Posener Stadiongeschichten - Olympiastadion Golęcin

Posener Stadiongeschichten - Olympiastadion Golęcin

 
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M 06 Juli 2021

Lange las ich, ging immer wieder die Paragraphen durch, telefonierte mit einem Anwalt und überlegte mir weitere Möglichkeiten, doch am Ende holte ich mir ziemlich angesäuert aus dem Eurospar eine Packung Tamarinde und zwei Flaschen Kwas Chlebowe sowie ausnahmsweise eine Flasche der guten alten Hoop-Cola, sonst greife ich nämlich eher selten zur Cola. Entgegen einiger Infos der IHK, dem Auswärtigen Amt und Blogs wie "Ausgewandert nach Polen" ist eine Einreise nach Polen im Rahmen der Ausnahmegenehmigungen und im Allgemeinen doch nicht so easy.

Nach Deutschland kommt man aktuell ohne Probleme, nur zurück nach Polen gibt es Schwierigkeiten. Eine normale Einreise wurde durch eine Testpflicht blockiert. Ohne negativen Test muss man (mit Wohnsitz in Polen) sich auch umgehend beim Gesundheitsamt melden, um sich danach zum kostenpflichtigen Frei-Testen aufmachen zu können. Die Ausnahmeliste im Gesetzeswerk ist zwar lang, doch ist derzeit nichts Passendes dabei. 

Es betrifft ja im Prinzip nicht nur mich. Im Ausland leben ja noch viele Polen, die ja auch die Verwandtschaft besuchen wollen. Auch die Länderspielfahrer traf es. Bei allen guten Leistungen und Erfolgen der PiS in den vergangenen Jahren kann dieses Verhalten jener Wählerstimmen kosten, was wiederum andere Parteien, mit welchen z.B. auch Fußballfans und viele Polen auf Kriegsfuß stehen, erstarken lassen kann. Aktuell ist es so, wie es ist. Vielleicht geben da solche Petitionen, wie die vom Polenmarkt Hohenwutzen ins Leben gerufene, Impulse für die die schnelle Aufhebung dieser Maßnahmen.

Der Nachmittag war mittlerweile schon angebrochen, und das Alternativprogramm rückte zeitlich näher. Es lockte die polnische Leichtathletik-Meisterschaft der Gehörlosen im alten Olympia-Stadion. Zirka einen Monat zuvor wurde hier das Landesliga-Spiel zwischen der Reiss-Akademie und der Lech-Fan-Auswahl ausgetragen, was 20 Einheimische und zirka 50 Deutsche anlockte, welche auf Attraktionen hofften. Außer dem hufeisenförmigen Stadion bekamen sie nichts an weiteren Attraktionen zu sehen. 

Vor knapp 15 Jahren betraten meine Füße zum ersten Mal das weite Rund im Nordosten. Poznaniak Poznań lud damals in der Kreisklasse zu einem Spiel vor 20 Zuschauern ein. Das eigentliche Stadion von Poznaniak war damals schon eine Ruine. In ihr wohnte noch eine Person mit seinem Hund. Er wusste, dass im Olympia- Stadion gespielt wird. Also sprachen wir damals in der Eile einfach einen Polen an, ob er uns zum Stadion bringen könnte. Es wäre spannend zu wissen, ob ein Deutscher zwei Polen vom Poststadion zum Jahn-Sportpark gebracht hätte. Dank dem unbekannten Polen, der noch nicht mal unsere Scheine wollte, konnte ich daher auf die neuliche Partie getrost verzichten. Heute rief das Leichtathletik-Stadion, in dem höchstens Kugel vom Kugelstoßen fliegt. Vor allem bin ich heute der einzige Deutsche. Schon 200 m vor dem Portal hörte ich Rufe und ein Trommeln. Was ist denn hier los? Ah, ok! Armia Poznań spielt im American Football gegen das weit entfernte Wieliczka. 

Rund 300 Zuschauer waren anwesend und machten etwas Alarm. Das Haupt-Stadion profitiert vorwiegend vom Speedway-Verein PSZ. Ohne die Skorpione wäre hier schon alles zusammengeschoben worden. 1954 stampfte man ein Areal bestehend aus drei Anlagen aus dem Boden. Eine Spartakiade und Spiele von Lech Poznań zwischen 1964 und 71 blieben die Highlights. Ok, Speedway bzw. Żużel zieht auch hin und wieder. Mit Olimpia gab es einen Hausherren, der damals auch schon Fußball anbot, nur spielten die in der Stadt nie eine Rolle und daher nur vor leeren Rängen. Der Grund ist so banal wie einfach: Olimpia Poznań war der lokale Verein der Polizei. Solche Vereine waren dann halt oftmals unbeliebt. 

Das LA-Stadion bietet keinen Fußball an und ist wesentlich kleiner als die alte 20000er-Speedway-Schüssel nebenan. Hier war es heute ziemlich still. Das lag nicht nur an den nur zirka 40 anwesenden Zuschauern. Auf einen Stadionsprecher wurde verzichtet, der Ablaufplan hing überall aus. Nicht mal Catering gab es. Diskuswerfen, Sprint, Weitsprung und zwei Läufe sah ich mir an. Das Leistungsniveau der Teilnehmenden lag teilweise schon ziemlich beachtlich weit auseinander. Das wurde im Prinzip in allen begutachteten Disziplinen deutlich. Spitzensportler führten scheinbare Freizeitsportler schon ziemlich vor. 

Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet. Auf den Rücken der Trikots standen Namen wie Świt Wrocław oder Spartan Lublin. Beide Vereine haben sich auf Gehörlosensport spezialisiert. Wie man gute Reklame macht, haben sie dennoch noch nicht raus. Nur über den Kalender der Posener Sportstättenverwaltung kam ich auf diese Veranstaltung, die mehr als paar Zuschauer verdient gehabt hätte. Sportstätten werden meist von der Stadt oder der Gemeinde verwaltet. Mal besser und mal schlechter ist ihr Internetauftritt. Aber sie haben wenigstens welche. Deutschland hinkt da noch gewaltig hinterher. 

In meiner Greifswalder Zeit hatte ich ein solches Info-Portal ins Auge gefasst, aber da müssen dann auch die Vereine, die sich sonst über zu wenige Zuschauer beklagen, kooperieren. Dank guter Übersichten kann man jedenfalls in Polen auf diese Art manch nette Sportart abseits des Fußballs ausfindig machen. Zurück zum Stadion: Dank einer internationalen LA-Veranstaltung, die neulich sogar für ein ausverkauftes Haus sorgte, standen noch überdachte Zusatztribünen. 

Auf der anderen Seite befindet sich dagegen eine permanente. Zu beiden Seiten gibt es je drei ziemlich markante Flutlicht-Masten, die wohl das Herz eines jeden Flutlichtliebhabers höher schlagen lassen. Diese bilden wahrlich das Highlight des Stadions. Alles in allem war es ein lohnenswerter Besuch in einem Stadion, das in einer sehr ruhigen und insbesondere interessanten Lage liegt, denn nebenan laden beispielsweise der Rusałka-See und auch eine kleine Militär-Festung aus preußischer Zeit sowie einige weitere Attraktionen zum Stillen touristischer Bedürfnisse ein.

Fotos: Michael

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