Werder Bremen Fußballfibel: Gefühlvolle Zeitreise im Zeichen der Raute

Werder Bremen Fußballfibel: Gefühlvolle Zeitreise im Zeichen der Werder-Raute

 
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MB 26 Februar 2021

Wenn ich es recht überlege, war der SV Werder Bremen der erste Verein, der mir Mitte / Ende der 80er Jahre näher gebracht wurde. Mein Opa war ein glühender Werder-Fan, und während meine Oma in der Küche in der Wohnung in Berlin-Friedrichsfelde das Abendbrot vorbereitete, wertete er mit mir die Ergebnisse der 1. Bundesliga aus. 31. Spieltag der Saison 1987/88. FC 08 Homburg vs. Karlsruher SC 1:0, Borussia Dortmund vs. FC Bayer 05 Uerdingen 4:2, FC Bayern München vs. VfL Bochum 5:0, SV Waldhof Mannheim vs. 1. FC Kaiserslautern 0:2, Eintracht Frankfurt vs. Werder Bremen 0:1. Riedle erzielte den Treffer des Tages in der 70. Minute und sicherte Werder somit den Platz an der Sonne. Werder Bremen war auf Meisterkurs - mein Opa war hochzufrieden. Ich durfte zur Feier des Tages an einem herben Bier nippen, und Oma brachte Mischbrot und Aufschnitt durch die Türe rein.

Was hatte mein Opa von Otto Rehhagel geschwärmt. Witzigerweise hatten damals beide eine ähnliche Lücke zwischen den mittleren Schneidezähnen. „Kannste jut mit pfeifen“, erklärte Opa. „Hat allet seine Vorteile…“ Und während ich an den Stullen mit Salami und Teewurst kaute, dachte ich noch mal über die in der Sportschau genannten Vereinsnamen nach. Homburg, Bayer Uerdingen, Waldhof Mannheim, Borussia Mönchengladbach - das klang in den Ohren eines 14-jährigen DDR-Buben alles überaus geheimnisvoll und mysteriös. Und was ist eigentlich der / die / das „Werder“? 

Über drei Jahrzehnte später. Als neulich der Postmann zweimal klingelte und den Umschlag mit den beiden neuen Fußballfibeln überreichte, bestaunte ich zuerst das Cover der Mainzer Fibel und blätterte anschließend dann einmal durch die grün-weiße Fußballfibel. Da man meist von hinten nach vorn blättert, stieß ich auf Seite 127 sogleich auf das Foto mit Otto Rehhagel. Lächelnd und in sich ruhend steht König Otto neben dem Autor Hannes Köhler, der bereits ein paar Romane geschrieben hat und auch einer der Torwarte der Autoren-Nationalmannschaft ist. Ich blätterte weiter, bestaunte das Foto aus Istanbul, das Foto von Hannes als 10-jähriger Torwart sowie auf Seite 11 das Foto von ihm mit Querflöte, Socken, Sandalen und Werder-Shirt. Das könnte doch glatt Sportsfreund "Salto" sein. Ein rascher Blick auf die Kurzinfos zum Autor Hannes Köhler - und schon stand der Entschluss fest: Die Sache scheint sehr sympathischer Natur zu sein. Ich griff mir eine Flasche Bier und nahm die Fußballfibel mit in die Wanne. Später gönnte ich mir mal - was leider Gottes nicht soooo oft vorkommt - bei Kerzenlicht einen ganzen Abend, um Kapitel für Kapitel der Werder-Fibel zu lesen.

Gefielen mir zuletzt bei den Fußballfibeln über Eintracht Trier und den 1. FSV Mainz 05 der Blick aus verschiedenen Perspektiven und bei der SV Darmstadt 98 Fußballfibel der Blick aus dem Kern der Fanszene, so gibt es bei der SV Werder Bremen Fußballfibel teils sehr berührende private Einblicke. Wieder einmal zeigt sich, wie genial die Reihe der Fußballfibeln inzwischen geworden ist. Erschienen sind bereits 40 Fußballfibeln über deutsche Vereine sowie vier über Wiener Fußballclubs und eine über den FK Partizan Belgrad. Jede Fibel hat ihren eigenen Stil. Mal arbeitet wie im Fall des 1. FC Lok Leipzig, der SG Dynamo Dresden, des 1. FSV Mainz 05 und des SV Eintracht Trier ein ganzes Autorenteam am Buch, mal sind es einzelne Autorinnen und Autoren, die fleißig in die Tasten hauten / hauen. Es liegt auf der Hand, dass beides seine Vorteile mit sich bringt. Der Vorteil, wenn eine einzelne Person sich an die Arbeit machte, wie im Fall 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt oder SV Werder Bremen: Man taucht gedanklich ein in ein anderes Leben. Im Fall der Werder-Fibel sogar sehr intensiv. Während die Mainz-Fibel aufgrund der abgeschlossenen Kapitel bequem häppchenweise in der S-Bahn gelesen werden kann, sollten für die Werder-Fibel durchaus zwei, drei Stunden Ruhe am Stück gegönnt werden.

Mit König Otto fängt im ersten Kapitel alles an, mit König Otto sollte im Epilog das Buch enden. Jedoch kam der unfaire Mitspieler Corona in die Quere, sodass das Kapitel „Der Neue“ und ein zweiter Epilog hinzugefügt wurden. Zurück geht es zu Beginn des Buches in die frühe Kindheit des Autors. Geboren in Hamburg im Jahre 1982. In der Hansestadt Hamburg! 1982! Der HSV wurde damals Deutscher Meister vor dem 1. FC Köln und dem FC Bayern München! Werder belegte am Ende der Saison 1981/82 als Aufsteiger einen guten fünften Platz. In der Saison zuvor musste eine Sause in der Nordstaffel der 2. Bundesliga unternommen werden. Dass es als Hamburger Bub nicht schnurstracks zum SV Werder Bremen ging, liegt irgendwie auf der Hand. Als kleines Kind ging er ins Hamburger Volksparkstadion, doch recht warm wurde er nicht. Ins Spiel kam zudem seine Mutter, die wie Otto Rehhagel in Essen geboren wurde. Gemeinsam schauten sie im Fernsehen, wie König Otto mit Werder im Frühjahr 1988 Deutscher Meister wurde, später wurden live vor der Flimmerkiste die Auftritte auf europäischer Bühne verfolgt. Allerdings verschwammen und vermischten sich diese frühen Erinnerungen ein wenig. Klarer sind indes die Erinnerungen an den 1993er Meistertitel. Werder gelang es, die großen Bayern hinter sich zu lassen.

Hannes Köhler wurde als Hamburger Jung ein eingefleischter Werder-Fan, zudem ließ er selber auf dem Platz den Ball rollen. Zuerst als Feldspieler, dann aufgrund seiner beachtlichen Körpergröße als Torwart. 1990 schaute er mit hängenden Schultern noch etwas traurig und ratlos drein, im Jahr darauf ist die Körpersprache bereits eine ganz andere. Angekommen auf der Position Torhüter - und das bis heute. 

Die einzelnen Kapitel sind - ähnlich wie bei der Eintracht Frankfurt Fußballfibel - mit einzelnen Spielern verknüpft. In Kapitel 3 „Eisendieter - Eisenkopf“ schildert Hannes, wie er am 8. Dezember 1993 das Wunder von der Weser verpasste. Beim Stand von 0:3 gegen den RSC Anderlecht stampfte er in der elterlichen Wohnung wütend die Treppe nach oben und warf sich ins Bett, um irgendwann in einen zorngeplagten, unruhigen Schlaf zu fallen. Zu gleicher Zeit saß ich als 20-Jähriger einst im Gemeinschaftsraum des Ausbildungswohnheims in Leverkusen-Schlebusch. Alter Schalter! Was staunten wir, als Wynton Rufer (zwei Treffer), Rune Bratseth, Bernd Hobsch und Marco Bode das CL-Spiel gegen die Königlichen aus Belgien noch drehen konnten. Am Ende hieß es vor 29.000 Zuschauern sage und schreibe 5:3, und Hannes dürfte am nächsten Morgen gestaunt haben, als er in der Schule begeistert auf das Spiel angesprochen wurde. 

Jedes Kapitel der Werder-Fibel hat eine wunderbare Anekdote parat. Mal besiegte er mit der Schulmannschaft die Jungs aus Altona, bei denen kein Geringerer als der ebenfalls noch junge Ivan Klasnic mitspielte. Im Stile eines Netzers hatte sich Klasnic mal eben selber eingewechselt. Wer kann, der kann. Nachdem Hannes Köhler nach Berlin umgezogen ist, fand er bei den Catenaccio Contras ein neues sportliches Zuhause. Mit einer überaus angenehmen Schreibe führt der Autor den Leser durch die Zeiten. Studium, Fußball, Beziehungen und harte Rückschläge in Form von argen Panikattacken. Das Berliner Leben ließ ihn fast überdrehen, die Folgen waren gravierend. Das Herz rückte in de Fokus - Besuche bei Fachärzten standen an. 

Später zog Hannes für eine Zeit nach Toulouse, die persönlichen Erlebnisse verknüpft Hannes immer wieder wunderbar mit dem sportlichen Geschehen beim SV Werder Bremen. Meistertitel 2004, DFB-Pokalsieg 2009, UEFA-Pokal-Finale 2009 in Istanbul gegen Schachtar Donezk (1:2 nach Verlängerung), die sportlich eher dünneren Jahre in der jüngeren Vergangenheit. Ein wunderbarer Bogen wurde mit der Partie der Autoren-Nationalmannschaft gegen die robust spielenden Norweger geschlagen. Trainer der Deutschen war in jener Partie kein Geringerer als Otto Rehhagel. Gewonnen wurde die Partie - voilà! - mit 5:3! Mehr soll an dieser Stelle jedoch nicht verraten werden. Wenngleich einst in den 80ern und 90ern mein Opa mir immer wieder von Werder Bremen und König Otto vorschwärmte, so hatte ich mit der Raute eher weniger am Hut. Zweimal war ich vor Ort im Weserstadion - und das in den Spielzeiten 1991/92 und 1992/93. Zu jener Zeit machte ich in Leverkusen meine Ausbildung - und ab ging’s mit dem Bayer-Fanbus an die Weser. Hurra, hurra, der Bayer, der ist da! Hinein in den Gästeblock an einem Freitagabend. Ein 1:1 mitgenommen - und sturzbetrunken ging es zurück an den Rhein…

Zuletzt fiel mein persönliches Fazit zu den herausgekommenen Fußballfibeln fast immer positiv aus. Besonders begeistert war ich von der Fußballfibel über Eintracht Frankfurt, in meine persönliche Top 5 reiht sich nun auch die Werder-Fibel mit ein. Gemeinsam mit der SGE, mit Fortuna Köln und dem FC Rot-Weiß Erfurt. Oben mit dabei auch der Glubb und der SV Darmstadt 98. Kurzum: Die grün-weiße Fußballfibel im Zeichen der Raute kann ich wirklich nur wärmstens empfehlen!

Fotos: Frank Langkabel, Marco Bertram, Hannes Köhler, nur-der-scf.de, Jean Falkner

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