FC Schalke 04 steigt ab: Der (fußball-)göttliche Beistand ist passé

FC Schalke 04 steigt ab: Der (fußball-)göttliche Beistand ist passé

 
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MB 21 April 2021

„Es ist wunderbar, diese vielen Menschen in diesem hübschen großen Parkstadion zu sehen. Bald dürfte es wieder ähnlich voll werden, denn der FC Schalke 04 ist wieder aufgestiegen in die 1. Bundesliga…“ Mit diesen oder ähnlichen Worten begrüßte am 9. Juni 1991 der Bischof Dr. Johannes Hempel die rund 80.000 Anwesenden, die sich im Gelsenkirchener Parkstadion auf den weiten Rängen und dem Rasen zur Abschlussveranstaltung des 24. Deutschen Evangelischen Kirchentages eingefunden hatten. Als 17-Jähriger saß ich damals mit einem Freund auf der Gegengerade und blickte auf die Menschenmassen. Geil! Einfach wunderbar! In drei Monaten würde ich nach meinem Umzug von Berlin ins Rheinland all die Bundesliga-Stadien in NRW besuchen! Die Spielstätte des FC Schalke 04 inklusive. Ich versuchte mir auszumalen, wie es wohl ist, wenn tausende Schalke-Fans ihre Mannschaft anfeuern, die Luft brennt und die blau-weißen Fahnen im Wind wehen.

Schalke 04 und all die anderen Bundesligisten kannte ich bis dato nur aus den Nachrichten und der Sportschau, die ich als Kind bzw. Jugendlicher gelegentlich geguckt hatte. Und doch gab es ein Schlüsselerlebnis, bei dem sich der Name FC Schalke 04 fest eingebrannt hatte. Am Rande von Ost-Berlin besuchte ich von 1980 bis 1990 die 10. Polytechnische Oberschule „Helene Weigel“, und neben einigen Union- und BFC-Fans, die entweder einen meterlangen rot-weißen Strickschal mit in die Schule schleppten oder beim Sportunterricht in der Umkleide die anderen in den Schwitzkasten nahmen, gab es in meiner A-Klasse doch tatsächlich einen S04- und einen BVB-Fan. Martin drückte feste Borussia Dortmund die Daumen, sein Kumpel „Stippel“ hielt dem FC Schalke 04 die Treue. Fragt mich nicht, wie das kam. Es war einfach so. 

Während Stippel mit zackigen Buchstaben ein Schalke 04 auf seine grünen Hefte kritzelte, hatte Martin einen gelben BVB-Aufkleber auf sein Hausaufgabenheft angebracht. Unser Klassenlehrer stellte sich immer doof und fragte mitunter mitten im Unterricht: „Sag mal Martin, bist du ein so großer Fan der Berliner Verkehrsbetriebe, dass du dein Heft verzieren musst?“ Martin verzog sein Gesicht und grummelte nur: „Das ist Borussia…“ Der Mathelehrer, der politisch voll auf der Spur war und von Erich Honecker einst persönlich einen nagelneuen Trabant überreicht bekam, stellte sich weiterhin blöde und meinte: „Borussia? Was soll das sein? Was zu essen?“ Ein paar Reihen weiter grinste Kumpel Stippel und wusste aber genau, dass er irgendwann auf das zackige Schalke angesprochen werden würde.

Kein Grinsen gab es am 14. Mai 1988. Am vorletzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1987/88 hatte der FC Schalke 04 beim 1. FC Köln nach eigener Führung mit 1:3 verloren und stand somit als Absteiger fest. Dieter Götz hatte die Knappen im Müngersdorfer Stadion in der 34. Minute in Führung gebracht, Thomas Häßler, Pierre Littbarski und Olaf Janßen drehten die Partie und ließen die Kölner jauchzen. Als kleine Gruppe saßen wie in einer Straße in Berlin-Mahlsdorf vor einem Haus auf einem Mäuerchen, und meine Schulkumpels Martin und Stippel hörten in einem mitgebrachten Kofferradio bei RIAS 2 die Ergebnisse des 33. Spieltages. Als diese durchgesagt wurden, flossen bei Stippel die Tränen. Er weinte hemmungslos, und sein BVB-Kumpel musste ihn trösten. Stippel war nie ein Kind der Traurigkeit und bei Klassenkeilereien schon mal gern der Anführer, doch an jenem Nachmittag brach es emotional aus ihn heraus. 

Die 2. Bundesliga war zu jener Zeit eine ganz andere Geschichte und nicht mit der von heute zu vergleichen. Biste abgestiegen, warste quasi wech vom Fenster. Die Gegner in der kommenden Saison waren unter anderen der FC 08 Homburg, die SpVgg Bayreuth, Viktoria Aschaffenburg, die SG Wattenscheid 09, die SG Union Solingen und die Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin. Eine bittere Nummer für den siebenmaligen Deutschen Meister (1934, 1935, 1937, 1939, 1940, 1942 und 1958). Finanziell und sportlich wurde es in der Zweitligasaison 1988/89 knirsch, glücklicherweise sprang der Klinikbesitzer Günter Eichberg ein, indem er erhebliche Finanzmittel zur Verfügung stellte und neue Sponsoren gewann. Nach Ende der Saison waren die Schalker gemeinsam mit Hertha BSC im Mittelfeld zu finden. In der Spielzeit 1989/90 schaute es bereits ein wenig besser aus. Während Hertha BSC und Wattenscheid 09 den Sprung nach oben feiern durfte, waren die Schalker am letzten Spieltag auf Rang fünf zu finden. Ein Platz und ein Pünktchen vor dem Erzrivalen Rot-Weiss Essen. Gleich am ersten Spieltag gab es im Georg-Melches-Stadion vor 22.500 Zuschauern ein torloses Remis zu sehen, das Rückspiel gegen RWE konnte Schalke vor immerhin 51.500 Zuschauern mit 1:0 für sich entscheiden. Den Treffer des Tages erzielte Aleksandr Borodyuk in der 7. Minute.

Die Früchte des finanziellen Engagement des Sonnenkönigs Günter Eichberg durften in der Saison 1990/91 geerntet werden. Als souveräner Tabellenführer wurde die Rückkehr in das Fußballoberhaus gefeiert. Von Homburg, Meppen, Havelse, Schweinfurt, Fortuna Köln und Preußen Münster durfte sich verabschiedet werden. Über 51.000 Zuschauer strömten am 2. Juni 1991 ins Parkstadion, nach dem 2:1-Sieg gegen Fortuna Köln war der Aufstieg endgültig in trockenen Tüchern. Der Kirchentag 1991 im Ruhrgebiet konnte kommen. Sieben Tage nach dem Ende des Evangelischen Kirchentages wurde am letzten Spieltag das Heimspiel gegen den SV Darmstadt 98 ausgetragen. Schalke ließ sich nicht hängen und gewann auch jene Partie vor 72.000 feiernden Zuschauern mit 1:0. Wieder war es Aleksandr Borodyuk, der das Tor des Tages schoss.

Mit dem „Telefon-Manager“ Günter Netzer, der von Zürich aus arbeitete, ging es in die Bundesliga-Saison 1991/92, bei der Karsten und ich - die Macher dieses Onlinemagazins - erstmals mit am Start waren. Die ersten beiden Schalke-Partien, die wir gesehen hatten, waren jene daheim und auswärts beim TSV Bayer 04 Leverkusen. Ein Jahr später schauten wir auch bei den Schalker Heimspielen gegen Borussia Dortmund, Werder Bremen und den 1. FC Köln vorbei. Köln! Nikolaustag 1992! Die von den Kölner Hools zerschnittenen Zäune, die Bambule auf der Haupttribüne. Lang, lang ist’s her. 

Was hatte das alte Parkstadion nicht alles gesehen! Am 4. September 1988 trat Michael Jackson in Gelsenkirchen auf, und über 52.000 Fans huldigten dem „King of Pop”. Im Jahr zuvor waren es sogar 100.000 Menschen, die am 2. Mai 1987 ins Parkstadion pilgerten, um bei der Messe von Papst Johannes Paul II. dabei zu sein. Wenige Tage später erklärten der FC Schalke 04 den Pontifex zum Ehrenmitglied, und in der Tat gab Johannes Paul II. seine Zusage. 

Schalke 04. Der Papst. Der Kirchentag. Viel Spiritualität bei den Knappen. Und unter dem 1993 geholten Manager Rudi Assauer wurde 1997 dann tatsächlich endlich wieder einmal ein großer Titel geholt. Die Eurofighter holten den UEFA-Pokal, in den beiden Finalspielen wurde sich gegen Inter Mailand mit 1:0 und 0:1 (4:1 im Elfmeterschießen) durchgesetzt. Der 21. Mai 1997 im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion bleibt unvergessen. Der (fußball-)göttliche Beistand bröckelte jedoch bereits am letzten Spieltag der Saison 2000/01, als vier Minuten lang bereits mit Freudentränen in den Augen der Meistertitel gefeiert wurde. Mensch, was das bitter! Und dann machte in der Ferne in Hamburg Patrik 'Bjärred' Andersson noch den (ungerechten) Ausgleich für den FC Bayern München. Nee, so was hat echt kein Verein verdient. Also kein Verein mit solch einer Tradition. Ein wenig, aber wirklich nur ein wenig Trost bot der DFB-Pokalsieg gegen den 1. FC Union Berlin.

In jenem Sommer 2001 zog der Verein vom Parkstadion in die neue Arena um. Wieder ab es Tränen, für ältere Schalke-Fans war es alles andere als leicht, das alte weite Stadion zu verlassen. Und nun? 20 Jahre später steht der Abstieg in die 2. Bundesliga fest. Und wenn wir schon bei den Zahlen sind: 50 Jahre nach dem großen Bundesligaskandal, in den auch der FC Schalke verwickelt. Aufgedeckt wurde der Skandal 1971 durch den damaligen Vereinspräsidenten von Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, der bei der Feier seines 50. Geburtstages am 6. Juni 1971 die Gäste mit dem Abspielen eines Tonbandes überraschte. Eines der betroffenen Spiele war das Duell FC Schalke 04 vs. Arminia Bielefeld am 17. April 1971. Die Bielefelder zahlten an jeden Schalke-Spieler, ausgenommen der Torwart Dieter Burdenski, der nicht involviert wurde, 2.300 Deutsche Mark für den Sieg. Bezahlt - mit 1:0 gewonnen. Nach der Enthüllung wurden elf Schalke-Spieler mit Sperren und zu zahlenden Geldsummen bestraft. Der Verein entging indes einer harten Strafe, die Lizenz entzogen wurden nur Kickers Offenbach und Arminia Bielefeld.

Ausgerechnet in Bielefeld wurde am gestrigen Abend der Schalker Abstieg besiegelt. Ironie des Schicksals. Mit 0:1 wurde die Partie verloren, ganze fünf Torschüsse zählte das Kicker Magazin. Zuvor bei der 0:4-Niederlage in Freiburg waren es nur vier Torschüsse. Ein Aufbäumen sieht anders aus. Die Bilanz aus den bisherigen 30 Partien: Zwei Siege, sieben Unentschieden, 21 Niederlagen und ein Torverhältnis von 18:76. Ein Desaster, eine Schande sondergleichen. Solch einen sang- und klanglosen Abstieg dieses traditionsreichen Ruhrpott-Vereins hätte man im Leben niemals erwartet. Irgendwann ist auch der eine oder andere Platzhirsch dran. Der 1. FC Kaiserslautern, der Hamburger SV… Aber mit solch einer saisonübergreifenden katastrophalen Mannschaftsleistung? Wahnsinn, wenn man bedenkt, mit welchen Gehältern die Spieler nach Hause gehen. 

Tja, was wird wohl mein einstiger Schulkumpel Stippel zu diesem Desaster sagen? Erneut vergossene Tränen? Ein müdes Lächeln? Wir haben uns 30 Jahre nicht mehr gesehen. Er darf sich gern bei mir melden - ich spendiere ein Trostbierchen!

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft

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