In 90 Minuten um die Welt: Barra Bravas, Buschtaxis, Bretterbuden

In 90 Minuten um die Welt: Barra Bravas, Buschtaxis, Bretterbuden

 
5.0 (6)
MB 27 Juli 2021

Mit dem Tramper-Monatsticket der Deutschen Bundesbahn fing einst in den 1980ern alles an. Im Alter von 14 ging es bereits quer durch die Bundesrepublik und auf dem Transitweg rüber nach West-Berlin. Später folgten ausgedehnte Interrail-Touren bis hoch nach Schottland und runter bis Spanien und Marokko. Sämtliche Touren wurden so zusammengestellt, dass möglichst viele Fußballspiele in Nah und Fern mitgenommen werden konnten. Michael Stoffl (50 Jahre alt und eingefleischter Löwenfan) lernte die (Fußball-)Welt kennen wie kaum ein anderer. Vom Iran bis u.a. nach Kolumbien, Saudi-Arabien, Madagaskar und Nordkorea. Dass es mitunter abenteuerlich werden konnte, liegt auf der Hand. So erlebte Michael zum Beispiel in der Hauptstadt von Gambia, Banjul, vier spannende Stunden in einer Polizeiwache. Was den Fußball betrifft, so hatte er in all den Jahren bereits sensationelle Spiele und Turniere erlebt, wobei Kolumbien, Indonesien und der Afrika-Cup 2008 in Ghana mit zu den Highlights gehörten. Die erfreuliche Botschaft des Tages: Michael Stoffl hat sich rangesetzt und ein Buch geschrieben, das derzeit gedruckt wird. Die zweite ebenso erfreuliche Nachricht des Tages: Wir durften mit Michael bei einem Gläschen Rum ein überaus spannendes Interview führen. Hier ist das Ergebnis:

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turus: Moin Michael, stell dir mal vor, du müsstest dich mit exakt acht Sätzen beschreiben…
 
Michael Stoff (lacht): Das geht ja schon mal gut los. Gut, ich bin Michael Stoffl, wohne seit fast 20 Jahren in Berlin, komme ursprünglich aus der Münchner Gegend und verbringe meine Freizeit damit, dass ich durch die Welt reise. Meistens in der Kombination mit Fußball, aber eben nicht immer. Ich bin tätig als freiberuflicher Übersetzer und Online-Redakteur. Also alles, was mit Web-Inhalten zu tun hat – in der Sprachkombination Englisch-Deutsch.


 
turus: Wo genau bist du in München aufgewachsen?
 
Michael: Im Umland, im S-Bahn-Einzugsgebiet östlich von München. Prost, Prost, Prost, wir komm’n aus München Ost!
 
turus: Eine klassische Frage gleich vorweg. Du bist bekanntlich eingefleischter Löwen-Fan. Kamst du zum TSV 1860 München direkt oder doch eher auf Umwegen?
 
Michael: Ganz ehrlich, über Umwege. Im Kindheits- und Jugendalter hatte ich verschiedene Freundeskreise - manche Rot, manche Blau - und demzufolge ging ich zu Schulzeiten zu beiden Vereinen, bis sich dann irgendwann herauskristallisiert hatte, dass man sich entscheiden muss. Ich bin jetzt 50 Jahre alt, und bei mir war das in den 1980ern der Fall. Ich gehe seit 1980 zum Fußball, und ich ging in der einen Woche Bundesliga und Europapokal bei den Bayern im Olympiastadion gucken - die waren ja Deutscher Meister und spielten gegen Real Madrid, Liverpool und andere große Vereine -, und in der anderen Woche Fußball bei den Sechzigern gucken. 1860 pendelte bereits damals zwischen dem Grünwalder Stadion und dem Olympiastadion, meine ersten Spiele der Sechziger hatte ich allerdings im Olympiastadion gesehen, da hatte noch Rudi Völler bei uns in der zweiten Liga gespielt. Dann kam der Zwangsabstieg, als wir mit zehn Millionen Mark Schulden in die damals drittklassige Bayernliga runter mussten. 1860 musste endgültig zurück ins Grünwalder Stadion, und dort war eine völlig andere Atmosphäre. Es war familiärer, enger und auch wilder. Der Bezug zum Spiel, zu den Spielern und den anderen Fans war nicht so anonym wie bei den großen Roten. So kam es, dass ich dort hängengeblieben bin …


 
turus: Deine ersten Auswärtsspiele, die du allein gefahren bist, erfolgten in welchem Alter?
 
Michael: Bereits im Alter von 14 Jahren! Das waren jedoch noch keine Auswärtsspiele mit 1860. Ich hatte damals ein Tramper-Monatsticket der Deutschen Bundesbahn, das gab es damals für Jugendliche für 250 D-Mark zu kaufen. Mit dem Ticket konnte man einen Monat lang quer durch die Bundesrepublik und nach West-Berlin fahren. Ich hatte mich mit nem Kumpel zusammengetan, und es war natürlich etwas schwierig, das den Eltern zu verklickern. Wir hatten also nicht um Erlaubnis gefragt, sondern das Ticket einfach gekauft und düsten dann los. Wir hatten die Vereinbarung, immer für zwei, drei Tage wegzufahren und dann mal kurz nach Hause zu kommen. Als 14-Jährige mit Taschengeld waren wir auf niedrigem Budget unterwegs. In Nachtzügen fahren, Essen fassen an Imbissbuden. Da ging es dann los, dass ich die Touren so geplant hatte, dass wir auch ein Fußballspiel mitnehmen können. In Köln, in Düsseldorf, in Hannover, im Berliner Olympiastadion bei Hertha …
 
turus: Mit 14, 15 schon? Da habt Ihr bereits Transitreisen nach West-Berlin gemacht?
 
Michael: Ja, ja, na klar.
 
turus: Das ging auch? Mussten die Eltern eine Einverständniserklärung geben?
 
Michael: Wir hatten unsere Ausweise dabei und das Transitvisum als Zettel. Und nein, die Eltern mussten nichts geben. Das hatte damals auch keinen interessiert im Zug. Wir schliefen auf Bahnhöfen und auch mal in einer Jugendherberge, und auch da hatte niemand gefragt. Da war man noch nicht so behütet wie die Kinder und Jugendlichen es heute sind. Davon ganz abgesehen, war das auch nicht ganz ungefährlich, man traf ja durchaus schräge Leute auf den Touren.
 
turus: Diese Tramper-Ticket-Touren waren sicherlich Wegbereiter für die späteren Reisen. Du bist als Jugendlicher sicherlich auf den Geschmack gekommen, oder?
 
Michael: Auf jeden Fall! Diese Tour im Sommer 1986 war der Auslöser. Mit 16, 17 Jahren habe ich dann Interrail gemacht. Großbritannien, Irland, das andere Mal dann nach Spanien und Portugal. In Portugal traf ich ältere Reisende, die sagten, dass die am kommenden Tag nach Marokko rüberfahren. Da sagte ich, ja, da komme ich doch mit! Es war das erste Mal, dass ich auf eigene Faust den europäischen Kontinent verlassen hatte. Es war ja nicht so, dass man mal eben eine WhatsApp-Nachricht nach Hause geschickt hatte. Man kam dann nach vier Wochen nach Hause und erzählte dann, wo man war. Meine Mutter hatte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich ihr einen Teppich aus Marokko mitbrachte…


 
turus: Dann kamen aber erst einmal Ausbildung und Bundeswehr, oder?
 
Michael: Ich habe weder verweigert noch Zivildienst gemacht, ich konnte das Ganze immer aufschieben, bis ich irgendwann aus dem System gefallen bin. Ich hatte erst einmal meine Ausbildung in München als Übersetzer mit Staatsexamen gemacht, danach trat ich ein Praktikum in Dublin an. Ich blieb sechs Monate dort. Drei Monate machte ich das Praktikum, drei Monate bereiste ich die grüne Insel. Das war 1997. Im Anschluss ging es darum, einen festen Job zu suchen. Da dachte ich mir, das probiere ich doch einfach mal in England. Mit einem One-Way-Ticket und einem Koffer bin ich nach London. Ohne Wohnung, ohne Job, ohne irgendwas. Ich pennte dann erstmal bei Bekannten auf der Couch und schrieb dann Bewerbungen. Die Adressen hatte ich aus den Gelben Seiten rausgesucht, die Briefe tippte und druckte ich in der Bibliothek aus. Dann zur Post gebracht. Das Internet war zwar schon erfunden, aber noch nicht für jedermann präsent. Was die Wohnung betraf, so hatte ich Zeitungen gekauft und die Anzeigen durchgeguckt. London war damals bereits teuer, und mit meinem niedrigen Budget musste ich mich mit Gästezimmern zufrieden geben. In den ersten vier Wochen bin ich dreimal umgezogen, ein Zimmer war schlimmer als das andere. Nach vier Wochen hatte ich dann aber eine Wohnung - und einen Job bei einer Übersetzungsagentur am Covent Garden. Gewohnt habe ich in Hackney, East End. Einzugsgebiet von West Ham, knapp an der Grenze zu Tottenham.
 
turus: Klar, dass es dann auch zum Fußball ging …
 
Michael: Ja, in jedem Fall, allerdings waren die Tickets bereits damals recht teuer. Im Vergleich zu heute zwar spottbillig, aber zehn bis 20 Pfund mussten hingelegt werden. Ich hatte auch einen Nebenjob, und zwar als Steward (Ordnungsdienst) an der Stamford Bridge bei Chelsea. Es war eine Möglichkeit, umsonst ins Stadion zu kommen. Man wurde jedes Mal woanders eingeteilt. Wenn es dumm lief, stand man auf dem Parkplatz, wenn es gut lief, war man auf der Tribüne. Das Lustigste war mal ein Einsatz im Gästeblock, als Newcastle zu Gast war. Die sprechen ja einen sehr harten Akzent und mögen die Londoner nicht. Man hat sich nur dumme Sprüche anhören müssen, und dabei hatte ich die Hälfte noch nicht einmal verstanden. Ich hab mich ja auch nicht angegriffen gefühlt, aber als Deutscher hätte ich mich besser nicht geoutet.
 
turus: Und nach Berlin bist du dann zur Jahrtausendwende?
 
Michael: Genau. 2003 bin ich nach Berlin. Während des einjährigen England-Intermezzo hatte ich mich zwar wohl gefühlt, aber als Berufseinsteiger hatte ich ein niedriges Gehalt und somit war mein Lebensstandard niedriger als der, den ich als Student in München hatte. Deswegen bin ich zuerst zurück nach München, hab mir dort nen Job gesucht, hab vier Jahre gearbeitet, und dann erhielt ich ein sehr tolles Jobangebot in Berlin. Der Umzug ging dann rasch über die Bühne, innerhalb von vier Wochen war ich plötzlich hier.


 
turus: Und hattest du hier auch gleich einen Fußballverein gefunden, der ein Eckchen deines Herzens belegen durfte?
 
Michael: Nein! Und das ist bis heute nicht der Fall!
 
turus: Nicht mal ein bisschen?
 
Michael: Lass es mich so formulieren. Ich habe mir alle angesehen, fand manche sympathischer als andere, bin aber nirgendwo richtig angekommen. Aber klar, ich habe zu allen größeren Vereinen gute Kontakte oder Freunde, die dort hingehen, hatte mich aber nirgendwo richtig heimisch gefühlt. Ich schau mir so ziemlich alles in Berlin an, aber mir geht es auch nicht darum, jeden Kunstrasenplatz abzuhaken und meine Statistiken voll zu machen. Ich gehe lieber zum fünften Mal auf den Wackerplatz oder zu TeBe oder zum BAK.
 
turus: Du sagtest eben, die Kunstrasenplätze sammelst du nicht. Würdest du dich überhaupt als Groundhopper bezeichnen? Oder eher als fußballinteressierten Globetrotter, der gern über den Tellerrand schaut?
 
Michael: Eher Zweiteres. Ich persönlich sehe mich nicht als Groundhopper. Andere bezeichnen mich jedoch so und sagen, das ist doch genau das, was du machst. Was ich allerdings nicht mache, ist das Führen von Statistiken. Ich zähle höchstens mal die gesehenen Länder und die Spiele pro Jahr, aber ich hake keine Ligen ab oder versuche sie zu komplettieren. Davon ganz abgesehen, habe ich keine einzige Liga der Welt komplett.


 
turus: Kommen wir zum Reisen als solches zurück. Das Reisen in die Ferne - gab es mal eine Phase deines bisherigen Lebens, die besonders intensiv war? Deine Bericht über Afrika und Kolumbien dürften ja dem einen oder anderen Leser bereits bekannt sein. Wann ging es beispielsweise das erste Mal nach Afrika?
 
Michael: Ich muss sagen, die letzten zehn, 15 Jahre waren bislang am intensivsten. Wenn ich jetzt zurückblicke: In den 90ern ging es hauptsächlich quer durch Europa, mit Beginn der 2000er wurde es dann internationaler. Nordafrika mal ausgenommen, war der Afrika-Cup 2008 in Ghana war mein großer Einstieg in Subsahara-Afrika. Das war wirklich ein geniales Turnier in einem überaus angenehmen Land. Viele nette Leute, es war stressfrei, es ist ein stabiles, sicheres Land, und es sind zahlreiche Fans der anderen teilnehmenden Nationen dazugekommen. Man kann es nicht vergleichen mit einer Europameisterschaft. Krawall zwischen Fangruppen gibt es dort nicht. Dort wird höchstens mal einer aufgezogen mit einem dummen Spruch, aber es wird normalerweise keine Ausschreitungen geben. Krawalle gibt es in Afrika eigentlich nur, wenn man mit dem Spiel der eigenen Mannschaft oder dem Schiedsrichter nicht zufrieden ist. Dann geht es halt gegen die Polizei, die Ordner oder andere Sicherheitskräfte.
 
turus: Hattest du auf deinen Reisen eigentlich Tagebuch geführt?
 
Michael: Ich hatte es versucht, aber mir fehlte meist die Motivation, was ich im Nachhinein ein bisschen bereue. Große Eckpunkte - in welchen Städten ich war, welche Spiele ich gesehen hatte - ja, das kriege ich zusammen. Meist anhand der Fotos, die ich geschossen habe. Für mich sind diese die beste Gedankenstütze.


 
turus: Deine große Kolumbien-Reise - wann war die genau?
 
Michael: Die war 2013. Damals war ich fünf Wochen unterwegs, und dies war eine der genialsten Touren bislang. Es hatte auch vom Spielplan perfekt gepasst. Ligaspiele, internationale Pokalwettbewerbe, das nationale Pokalfinale - da habe ich wirklich die Hälfte der ersten Liga gesehen.
 
turus: Aber dort war es kniffliger als in Ghana?

Michael: Auf jeden Fall. Südamerika ist völlig anders aufgestellt. Du hast dort Rivalitäten und Feindschaften. Auch dort sticht man als Fremder sofort heraus, doch in der Regel, wenn man die Sache ein bisschen offensiver angeht und mit Leuten ins Gespräch kommt, wird man schnell aufgenommen. Wirklich gefährlich oder bedrohlich wurde es glücklicherweise nicht. Die größeren Gefahren lauerten eher, wenn man nachts von der Kneipe nach Hause ging.
 
turus: Zurückgeblickt auf all deine Reisen. Wo war bislang dein unangenehmstes Erlebnis?
 
Michael: In Kinshasa, Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, hatte ich einen Kumpel besucht, der dort gearbeitet und gelebt hat. Er hatte auch gesagt: „Wenn du irgendwo die Polizei siehst, wechsle die Straßenseite!“ Zum einen sind die Polizisten gefährlich und korrupt, zum anderen laufen viele falsche Polizisten rum, die irgendwas erfinden und dich abzocken wollen. Da die echten Polizisten so wenig verdienen, vermieten die in ihrer freien Zeit auch mal ihre Uniformen an Personen, die dann Schutzgelder von den Passanten eintreiben. Dann ist es noch so, dass in der Stadt ein generelles Fotografieverbot herrscht. Es ist zwar keine schöne Stadt, aber trotzdem möchte man ja paar Fotos machen. Ich hatte mich dann immer zwei-, dreimal umgedreht, bevor ich ein Bild gemacht hatte. In Libreville in Gabun war es ähnlich. Dort gibt es im Innenstadtbereich ein Fotografieverbot, weil dort die ganzen Behörden und Ministerien sind. Und glaub mir, da wird wirklich penibel drauf geachtet. Dort braucht man nur sein Handy rausholen und aufklappen, dann schreit dich schon einer an. In der Hauptstadt von Gambia, Banjul, hatte ich mal einen Nachmittag auf der Polizeiwache verbracht. Ich fotografierte ein altes Kolonialgebäude, das sehr nett aussah. Das Problem war jedoch, hinter meinem Rücken befand sich eine Polizeiwache mit einem Wachposten davor. Da kam gleich einer rüber, riss das Handy an sich und verschwand wieder in seinem Kabuff. Scheiße, was mache ich jetzt? Ich fühlte mich wie nach einem Überfall. Ich drehte mich um und will rüber gehen, als er plötzlich sein Gewehr rauszog und auf mich zielte. Stehen bleiben! Nicht rüber kommen! Ich war natürlich eingeschüchtert und blieb stehen. Ich versuchte dann mit dem Typen Blickkontakt aufzunehmen und rief meine Forderungen rüber. Ich wolle gern mein Handy zurück haben. Was hatte ich eigentlich falsch gemacht?
 
turus: Krasses Ding. Und wie ging es weiter?
 
Michael: Tja, gefühlte fünf bis zehn Minuten passierte erstmal nix. Dann fuhr ein Auto vor mit zivil gekleideten Personen und hielt direkt bei mir. Der Beifahrer stieg aus und erklärte mir die Situation. Er führte mich dann rüber zum Wachhäuschen, diskutierte kurz mit dem Posten und meinte zu mir, dass ich mit in die Wache kommen müsse. Dort hieß es dann, sitzen und warten. Ich war bestimmt in vier, fünf verschiedenen Büros jeweils zum Verhör, wo ich erklären musste, was draußen passiert ist. Immer wieder die gleiche Story. Daraus wurde dann eine typische Good Cop - Bad Cop Angelegenheit. Manche waren total nett und hilfsbereit, andere setzten einen üblen Herrschaftston auf. Ich vermutete, dass sie Schmiergeld wollen, was jedoch schnell als Bestechung ausgelegt werden kann. Der Schuss kann ganz klar nach hinten losgehen, wenn man das anbietet. Mir gingen tausend Dinge durch den Kopf und ich befürchtete, dass die mich wegsperren könnten. Die letzte Person, die mich befragt hatte, trug ein weißes Unterhemd, eine Jogginghose im Tarnfleckendesign und Gummischlappen. Er hatte ausgesehen wie der Gärtner, doch wie sich dann herausgestellt hatte, war er der Ranghöchste in dem ganzen Laden. Er war sehr entgegenkommend und hatte inzwischen auch das Handy herangeholt. Ich sollte ihm die Fotos zeigen und ihm von meinem Urlaub in Gambia berichten. Hier war ich beim Fußball, dort war ich beim Fußball, mal am Strand und und dort auf einer Krokodilfarm. Letztendlich sagte ich ihm, ich weiß nicht, was ich nun machen soll bei der aktuellen Problematik. Es kam nun etwas völlig Unerwartetes. Seine Schwester lebe in Hamburg, könne die Sprache noch nicht so gut und hätte Schwierigkeiten die Formulare der Behörden auszufüllen. Ob ich ihr helfen könne, lautete die Frage. Ja, gern doch antwortete ich, und gab ihm meinen Namen und meine Telefonnummer. Per Handschlag hatten wir uns schließlich geeinigt.
 
turus: Die große Frage lautet jetzt natürlich: Hat sich die Dame aus Hamburg einmal bei dir gemeldet?
 
Michael: Nein, hat sie nicht. Egal. Ich hatte drei, vier Stunden richtig Angst. Kurios war, dass das dann so banal ausging mit dem Typen in Gummischlappen.


 
turus: Kommen wir doch mal zum Buch, das sich gerade im Druck befindet. Ich nehme an, für das nahe Umfeld kam dieses Buchprojekt sehr überraschend. Es war ja im Vorfeld nichts zu vernehmen, und nicht mal ich hatte Wind davon bekommen. Wie kam es dazu?
 
Michael: Richtig, ich hatte kaum jemanden davon erzählt. Ich hatte das bewusst ruhig gehalten, weil mich das sonst nur irritiert hätte, wenn ständig die Fragen kommen. Wie weit biste denn? Nun denn, wie es anfing? Gar nicht lange her. Es war im Februar, März rum, als mich Frank Willmann fragte, ob ich mal ein kurzes Interview mit ihm machen möchte für ZEIT Online zum Thema „Wie geht ein Fußballreisender damit um, dass jetzt gerade Pandemie-Zeit ist und man nirgendwo hinfahren kann?“ Wir haben dann einfach ein bisschen gequatscht, und da kamen wir vom Hundertsten ins Tausendste. Das Interview schlug dann ein wie eine Bombe, und es gab sehr gutes Feedback. Daraus wuchs dann die Idee, dass der Culturcon-Verlag ein Buch von mir herausbringen könnte. Die Idee dazu hatte ich ja bereits längere Zeit im Hinterkopf, doch hatte ich diese nie gezielt verfolgt. Ich war dann im Frühjahr richtig begeistert von der Sache, was dann dazu führte, dass ich oft Tage und Nächte lang an den Texten gesessen habe ohne was zwischendurch zu essen. Ich war im Fluss. Was waren die spektakulärsten Ziele? Was waren die lustigsten Erlebnisse? Am Ende ist es eine Weltreise geworden mit Ländern, die nicht jeder bereist. Vom Iran bis u.a. nach Kolumbien, Saudi-Arabien, Madagaskar und Nordkorea. Es geht hierbei nicht nur um die jeweiligen Spielbesuche, sondern auch um das Drumherum. Wie ist das Leben dort? Wie wird man als Fremder aufgenommen? Wie begegnen einem die Leute? Was fällt einem positiv und negativ auf?
 
turus: Da dürfen wir ja wirklich gespannt sein. Um jetzt aber den Bogen hinzubekommen, zum Abschluss noch drei, vier kurze Fragen. Welche sind - mal abgesehen von der Corona-Problematik - deine Wunschziele? Welche Spiele möchtest du unbedingt noch mal sehen? Gibt es noch richtig große Träume?


 
Michael: Die gibt es auf jeden Fall! Es gibt auch ein paar Ziele, wo ich immer wieder hinmöchte. Dazu gehört Argentinien, wo ich bereits dreimal dort war. Ich könnte mir auch vorstellen, dort mal eine längere Zeit zu verbringen. Vor zwei Jahren war ich im Winter auch in Brasilien, dies ist auch ein geniales Land. Würde dort aktuell nicht solch ein Chaos herrschen, würde ich dort auch wieder hin. Meine letzte große Reise vor der Pandemie führte mich 2020 vier Wochen durch Mexiko. Auch unglaublich schön. Es ist ja nicht überall gefährlich in diesem Land. Das ist regional wirklich sehr unterschiedlich. Überhaupt ziehen bei mir Mittel- und Südamerika immer. Afrika ist immer so eine Sache. Von all den Kontinenten ist Afrika der anstrengendste, weil immer eine Menge Probleme im Weg stehen. Afrika ist auch überraschend teuer zu bereisen. Bis auf wenige Ausnahmen. Mal abgesehen von Kriminalität, Armut und Unsicherheit hat Afrika sehr schöne Seiten. Was Asien betrifft, so möchte ich unbedingt wieder in den Iran. Es ist aus meiner Sicht das gastfreundlichste Land der Welt - trotz der sehr eingeschränkten Freiheiten. Wunderbare Landschaften, sehr gutes Essen und vor allem sehr herzliche Menschen. Was ich generell mal gern machen möchte, und das gilt für alle Kontinente, das wäre eine lange Überlandreise. Langsam mit Bus und Zug. Mit der Transsib mal stückchenweise gen Mongolei. Als Land und als Fußballziel würde ich gern mal intensiv Indonesien bereisen. Was es dort fußballmäßig zu erleben gibt, hat schon südamerikanischen Anstrich. Riesige Stadien, volle Kurven, fanatische Fans - richtig irre. Außerdem gibt es dort mit das beste Essen in Asien. Keine Frage, die Ziele gehen nicht aus.


 
turus: Die allerletzte Frage ist ein Muss. Deine Saisonprognose für deine Münchner Löwen?
 
Michael (lacht): Oha…
 
turus: Na komm, mit 1860 haben wir schließlich vorhin auch angefangen …
 
Michael: Wir kommen wieder! Eines Tages … Letzte Saison ging schlecht los. Das Ziel lautete Klassenerhalt, und am Ende spielte man um den Aufstieg mit. Das war knapp gewesen. Nun hätte man sagen können, das sei zu früh gewesen. Doch lieber zu früh als gar nicht. Da bin ich zuversichtlich. Ich glaube, dass wir auch in der neuen Saison eine gute Rolle spielen. Das Ziel muss der Aufstieg sein. Diesen sollte man auch nicht tabuisieren oder klein reden.
 
turus: Mensch, Michael, super! Vielen herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch. Viel Erfolg bei den kommenden Reisen und mit deinem neuen Buch. Wir bleiben am Ball!
 
Michael: Ich habe auch zu danken - und einen lieben Gruß an alle Leser!

Fotos: Michael, Claude Rapp (1860-Foto), Marco Bertram (Wackerplatz)

PS: Beim Anblick des Rums im Gegenlicht fühlte sich Michael ein wenig auf eine kubanische Ferienanlage versetzt… :-)

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