Auf die alten Zeiten: Megagstarker Sieg des F.C. Hansa Rostock in Hannover!

Auf die alten Zeiten: Megastarker Sieg des F.C. Hansa Rostock in Hannover!

 
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MB 01 August 2021

„Moin mein Lieber. Sag mal, warum schleichen die Hannoveraner mit heruntergezogenen Gesichtern vorbei?“, wurde ich von meinem Großcousin Reinhard gefragt, der sich mit mir nach Abpfiff auf ein, zwei Bierchen in der Kaiserschänke getroffen hatte. „Sieg! 3:0-Sieg des F.C. Hansa Rostock! Ick sach Dir, Hannover war schon immer nen jutes Pflaster!“, erklärte ich ihm mit einem fetten Grinsen. Selten hatte ich mich nach einem Spiel dermaßen glücklich gefühlt. Erleichtert, zutiefst erleichtert. Tonnenlasten verschiedenster Art fielen am gestrigen Nachmittag ab. Und noch mal, Hannover ist einfach ein gutes Pflaster. „Prost Reinhard!“, rief ich. „Weeßte noch Goslar? Sommer 1991? Dat is jetzt schon satte 30 Jahre her …“

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Da die gestrige Fußballsause im Mietwagen wohl als Meilenstein in die Geschichte eingehen wird, nehme ich mir mal ein bisschen mehr Zeit und hole etwas aus und gebe ein paar knackige Anekdoten zum Besten. Wo leben die meisten Bertrams in Deutschland? Schon gewusst? In Hannover! Einst war das ostpreußische Allenstein eine Bertram-Hochburg, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden der Berliner und der Hannoveraner Raum die neue Hochburgen. Einen Teil meiner Familie hatte es nach der Flucht aus Ostpreußen nach Hannover verschlagen, wo der besagte Reinhard einst das Licht der Welt erblickt hatte. Bereits zu DDR-Zeiten knatterte Reinhard in Lederkutte auf seiner Harley nach Waldesruh vor den Toren Ost-Berlins und drehte mit mir eine Runde durch die Siedlung. Auch an meiner POS vorbei, versteht sich.



Nachdem der Eiserne Vorhang fiel, konnte endlich der Gegenbesuch starten. Im Sommer 1991 trampten ein Schulfreund und ich nach Paris und Brüssel, vor der eigentlichen Tour verbrachte ich allein ein paar Tage bei Reinhard. Bock auf nen Bikertreffen im Harz? Logo! Ich bekam ne Lederjacke und ab ging es auf dem Heißen Ofen nach Goslar, wo der Muddy Tribe MC auf einer Wiese ein riesiges Treffen mit Bühne, Lagerfeuer und allem Drum und Dran organisiert hatte. „Falls es ein Problem geben sollte, lösen wir das vom Haervejans MC“, erklärte mir Reinhard und ließ mich an der langen Leine. Mit meinen 17 Jahren fühlte ich mich in einen sagenhaften Film versetzt. Hoch loderte das Feuer, rustikale Gestalten lungerten auf den Strohballen, und vor der Bühne ging die Post.

Zu später Stunde wurde die Bikerin des Tages gewählt, die daraufhin auf die Bühne gebeten wurde. „Ausziehen, Ausziehen!“, hallte es bis zum Brocken. Als dann auch noch der Biker des Tage gewählt wurde, kam ich ins Grübeln, denn auch er wurde aufgefordert, die Hüllen fallen zu lassen. Schlüpper anlassen? Nix da! Runter mit den Buchsen! „Weiter, weiter!“, rief nun das in Wallung geratene Biker-Volk. „Bücken, bücken!“ Ich traute meinen Augen nicht. Nach kurzem Anrubbeln nahm sich der Biker im vollen Rampenlicht von hinten die Bikerin vor - und der Mob johlte. Und ich sage Euch, das Level blieb hoch. Als ich gegen zwei Uhr nachts zu unserem kleinen Zweimannzelt torkelte, fand ich zwei Frauen vor, die es sich gemütlich gemacht haben. Was ich nun tun soll, fragte ich Reinhard. Was wohl? Dazu legen, lautete seine Antwort. Er würde draußen auf dem Stroh pennen.

Links, rechts oder mitten rein? Ich wählte die jüngere Frau und schob mich zaghaft in die quasi kaum vorhandene Lücke zwischen Körper und Zeltwand. Dolles Ding für nen jungen Ossi so kurz nach dem Mauerfall. Als ich später für drei Jahre in Leverkusen lernte und wohnte, düste ich 1992 mit Karsten ein Wochenende nach Hannover, um das Zweitligaspiel gegen den SC Freiburg zu sehen und eine Party des deutsch-niederländischen Motorradclubs Haervejans in den Räumlichkeiten unter den alten Bahnbögen mitzunehmen. Im alten Niedersachsenstadion konnte der SC Freiburg vor rund 6.000 Zuschauern mit 2:0 gewinnen, abends bei den Bikern fühlte man sich ein wenig in den Kultstreifen „From Dusk till Dawn“ versetzt. Unter aufgehängten Tarnnetzen bekamen ein paar Gäste wohl eine etwas zu große Fresse, woraufhin sie raus gebeten wurden. Diese zogen jedoch kurzerhand die Messer und wollten es wissen. Einer rief die Polente, und Karsten und ich wurden in ein Hinterzimmer verfrachtet, um nicht mit hineingezogen zu werden. Ne halbe Stunde später durften wir wieder rauskommen - und alle saßen friedlich beieinander bei einer Kanne Bier. Niedersächsische Gemütlichkeit.



Unvergessen war auch das Aufstiegsrundenspiel gegen Energie Cottbus im Juni 1997. So viel abgrundtiefen Hass hatte ich selten erlebt bei einer Fußballpartie, Unfassbar, wie viel Spucke und Bier zwischen Gästeblock und den anliegenden Bereichen hin und her segelte. Kurzum: Hannover ist für mich nicht nur irgendeine Stadt, sondern vielmehr Schauplatz manch eines Erlebnisses. Da fällt mir doch glatt ein, dass ich mir im Sommer 1991 gemeinsam mit Schulfreund Nico im „Pupasch“ voll die Kante gab, anschließend mit gefundenen Krücken zur Wohnung in der Meterstraße torkelte und dann auf einem Spielplatz voll wegnickte.

Hannover! Krücken! Die Kreise schließen sich. Und ich komme nach dem Prolog mal endlich zur Sache, blau-weiß-rotes Schätzilein. Vor drei Wochen brach ich mir am Rande des Polonia-Turniers in Leszno das Wadenbein und dehnte mir im Fuß arg die Bänder. Nach drei Tagen in Gips bekam ich glücklicherweise vom Chirurgen einen Spezialschuh verpasst, mit dem ich sachte (das Sprunggelenk war nicht gebrochen) auftreten darf. Nichtsdestotrotz ist das Gehen an Krücken ein echter Kraftakt - und ich war sauer, wohl die ersten Saisonspiele des F.C. Hansa Rostock zu verpassen. Okay, das Heimspiel gegen den KSC war nicht DAS Ding, war ich ja als Glückspilz beim Aufstiegsspiel gegen Lübeck mit von der Partie. Aber Hannover?! Meine Fresse, das war so FETT markiert im Kalender! Ein MUSS für mich. Egal wie. Grübelei ohne Ende. Mein Entschluss: Kumpel Tobi fährt mich im Mietwagen nach Hannover. Wenigstens ein bisschen gucken und round about die Atmosphäre aufsaugen. Einfach mit vor Ort sein.



Gesagt, getan. Mit einem übelsten Kribbeln im Bauch düsten wir mit teils Tempo 200 gen Niedersachsen. Hannover! Gegen Hannover 96 hatte Hansa Rostock am Ende der Saison 1994/95 die Rückkehr ins Fußballoberhaus gefeiert. Nach Hannover hatten die Hansa-Fans einst am 9. März 2005 was mitgebracht: Fisch, Fisch, Fisch! Rade Prica hatte damals für Hansa den Treffer des Tages erzielt. Hannover ist - wie bereits zweifach erwähnt - einfach ein gutes Pflaster. Und ja, manchmal passt es einfach. Man spaziert wie in einer Matrix - und die Puzzlestücke fügen sich zusammen. Kaum angekommen, trafen Tobi und ich die richtigen Leute. Los, ab ins Stadion! Wenn man schon mal hier war. Ein Ticket lag quasi schon bereit, einen negativen Test hatte ich für alle Fälle eh in der Tasche. Rasch war eine zweite Karte für meinen Kumpel besorgt - und Anspannung und Vorfreude wuchsen ins Unermessliche.



Da es auf der Nordseite vor dem Spiel bereits zu einem spontanen Aufeinandertreffen von Hannoveranern und Rostockern kam, war es anfangs mehr die Anspannung, die hart zu schaffen machte. Ein Blick auf den linken Fuß. Ein Blick auf die Krücken. Der Gedanke an all die Stufen. Die Wartezeit zog sich wie Kaugummi hin. Der Wasserwerfer drehte seine Runden, in kleinen Gruppen wurde gequatscht und sich ausgetauscht. Nachdem ich die Einlasskontrolle passiert hatte, fiel mit einem Schlag die Anspannung ab. Ich warf einen Blick auf die breite Treppe hinauf zum Stadion - und ich war mir plötzlich sicher, DAS wird unser Tag! Aber so was von! Eine Bockwurst und ein alkfreies Bier später lösten sich auch die letzten inneren Knoten. Ich fühlte mich daheim in der weitgezogenen Gästeurve. Logisch war ich froh, dass genügend Platz war und ich mir die Stelle frei aussuchen konnte, von wo aus ich das erste Rostocker Auswärtsspiel in der 2. Bundesliga seit über neun Jahren verfolgen würde.



Die Blöcke füllten sich, und die Stimmung nahm langsam Fahrt auf. Die Rahmenbedingungen sind derzeit weiß Gott beim Fußball nicht die besten, doch am gestrigen Nachmittag haben die anwesenden Hansa-Fans das Beste, wirklich das Allerbeste aus der Situation gemacht. Das Auswärtsspiel wurde zu einem Heimspiel umfunktioniert. Die Akustik unter dem Dach war prima, und die Mitmachquote wurde im Laufe des Spiels immer höher. Warmsingen, Warmklatschen, das Hansa forever. Gänsehaut und wohlige Wärme in der Magengrube.



Die Mannschaft von Hansa Rostock legte von Beginn alles in die Waagschale und zeigte einen Einsatz, der jedes blau-weiß-rote Herz vor Freude hüpfen ließ. Den ersten Knaller des Tages gab es im ersten Spielabschnitt zu sehen. Ein Hannoveraner zog kurz vor der Strafraumgrenze ab, und Hansa-Keeper Kolke bekam ein zerfleddertes Etwas mit Mühe zu packen. Dem blau-weiß-roten (!) Ball platzte wohl eine Naht, und es bildete sich eine riesige „Kaugummiblase“. Lachend präsentierte Kolke dem Schiri die Kuriosität und warf anschließend diese einem Zuschauer im Unterrang zu. Zum Ende der ersten Halbzeit erhöhte Hansa den Druck und kam zu fetten Chancen. Es roch nach der Gästeführung und ich ließ bei einer Ecke schon mal das Handy laufen. Hannover 96 bekam die Kugel nicht aus der Gefahrenzone, und Behrens haute den Ball mit links mit Bravour in die Maschen. Mein lieber Herr Gesangsverein! Was für ein Jubel! Mega! Nach der unglücklichen 1:3-Niederlage gegen Karlsruhe war dies nun die Erlösung pur. Nix abseits, nix VAR, einfach rein das Ding! Bähm!



Der zweite Durchgang begann gerade und ich schrieb eine Nachricht an den Sohnemann meines Großcousins, der leider gerade arbeiten musste, als es schon wieder im 96er Kasten klingelte. Alter Schwede! Nach einem weiten Einwurf zirkelte Verhoek den Ball einfach mal ins lange Eck. 2:0 für Hansa Rostock! Meine Fresse, das roch tatsächlich nach einem Auswärtssieg! Und Hansa ließ nicht locker und fightete um jeden Ball! Nur nicht nachlassen, stets dranbleiben, sich festbeißen.

Zwar hatte in der Folge Hannover 96 durchaus die Möglichkeit, den Anschlusstreffer zu erzielen, doch lösten die Rostocker im Allgemeinen ungemein clever das Ganze. Und nicht nur das! Der zuvor eingewechselte Omladic nahm rutschend seinem Gegenspieler Lamti den Ball ab und hob diesen über den Torwart hinweg zum 3:0 in die Maschen. Unfassbar! Ich persönlich hatte bei diesem Treffer am intensivsten gejubelt. Dieses Tor war einfach die viel zitierte Kirsche auf der Sahnetorte. Dass nach Abpfiff mit einem mächtigen „Ahu!“ die Mannschaft gefeiert wurde, versteht sich von selbst.



Überglücklich lief ich an Krücken zur besagten nahen Kaiserschänke und traf den bereits wartenden Reinhard. Wie der Zufall es wollte, traf ich dort ein Ehepaar mit seinen vier Kindern. Und siehe an, diese Beiden sind mit die ersten Hansa-Fans, die ich bislang getroffen habe, die bei meinem ersten Hansa-Spiel in Leverkusen an einem Freitagabend im Februar 1992 mit im Stadion waren. Dem nicht genug traf ich an einem anderen Tisch die Enkeltochter vom einstigen Hansa-Torwart Dieter Schneider, der von 1958 bis 1986 bei Empor bzw. Hansa Rostock gespielt hatte. Sein Vater Rudolf Schneider war einer der Spieler, die im November 1954 von der BSG Empor Lauter an die Ostseeküste zu Empor Rostock wechselten. Zufälle gibt’s! Einen lieben Gruß nach Rostock, das Interview mit Dieter Schneider (und seiner Enkelin) ist gebongt!



Was den gestrigen Nachmittag betraf, so zogen wir noch weiter in den Waterloo Biergarten, wo einige Hansa-Fans bereits ein gutes Level erreicht hatten. Hoch die Tassen! Die anwesenden Hannoveraner zeigten sich überaus milde und gastfreundlich. Allein das lautstarke „Scheiß St. Pauli!“ wollte man dort nicht hören. Das gesungene „Hansa forever“ wurde indes mit einem Schmunzeln und einem wohlwollenden Nicken zur Kenntnis genommen.

Die Sonne ging unter, die Mucke lief, auf der A2 ging es zurück nach Berlin. Im Gepäck die ersten drei Punkte, im Blut eine extra Portion Glückshormone. Ich sagte es ja, Hannover ist einfach ein gutes Pflaster und immer für eine Sause gut! Besten Gruß und Sport frei!

Buchtipp: Der legendäre Aufstieg im Frühjahr 1995 in die 1. Bundesliga, die fliegenden Fische in Hannover im April 2005, zahlreiche Anekdoten aus ferner und jüngerer Vergangenheit - all dies ist im 512-seitigen Wälzer "Kaperfahrten - Mit der Kogge durch stürmische See" nachzulesen. Das Buch (auf Wunsch mit persönlicher Widmung) ist noch auf Lager und ist direkt beim Herausgeber / Autor Marco Bertram bestellbar: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Weitere Infos zum Buch gibt es auch auf der privaten Webseite: www.marco-bertram.de

Fotos: Marco Bertram, Tobi, Heiko Neubert

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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