Tatort Graz und andere denkwürdige Spiele: Der SK Rapid Wien und seine Fans

Tatort Graz und andere denkwürdige Spiele: Der SK Rapid Wien und seine Fans

 
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MB 28 Mai 2021

Es war zu einer Zeit, als YouTube gerade erst zwei Jahre alt war, ich mein allererstes Video hochlud (eine Reise nach Edirne) und das Netz noch nicht allzu vollgepackt war mit brillanten Fußballvideos. Am 23. September 2007 lud „dovytn“ ein siebenminütiges Filmchen im klassischen 4:3-Format hoch - und mir stockte der Atem. Alter, wie genial ist das denn?! Der Titel des Videos: „Ultras | Tornados Rapid | RSC Anderlecht - Rapid Wien | Europa League | 20/09/2007“ Tornados Rapid. Der Name war Programm. Die Jungs auf dem Oberrang mit freien Oberkörpern gaben alles. „Hurra, hurra, die Wiener, die sind da!“, „Auf geht’s Rapid, kämpfen und siegen!“ Heute wäre es ein Video von tausenden genialen Aufnahmen aus Griechenland, Ungarn, Polen und zig anderen Ländern. Damals aber war das Video ein echtes Statement. Gefühlte hundertmal saugte ich das Video auf. Rapid Wien war bei mir fortan verstärkt im Fokus.

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Mir ist so, als wenn die „Ultras Rapid“ oder die „Tornados Rapid“ vor geraumer Zeit sogar mal zur Ultra-Gruppierung des Jahres gekürt wurde. Das müsste vor dem besagten Auftritt beim RSC Anderlecht im September 2007 gewesen sein. Sei es, wie es sei, heute ist der Tag, an dem der SK Rapid Wien einmal genauer beleuchtet wird. 

Ins Leben gerufen wurde der Verein am 22. Juli 1897 als „1. Wiener Arbeiter Fußballklub“. Am 8. Januar 1899 wurde aus ihn der Sportclub „Rapid“. 32-mal konnte bislang die österreichische Meisterschaft gefeiert werden, zudem wurde Rapid 27-mal Vizemeister. In der Saison 1940/41 wurde Rapid (Österreich wurde damals ans Deutsche Reich „angeschlossen“) sogar Deutscher Meister. Als Meister der Sportbereichsklasse Ostmark musste der SK Rapid Wien zunächst in der Gruppe 4 ran und konnte sich in dieser gegen die Stuttgarter Kickers, den TSV 1860 München und den VfL Neckarau durchsetzen. Am 8. Juni 1941 konnte sich Rapid im Halbfinale im einstigen Hindenburg-Stadion in Beuthen (Bytom) mit 2:1 gegen den Dresdner SC durchsetzen. Das Finale wurde am 22. Juni 1941 im Berliner Olympiastadion ausgetragen. Vor 95.000 Zuschauer bezwang Rapid den FC Schalke 04 nach 0:3-Rückstand (!) mit 4:3. Hinz (2x) und Eppenhoff hatten die Knappen in Front gebracht, dann waren es Schors und Binder (3x), die Rapid den Meistertitel sicherten. Später war der dreifache Torschütze Franz Binder von 1949 bis 1951 und von 1962 bis 1966 Sektionsleiter beim SK Rapid. Von 1975 bis 1976 arbeitete er dort sogar einmal als Trainer.

Um das Ganze zu ergänzen, in der Saison 1939/40 wurde Rapid Deutscher Vizemeister, 1938 konnte zudem gegen den FSV Frankfurt der Tschammerpokal geholt werden. Was das internationale Fußballgeschäft betrifft, so wurde bereits 1930 der Mitropapokal gewonnen. Im Stadion Hohe Warte in Wien genügte am 12. November 1930 vor 40.000 Zuschauern beim Finalrückspiel gegen Sparta Prag ein 1:2, da das Hinspiel im Letná-Stadion mit 2:0 gewonnen wurde. 1951 konnte der SK Rapid zudem den Zentropapokal holen, im Finale wurde der SC Wacker Wien mit 3:2 geschlagen. Zum Gewinn eine der großen Trophäen hatte es leider bislang nicht gereicht, doch stand Rapid immerhin zweimal im Finale des Europapokals der Pokalsieger. Am 15. Mai 1985 musste man sich in Rotterdam dem Everton FC mit 1:3 geschlagen geben, am 8. Mai 1996 unterlag Rapid in Brüssel im König-Baudouin-Stadion den Jungs von Paris Saint-Germain denkbar knapp mit 0:1. Im Europapokal der Landesmeister schaffte es der SK Rapid Wien im April 1961 in Halbfinale, war in jenem jedoch dem späteren Titelträger Benfica Lissabon mit 1:4 unterlegen.

Der SK Rapid Wien ist jedoch nicht vorrangig für seine großen internationalen Erfolge, sondern vor allem für seine bedeutende Fanszene bekannt. „Ultras Rapid“ und „Tornados Rapid“ und auch die Lords dürfte so ziemlich jeder Fußballinteressierte kennen, der ein wenig über den Tellerrand schaut. Immerhin waren die Ultras Rapid im Jahre 1988 ein der allerersten Ultra-Gruppierungen, die im deutschen Raum gegründet wurde. Die älteste Gruppe dürften indes die „Fortuna Eagles Cologne“ sein, die 1986 ins Leben gerufen wurden. Ebenso bereits recht alt sind die „Tornados Rapid“, die im November 1996 entstanden. Vier Personen beteiligten sich damals an den Kosten von 4.000 Schilling für das erste Transparent und können somit heute als Gründer von Tornados Rapid bezeichnet werden.

Was die Fanszene des SK Rapid betrifft, so ist das Buch „SK Rapid Wien Fußballfibel“ ein prima Griff. Verfasst wurde dieses Werk von Thomas Lanz, der 1979 in Südtirol geboren wurde uns seit 1996 Mitglied der Ultras Rapid ist. Bis 2014 gehörte Thomas Lanz zum aktiven Kern der Gruppe und war unter anderen für das Erstellen der Choreographien zuständig. In kompakten Kapiteln beleuchtet er die verschiedensten Facetten des SK Rapid und seiner Fanszene. Bereits die jeweiligen Überschriften sprechen Bände: „Tatort Grazer Ostbahnhof“, „Von Sektorensperren, Geisterspielen und einem vermeintlichen Mittelfinger“, „Derby IV: Glory 7 - die Ehre der Sektion Stadionverbot“, „Remember Eisenstadt“, „Rauchen und Rauchen lassen“, „From father to sun“, „Von den Fahnenschwenkern zu den Hooligans“, „Die Büchse der Pandora“, „18.00 Uhr - Scheiß-ORF!“

In der Einleitung fand Thomas Lanz bereits ein paar passende Worte: „Das Geile an Rapid, und das kommt einem beim Schreiben so eines Buches natürlich zugute, ist die Tatsache, dass bei Rapid immer was los ist. Irgendwos is imma, bei Rapid und im Block West sowieso. Große Spieler, legendäre Spiele, Block West und a bissl was Kurioses, darum geht es bei der Rapidfibel.“

Während es im ersten Abschnitt des Buches vor allem um die Historie und das Sportliche geht, wird sich in der zweiten Hälfte voll und ganz dem Fangeschehen gewidmet. Eine Kostprobe soll es an dieser Stelle einmal geben: „29. April 2018. Tatort Grazer Ostbahnhof. … Es ist ja immer so: Wenn’s sportlich nicht läuft, dann wird das Geschehen auf dem Feld leicht zur Nebensache und man setzt sich andere Prioritäten. Am Tag vor der Abfahrt nach Graz wurde ein Austria Co-Trainer angeblich von Rapidfans in der Innenstadt angegriffen und schwer verprügelt. Einen Tag später reiste alles, was sie Rapid-Szene damals aufzubieten hatte, per vom Verein organisierten Sonderzug nach Graz. Am Grazer Ostbahnhof angekommen, ging es zu Fuß nach Liebenau in Erwartung eines Angriffs. Der blieb vor dem Spiel zwar aus, dafür krachte es vor dem Stadion einigermaßen heftig mit der Exekutive. Einige Übermotivierte verschossen sogar eifrig ihre Leuchtraketen auf den über uns kreisenden Polizeihubschrauber. …“

Fazit: Ein knackiges, überaus lesenswertes Buch für sämtliche Fußballfreunde, die einmal über den Tellerrand blicken wollen.

Fotos: Los Misenas, Sachseninformer, Wochenendpöbler

> die SK Rapid Wien Fußballfibel ist direkt bei CULTURCON medien erhältlich

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