Siegtreffer für den SGV Freiberg. Somit war Freiberg der direkte Aufsteiger und die Stuttgarter Kickers müssen nun in die Aufstiegsrunde. Bitter auch für die Spfr Dorfmerkingen: Der Freiberger FC konnte mit 3:1 gegen den 1. FC Rielasingen-Arlen gewinnen und somit an Dorfmerkingen vorbeiziehen und den Klassenerhalt sichern.

 

Mund abputzen! Noch vor Ort in Dorfmerkingen sprachen die Fans der Stuttgarter Kickers den Spielern Mut zu. Am heutigen Mittwochabend empfangen die Kickers auf heimischen Terrain im GAZI-Stadion auf der Waldau den TSV Eintracht Stadtallendorf. Es ist die erste Partie von der Aufstiegsrunde, aus der einer der drei Vereine am Ende der Glückliche sein wird. Ebenso im Rennen ist Eintracht Trier, das am 11. Juni ins Rennen geht. Gewinnen heute die Stuttgarter Kickers, muss Eintracht Trier zuerst bei Eintracht Stadtallendorf ran. Gibt es heute Abend ein Remis oder eine Niederlage der Kickers, steigt am 11. Juni zuerst das Duell Eintracht Trier vs. Stuttgarter Kickers.

Aber wie heißt es so schön im Klappentext der ‚Stuttgarter Kickers Fußballfibel“ von Frank-Michael Lange, Dieter Beck und Michael Wurst? „Drei Sterne um das Kickers-K stehen für Kämpfer, Könner und Kameraden. Außerdem trägt die Kickers-Hymne von Erwin Lehn und ‚Blacky‘ Fuchsberger durch gute wie durch schlechte Zeiten.“  

Aus gegebenen Anlass präsentieren wir einen Auszug aus der Fußballfibel - und zwar von der Relegationsrunde zur 1. Bundesliga, bei der die Stuttgarter Kickers gegen den FC St. Pauli antraten. Damals musste eine drittes Spiel her, das am 29. Juni 1991 im Parkstadion Gelsenkirchen (!) ausgetragen wurde. Vor 18.000 Zuschauern gewannen die Blauen gegen die Sankt Paulianer mit 3:1 und zogen in die 1. Bundesliga ein. Folgend eine Passage vom einstigen Kickers-Spieler Ralf Vollmer:

Irgendwann konnten auch wir mit unseren ganzen Taschen und Koffern die Rolltreppe hochfahren. Dann hat es nochmals gedauert. Wer weiß, wie eine Profimannschaft unterwegs ist, der kennt das Prozedere: Da hat nicht jeder seine eigene Sporttasche dabei, sondern die Klamotten, Stutzen und Schuhe liegen alle in riesigen Containern. Normalerweise hat der Zeugwart genug Zeit, unsere Sachen in aller Ruhe vorzubereiten. Aber nicht dieses Mal! Bis endlich jeder sein Zeugs gefunden hatte ... es gab ja keine bunten Schuhe, die waren zu der Zeit alle schwarz mit einem weißen Puma-Streifen! Alle besaßen dieselben Kickstiefel, nur mit dem Stift war ganz klein reingeschrieben, wem der Schuh gehört. Ihr könnt Euch vorstellen, was das für ein gewaltiges Chaos und heilloses Durcheinander in der Kabine war. Das Gute: Es gab einfach keine Zeit, Nervosität oder Versagensängste aufzubauen. Es gab keinen Erfolgsdruck mehr, es zählte nur noch, irgendwie rechtzeitig auf den Platz zu kommen. 

Wir schafften es: ab, die Rolltreppe runter, auf den Platz, kurz ausgeschüttelt und dann ging‘s schon los! 

Das Spiel startete und jeder hat frisch, fromm, fröhlich und frei aufgespielt. Verrückte Geschichte: Wir waren letztendlich völlig locker und haben ein überragendes Spiel abgeliefert. Ein Spiel wie aus einem Guss, zur Halbzeit stand es schon 3:1 und in der zweiten Halbzeit hätten wir die voll abschießen können. Wir waren fußballerisch, wir waren physisch und wir waren von der Psyche klar überlegen. In ihrem Kopf hieß es „auf keinen Fall absteigen“ und wir hatten nichts zu verlieren; nach dieser Vorgeschichte war bei uns einfach kein Druck mehr da. Im Nachhinein für mich die wichtigste Erkenntnis: Dadurch, dass wir zu spät kamen, hatten wir einen psychologischen Vorteil und diese Lockerheit. Endstand 3:1 – die Kickers waren zurück in der Ersten Bundesliga!


Nach dem großen Erfolg ging es nochmal kurz zurück ins Kölner Hotel zu einer kleinen Feier und dann weiter nach Hause ins Kickers-Vereinsheim. Dort wurde der Aufstieg mit vielen Fans gebührend gefeiert. Tags darauf war dann das ganze Team zu Gast bei Sport im Dritten. Nur einer war nicht im Fernsehstudio: der Ralf Vollmer. Denn der saß im Flieger auf dem Weg zu seinen Freunden nach Amerika. 

Fotos: Dominik Stürmer, K. Hoeft (Parkstadion), Sachseninformer

> zur turus-Fotostrecke: Stuttgarter Kickers

> die Stuttgarter Kickers Fußballfibel beim Verlag CULTURCON medien 

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Spielergebnis:
1:3
Zuschauerzahl:
2.000

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