1. FC Köln vs. FC Bayern München: Leeres Stadion - volle Kneipen

1. FC Köln vs. FC Bayern München: Leeres Stadion - volle Kneipen

 
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MB 17 Januar 2022

Gnadenlos schrillte der Wecker am Samstagfrüh um 4:10 Uhr. Auf nach Köln! Die sieben Sachen gegriffen und wenig später mit einem XXl-Becher Kaffee in der Hand rein in den ICE, der sage und schreibe in einem Stück von Berlin-Spandau nach Köln durchfährt! Was für eine angenehme Fahrt! Keine Haltepunkte, keine ein- und aussteigenden Fahrtgäste. Kann man sich wirklich mal gönnen. Der Job als ZugbegleiterIn (ist das gendergerecht geschrieben?) dürfte in diesem Zug eine Wucht sein. Einmal der Länge nach durch und danach vier Stunden Ruhe, bis der Zug im Schneckentempo über die Hohenzollernbrücke rumpelt und die tausenden angebrachten Liebesschlösser zum Vibrieren bringt.

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Voll daneben lag am vergangenen Samstag der Wetterbericht. Sechs Grad und Sonne waren noch am Abend zuvor angesagt - das Herz frohlockte bereits -, doch gefühlte minus ein Grad und grauer Hochnebel waren die Realität. Es fröstelte und windete mächtig bei Ankunft in Köln, und somit wurde mal gleich ein Tagesticket gekauft, um bis 18 Uhr wenigstens ein paar Wärmephasen in Form von U-Bahn und Straßenbahnfahrten zu haben. 

Was auf dem Programm stand? Einfach ein bisschen schnuppern gehen und bei Anpfiff der Bundesligapartie 1. FC Köln vs. FC Bayern München am Stadion vorbeischauen. Im Anschluss sollte es noch nach Köln-Ehrenfeld gehen, wo kurz mit ein paar älteren Kölner Kalibern geplaudert werden sollte. Derzeit in Arbeit befindet sich ein locker flockiges Buch über unsere Zeit im Rheinland von 1991 bis 1995. Dreh- und Angelpunkt des Buches bilden 26 Spiele, die meist vom Gästeblock des alten Müngersdorfer Stadions aus gesehen wurden. Angefangen von den Partien gegen den TSV Bayer 04 Leverkusen und den F.C. Hansa Rostock bis hin zu den Klassikern gegen Borussia Dortmund, den HSV, Borussia Mönchengladbach und den FC Schalke 04.

Da auch etliche teils skurrile Alltagsgeschichten den Rahmen des Buches bilden werden, wurden am vergangenen Samstag diverse Ecken von Köln besucht. Ring und Gürtel, Altstadt und Südstadion. Spießbratenbrötchen und Kölsch auf die Hand. Kurzes Aufwärmen in der Drogerie. Die Straßenbahnen waren indes relativ kalt. 

Gespannt war ich, was sich kurz vor Anpfiff des Bundesligaspiels rings um das Stadion tun würde. Die Realität sah indes bitter aus. Die gastronomischen Einrichtungen entlang der Aachener Straße waren so gut wie leer, und auch rings um die „Boxwiese“ und vor dem Stadion war kaum was los. Mit einem Bengalo in der Hand (für später) lief ein Kölner zur Spielstätte, wo eine kleine Truppe sich bei einem Kasten Kölsch traf. Ein Ehepaar stand mit zwei enttäuschten Kindern an der Absperrung, eine Mutter spielte mit ihren beiden Kids auf der Wiese Fußball. An einem Rundgang um das Stadion war nicht zu denken. Es war alles abgeriegelt.

„Ehrenfeld, Raderthal, Nippes, Poll, Esch, Pesch un Kalk, üvverall jitt et Fans vom FC Kölle. En Rio, en Rom, Jläbbisch, Prüm un Habbelrath, üvverall jitt et Fans vum FC Kölle …“ Um 15:25 Uhr ertönte von innen die Hymne des 1. FC Köln - und vor dem Stadion stehend wurde einem das ganze Ausmaß des Trauerspiels bewusst. Wahnsinn! Nicht mal mit 2Gplus-Regeln ist es aktuell möglich an frischer Luft die Ränge halbwegs zu füllen. 15.000 oder 20.000 halt. Was für ein Desaster! Beim Blick auf die kleinen enttäuschten Kinder am aufgestellten Bauzaun wurde mir wieder einmal klar, wer aktuell mit am meisten drunter zu leiden hat. Es entstehen Schäden, die kaum mehr gut zu machen sind. 

Gut, was soll’s. Ich zog weiter, drehte eine Runde auf der „Boxwiese“ und kramte auf dem Bahnsteig für Sonderstraßenbahnen in meinen Erinnerungen. 1992 gegen Rostock und Celtic. 1993 gegen Schalke und Kaiserslautern. Das Testspiel gegen Steaua Bukarest im Sommer 1992. Das Länderspiel gegen Brasilien. Der kuriose 8:0-Sieg gegen Tottenham Hotspur (nur mit der Jugend angetreten) im UI-Cup. Meine Güte, ist das alles lange her. Im verwaisten Stadtwaldgarten saß eine einzelne Person vor dem Fernseher. Ich lugte kurz durch das Fenster, es stand bereits 0:2.

Ein anderes Bild ergab sich eine halbe Stunde später in Ehrenfeld in der Subbelrather Straße. Teils waren die Kneipen - auch hier galt 2Gplus - wirklich proppenvoll. Während der Halbzeitpause zog es die Effzeh-Fans raus an die frische Luft um fix eine zu paffen. Betretene Gesichter? Nö! Im Rheinland schaut das einfach anders aus. Für mich als Berliner ist es immer wieder überraschend, wie offen und gastfreundlich die Rheinländer sind. Gut, auch in der Hauptstadt kommt man meist - wenn man möchte - rasch ins Gespräch, doch die Kölsche Frohnatur ist eine Nummer für sich. Kaum an der vereinbarten Kneipe angekommen, wurden mein größerer Sohnemann und ich freundlich angesprochen. Das Wetter, Eishockey und unsere Herkunft waren die ersten Themen. Als unsere Verabredung mit strahlendem Gesicht auch nach draußen kam, waren auf Anhieb die ganz alten Geschichten das Thema. Eine Kante im Shirt kam hinzu, reichte uns die Hand und freute sich, uns zu sehen. 

Nach einem Pläuschchen zogen wir schließlich weiter. Da ich das Kind dabei hatte, hielt ich das Versprechen „Zero Piwo in Cologne!“. Stattdessen drehten wir noch eine Runde zur Altstadt, wo jetzt etwas mehr Leben war als in den Mittagsstunden. Ich dachte an den 30. Juli 1991, als ich auf der nächtlichen Fahrt von Brüssel nach Berlin das erste Mal durch Köln fuhr und ich kurz nach Mitternacht durch das Zugfenster den Kölner Dom erspähte. Zu jenem Zeitpunkt stand bereits fest, dass ich exakt einen Monat später meine Ausbildung in Leverkusen fortsetzen würde, und ich fragte mich, was mich wohl erwarten würden. 

Ja, was wohl?! Fußball! Kaum zwei Tage vor Ort, sah ich am 3. September 1991 beim Pokalspiel Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Köln hinter dem H-Block die Wurstbude brennen. Ich stand damals im Block A, und wer hätte ahnen können, dass sich drei Jahrzehnte später thematisch die Kreise schließen würden.

 

Mein Sohnemann hatte sich am Samstag kurz vor Abfahrt nach Berlin im Fanshop im Hauptbahnhof ein wenig in den Plüsch-Geißbock verliebt, doch lehnte ich den Kauf ab. Das ginge dann doch ein wenig zu weit. „Ist für mein Brüderchen…“ Hm ja, schon klar. Nein, das geht (noch) nicht! *Zwinkersmilie*

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Köln

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