„Ein freies Leben führen wir“ - mit Studenten zum Fußball: Skolwin vs. KP II Police im Jahr 2006

„Ein freies Leben führen wir“ - mit Studenten zum Fußball: Skolwin vs. KP II Police im Jahr 2006

 
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M 16 März 2021

Alle Blicke waren sowieso schon auf mich gerichtet. Nun waren die Münder offen. Natürlich betrifft das nur den Teil der Leute, die überhaupt Lust hatten zuzuhören. „Und du findest das normal?“, wurde ich gefragt. Was war passiert? Es war die Vorstellungsrunde in einem Seminar an der Uni, in dem es um Rhetorik ging. Wir sollten uns einfach mal spontan vorstellen. Da war ich wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen und plauderte aus dem Nähkästchen des vergangenen Wochenendes. Das war damals noch die Phase, in der die polnische Fanwelt ihren Höhepunkt erlebte, was die Anzahl aktiver Fangruppen betraf. Die einen waren schockiert, die anderen Studenten wussten gar nicht, worum es ging, da sie eh schon abgeschaltet hatten. 

Das sind halt die obligatorischen Seminare mit Anwesenheitspflicht. Gelegentlich gelang es mir sogar, manche Studenten zu kleineren gemeinsamen Ausflügen zu animieren. Darunter fiel auch mal das Spiel F.C. Hansa Rostock gegen FC St. Pauli. Im Auto fragte ich meinen damaligen Nachbarn nach dem Spiel, wie er es so fand. Da lag der Moment, als der Wasserwerfer zu beregnen begann, noch keine Stunde zurück. Mein Nachbar Ph. – Student der Germanistik, etwas älter als ich, Fußballspieler mit dem Lebensmotto „Es lebe der Sport!“ - war schier begeistert vom Erlebten. „Hast du gesehen, was da los war? Hast du? Alter! Geil. So etwas habe ich noch nie erlebt!“ Da hatte der Gute sich den Gerstensaft schmecken lassen. Einen Tag später wurde die Aussage wieder schleunigst revidiert und das Phrasenschwein gefüttert. „Das hat doch mit Fußball nichts mehr zu tun. Stadionverbot für alle! Können die sich nicht woanders treffen?“ Und natürlich fehlt noch: „Das muss der Steuerzahler alles bezahlen!“

Und dann gab es noch Leute, die hatten gar keine Vorstellung von der Fußballwelt. Von Polen hatten sie schon etwas gehört, so war C. – Seminarteilnehmer im Lateinkurs - auch schon einmal mit seinen Eltern kurz in świnoujście. Gut, wenn man aus Kassel kommt, dann war Polen bisher nicht Reiseziel Nr. 1. Meine Besuche der Niederlande kann ich auch an einer Hand abzählen. Jedenfalls hatte er spontan Lust auf eine kleine Fahrt nach Szczecin – unter der Woche. Und ich habe ihm sogar auch noch was von der Stadt gezeigt. Das Ziel des Tages war aber nun das Landesligaspiel zwischen świt Szczecin-Skolwin (heute 4. Liga) und der Reserve von KP (Chemik) Police. Skolwin war damals vom Viertel her schon ein Erlebnis. 

Mein Begleiter kommentierte mit keinem Wort den Kontrast zwischen der glitzernden Welt des Stadtzentrums und der Eigenheit von Skolwin. Alte Häuser, markante Sprüche an den Wänden, grimmige Gestalten. Einfach Skolwin mit seinem Nachbarn Gocław im Jahr 2006! Noch viele Jahre später war die Atmosphäre dort sehr intensiv. Ich holte mir mal eine Limo in einem der Tante-Emma-Läden. Mit mir im Geschäft nur die junge blonde Kassiererin und ein Modul, Mutant, Kanten oder wie man solche Erscheinungen sonst noch bezeichnet. Zwei Meter + x in der Höhe, die Arme hatten den Umfang meines Kopfes und er trug eine „Sommerfrisur“. 

Mit tiefer Stimme und warmen Worten hieß er mich in seinem Reich willkommen: „Du bist nicht aus diesem Viertel!“ Da war das Eis gebrochen, zum Glück nicht meine Nase. Der universitäre Sprachkurs Polnisch A1 mit dem Kapitel „Ich heiße.“ hatte sich zu diesem Zeitpunkt dann schon bezahlt gemacht. Nach etwas Smalltalk folgte eine ungelogen herzliche Verabschiedung. Solch ein Erlebnis blieb dem C. aus Kassel erspart. Wir hatten etwas Pech und griffen nur den Nebenplatz vom Skolwiner Stadion ab. Mich störte die Sache und der Ort an sich weniger, da für mich der Nord-Osten der Stadt eine der spannendsten Gegenden mit viel Historie ist. Aber für einen Normalo-Studenten war das hier, ich sage mal so, nicht das Gelbe vom Ei. Was uns als Atmosphäretourist fasziniert, kann beim Sprung eines Unbeleckten ins kalte Fußballwasser auch gegenteilige Gefühle auslösen. 

So, nun muss ich mir erstmal die Statistik von damals suchen. 5. April 2006, Semesterbeginn für Studenten, Rückrundenstart für Fußball-Polen. Skolwin wurde Zweiter hinter Piast Chociwel. Das war nur die 6. Liga, aber fast jeder Ort hatte damals eine kleine Fangruppe, die für Spektakel auf den Rängen sorgte. Und da hatte mein Mitstudent an diesem Tag Glück, denn ihm wurde etwas geboten. Zum einen sahen wir durch ein 3:6 immerhin 9 Tore in diesem Derby, zum anderen gab es fortwährende akustische Unterstützung. „OKS świt Skolwin *klatsch, klatsch, klatsch*“, sollte im Gedächtnis hängen bleiben wie die netten Fahnen der alten Schule, die mir später leider nicht noch einmal über den Weg laufen sollten. Die Fontänen sprühten, die Böller rumsten und wumsten. 

Bis auf einen! Dieser wollte nicht zünden, da die Lunte schon abgebrannt war. Der Pyromane forderte zum Holen auf und offerierte seinem Kumpel sein Feuerzeug. Die Hand des Aufgeforderten bewegte sich in Richtung Kopf, sein Zeigefinger berührte einen markanten Punkt auf der Stirn. Das Ding war definitiv kein Spielzeug. So blieb es ein Blindgänger. Die Tore fielen, der Fanblock sang, die Feierabendatmosphäre bei angenehmem Wetter in einem netten Viertel Szczecins unter der Woche ließ mein Herz höher schlagen.

Was der C. darüber dachte, weiß ich leider nicht mehr. Es sollte unser einziger gemeinsamer Fußballausflug gewesen sein. Vielleicht ist das doch nicht so sein Ding gewesen. Die große Suchmaschine verrät mir fast 15 Jahre später, dass der heutige Berufsschullehrer doch eher das Wandern bevorzugt. Mist, hätte man das gewusst! Dann wäre das Eis so schnell gebrochen wie beim Kollegen aus dem Tante-Emma-Laden.   

Fotos: Michael

Spielergebnis:
3:6

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