Schicksalstag 01.09.1991: Mit der Röhre zwischen den Beinen ins große Abenteuer

Schicksalstag 01.09.1991: Mit der Röhre zwischen den Beinen ins große Abenteuer

 
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MB 11 Februar 2021

„Rostock trotz 2:2 gegen Bayer nun allein vorn“, titelte am 1. September 1991 der Berliner Tagesspiegel. Während ich versuchte, meinen Füßen ein wenig Freiraum zu gewähren, studierte ich die Zeitung und las mit großem Interesse den Bericht über das Bundesligaspiel F.C. Hansa Rostock vs. TSV Bayer 04 Leverkusen sowie die Meldung über Heike Henkels WM-Gold in Tokio durch. Der Hauptteil der Zeitung widmete sich allerdings den schweren Kämpfen im auseinanderbrechenden Jugoslawien. Zu kämpfen hatte auch ich. Und zwar mit dem zwischen meinen Füßen klemmenden kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher und der inneren Aufregung. Während ich mit den vier anderen Berlinern im sauengen Ford Fiesta hockte und die niedersächsischen Landschaften an uns vorüberzogen, fragte ich mich, was wohl die Zukunft bringen würde. Nach einem wilden ersten Lehrjahr in Ost-Berlin sollte nun die Fortsetzung der Elektronikerausbildung beim Chemiegiganten in Leverkusen erfolgen. Das Kuriose: Nicht ich hatte damals die Initiative ergriffen, vielmehr wurde ich von der Bayer AG von den Fotochemischen Werken / EBAG geholt. Ich war quasi der Andi Thom der Strippenzieher und Platinenlöter. 

Zwar hatte ich mir im Frühjahr 1991 einmal das Werk am Rhein und das Ausbildungswohnheim in Leverkusen-Schlebusch anschauen dürfen, doch einen wirklichen Plan hatte ich nicht. Nicht von der Elektronik (im ersten Lehrjahr in Ost-Berlin gab es nur Bambule und Rambazamba), nicht vom Leben im Westen - und auch nicht vom Fußball. Letzteres sollte sich jedoch rasch ändern. Diesbezüglich hatte ich nen groben Plan. So schnell wie möglich wollte ich das erste Fußballspiel im Haberland-Stadion besuchen. Ich hatte irren Nachholbedarf was Fußball betrifft - und ich war angefixt von meinen ersten Erlebnissen kurz nach dem Mauerfall. Immerhin hatte ich bereits gelernt, dass man nicht mit einem an den Gürtel geschnallten Jagdmesser in ein Stadion darf. Ein Hertha-Ordner hatte mich im Herbst 1990 freundlich gebeten, das Messer mit Schleifstein an der Scheide doch bitte draußen unter einem Baum zu verstecken. Auch hatte ich gelernt, wie man vor dem Berliner Ostbahnhof mit BW-Stiefeln die Seitenscheiben einer abgewrackten DDR-Karre eintritt. Mein erstes chaotisches Ausbildungslehrjahr 1990/91 war die Schule des Lebens. Und so dämmerte ich im Ford Fiesta vor mich hin und sagte mir, dass es in Leverkusen wohl kaum schlimmer und wilder werden könnte.

Ich las im Tagesspiegel die „Funksignale für die Gesellschaft“ und den Artikel über das „Gift gegen die Blattwespe in der Mark“ und sah mit einem Auge die Autobahnausfahrt nach Bielefeld und wunderte mich. Bielefeld gibt es doch gar nicht?! Aber Gelsenkirchen gibt es! Ich war auch im Bilde, dass der FC Schalke 04 in die 1. Bundesliga zurückgekehrt war. Was war das 1987 für ein Drama, als die Knappen abstiegen und Klassenkamerad Stefan den Tränen nahe war. Nix Union, nix BFC, er fieberte mit Schalke 04. Am 9. Juni 1991 saß ich im Gelsenkirchener Parkstadion und staunte über die gigantischen Ränge. Alter Schalter! Ich war bei der Abschlussveranstaltung des 24. Deutschen Evangelischen Kirchentages im Ruhrgebiet und erfreute mich am wuchtigen, weitläufigen Stadion. Ich jauchzte innerlich. Das wird mein zukünftiges Zuhause! Also nicht Schlacke, äh Schalke, sondern die Stehplatztraversen der Bundesligastadien im Allgemeinen. 

Für 60 Mark durfte ich als Nummer BB0316 im Juni 1991 fünf Tage lang durch den Kohlepott düsen und schon mal ein bisschen anschnuppern. Mit dem VRR-Ticket von Unna bis nach Grevenbroich. Ich kiekte blöde, als in Dortmund und Essen die U-Bahn als Straßenbahn daherkam und prüfte schon mal die Verbindungen nach Köln und Leverkusen. Ich war mir sicher, der Pott würde mich im Herbst 1991 rasch wiedersehen. Damals ahnte ich nicht, dass es gleich beim ersten Besuch in Bochum dermaßen eskalieren könnte, die Hools munter die Gästefans wegtreten und die Polizei dermaßen arg die Gummiknüppel schwingen und mir auch gleich paar derb mitgeben würden. 

Um mir den nahenden Absprung aus Berlin ein wenig zu erleichtern, trampte ich mit Schulfreund Nico vier Wochen quer durch Deutschland, Frankreich und Belgien. Ich fuhr mit der noch bestehenden Reichsbahn vor nach Hannover und fuhr mit meinem Großcousin auf einer Harley zum Bikertreffen in den Harz. Born to be wild! Reinhardt borgte mir ne Lederjacke und nen Helm - und ab ging’s nach Goslar, wo auf einer Wiese zig hunderte Biker ihre Zelte aufgebaut hatten. Wenn wat is, sachste einfach Bescheid, erklärte mir Reinhardt. Seine Jungs vom deutsch-dänischen Bikerclub würden auf mich acht geben - da könne nix anbrennen. Ich streifte also über die Wiese, setzte mich ans Lagerfeuer, holte mir ne Kanne Bier und schaute mit die abendliche Bühnenshow an. Und was gab es da für ne Show! Zu später Stunde wurden die Bikerin und der Biker des Festivals auserkoren - und diese wurden auf die Bühne gebeten. „Auszieh’n! Auszieh’n!“, grölte alsbald der Mob - und dies galt nicht nur für die Dame in Leder. Auch er musste sich völlig nackig machen, wenig später durfte er die Lady vor der tosenden Meute auf der Bühne schön von hinten nehmen. Jetzt nur nicht zu früh kommen! Das Biker-Volk wollte was sehen. Mir war nicht recht klar, wie überhaupt im Vorfeld gewählt wurden, und ich fragte mich, ob es mich rein theoretisch auch hätte treffen können. Und vor allem fragte ich mich, was ich dann wohl getan hätte.

In der Tat traf ich nachts noch jemanden - und zwar zwei Frauen, die sich einfach in unserem gemütlichen Zweimannzelt gemütlich gemacht hatten. Sie hatten wohl anfänglich den Plan gehabt, auf den Strohballen am Feuer unter freiem Himmel zu pennen, doch der einsetzende Nieselregen ließ sie dann einfach ein freies Zelt nehmen. Was ich nun tun könne, fragte ich Reinhardt. Was wohl, befahl er, rein da und dazu legen! Was kommt, das kommt. Also schob ich mich auf eine Außenbahn und überlegte, ob ich mich im Schlaf einfach ankuscheln oder lieber doch eine nächtliche Erektion an der Außenbahn verbergen solle. Wat wusste denn icke? Am Ende war ich dann doch zu schüchtern - oder einfach nicht alkoholisiert genug. 

Die nächste Gelegenheit bot sich beim Fahren gen Süden. Der nachgekommene Nico und ich hatten verschiedene Mitfahrgelegenheiten über die Mitfahrzentrale in Hannover ergattert, und am Abend des Tages X wollten wir uns in Frankfurt am Main am Bahnsteig 11 treffen. Ehe ich mich versah, saß ich vorn in einem alten Bulli zwischen zwei jungen adretten Frauen, die nach Heidelberg umzogen. Die beiden waren irre locker und plauderten in einer Tour. Allerdings konnte ich beim gewünschten farbenfrohen Erzählen aus dem Ost-Berliner Nähkästchen nicht recht entspannen. Es war vorn auf der Sitzbank absolut eng und die Jeans saß dermaßen unglücklich, sodass ich in einer Tour nervös an den Hosenbeinen zog, was wiederum nicht unbemerkt blieb. Mir war das prinzipiell ziemlich Latte *Zwinkersmilie*, doch hatte ich keine Latte, sondern befürchtete ich einfach nur irgendeine blöde Abklemmung oder Verdrehung. Was war ich froh, als ich in der Main-Metropole an irgendeiner U-Bahnstation rausgelassen wurde. 

Die kommenden Wochen wurden sehr abgefahren. Nico und ich trampten häppchenweise nach Karlsruhe, wanderten zu Fuß über die deutsch-französische Grenze, schlugen uns vorbei an Metz in Richtung Paris, philosophierten abends im Zelt über die Zukunft, über Frauen und unsere damaligen Stinkefüße (die ich Gott sei Dank nicht mehr habe). Mir platzte bei Gluthitze im Rucksack ein Glas Nutella, so dass es aussah, als hätte jemand mit Durchfall hineingekackt, wir pennten unter Brücken und in Bahnhofsmissionen, äh nein, auf etwaigen Ackern, und erreichten schließlich Paris, wo uns im Sommer 1991 die Augen übergingen. Per Anhalter ging es weiter nach Brüssel und Waterloo, von wo aus es mit einem Nachtzug zurück nach Berlin ging. Als wir irgendwann um drei Uhr nachts durch Köln fuhren, erfasste ein Kribbeln und Zucken mein Körper. Schweiß stand auf der Stirn. Abenteuerlust, Angst, Fernweh, Heimweh - ein leichtes Frösteln. In Kürze würde ich hier im Rheinland leben und arbeiten - und ziemlich sicher zum Fußball gehen!

Geilomat, dass mein erstes Spiel sogleich das Rheinische Duell Leverkusen vs. Köln wurde - und das auch noch im Pokal! Das Fußballleben hatte wirklich was parat für mich. In Kindheit und Jugend war in Sachen Fußball nix weiter los? Ich fand die fliegenden Leuchtkugeln und die johlenden Massen auf dem Kudamm nach dem WM-Sieg im Juni 1990 richtig exzellent? Na dann mal los! Köln hatte schließlich auch was auf Tasche. Kaum zwei Tage in Leverkusen, machte ich mich auf den Weg zum Haberland-Stadion, verfuhr mich glatt, erreichte jedoch Dank eines Pendelbusses noch pünktlich die Spielstätte, kaufte mir gleich einen Bayer-Schal und eine Eintrittskarte und fand mich - oha! - in Block A wieder. Ich ahnte ja nicht, dass dieser bei solchen Partien zum Gästebereich gehörte. Ich kiekte nicht schlecht, als im unüberdachten Block H die Kölner Hools vor Wut - die Werkself konnte mit 2:0 gewinnen - so lange am Imbisswagen rüttelten, bis in diesem irgendwas Feuer fing. Schon bald brannte die Wurstbude lichterloh, und ich zog meinen Kragen noch ein Stück höher. Als ich auf dem Fußweg zum Ausbildungswohnheim an einer Tankstelle am Willi-Brandt-Ring vorbeilief, betankten fünf Kölner gerade ihre Kutsche. Cool, dass ich in Gedanken versunken meinen Bayerschal im Wind wehen ließ. Leichte Beute also, dachten sich die fünf Kölner, doch war ich kein schlechter Leichtathlet, nahm die Beine in die Hand und rannte gleich durch bis zum Wohnheim, wo ich adrenalingeschwängert in den Gemeinschaftsraum stürzte und den anderen vom wilden Abend berichtete.

Ansonsten hieß es aber erst einmal, sich zurechtzufinden mit der neuen Alltags- und Ausbildungssituation. Ich schlief anfangs in einem Doppelzimmer mit einem Chemnitzer, der sorgsam die Hemden und Handtücher faltete und eine Brille wie auf einem SED-Parteitag trug. Angewidert schaute er rüber, als ich meine BW-Stiefel wienerte und ein paar mitgebrachte Utensilien an die Wände pinnte. Eine Weltkarte, eine Deutschlandfahne, die ersten Fußballwimpel, Postkarten, schon bald die stetig wachsende Schalsammlung. Ich hatte ja im besagten Ford Fiesta einen kleinen sw-Fernseher mitgebracht und schaute immer das Morgenmagazin. Das gemeinsame Frühstück im Keller war mir ein absoluter Gräuel. Beim Geräusch der krümelnden Westbrötchen hätte ich allen Anwesenden paar reinhauen können - und der Anblick der Nutella-schmierenden Typen wurde mir eh ganz anders. Drei, vier Kumpels wurden im Wohnheim rasch gefunden, der Rest ging mir eh am Allerwertesten vorbei. 

Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ich damals im September 1991 den turus-Karsten kennengelernt hatte. Meine Köln-Geschichte hatte im Wohnheim die Runde gemacht, und somit kamen wir schon bald ins Gespräch, und unser erstes gemeinsames Fußballspiel wurde die Bundesligapartie Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Dynamo Dresden. Für acht Mark ging es in den C-Block, und auch er wurde sofort von der absoluten Fußballbegeisterung infiziert. Von Null auf Hundert. Am 27. September 1991 fuhren wir mit dem Sonderzug nach Bochum und stellten uns mit rund 1.500 anderen Bayer-Fans (die Auswärtstour nach Bochum zog stets besonders) auf die große Stehplatztribüne, die damals auf Gästeseite mal eben genauso groß war wie die auf Heimseite.

Die Sause fetzte wie Sau. Das Flutlicht, die Bratwurst, das Bier, die Gesänge, die versifften Stufen, all die ebenso versifften Kutten. Leverkusen konnte mit 2:0 gewinnen, und kaum waren wir draußen, flogen rings um uns herum die Fäuste. Die BO-Hools hatten vorbeigeschaut und fanden auf Anhieb ihren Gegner. Rechts neben mir bemerkte ich einen Arm, links neben mir erhob sich ein mit einer Markenjeans bekleidetes Bein. Das ging alles so rasch, das konnte gar nicht erfasst werden. Als dann auch noch die Bochumer Polizei mit dem „Goldenen Schlagstock“ ohne Rücksicht auf Verluste mit Knüppeln die Leverkusener die Castroper Straße wie Vieh heruntertrieb, spürte ich das erste Mal diesen ganz bestimmten Hass. Es kochte und brodelte, doch sollte es noch bis zum Auswärtsspiel in Gladbach dauern, bis ich verbal überkochte und die Polizei arg belegte. Das Mistpack solle doch mal nach Ost-Berlin in die Mainzer Straße kommen, dann würde es für die Bullen mal richtig auf die Fresse geben. Dass ich bei der Sause zum Bökelberg so angefressen war, hatte auch noch einen weiteren Grund. Irgendein Fohlen hatte mir in der Menge von hinten meinen Schal gezogen. Als ich dann auch noch die „Schwarzwurzel“ der Polizei auf dem Rücken spürte, drohte ich verbal zu eskalieren. Die Behelmten lachten nur und schwangen drohend ihre Knüppel. 

Mein rotes Notizbuch, das die Bayer-Lagernummer 9862160 hatte und eigentlich für die in der Ausbildung erhaltenen Infos und Termine gedacht war, wurde von mir rasch in eine Art Fußballtagebuch umfunktioniert. Bereits nach einem Monat bestand mein Alltag quasi nur noch aus Fußball. Ich saugte in Kicker und Sportbild sämtliche Infos auf und kaufte mir erste Fanzines. Ich lauschte im Pausenraum im Bayerwerk den Schilderungen der Anderen und ließ immer wieder das innere Kopfkino rattern. Ich sah extremen Nachholbedarf in Sachen Hertha BSC, Union Berlin und FC Berlin (BFC Dynamo), schließlich wurde ich als geborener Ost-Berliner immer wieder gefragt, was gerade los sei in der Hauptstadt ohne Erstligisten. Immer wieder studierte ich die Statistiken der beiden Bundesliga-Vertreter Hansa Rostock und Dynamo Dresden und prüfte, was die anderen Ost-Vertreter in der 2. Bundesliga Nord und Süd auf die Beine stellen. 

Für mich konnte alles gar nicht schnell genug gehen. Am liebsten hätte ich mir auch gleich Lederhandschuhe in die Gesäßtaschen der Diesel Saddler geklemmt, doch zum einen fehlte noch die Kohle für die besagte Hose, und zum anderen sah ich schon ein, dass die Oberarme reichlich dürftig waren. Ich war zwar drahtig und schnell wie Sau, doch alles andere als eine Kante. Mit unterirdischen Klamotten hüpfte ich im Stehblock rum, konnte im Sonderzug nicht mal ne Bierflasche an irgendwelchen Kanten und geschweige ne vorgeschüttelte Büchse Hansa-Pils öffnen ohne mich vollzusauen - und was das gesamte Fußballszenario betraf, war ich wahrlich noch nen echtes Greenhorn. 

Aber wie gesagt, es konnte alles nicht schnell genug gehen. Um Frauen kennenzulernen, ging es nach Bergisch Gladbach auf Cocktailpartys und in Leverkusen-Schlebusch zur Jungen Gemeinde. Es war aber auch oll. Nur Männer im Wohnheim und in der Ausbildungsklasse! Im Gemeindesaal wurde ich ganz panisch, als erklärt wurde, dass man sich ohne Schuhe im Schneidersitz im Kreis hinsetzen solle. Oh meine Güte! Meine damaligen Schweißfüße, die in Stresssituationen gleich noch mehr zu „duften“ begannen. Nee, dat war mir ja wirklich nix. Und auf den Cocktailpartys schleppte ich damals auch keine Braut ab. Kein Wunder bei diesen Klamotten. Es sollte noch zwei, drei Jahre dauern, bis der eigene Stil gefunden war. 1991/92 kam ich indes noch etwas skurriler daher. Beim Fußball machte das aber nix. Was sich damals alles in Fußballsonderzügen tummelte - das spottete jeder Beschreibung. Da konntest du quasi alles tragen, was paar Taschen für die Bierbüchsen hatte. Außer man war halt Hool. Diese grenzten sich massiv mit ihrem Erscheinungsbild ab. Die am Arsch knackig sitzenden Markenjeans wurden in Leverkusen damals definitiv genauso weit hochgezogen wie die bei den weinroten Jungs in Berlin-Hohenschönhausen. 

Die Saison 1991/92 wurde - mal abgesehen von den späteren Überfällen in Brasilien und dem Schiffbruch auf der Nordsee im November 1999 - im Ganzen betrachtet DAS Turbojahr schlechthin. Jene Saison wurde die Initialzündung. Ich nahm - gemeinsam mit Karsten - mit Bayer 04  so ziemlich alles mit, und wenn ich alle paar Wochen daheim in Berlin zu Gast war, ging es mit alten Schulfreunden nachts in die schrägen Clubs in Mitte und Prenzelberg. Unvergessen auch, als mich der Nico - ja der von der Tour nach Frankreich - im Oktober 1991 mit in den Welli zum EHC Dynamo Berlin geschleppt hatte. Ach, scheiß auf Fußball, meinte Nico vor dem Spiel, ich müsse mal zum Eishockey gehen, das sei noch viel geiler! 2. Bundesliga gegen Grefrath. Auf den Rängen wurde damals noch geraucht - und das Ganze fühlte sich durchaus passabel an. In der Folge ging es auch in Düsseldorf und Köln zum Eishockey, wenn die Preussen und später auch die Eisbären zu Gast waren. Um die Sache rund zu machen, stiefelten Karsten und ich auch häufig in die Dopatka-Halle. Während der Basketball-Bundesliga-Alltag aufgrund der Dominanz der „Riesen vom Rhein“ eher langweilig war, brachten EC-Duelle gegen Split, CSKA Sofia und Partizan Belgrad das Herz in Schwingung. Schmerzfrei zündeten ein paar Serben, Bulgaren oder Griechen auch mal ne Fackeln auf den Rängen. 

Da mir passiver Sport nicht genügte, fuhr ich am 12. Oktober 1991 mal gleich mit zu einem Fußballturnier nach Duisburg. Insgesamt nahmen 14 Mannschaften teil - ich nehme an, es wurde von der Gewerkschaft Chemie-Papier-Keramik organisiert -, und ich lief für Leverkusen II auf. Gegner waren unter anderen Marl I, Marl II, Gelsenkirchen, Bielefeld, Köln, Bonn und Dortmund. Meine Mannschaft wurde Achter, und die Ascheplätze hatten mir keine Angst bereitet. So was war man ja als Ossi von früher gewohnt. In der Freizeit kickten wir in der Folge jede Woche auf der Anlage des SV Schlebusch und hatten es mitunter auch mit albanischen „Freunden“ aus dem Kosovo zu tun, die eine eigene Niederlage nicht wirklich auf dem Schirm hatten und auch mal handgreiflich werden konnten. In meinem Buch „Zwischen den Welten“ gibt es dazu ein eigenes Kapitel. 

Prinzipiell blieb der höchste Gang eingelegt und der Fuß quasi auf dem Fußpedal. Ich probierte es kurz, ganz kurz mit dem Basketball bei Fast Break Leverkusen, doch nach zwei, drei desaströsen Trainingseinheiten bei der dortigen B-Jugend probierte ich es etwas später in der Läufer-Leistungsgruppe der LG Bayer 04 Leverkusen. Meine Leistung hätte womöglich genügt, doch merkte ich nach wenigen Wochen, dass mir die Kumpels und die wöchentlichen Fußballsausen einfach wichtiger waren. Zwischendurch trieb ich mich auf JAV-Versammlungen und bei den Redaktionsversammlungen einer Jugend-Zeitschrift der Gewerkschaft herum. Zum einen war da ja noch die Suche nach einer passenden Frau, zum anderen durfte man kostenfrei immer wieder mal ein Wochenende nach Rurberg in der Eifel fahren. Während ich so beim mundenden Atlantik-Ale aus der Hansestadt Stralsund mit Schmackes auf die Tastatur des Laptops hämmere, kommt mir der spontane Gedanke, dass ich mal wieder nach fast drei Jahrzehnten an den Rursee fahren könnte. Wer kommt im Sommer mit? Karsten? Jan? Herr Lenke?

JAV-Versammlung im Gebäude 153 in Flittard, Aids-Theater im BayKom am 12. Dezember 1991, Zeitungs-Versammlung um 17:15 Uhr in der Leverkusener Hauptstraße, ein schwerer SPS-Test in der Ausbildung, mal wieder Cocktailparty in Bergisch-Gladbach und nicht zu vergessen das legendäre Sepultura-Konzert in der Kölner Stadthalle, wo mir fast die Ohren wegflogen und mir permanent nasse lange Haare in das Gesicht peitschten - das mündete ja fast in Stress. Am wichtigsten aber: Am 7. Dezember 1991 spielte Leverkusen gegen die SG Wattenscheid 09 und gewann mal eben vor rund 8.000 Zuschauern mit 6:1. Das im roten Notizbuch eingetragene „tolle Stimmung“ mag aus heutiger Sicht abstrus wirken, doch war die Lunte einfach gelegt.

Der Funke wanderte und wanderte - und zum Ende der Saison hin war klar: Karsten und ich hatten bereits genug gelernt - nun konnte der Blick über den Tellerrand erfolgen. Man schrieb den 2. Mai 1992, als wir uns bei der Partie 1. FC Köln vs. F.C. Hansa Rostock mit in die Gästekurve des alten Müngersdorfer Stadions gestellt hatten. Wir beide waren neugierig - ich hatte einfach Megabock auf diesen Verein aus dem Osten. Bis da was zusammenwuchs, sollte noch ein Weilchen dauern, doch gibt es im Leben keine Zufälle, sondern eher Fügungen. Mein Leben war / ist kein Puzzle mit 24 Stücken, sondern ein Zehntausender-Puzzle, an dem man locker 30 Jahre sitzen und manches Mal auch richtig schwitzen und abfeiern konnte. 

Anmerkung: Nachdem 2014 das Buch „Zwischen den Welten“ auf den Markt kam, folgte - nachdem zwischendurch fünf weitere Bücher erschienen - Ende vergangenen Jahres der 512-seitige Wälzer „Kaperfahrten - Mit der Kogge durch stürmische See“. Erhältlich ist das Buch direkt beim Herausgeber / Autor Marco Bertram. Einfach eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! senden. Weitere Infos zum Buch:

> Infos zu „Kaperfahrten“ auf turus.net

> Infos zu sämtlichen Büchern auf der Seite www-marco-bertram.de

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft, Schädel Lev, Heiko Neubert

 

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