Heute und vor 30 Jahren: Das Grauen der Relegationen und Aufstiegsrunden

Heute und vor 30 Jahren: Das Grauen der Relegationen und Aufstiegsrunden

 
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MB 04 Mai 2022

„Herzlich willkommen, liebe Zuschauer! Im Namen des Präsidiums möchte ich mich erst einmal bei unserem treuen Anhang bedanken, der uns insbesondere in der Endphase der Meisterschaft stimmungsvoll, aber auch diszipliniert den Rücken stärkte. Wir wünschen uns eine derartige Unterstützung auch in der schweren Relegation.“ - 30 Jahre ist es nun her, als der damals in FC Berlin umbenannte BFC Dynamo Meister der Staffel Nord der NOFV-Oberliga wurde. Mit fünf Punkten Vorsprung auf den Greifswalder SC 1926 wurde Rang eins und somit die Teilnahme an der Aufstiegsrunde in Mai und Juni 1992 gesichert.

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Schauten am ersten Spieltag gegen den SV Post Neubrandenburg am 4. August 1991 nur sage und schreibe 76 zahlende Zuschauer im Jahn-Sportpark vorbei, so stieg die Zahl im Laufe der Saison an. Gegen den FC Viktoria 91 Frankfurt (Oder) kamen im Oktober 1991 bereits 387 Zuschauer ins Stadion, gegen Bergmann-Borsig Berlin waren es am 28. April 1992 sogar 1.595 Fußballfreunde, die einen 2:0-Sieg beim Spitzenspiel sahen. Reckmann und Tolkmitt erzielten die Treffer. Randnotiz: Das Auswärtsspiel beim SV Hafen Rostock wurde im Herbst 1991 abgesagt, da die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen nicht gewährleistet werden konnten. 

 

Am 22. Mai 1992 startete die Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga, an welcher der 1. FC Union Berlin (Meister der Staffel Mitte), der FSV Zwickau (Meister der Staffel Süd) und der VfL Wolfsburg (Meister der Oberliga Nord) teilnahmen. Einer von Vieren durfte letztendlich den Sprung in den Profifußball feiern. Welch eine miese Quote! Die erste Parte gegen den VfL Wolfsburg verlor der FC Berlin vor knapp 2.500 Zuschauern mit 0:2, ebenso mit 0:2 wurde das Auswärtsspiel im Westsachsenstadion vergeigt. Am 31. Mai 1992 wurde dann jedoch der 1. FC Union Berlin vor 4.520 Zuschauern mit 3:0 weggebügelt. Vier Tage später gewann der FC Berlin sogar auswärts bei den Eisernen mit 4:0. 

Für die beiden Berliner Vertreter war nun der 5. Spieltag der Aufstiegsrunde entscheidend. Zuerst empfing der FC Berlin den FSV Zwickau, etwas zeitversetzt spielte Union Berlin gegen den VfL Wolfsburg. Für die drei Heimspiele der Aufstiegsrunde ließ der FC Berlin im Vorfeld nur ein Heftchen drucken, dessen Seiten lose hineingelegt wurden. Klaus Janz, Vizepräsident des FC Berlin, und den beiden Spielern Leif Poßling und Michael Hennig wurde zum Geburtstag gratuliert, zudem wurden kurz und knapp die drei Gegner vorgestellt. Derbystar, die Glanzpunkt Gebäudereinigung, die Druckerei Rohloff, die Stelcon AG, Promox, der Autohändler Andreas Witt, die Bäckerei-Konditorei Günter Vetter und die FuWo buchten sich einen Werbeplatz. Und siehe an, in dem schwarz-weiß-roten Programmheft ließ man sich nicht lumpen und druckte das Wappen der Wölfe grün ab. So viel Ordnung bzw. Aufwand musste sein.

 

Am 7. Juni 1992 war ich für ein Wochenende in Berlin - ich hatte von 1991 bis 1994 meine Ausbildung in Leverkusen gemacht -, und ich schaute im Stadion An der Alten Försterei vorbei. Ich stand auf der sandigen Gegengerade, und vor mir hatte sich die kleine Truppe Wolfsburger Fans mit einer Trommel eingefunden. Einen Gästeblock hatte man für die paar Niedersachsen nicht eingerichtet. Der VfL Wolfsburg konnte die Partie mit 3:1 gewinnen, und bereits während der Halbzeitpause machte auf den Rängen ein Gerücht die Runde: „Die BFCer kommen!“ Und tatsächlich, kurz nach dem Pausentee streiften ein paar BFC-Hools über die Ränge, hielten Ausschau, verhielten sich jedoch weitgehend ruhig. Ach kiek ma einer an! Auch der Brocken aus der einstigen Parallelklasse der 10. POS war mit von der Partie. Im Sportunterricht hatte er einen in der muffigen Umkleide mal gern in den Schwitzkasten genommen. Nun turnte er mit Sonnenbrille auf den Stufen der Alten Försterei herum, und ich hoffte, dass er mich nicht entdecken würde. Ich war doch nur zum Kieken da …

Am letzten Spieltag fuhr der FC Berlin am 13. Juni 1992 nach Wolfsburg und musste sich dort vor rund 8.000 Zuschauern im VfL-Stadion am Elsterweg knapp mit 1:2 geschlagen geben. Es war für den BFC die letzte Fahrt in den Westen. An der Aufstiegsrunde im Frühjahr 1993 nahmen nur noch die drei Staffelsieger der NOFV-Oberligen teil. Der FC Berlin wurde 1992/93 aber eh nur Vierter hinter Tennis Borussia Berlin, dem BSV Stahl Brandenburg und dem Eisenhüttenstädter FC Stahl. 

Gehen wir gedanklich noch einen kleinen Schritt zurück. An der Relegation zur 2. Bundesliga nahm der FC Berlin bereits im Juni 1991 als Tabellenelfter der letzten DDR-/NOFV-Oberligasaison teil. Gegen Stahl Brandenburg, Union Berlin und den 1. FC Magdeburg musste sich durchgesetzt werden. Am Ende wurde der FC Berlin hinter Stahl Brandenburg mit 8:4 Punkten nur Zweiter, durfte aber immerhin auf diesem Wege am DFB-Pokal teilnehmen.

 

Die Relegation / Aufstiegsrunde, an die sich die meisten wohl am Besten erinnern können, war sicherlich jene im Juni 2001. Beim Hinspiel im Sportforum Hohenschönhausen hatten sich 8.282 Zuschauer eingefunden - über die Hälfte drückte dem 1. FC Magdeburg die Daumen. Es ging arg erhitzt zur Sache, doch Tore wollten keine fallen. Das Rückspiel sahen im Ernst-Grube-Stadion 20.600 Zuschauer, und nachdem Koslov in der 57. Minute den Ausgleichstreffer zum 2:2 erzielt hatte, war der BFC Dynamo Dank der Auswärtstorregel mit einem Bein in der Regionalliga Nord, die 2001/02 viel Spaß und Action versprechen würde. Rot-Weiss Essen, Preußen Münster! Am Ende verlor der BFC jedoch die Partie in Magdeburg mit 2:5, und Action gab es nun im und am Gästebereich.

 

Die jüngere Geschichte dürfte den meisten bekannt sein. Insolvenz, Neuanfang in der Verbandsliga Berlin, Aufstieg in die NOFV-Oberliga Nord am Ende der Saison 2003/04. Zehn Jahre später gelang der ersehnte Sprung in die Regionalliga Nordost. Nun könnte der nächste Schritt glücken - der Aufstieg in die 3. Liga. Allerdings ist wieder diese hässliche Hürde zu überwinden. Relegation bzw. Aufstiegsrunde - wie man das Ding auch nennen mag. Der Gegner dürfte der VfB Oldenburg sein, der kürzlich den Verfolger Weiche Flensburg verputzen konnte. Die Termine stehen bereits fest: Hinspiel in Berlin am 28. Mai, Rückspiel in Oldenburg am 4. Juni. Vorausgesetzt, beide Vereine werden auch tatsächlich Staffelsieger.

 

Der BFC Dynamo wollte am vergangenen Freitagabend den Staffelsieg in Fürstenwalde feiern und war mit voller Kapelle angereist. Laut offizieller Zahl waren es insgesamt 2.076 Zuschauer im Friesenstadion, doch waren es wohl allein auf Gästeseite über 1.800. Ein geholtes Pünktchen würde quasi den Meistertitel mit hoher Wahrscheinlichkeit sichern, doch musste in Fürstenwalde ein Sieg her, um ganz sicher zu gehen. Der FC Carl Zeiss Jena hatte zeitgleich in Auerbach mit 4:1 gewonnen, und demzufolge blieb noch das Torverhältnis als entscheidender Punkt. Plus 51 gegenüber plus 36 sprechen zwar eine deutliche Sprache, doch gibt es da einen Spruch mit Kühen, einer Wiese und der Kotzerei. Im Fußball ist alles möglich. 

 

Umso ärgerlicher aus Sicht des BFC Dynamo war es, dass nach eigener Führung (Andor Bolyki in der 33. Minute) in der 80. Minute noch der Ausgleich hingenommen werden musste. Valentin Rode ließ die Fürstenwalder jubeln, und in der Folgezeit lag sogar kurzzeitig die Führung in der Luft. 1:1 hieß es am Ende, und die geplante Party fiel auf dem Rasen aus. Nun muss, um ganz sicher zu gehen, gegen den Berliner AK 07 oder spätestens auswärts bei der VSG Altglienicke noch ein Pünktchen her.

 

VfB Oldenburg? Berlin? Aufstiegsrunde? War da nicht mal was? Richtig! Am Ende der Saison 1995/96 hatte es der VfB Oldenburg in der Aufstiegsrunde zur 2. Bundesliga mit Tennis Borussia Berlin zu tun. Ich war damals beim Hinspiel im Mommsenstadion vor Ort. Insgesamt 5.683 Zuschauer wollten bei trüber Witterung am 2. Juni 1996 jene Partie sehen, und im Gästeblock wurde reichlich Pyro eingesetzt. Ein paar Unioner hatten in der Oldenburger Kurve vorbeigeschaut und zündeten TeBe-Schals an. Kurz vor der Pause brachte Olaf Backasch die Veilchen mit 1:0 in Führung, in der 76. Minute konnte Wieslaw Cisek für den VfB Oldenburg ausgleichen.

 

Dramatisch ging es im Rückspiel zu. Vor 15.172 Zuschauern im Marschwegstadion brachte der Oldenburger Torwart Hans Jörg Butt den Gastgeber in der 8. Minute per Elfmeter in Führung. In der der 70. Minute gab es Elfmeter für TeBe und Taskin Aksoy konnte zum 1:1 ausgleichen. Die Verlängerung musste her. Alexander Woloschin traf in der 95. Minute zum 2:1, nur sieben Minuten später hätte Taskin Aksoy seinen zweiten Elfer des Tages verwandeln können. Er verschoss diesen, und zeitgleich musste TeBe-Trainer Rainer Zobel auf die Tribüne. Alles oder nichts! Die Nerven lagen blank. Am Ende konnte sich der VfB Oldenburg mit 2:1 nach Verlängerung durchsetzen und den Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern ...

Fazit: Wieder heißt es - alles oder nichts! Wieder wird ein Verein leer ausgehen und wieder zurück auf Start gehen müssen. Wir dürfen gespannt sein, ob der BFC Dynamo im vierten Anlauf erfolgreich aus einer Relegation / Aufstiegsrunde hervorgehen wird.

Fotos: Marco Bertram, Mythos BFC

> zur turus-Fotostrecke: BFC Dynamo

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen aus den 90er Jahren

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