Blutgrätsche: Ein Fußball-Krimi gruselig nah an der Realität

Blutgrätsche: Ein Fußball-Krimi gruselig nah an der Realität

 
4.2 (7)
MB 08 April 2021

Mit der Zehenspitze wurde der Hebel der Mischbatterie leicht nach oben gedrückt. Wasser marsch! Heißes Wasser brachte wieder wohlige Wärme in der Badewanne. Langsam wurde es unangenehm in der großen länglichen „Emailleschüssel“, doch der Fußball-Krimi von Jürgen Neff ließ mich die stetig ausbreitende Kühle kurzzeitig vergessen. Ich wollte wissen, wer denn nun der Täter war. Ich hatte meine Vermutung und arbeitete mich Seite für Seite vor. Wasserhahn auf! Ich zählte die verbleibenden Seiten und beschloss, nun im wieder wohligen Badewannenwasser das Buch bis zum Ende zu lesen. Gegen 23 Uhr würde ich endlich Bescheid wissen, wer den Mord an Cat Benzeler verübt hatte. Der Capo aus den eigenen Reihen? Einer von den verhassten Ultras aus Aalen? Der schmierige Vizevorstand? Oder doch eines der „Gespenster“ von der BFE? Möglich erschien alles! 

Rund 200 Seiten knatterte ich an jenem Abend an einem Stück durch. Das soll schon was heißen! Als Kind oder Jugendlicher war das Standard, wenn ich unter der Bettdecke noch spät abends heimlich einen Karl-May-Roman oder ein Buch von Friedrich Gerstäcker auffraß bis die Augen schmerzten und sich die die übermüdeten Lider senkten und angenehme bleierne Schwere einen in die wohlverdienten Schlaf hievte. Solch ein Pensum ist aktuell nur bei Sachbüchern möglich. Wenn man jeden Tag arbeitstechnisch mit Schrift und Wort in gedruckter Form und auf den Bildschirmen zu tun hat und einen zudem die beiden Kids auf Trab halten, bleibt nicht soooo viel Zeit für Krimis oder Romane abseits des Fußballgeschehens. Es fehlen meist schlichtweg die Zeit, die Ruhe und die Muße.

Der Fußball-Krimi „Blutgrätsche“ machte mich indes neugierig, und ich nahm mir vor, diesen nach Möglichkeit auf längeren Zugfahrten oder abends im Kerzenlicht zu lesen. Zum einen kannte ich den Autor Jürgen Neff noch nicht, zum anderen hatte ich mich in der Vergangenheit eher selten mit dem 1. FC Heidenheim und dem VfR Aalen beschäftigt. Ich konnte somit völlig „unvorbelastet“ an die Sache herangehen und erhoffte mir einen spannenden Seitensprung. Mal kein Fußball im Osten und in NRW. Nix mit Dynamo, Hansa oder alten Zeiten im Pott und im Rheinland. Heidenheim! Weißer könnte meine innere Landkarte nicht sein. In meinem Leben war ich noch nie in dieser Stadt, und ich kam noch nicht mal in den Genuss, ein Spiel des 1. FC Heidenheim zu sehen. Die Auftritte bei den Eisernen hatte stets mein turus-Kollege Felix im Fokus gehabt.

Mit einem Schmunzeln muss ich an meinen Bericht vom 6. April 2010 denken. „Wer, wo, was ist der FC Heidenheim“. Ja, das „1.“ hatte ich damals vergessen. So wie es bei den meisten auch beim 1. FSV Mainz 05 passiert. Ja gut, es war auch kein Wunder, dass man als Ostkind damals diesen Verein nicht kannte. Erst am Ende der Saison 2003/04 schaffte Heidenheim den Sprung in die Oberliga Baden-Württemberg, 2009 begann der Durchmarsch in Regionalliga Süd und 3. Liga. Und der VfR Aalen, der im vorliegenden Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt? Unvergessen, als 2001 ein Fan-Bus des 1. FC Nürnberg (irrtümlich schrieb ich zuerst Mannschaftsbus) einmal statt nach Ahlen nach Aalen fuhr. Auch der VfR Aalen packte erst in jüngerer Vergangenheit den ersehnten Sprung in den Profifußball. Ein Jahr vor dem Rivalen aus Heidenheim spielte der VfR Aalen seine erste Saison in der 3. Liga (2008/09). Zwischenzeitlich wurde von 2012 bis 2015 sogar in der 2. Bundesliga gespielt, doch 2019 ging es dann wieder runter in die Regionalliga Südwest.

Im Ligabetrieb gab es zwischen dem 1. FC Heidenheim und dem VfR Aalen zwischen 2010 und 2015 sechs Aufeinandertreffen. Die sportliche Bilanz ist ausgeglichen, und da beide Städte in der Tat nur 22 Kilometer trennen, dürften die Duelle durchaus interessant gewesen sein. Beide Vereine strebten nach oben, beide Fanszenen wollten sicherlich zeigen, wer in der dortigen Region der Platzhirsch war / ist. Und da sich der Krimi von Jürgen Neff nahe an der Realität orientiert - so werden zum Beispiel die jeweiligen Ultra-Gruppierungen bei den real existierenden Namen genannt -, gibt es das geschilderte Aufeinandertreffen im Jahr 2020 - im Buch ist die Corona-Krise gerade passé - ganz einfach im DFB-Pokal. Okay, okay, im Normalfall hätte die Partie andersherum ausgetragen werden müssen, da die Amateure Heimrecht genießen, doch soll dies nicht wirklich die Mandoline spielen. Fakt ist, nach dem Pokalfight wurde unweit des Albstadions Katrin „Cat“ Benzeler gefunden. Ermordet und zurechtgelegt. Zuvor hatte sie beim Heidenheimer Siegtreffer mit freigelegten Brüsten provoziert. „Fu** you, Aalen!“ 

Ein Fall für die Kriminalbeamtin Nina Schätzle und ihren neuen Arbeitspartner Frederick Schröter. Die delikaten Punkte der Geschichte: Katrin „Cat“ Benzeler war in Heidenheim Mitglied der weiblichen Ultra-Gruppierung Societas (einzige weibliche Ultra-Gruppe in Deutschland), und Nina Schätzle war ebenso einst in der aktiven Fanszene aktiv. Jedoch wollte Nina nach einem düsteren Tag X in Zukunft nie wieder ein Stadion betreten und stürzte sich fortan auf ihre Arbeit und suchte nach einer Trennung auch privat neuen Halt. Da das Buch von einem Autor aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde, wird die Angelegenheit wirklich interessant. Ich war anfangs überaus skeptisch und benötigte zwei, drei Anläufe, um mit diesem Werk wirklich warm zu werden, doch brach irgendwann das Eis und ich rockte das Buch wie eingangs erwähnt Feuer und Flamme durch. 

Ich vermute, das Kapitel „Tinder und die Götterkomödie“ war es, das mir den entscheidenden Schwung gab. Die Hauptprotagonistin Nina Schätzle hat in ihrem Leben so manche Päckchen zu tragen, und beim Tinder-Kapitel musste ich wirklich herzhaft lachen. Da ihre beste Freundin aus einstigen Fußballtagen nach dem Pokalspiel gegen den Erzrivalen VfR Aalen ermordet wurde, wirft sie sich umso mehr auf den Fall, hat parallel jedoch selber einiges innerlich aufzuarbeiten. Klar auch, dass es ein emotionaler Drahtseilakt wird, den Fall zu lösen. Zumal plötzlich in die verschiedensten Richtungen ermittelt werden muss. Cat hatte ein Verhältnis mit einem aus dem Vorstand des 1. FC Heidenheim, zudem im Fokus sind die aktiven Fans aus Aalen. Ermittelt wird jedoch auch in den eigenen Reihen: In der Fanszene des 1. FC Heidenheim, was zu wütenden Protesten führt, und auch bei den „Gespenstern“ der BFE (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten der Polizei). 

Gründe genug, Cat eins auszuwischen bzw. sie um die Ecke zu bringen, hatten in dem Buch einige, von daher bleibt es bis zum Ende spannend und offen. Ganz klar, jedes Buch hat seine Höhen und Tiefen. So stellte mich das „große Finale“ nicht ganz zufrieden, da bei diesem vielleicht doch zu dick aufgetragen wurde, doch zeigte ich mich wirklich begeistert bei den Kapiteln, bei denen es nah rangeht an die beiden Fanszenen. Die Reaktionen der Fans, als vor Ort in Heidenheim und Aalen ermittelt wird, sind überaus authentisch. Ebenso prima beschrieben sind die internen Rangeleien, wie zum Beispiel mit dem örtlichen szenekundigen Beamten (SKB). Die Sache nimmt am Ende gut Fahrt auf und liefert guten Lesestoff. 

Krimis lese ich seit 20 Jahren eher selten, doch weckte dieses vorliegende Buch von Jürgen Neff das Interesse, zur Abwechslung mal wieder ab und an zu einem fiktiven Lesestoff zu greifen. Stichwort „fiktiv“. Ich bin echt gespannt, wie dieser Fußball-Krimi in den Reihen der Ultra-Gruppierungen „Societas“ (Heidenheim) und „Crew Eleven“ (Aalen) ankommt. Wenn ich mir überlege, mir würde jemand sagen: Komm schreib mal einen Krimi, der sich an etwaigen Gruppierungen bei Hansa Rostock oder dem BFC Dynamo orientiert - oha! Von daher, Jürgen Neff, mein Respekt! Und ich gebe an dieser Stelle vier von fünf möglichen Sternen. Kaufempfehlung! Vorausgesetzt, man hat auch wirklich Lust, sich im Bereich Fußball mal auf eine fiktive Geschichte einzulassen. :-)

Fotos: Marco Bertram, Frank Langkabel, Claude Rapp, Los Misenas

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Kleine Korrektur

Klingt nach einem interessanten Buch. Eigentlich bin ich kein großer Freund von Fußballromanen, weil da doch oft vieles immer relativ erzwungen wirkt, aber vielleicht gebe ich dem Krimi eine Chance.

Nur eine kurze Korrektur: Der VfR Aalen hat eigentlich schon immer die meiste Zeit seines Bestehens in der jeweils dritthöchsten Spielklasse gespielt, 2008 wurde lediglich die jetzige "Dritte Liga" in ihrer heutigen Form neu eingeführt ;) Profifußball gab es da aber auch vorher schon.
Siehe auch das Schaubild in https://de.wikipedia.org/wiki/VfR_Aalen#Ligenverlauf

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Es war ein Fanbus der nach Aalen fuhr, nicht die Mannschaft!

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