Der HFC und die alten Zeiten: Ein Interview mit dem Fibel-Autor Michael Bendix

Der HFC und die alten Zeiten: Ein Interview mit dem Fibel-Autor Michael Bendix

 
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MB 28 Oktober 2021

Fleischerhemden, erste Stadionerlebnisse, das Fallschirmspringer-Unglück 1997, die bitteren Zeiten in der Verbandsliga, die probierte Fanfreundschaft mit dem KSC, die Erinnerungen an ganz, ganz alte Zeiten. Wir haben uns ausführlich mit dem Autor Michael Bendix, der kürzlich die Hallescher FC Fußballfibel geschrieben hat, über seinen Verein, das Schreiben und den Fußball im Allgemeinen sehr ausführlich unterhalten.

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turus.net (Marco): Moin Michael, wir beide sind etwa genauso alt, und ich muss gestehen, ich hab mich richtig dolle auf dieses Interview gefreut. Das liegt vor allem daran, dass ich die alten Geschichten aus DDR-Zeiten und den 90ern liebe. Und deine Fußballfibel ist voll von diesen Anekdoten. So sei an dieser Stelle schon mal betont: Dieses Buch ist nicht nur ein Leckerbissen für HFC-Fans, sondern auch für sämtliche Fußballfreunde, die auf „Old School“ stehen. Erzähl doch mal zuerst, wie es dazu kam, dass diesen Band schreiben durftest.

Michael Bendix: Hallo Marco! Moin Moin. Es freut mich, dass ich dir mit den „Old-School-Geschichten“ einen kleinen Leckerbissen bereiten konnte. Die Freude auf das Interview ist ganz meinerseits. Sind wir wirklich schon so alt?! *Zwinkersmilie* Ich glaube, wir haben sogar einen ähnlichen Werdegang Anfang der 90iger, auch wenn es mich seit 1991 eher in westlich-südliche Gefilde gezogen hat. Egal, es ging ja um das Buch: Wie bin ich dazu gekommen? Ich bin im Jahr 2017 auf die Suchanzeige vom Herausgeber Frank Willmann aufmerksam geworden, welcher auch Autoren/Fans vom HFC suchte. Und da ich schon immer sehr interessiert bin, was die Fanbelange um die allgemeine Fanszene in Halle betraf und ich auch über die nötigen Kontakte verfügte, dachte ich mir, das ist was für mich und traf mich am 1.8.2017 an einem Dienstag beim Heimspiel des HFC gegen Carl Zeiss Jena mit Frank, um uns noch persönlich zu „beschnuppern“ und dann den Pakt zu beschließen. Dass wir an jenen Tag 0:2 verloren, ließ meine Anfangseuphorie für das Buch keineswegs abflachen. Nach und nach merkte ich allerdings, dass ich durch verschiedenste Einflüsse keinen Zugang zum Schreiben bekam, und ich verlor mich in der Aufgabe und gab schweren Herzens auf. Der Zufall wollte es so, dass Frank wiederum beim Spiel des HFC in Jena 2019 einen anderen interessierten Autor fand, mit dem ich mich verständigte, dass wir gemeinsam das Werk gestalten würden. Dann kam Anfang 2020 Corona, und ich begann blindlinks los zu schreiben Irgendwann war ich dann soweit, dass ich allein mit 55.000 Wörtern (gefordert waren 40.000 bis 45.000) da stand und ich die Stopptaste reinhauen musste Ansonsten würde ich heute noch schreiben. Ich war wie im Flow und war ganz allein fertig geworden, auch wenn ich noch endlose Themenvielfalt gehabt hätte. Für das, dass ich am Anfang gar nicht wusste, wohin ich wollte, habe ich mich ganz schön entwickelt - und das war auch meine Intention. Das Sammeln von Erinnerungen, das Erlebnis Buchschreiben an sich und einen kulturellen Fußballstapfen setzen, gerade was die Fanszene in Halle betraf. Ich liebe Fußballkultur, und da es sowas in Halle auch noch nicht gab, war das meine Bühne.

turus.net: Kaffee oder Milch? Cola oder Rum? Welche Art von Autor bist du? Lieber morgens am Küchentisch schreiben mit einer Tasse Kaffee oder dann doch lieber abends bei einem alkoholischen Getränk im Kerzenschein? 

Michael: Das konnte alles sein, je nach freier Zeit. Am liebsten, wenn meine Tochter im Bett war, ich die nötige Ruhe hatte, am Abend bis tief in die Nacht. Da konnte dann auch schon ein Glas Rotwein dabeistehen, wobei hin und wieder auch gemäß unser Rot-Weißen Farben ein trockner Riesling auf der Fensterbank stand. Meistens jedoch Kaffee, Kaffee, Kaffee...

turus.net: Kanntest du vorher bereits die Reihe der Fußballfibeln und hast eventuell sogar den einen oder anderen Band gelesen? Gab es bereits im Vorfeld Kontakt zu anderen Autoren?

Michael: Ich kannte die Reihe schon, habe das ein oder andere gelesen, wollte mich da aber nicht so sehr beeinflussen lassen. Ausgerechnet das Buch vom ewigen Anhaltinischen Rivalen von Jens "Jente" Knibbiche habe ich dann auf Empfehlung und auch aus eigenen Interesse dann doch zuerst gelesen und war sehr angetan von dessen Werk. Ich schaue gern übern Tellerrand und habe da auch keine Vorbehalte. Kontakt hatte ich lediglich dann später noch mit Burg von Erzgebirge Aue, den ich im Zuge einer Radtour von Halle nach Aue vor ein paar Monaten in Aue traf. Er half mir auch den Kontakt zu einem Bildgeber aus Aue herzustellen.

turus.net: Dein Buch kam ja kürzlich aus der Druckerei und die ersten Leute werden bereits das gute Stück verschlungen haben? Wie ist das erste Feedback? Planst Du Lesungen in Halle und in anderen Städten? Vielleicht sogar in der „umkämpften“ Stadt Köthen?

Michael: Noch habe ich keine unmittelbaren Rückmeldungen, was das Buch und dessen Inhalt selber betrifft. Viele haben mir gratuliert, schließlich schreibt man nicht jeden Tag ein Buch. Das hat mich sehr gefreut. Was das Thema Lesungen betrifft, so hatte ich bisher lose Gespräche mit dem Fanprojekt in Halle, mit dem Chemie-Pub und ich dachte da auch, weil das Interesse da war, einen Ostfußball-Leseabend in der berühmten Münchner Fußballkneipe „Stadion an der Schleißheimer Straße“. Das Interesse vom dortigen Chef war auf jeden Fall da. Das werde ich alles in den nächsten Wochen auf Machbarkeit prüfen. Was die angesprochene Lesung in Köthen betrifft, so schlage ich das Ritterhaus vor. *Zwinkersmilie*

turus.net: Du bist 1971 in Halle geboren und im Buch ist zu lesen, dass Du seit dem 14. März 1981 Fan des HFC bist. An jenem Tag hatte der Hallesche FC Chemie die SG Dynamo Dresden mit 4:2 aus dem Kurt-Wabbel-Stadion geschossen. Welche Kindheitserinnerungen bezüglich des HFC blieben vor jenem legendären Tag hängen. Vielleicht eine Zusammenfassung im Fernsehen oder eine mit Papa gehörte Konferenz vor dem Radio?

Michael: Meine Tochter wird jetzt bald neun Jahre alt, und wenn ich mir vorstelle, dass sie allein in diesem Alter ins Stadion geht, so wie ich damals, dann ist dieser Vergleich schon krass und aus heutiger Sicht völlig undenkbar, und schon allein bei diesem Gedanken habe ich eine Gänsehaut. Es war schon ein prägender Besuch und dann noch der Sieg gegen die sportliche Übermacht aus Dresden vor begeisterten 18.000 Zuschauer. Ab da war ich HFC-infiltriert und befangen, so dass ich immer wieder zurückkehrte. Es klingt vielleicht merkwürdig, aber unser damaliger Torwart Ulrich Kühn trug keine Handschuhe, nur so als kleine Nuance, an die ich mich u.a. erinnern kann. Das war damals schon sehr ungewöhnlich. 

turus.net: 1984 bist du erstmals auswärts mitgefahren. Halle spielte in der DDR-Liga und es ging nach Eisleben. Ab wann durftest du eigentlich allein auswärts mitfahren? Sprich: Ab wann gaben deine Eltern grünes Licht?

Michael: Mein Klassenlehrer nahm uns immer mal mit nach Leipzig zu diversen Länderspielen und irgendwann ab 15 Jahren durfte ich dann auch allein irgendwo hinfahren. Ab und zu gab es sogar ein Entschuldigungsschreiben (sollte ja verjährt sein - schönen Gruß ans Kultusministerium der DDR), weil gerade Auswärtsspiele wegen der Schulpflicht am Samstag zeitlich schwer zu erreichen waren. Sowas war aber eher die Ausnahme.

turus.net: Wann wurde es für dich das erste Mal beim Fußball knifflig? Wann gerietest du das erste Mal in einer Auseinandersetzung, wurdest bedroht oder bekamst Probleme mit der Volkspolizei oder Transportpolizei?

Michael: Knifflig wurde es eigentlich immer dann, wenn du „rennen“ musstest, weil dir Massen entgegenkamen und du aus Herdentrieb mitrennen musstest. Und natürlich gab es hin und wieder mal Auseinandersetzungen mit der Polizei, Stasi oder gegnerischen Fans, aber der ganze große Frontstratege war ich ohnehin nie. Aber das man sich seiner Haut und seiner Schärpe erwehren musste, das konnte hin und wieder schon passieren, speziell am Leipziger Hauptbahnhof (wie im Buch auch beschrieben).

turus.net: Bomber, Kutte oder Fleischerhemd? Stell Dir vor, zum nächsten Spiel des HFC müsstest du eines dieser Kleidungsstücke anziehen. Wie fällt die Wahl aus?

Michael: Eine gute wie berechtigte Frage. Du spielst auf die Kleidungsgeschichte im Buch an. Aus Jux würde ich mal eine Kutte tragen, aber einfach mal so aus Erfahrung, wie sich das anfühlt. Fleischerhemden habe ich persönlich nie gemocht und mein Bomberjacken-Zeit ist auch schon sehr lang Geschichte.

turus.net: Mit welchen Klamotten bist Du als Jugendlicher Mitte und Ende der 80er Jahre herumgerannt?

Michael: Eher normaler Dresscode mit HFC-Schärpe, so wie auf meinem Bild im Buch, nur dass da die Haare noch deutlich “dichter und länger“ saßen...

turus.net: Welche Mucke hattest Du Dir auf Deine ORWO-Kassetten gespielt? Welche Bravo-Poster hingen an Deinen Wänden?

Michael: Oh ja, die geliebten ORWO-Kassetten aus Wolfen, die man für 25 Ost-Mark im RFT-Laden deiner Stadt erwerben konnte. Unter der Woche wurden zumeist bei Tommy Gottschalk im BR3 allgemeine Radiohits aufgenommen. Ansonsten stand bei mir schon viel Udo Lindenberg auf dem Programm, wenn nicht, wie so oft Bandsalat auf der Kassette war. Ärzte, Hosen, Manowar, Demo. Bei mir im Zimmer war Fußball angesagt, Kicker-Sonderheftbilder oder mal ein Poster der Deutschen Nationalmannschaft, sogar eine Deutschlandfahne (Asche über mein Haupt - den Ehrenkranz feinsäuberlich herausgetrennt) hing bei mir im Zimmer. Das war aber meine Seite, meine Schwester zog dann in ihrer Pubertät mit Bravo-Postern von „New Kids on the Block“ nach, wobei der Gruppenname im Nachgang auch auf die Zeit im Neubaublock bestens zutraf.

turus.net: Pilsette oder Bolzen? Oder beides? Was hast Du am liebsten auf Auswärtsfahrten konsumiert?

Michael: Am liebsten „Pfeffi“ aus Zahna (war letztens mal dort, die Bude gibt es längst nicht mehr) und Bier aller möglicher Sparten. Zur Abwechslung auch mal Goldkrone, Jamaika-Rum-Verschnitt oder Kristall-Wodka. Furchtbares Zeug und fast tauglich zum Erblinden...

turus.net: Nach dem Fall der Mauer schaute es zunächst recht gut aus und der HFC spielte 1991/92 in der 2. Bundesliga und sogar im UEFA-Pokal gegen Torpedo Moskau. Mitte der 90er stürzte der HFC allerdings ab und fand sich zwischenzeitlich in der Verbandsliga wieder. Plötzlich war der VfL Halle 1896 sogar die sportliche Nummer eins der Stadt. Ähnliches geschah ja für kurze Zeit in Magdeburg und Dresden. Wie konnte es dazu kommen?

Michael: Die Gründe für den tiefen Absturz sind vielschichtig. Ich schaue voller Neid da ein bisschen auf Hansa Rostock, das sicher auch nicht alles richtig gemacht hat, aber der F.C. Hansa hat im Unterschied zu vielen anderen Ostvereinen, das Heil in der Aktion anstatt in der Reaktion gesucht. Damals gab es den Begriff der Wendehälse und das galt auch im Fußball, sodass die selben Herren, die noch vor der Wende einen DDR-Oberligaklub geführt haben, plötzlich den Verein auf Profifußball einstellen sollten und dann natürlich vom System Profifußball und deren Werte aus kompletter Ahnungslosigkeit restlos überfahren worden. Der DDR-Bürger und die Verantwortlichen im Fußball waren nun komplett auf sich allein gestellt und heillos überfordert. Davon und dem tiefen Fall, samt noch vieler anderer Ursachen und Gründe, haben wir uns nur sehr langsam erholen können und sind vermutlich heute noch in diesem Prozess.

turus.net: Apropos, VfL Halle 1896. Am 26. September 1997 gab es im Kurt-Wabbel-Stadion vor rund 10.000 Zuschauern beim Stadtduell ein tragisches Unglück, bei dem ein Fallschirmspringer in die Zuschauer stürzte. Warst du an diesem Tag auch im Stadion?

Michael: Einer der merkwürdigsten Momente meiner Fanlaufbahn und unvergessen, obwohl ich damals gar nicht dabei war. Ich wollte unbedingt zu diesem Spiel und setzte alle Mittel in Bewegung, nur das mir ausgerechnet zu diesem Spiel mein Chef trotz „betteln und flehen“ keinen Urlaub gab. Wir waren damals nach den Jahren in der Verbandsliga auf einen gewissen Höhenflug, eine Wachablösung zurück zur sportlichen Nummer 1 in der Saalestadt stand bevor. Und ich bekam nicht frei, war richtig sauer, weiß ich noch wie gestern, als ein Kollege während der Spätschicht auf mich zu kam und meinte, ob ich das vom Fallschirmspringerunglück in Halle beim Fußball gehört hatte, worauf ich dachte, der will mich verarschen. Leider stellte sich die Geschichte als wahr heraus und warf uns wieder mal sportlich zurück.

turus.net: Zurückgeblickt auf die vergangenen 40 Jahre. Welche waren Deine schönsten und bittersten Momente mit deinem Verein? 

Michael: Der schönste Moment war zum Einen die Qualifikation zur 2. Bundesliga und damit verbunden den Europapokal, der Aufstieg damals in die 3.Liga, der Sieg 2008 im Landespokal in Magdeburg. Die bittersten, aber auch die lehrreichsten Erfahrungen waren 1994/95 drei Punkte durch drei Unentschieden in einer Saison zu sammeln. Dann die bitteren Jahre in der Verbandsliga. Nochmal möchte ich sowas nicht mitmachen wollen, trotzdem bin ich froh, dass ich damals mit dabei war. Der Zusammenhalt der wenigen Leute war phänomenal.

turus.net: Über den Tellerrand geblickt - gibt es noch andere Vereine, für die du ein wenig Sympathien hegst? Falls ja, welche Spiele ragten bislang heraus?

Michael: Ich interessiere mich generell für die „Ware“ Fußball in all seinen Facetten. Früher in den Hochzeiten des KSC-Fußballs, auch vielleicht weil Halle die Partnerstadt von Karlsruhe ist, war ich sehr oft dort, kannte dort auch viele Leute. Da wollten wir auch sowas wie einen Fanfreundschaft etablieren, aber nach unserem sportlichen Niedergang waren wir einfach zu weit weg. Und herausragende Spiele, da halte ich es eher mit dem Fibelkollegen Michael Stoffel “In 90 Tagen um die Welt“, da gäbe es einiges zu erzählen.

turus.net: Stell Dir mal vor, Du wärst 18 Jahre alt, lernst in der Disco eine Frau kennen, gehst mit ihr nach Hause, bist total verknallt und entdeckst erst später auf dem Schulterblatt ein Tattoo. Na, Du ahnst schon. Ein fettes FCM. Halleo und Magda - sprich Romeo und Julia - in Sachsen-Anhalt? Oder lieber gleich die Reißleine und den Schlussstrich ziehen? 

Michael: Da würde ich es eher wie Julia Roberts in dem Film "Der Feind im eigenen Bett" halten, meinen Tod vortäuschen und irgendwo ein neue Leben anfangen. Nein, ganz im Ernst, es gibt auch in Magdeburg sehr schöne Frauen und wenn die Liebe es zulässt, dann bin ich gern der Romeo. Nur mit dem Hinziehen - das müsste ich mir noch sehr gut überlegen.

turus.net: Mal ne andere Frage. Was hat das mit dem „Wir sind Halle Aas!“ auf sich?

Michael: Das ist eine Art Persiflage auf die Hallesche Mundart und diesem ganz speziellen Dialekt und soll ein gewisses Heimat- und Identitätsgefühl wecken. Für meine Begriffe passt das fast besser als so Einheitsfloskeln, wie „Nur Zusammen“, womit beim HFC seit ein paar Jahren zum Teil gearbeitet wird.

turus.net: Der HFC steht aktuell im Mittelfeld der 3. Liga. Wie ist Dein Gefühl für den weiteren Verlauf der aktuellen Saison?

Michael: Wir haben einfach zu großes Verletzungspech, sodass ich momentan sehr zufrieden bin, was das Sportliche betrifft. Sind alle an Bord, kann es vielleicht sogar noch mal nach vorne gehen.

turus.net: Wo siehst Du den HFC in zehn Jahren?

Michael: Wenn es gelingt, einen Schritt vor den Nächsten zu machen, sich permanent zu entwickeln, warum soll dann nicht auch mal ein sportliches Intermezzo in der Bundesliga stehen. Halte mich für einen Träumer, einen Tagedieb, aber andere kleine Vereine, ob nun in Deutschland oder anderen europäischen Top-Ligen haben es doch immer schon vorgemacht. Das mag aus jetziger Sicht natürlich völlig utopisch klingen, aber das sollte eines Tages das Ziel sein. Eine Saison in der Bundesliga. Kling völlig bescheuert, aber lieber bescheuert, als sich immer das Ziel „gesichertes Mittelfeld dritte Liga“ vorzumachen.Ich möchte Entwicklung nach vorn, als Verein, als Impulsgeber einer ganzen Stadt und vielleicht dann auch wieder einer Region, ohne seine Identität zu verlieren. Das sind meine Visionen für den HFC.

turus.net: Theoretisch gedacht, der HFC würde sportlich durchmarschieren - sag niemals nie, Union Berlin hat es gezeigt - und man würde plötzlich in der Conference League spielen. Hättest Du einen Lieblingsgegner? Die Sache rund machen und noch einmal gegen den PSV Eindhoven kicken?

Michael: Ein Re-Match gegen den PSV wäre schon mal sehr interessant. Ich persönlich würde mir den weitesten Verein wünschen, den ich bekommen kann. Irgendwo in Kasachstan unter dem Motto: Kein Weg ist mir zu weit. Aber auch reizvolle Spiele gegen die anderen Halbmondclubs, wie Drogheda und Portsmouth wären einmal reizvoll (das nehme ich mal als Alleinstellungsmerkmal). Ich nehme alles wie es kommt, wenn es nur schon soweit wäre. Durch meine frühere Hopperkarriere habe ich mir aber prinzipiell schon jeden Wunsch erfüllt. Da bin ich vor der Auslosung tiefenentspannt.

turus.net: Dein Blick auf den globalen Fußball mit all sein Auswüchsen. Was stört / nervt Dich am meisten? 

Michael: Da stimmt mich vieles ärgerlich und ich weiß gar nicht wo ich zuerst hinleuchten soll: Zuletzt hätte ich einem Strahl brechen können, als ich die Fans von Newcastle United sah, wie sie in Heilsbringermanier die Übernahme durch einen Staatsfond aus Saudi-Arabien feierten. Und so zieht sich die Reihe endlos weiter. Vermutlich könnte ich hier auf der Stelle eine neue Fibel zu dieser Thematik schreiben und leicht fertig werden. Lassen wir das, mich ärgert das und was mich noch mehr ärgert, dass die Leute für sowas wie dort oder bei RB empfänglich sind. Das hat was vom modernen Rattenfänger von Hameln. Aber wer möchte es den Leuten dann aber auch irgendwie verdenken, jeder ist süchtig nach den schnellen Erfolg. Dass das Leben und der Mensch sich auch über Niederlagen definiert, das möchten die Menschen vor Farbenblindheit nicht sehen. Unterm Strich musst du einfach öfters gewinnen, als verlieren…

turus.net: Krippe, POS, PA und ESP. Stabi, NVA und VEB. Lass das Kopfkino knattern. Wie sehr bist du im Herzen noch mit den alten DDR-Zeiten verbunden? An was denkst du am liebsten zurück?

Michael: Wenn ich ganz ehrlich bin, steckt der „Ossi“ noch ganz tief in mir drin, und das ist gut so, obwohl ich seit 30 Jahren im Westen lebe. Ich habe mir viele deiner genannten Abkürzungen und Prägungen zu eigen gemacht und mit Westlichen gepaart. Ich bin aber auch total anpassungsfähig, hilfsbereit, dazu weltoffen, neugierig, tolerant, und ich sehe das als Vorteil, beide Teile Ost und West kennengelernt zu haben. Wenn ich an die DDR zurückdenke, dann sehe ich, trotz aller Probleme und nicht so schöner Dinge, insbesondere den Zusammenhalt, die Hilfsbereitschaft und FKK. :-)

turus.net: Ich danke Dir für das Interview und wünsche Dir, und Deinem Verein alles Gute. Mögen möglichst viele Leser die HFC-Fußballfibel in den Händen halten.

Michael: Ich bedanke mich ebenfalls für die vielen interessanten Fragen und für die Wünsche, die ich gern in die rot-weiße und weite Welt weitertrage. Auch für dich, Marco, alles Gute!

Fotos: Michael Bendix, Marco Bertram

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