Der Hirsch geht ab! Karkonosze Jelenia Góra kehrt zurück in die III Liga!

Der Hirsch geht ab! Karkonosze Jelenia Góra kehrt zurück in die III Liga!

 
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MB 01 Juli 2021

Einen für polnische Fünftligaverhältnisse guten Auftritt hatten die Fans des KS Karkonosze Jelenia Góra am Montagabend beim Hinspiel in Dzierżoniów hingelegt, wo 135 KSK-Fans samt befreundete Fans im Gästekäfig was für Augen und Ohren boten. Auf dem Rasen ging es äußerst spannend zu, in letzter Minute musste Karkonosze den 2:2-Ausgleichstreffer hinnehmen. Bereits am gestrigen Abend stieg in Jelenia Góra das Rückspiel, und es wurde dazu aufgerufen, die Mannschaft aktiv zu unterstützen. So oder so wollte ich es mir nicht nehmen lassen, dabei zu sein bei der möglichen Rückkehr in die III Liga (vierthöchste polnische Spielklasse).

Wecker gestellt und ab in den Regionalexpress nach Cottbus! Nach privaten Veränderungen und den schweren Lasten der Corona-Krise fühlte es sich wunderbar an, endlich mal wieder ins Riesengebirge zu fahren. Es lief wie am Schnürchen, und die Anschlusszüge nach Görlitz bzw. Jelenia Góra standen bereit. Da ich bereits mittags im einstigen Hirschberg eintraf, blieb noch reichlich Zeit für einen Ausflug. Das spontane Ziel: Die Burg Chojnik, auf der ich in den letzten 15 Jahren ganz gewiss über 50-mal war. Allein, mit den Kindern oder einem guten Freund. 

Man meinte es gestern wirklich gut mit mir, denn der Regionalzug in Richtung Szklarska Poręba stand bereit und fuhr nur drei Minuten später ab. Die kurze Fahrt bis Sobieszów wurde eine echte Zeitreise, denn es wurde ein altes Zugmodell eingesetzt. Ruckelnd und über die Schwellen hämmernd meterte sich das alte Ungetüm voran. Ich konnte mich gar nicht satt sehen und satt hören, erinnerte die Fahrt doch allzu sehr an die unvergessenen Touren nach Polen in den 1990ern und zu Beginn des Jahrtausends, als die Uhren in unserem Nachbarland ganz gewiss noch völlig anders tickten. 

Beim Aussteigen in Sobieszów ging der Blick sogleich auf die Zamek Chojnik (Burgruine Kynast), die mich seit Jahren regelrecht magisch anzieht. Vermutlich in Rekordzeit wanderte ich den Berg hinauf und erreichte voller Freude und mit nassem Rücken und ebenso nasser Stirn die überaus sehenswerte Burganlage. Klar doch, hinein in die dortige Baude, mit immer noch reichlich Schweißtropfen auf der Stirn ein kühles Blondes bestellt und dann in den Burggarten gesetzt. 

Verrückt! Die Wanderung zur Burg war ansonsten meist eingebettet in einem familiären Sommerurlaub, doch da sich inzwischen einiges geändert hat, wurde das Ganze nun mit einer anderthalbtägigen Fußballsause verbunden. Einfach mal wieder allein spontan loszudüsen, fühlte sich ein stückweit wie die Jugend vergangener Tage an. Wie so oft ist es meist nur eine Kopfsache und man schnürt sich das private und berufliche Korsett viel zu eng. Einfach machen! Heutzutage ist so was ja auch viel einfacher als vor 25 Jahren, als im Vorfeld am Schalter Bahnverbindungen eingeholt werden mussten und übernachtungstechnisch häufig ins Ungewisse gefahren wurde.

Nach einem etwas wehmütigen Blick auf die wundervolle Landschaft des Riesengebirges und des Vorlandes ging es schnellen Schrittes wieder hinab, um pünktlich einen Bummelzug nach Jelenia Góra zu bekommen. Als ich am Wegesrand mit dem Handy ein altes aufgestelltes Steinkreuz fotografierte, wurde ich von einem älteren Mann gefragt, ob ich Pole oder gar Russe sei. Ich verneinte höflich und bekam im Gegenzug auf gebrochenem Deutsch die eine oder andere Info über die dort aufgestellten Kreuze und ihre Hintergründe zu hören. 

Zwei Stunden später öffneten sich die Tore des Städtischen Stadions nahe des Bahnhofs, und der Zuschauerandrang war beachtlich. Immer mehr Fußballfreunde strömten hinein, neben der Tribüne wurden Kielbasa, Kuchen und ein überraschend großes Angebot an Fanartikeln verkauft. Von Strümpfen und Tassen bis hin zu Regenschirmen war einiges zu haben. Ein, zwei, drei - meins! Gleich drei Tassen wechselten den Besitzer und landeten in meinem Beutel. 

Am Ende waren es rund 1.000 Zuschauer, die das alles entscheidende Duell Karkonosze Jelenia Góra vs. Lechia Dzierżoniów sehen wollten. Noch blieben ein paar Minuten bis zum Anpfiff, und somit wurden der neue nebenan befindliche Kunstrasenplatz und der etwas skurril anmutende Gästekäfig, der am heutigen Tag leer blieb, begutachtet. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, solch einen Gästebereich ohne Erhöhung zu konstruieren. Mehr als Flagge zeigen kann man in diesem Käfig nicht. Vom Spielgeschehen dürfte man von dort aus äußerst wenig mitbekommen.

Was das Sportliche betrifft, so langten die Gäste mal gleich zu. Bereits nach sechs Minuten erzielte Patryk Chrapek den Führungstreffer für Lechia Dzierżoniów. Ein Grummeln in der Magengrube machte sich breit. Wieder einmal würde es kein entspanntes Spiel werden. Zwar machte Karkonosze, das einige überaus athletische Spieler in seinen Reihen hat, mächtig Druck, doch wurden die allerklarsten Chancen versemmelt. Bis zur Pause blieb es beim 0:1, und mein Optimismus schwand. Noch ein schneller Konter der Gäste, dann könnte es das gewesen sein.

Nun denn, nach einer Stunde wurde es laut auf den Rängen, Kamil Młodziński erzielte den Ausgleichstreffer! Los jetzt hier! Karkonosze machte jetzt richtig Dampf und bekam nur sechs Minuten später einen Strafstoß zugesprochen. Kamera auf Videofunktion und mit einem Auge rübergelinst. Mach rein das Ding! Paweł Niemienionek erhörte die Worte und brachte den Elfer souverän unter. 2:1 für Karkonosze Jelenia Góra - auf den Rängen brachen nun alle Dämme.

Die rund 50 aktiven Fans, die am äußeren Rand der Tribüne standen, ließen es richtig krachen. Immer wieder detonierten die Böller, hinzu kamen ein paar angerissene Fackeln am oberen Rand. Das konnte sich hören und sehen lassen! Die Vorfreude wuchs. Ich dachte an meine beiden Söhne und holte schon mal den mitgebrachten Karkonosze-Schal aus dem Beutel. Noch war aber nicht Schluss. Nach einer Ecke machte Bartosz Rzepski aus der Kalten das 2:2 für die Gäste klar. Ey, nee, oder? Hatte ich in der zurückliegenden Saison mit Hansa Rostock nicht genügend knallenge Partien gehabt?! Die Nerven! Und Obstler zur Beruhigung gab es ja auch nicht.

Nach 90 Minuten ertönte der Pfiff. Verlängerung? Pustekuchen! Es ging gleich ins Elfmeterschießen. Karkonosze durfte als Erster ran - und gleich dieser erste Elfer hatte nicht gesessen. Fragt mich nach der weiteren exakten Abfolge. Es wurde ein Krimi feinster Güte. Auch die Gäste zeigten Nerven, weitere Böller ertönten, lautstark hallte das „Karkonosze!!!“ von allen Bereichen der Tribüne. Als Karkonosze bereits in Führung war, verschoss auch ein KSK-Spieler einen weiteren Elfer. Als dann wiederum ein Lechia-Spieler den Ball nicht unterbringen konnte, hatte es der Gastgeber auf dem Fuß. Bääähm! Der hatte gesessen! Es brachen nun alle Dämme, mehrere Fans kletterten in den Innenraum und umarmten die glücklichen Spieler. Nach dem obligatorischen Sektschäumen und einem Gruppenfoto leerte sich nach und nach das Stadion.

Nachdem die große Kamera und die drei Tassen ins Hotel gebracht wurden, ging es zu Fuß in die Altstadt, wo rings um den Marktplatz die Polizei Streife fuhr und Ausschau nach möglichen Fußballfans hielt. Eine spontane Pyro-Show am Rathaus sollte vermieden werden. Als gegen 22 Uhr kurzzeitig heftiger Regen einsetzte, war der Abend so oder so beendet.

Macht nix. Zuvor hatte ich mit Blick auf das Rathaus ein Mango-Ale getrunken und war einfach nur glücklich. Irgendwann später muss doch noch was gegangen sein. Vermutlich am Stadion, wo sich direkt daneben das Sport-Hotel befindet. Lautes Gebrüll weckte mich aus dem Schlaf, doch für den nächtlichen Blick aus dem Fenster war ich einfach zu knülle… 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Aufstiegsrunde mit Karkonosze Jelenia Góra

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4:3
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Im Zeichen der Hirschkuh
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