Als das Kreuz noch funkelte: Das irre Auf und Ab von Bayer 05 / KFC Uerdingen

Als das Kreuz noch funkelte: Das irre Auf und Ab von Bayer 05 / KFC Uerdingen

 
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MB 26 Dezember 2020

„Große Frage war, wie würde Dresden auf den 2:0-Vorsprung vom Hinspiel reagieren? Mit Mauerfußball oder eigener Initiative?“, fragte der Kommentator bei der TV-Übertragung am Abend des 19. März 1986. Zwei Wochen zuvor hatten Frank Lippmann und Hans-Uwe Pilz vor 36.000 Zuschauern für den 2:0-Sieg der SG Dynamo Dresden gegen den FC Bayer 05 Uerdingen gesorgt. Gegeneinander angetreten wurde im Europapokal der Pokalsieger, der erstmals 1960/61 ausgetragen und unverständlicherweise nach der Saison 1998/99 abgeschafft wurde. Die Dresdener hatten sich mit 3:2-Sieg gegen den BFC Dynamo im FDGB-Pokal für jenen Wettbewerb qualifiziert, die Uerdingen schlugen zuvor im erstmals wieder im Berliner Olympiastadion ausgetragenen DFB-Pokalfinale den FC Bayern München mit 2:1. Nach frühem Rückstand - Dieter Hoeneß schob platziert unten rechts ein - schlug Horst Feilzer postwendend in der 9. Minute zu, in der 66. Minute sorgte Wolfgang Schäfer vor 70.398 Zuschauern für den 2:1-Siegtreffer. Was für ein satter Schuss von Feilzer, welch ein souveräne Vollendung von Schäfer! Chapeau!

Beim Hinspiel des Europapokalspiels zwischen Dynamo Dresden und Bayer 05 Uerdingen konnte man indes den Hut vor den Sachsen ziehen. Und ja, welch ein Lärm auf den prall gefüllten Rängen, als Dynamo einen Angriff fuhr! Auf schwer bespielbarem Geläuf konnte Frank Lippmann fünf Minuten nach der Pause abstauben und zum frenetisch umjubelten 1:0 im Uerdinger Gehäuse unterbringen. Lautes Raunen, als in der 60. Minute nach einem schnellen Konter der Uerdinger Schlussmann Werner Vollack zur Ecke klären konnte. Witzig, dass genau beim Schuss von Frank Lippmann etwas auf dem Bildschirm rot aufleuchtete. Eine Reflexion? Ein Blitzlicht? Mega war dann der Abschluss zum 2:0 von Hans-Uwe Pilz nach etwas über einer Stunde. Welch ein Jubel auf den Rängen! Bei solch einer spielerischen Klasse dürfte doch im Rückspiel im Grotenburg-Stadion nix anbrennen?! 

Und für Dynamo Dresden begann das Rückspiel optimal. Vor der „derby-Pulli“-Werbebande wurde der Freistoß hereingebracht, in der Gefahrenzone stand Ralf Minge bereit und köpfte nach 52 Sekunden zum 1:0 für die SG Dynamo ein. Gelutschter Drops für die Werkself aus Uerdingen? Ein erstes Mal funkelte es in der 13. Minute. Nach einer Ecke machte Wolfgang Funkel mit dem Kopf den Ausgleich klar. Eiskalt wurde die dynamische Abwehrschwäche bei hohen Bällen ausgenutzt. Gefühlt stieg Wolfgang Funkel einen Meter höher als all seine Gegenspieler. Noch ließ sich Dresden allerdings nicht lumpen. In der 35. Minute ging es fix nach vorn, Ulf Kirsten brachte den Ball von der rechten Außenbahn herein, Frank Lippmann grätschte den Ball hinter die Linie. Ganz bitter wurde es kurz vor der Pause. Rudi Bommer wurde angeschossen und bugsierte das Leder ins eigene Gehäuse. 1:3 aus Sicht der Uerdinger, es wurden nun noch fünf (!) Tore benötigt, um in die nächste Runde einzuziehen.

Wer sollte daran glauben? Nicht wenige Zuschauer griffen sich in der Pause die Sitzkissen und machten sich auf den Heimweg. Fünf Treffer gegen Dynamo Dresden, das vier DDR-Nationalspieler in den Reihen hatte? Irrsinn, oder nicht?! Bayer war nicht Bayern, auch wenn sich das ähnlich anhörte und Bayer eben diese Bayern im Jahr zuvor mit 2:1 schlagen konnte. Aber dann! Nach knapp einer Stunde pfiff der Schiedsrichter nach einem Foul an Friedhelm Funkel Elfmeter für Bayer 05 Uerdingen. Sein Bruder Wolfgang trat an und verwandelte souverän. Nur fünf Minuten später war Lárus Guðmundsson zur Stelle und köpfte in Richtung Dynamo-Tor. Der Ball wurde noch von Minge abgefälscht, plötzlich stand es nur noch 3:3.

Die folgende halbe Stunde ging in die Europapokal-Historie ein. Was für ein Heber von Wolfang Schäfer in der 66. Minute! Ebenso spektakulär war die Rettungsaktion des SGD-Spielers auf der Linie, doch der Linienrichter entschied auf Anhieb auf Tor für Uerdingen. Knifflige Sache, wenn man sich die TV-Aufzeichnungen anschaut. Sei es, wie es sei, die Rheinländer führten plötzlich mit 4:3. Dresden war nun völlig von der Rolle. Aus der Distanz vollendete der zuvor ins Spiel gekommene Dietmar Klinger in der 78. Minute zum 5:3, nur eine Minute später verwandelte Wolfgang Schäfer einen weiteren Strafstoß zum 6:3. Geballte Fäuste beim Trainer Karlheinz Feldkamp, jubelnde Zuschauer auf den Rängen. Dresden warf nun alles nach vorn, doch Uerdingen war achtsam und konnte in der 87. Minute einen schnellen Konter fahren. Wolfang Schäfer Schäfer machte im Nachsetzen den Sack zu. Mit dem 7:3-Sieg sicherte sich der eher als graue Maus bekannte FC Bayer 05 Uerdingen sein Plätzchen in der Europapokal-Historie. Fairerweise sollte jedoch erwähnt werden, dass Dynamo-Keeper Bernd Jakubowsky nach einem Foul in der ersten Hälfte nach der Pause nicht weiterspielen konnte. Für ihn kam der nicht allzu erfahrene Jens Ramme in die Partie. 

Wie es für Uerdingen weiterging? Im Halbfinale war Atlético Madrid der Gegner, der jedoch eine Nummer zu groß war. Mit 0:1 und 2:3 musste man sich geschlagen geben, im Finale überraschte indes Dynamo Kiew in Lyon mit einem überraschend deutlichen 3:0-Sieg gegen die Spanier. Das Ausscheiden von Bayer 05 Uerdingen konnte halbwegs verschmerzt werden, spielte man in der Bundesliga-Saison 1985/86 eine wirklich gute Rolle. Hinter dem Meister Bayern München und dem SV Werder Bremen wurden man Tabellendritter und qualifizierte sich nun für den UEFA-Pokal. Und wieder gab es ein grandioses Spektakel! In der ersten Runde wurde der FC Carl Zeiss Jena mit 3:0 und 4:0 weggeputzt! Während damals die BSG Stahl Brandenburg nach einem 1:1 und einem 1:0 gegen Coleraine FC in die zweite Runde einzog, guckten die Jungs aus dem Paradies nach den Klatschen gegen Uerdingen janz blöde in die Röhre. 

Uerdingen machte weiter Alarm und setzte sich nun gegen Widzew Łódź durch. Im Rückspiel war es am 5. November 1986 kein Geringerer als Oliver Bierhoff, der in der 80. Minute vor rund 15.000 Zuschauern den Treffer zum 2:0 erzielte. Neben den beiden Funkel-Brüdern sind es wohl vor allem Rudi Bommer und Stefan Kuntz, die wohl jeder Leser kennen dürfte. In der dritten Runde musste Uerdingen gegen den FC Barcelona ran. Das Hinspiel fand in der heimischen Grotenburg statt, vor 30.000 Zuschauern unterlag Uerdingen mit 0:2. Roberto und Mark Hughes hatten die beiden Tore geschossen. Bemerkenswert: Damaliger Barca-Trainer war Terry Venables, der auch Gary Lineker in der ersten Garnitur auflaufen ließ. Mit 0:2 verloren ging auch das Rückspiel.

In der Bundesliga verpasste Uerdingen 1986/87 knapp die erneute Qualifikation für den Europapokal. Mit dabei war indes der unbeliebte Konkurrent TSV Bayer 04 Leverkusen, der in genauer jener Saison für kräftig Furore sorgen und den Pott holen konnte. Bayer 05 Uerdingen wurde indes in den kommenden Spielzeiten wieder eher eine graue Maus, die in Mittelfeld und unterer Hälfte kickte. 1989/90 wurde die Klasse denkbar knapp gehalten, in der Saison darauf musste der Weg in die 2. Bundesliga angetreten werden. Jedoch gelang auf Anhieb die Wiederkehr ins Fußballoberhaus, sodass ich persönlich in den Genuss kam, die Bayer-Duelle zwischen Leverkusen und Uerdingen live vor Ort zu verfolgen. So war ich mit Kumpel Karsten am 2. Oktober 1992 mit dabei in der Gästekurve der Grotenburg und musste mit ansehen, wie sich Leverkusen mächtig blamierte und mit 1:2 als Verlierer vom Rasen ging. Wie der Zufall es wollte, war ich auch am 4. Juni 1994 vor Ort in der Grotenburg, als Uerdingen in der 2. Bundesliga die Jungs von Hertha BSC empfing. Das 0:0 genügte den Uerdingern für den Aufstieg und den Berlinern zum Klassenerhalt. Diesen wussten über 1.000 angereiste Hertha-Fans zu feiern. Und ach ja, damaliger Trainer des FC Bayer 05 Uerdingen war Friedhelm Funkel, der gefühlt - ähnlich wie Trainerlegende Hans Meyer - über Jahrzehnte hinweg immer genauso aussah.

Nachdem am besagten Junitag 1994 die Uerdinger noch einmal aufstiegen, sollten noch zwei Jahre in der 1. Bundesliga folgen. Bereits am Ende der Saison 1994/95 trennte sich die Bayer AG von dem Verein, der sich in der Folge in KFC Uerdingen 05 umbenannte und nun ein neues Wappen trug. Man schrieb das Jahr 1953, als sich der 1905 als FC Uerdingen 05 gegründete Verein der Betriebssportgruppe des Chemiekonzerns anschloss. 1971 erfolgte der Aufstieg in die Regionalliga West, 1975 durfte der erstmalige Aufstieg in die 1. Bundesliga gefeiert werden. Ohne die Bayer AG im Rücken, die in der Folge ganz allein der Werkself in Leverkusen die volle Aufmerksamkeit widmen wollte, wurde es für Uerdingen in der Spielzeit 1995/96 verdammt schwer. Mit gerade einmal fünf Siegen stieg man als Tabellenletzter ab. Der stete Absturz war nicht mehr aufzuhalten. 1999 ging es runter in die Regionalliga, 2005 musste der bittere Abstieg in die Oberliga Nordrhein hingenommen werden. 

Das Ende der Fahnenstange? Noch nicht! 2008 ging es sogar runter in die Verbandsliga Niederrhein. Es folgten drei Jahre in der Verbandsliga. Für Schlagzeilen wurde trotzdem gesorgt. So gab Anfang Dezember 2009 der 2007 eingestiegene Vorsitzende Agissilaos „Lakis“ Kourkoudialos die Verpflichtung von Aílton bekannt, zudem wurden gleich noch Erhan Albayrak und Ersan Tekkan geholt. Die Rückkehr in die Oberliga gelang indes am Ende der Saison 2010/11. Uerdingen war dabei in der neu geschaffenen NRW-Liga und konnte am Ende jener Spielzeit als Tabellenachter an der Aufstiegsrunde zur Regionalliga teilnehmen, musste sich jedoch dem FC Kray geschlagen geben. Im Jahr darauf erfolgte der Sprung in die Regionalliga, nach einem Rückschlag in Form einer weiteren Saison in der Oberliga (2015/16) ging es auf direktem Wege hoch in Liga drei. 

Die Uerdinger waren zurück im Profifußball! Allerdings durfte fortan nicht in der Grotenburg, sondern nur im Exil gespielt werden. Nach einer Saison in Duisburg wurde in die Düsseldorfer Arena umgezogen. Exil-Spiele in einem viel zu großen Stadion, die Corona-Krise und nun auch noch der jüngst von Ponomarew angekündigte Ausstieg spätestens zum Saisonende. Wie es weiter gehen wird, steht komplett in den Sternen. Die Sanierung der Grotenburg wurde kurzerhand gestoppt, die Außendarstellung des Vereins wird von zahlreichen Fans kritisiert, die Schlagzeilen von nicht gezahlten Rechnungen machten kürzlich die Runde. 

Schade eigentlich, denn nicht wenige Fußballfreunde hätten sich in naher Zukunft Drittligafußball im Grotenburg-Stadion gewünscht. Wurde früher in den 90ern das Stadion noch müde belächelt, so wüsste man nun seine Vorzüge zu schätzen. Old School bester Güter. Hin da mit Rot-Weiss Essen (der Aufstieg dürfte ja endlich mal gelingen) - hin da mit dem F.C. Hansa Rostock (sollte es mit dem möglichen Aufstieg in die 2. Bundesliga nicht klappen). Das wären Fußballfeste, bei denen man mit der Zunge schnalzen würde. So aber steht alles in den Sternen. 

Die Frage ist ja auch, wann überhaupt wieder beim Fußball Zuschauer zugelassen werden. Für uns war kürzlich D. Staude als Medienvertreter zu Gast beim Duell SG Dynamo Dresden vs. KFC Uerdingen 05. Eigentlich sollte es einen separaten Bericht über jene Drittligapartie geben, doch ein 0:0 vor null Zuschauern würde gewiss keine Leser hinter dem Ofen hervorlocken können. So war die Idee, mal einen Blick auf die Historie des Vereins zu werfen. Hoffen wir, dass es nicht wieder einen derben Absturz wie nach dem Ausstieg der Bayer AG Mitte der 90er geben wird…

Fotos: Marco Bertram, D. Staude, K. Hoeft, Heiko Neubert

> zur turus-Fotostrecke: KFC Uerdingen 05

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