Erinnerungen an die kalte Jahreszeit – Kołobrzeg gegen Gryf Słupsk anno 2012

Erinnerungen an die kalte Jahreszeit – Kołobrzeg gegen Gryf Słupsk anno 2012

 
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M 07 November 2020

Der Ball ruht in Deutschland, in Polen kann man höchstens nur noch durch den Zaun ein Blick auf das Spielfeld erhaschen. Es kommt wieder die Zeit der Rückblicke, ehe sich hoffentlich mal wieder die Zeiten ändern. Ich gehe mal ins Jahr 2012 zurück. Die polnischen Kibice mussten ziemlich viel aushalten. Erst die EM mit all den Repressalien, dann wurde das Land weiterhin von PO geführt, unter welcher ziemlich stark gegen Fans vorgegangen wurde. Die Vorfreude auf dieses Spiel zwischen Kotwica Kołobrzeg und Gryf Słupsk in Liga 3 war jedenfalls dennoch groß. Schon seit Wochen hatte Gryf zu diesem Spiel aufgerufen. Im Hinterkopf hatte ich noch das Spiel von damals, als beim Spiel in Słupsk beide Seiten ordentlich zündeten. Nur eine Saison später gab es sogar kleine Randale mit Ausflug über den Platz. Randale und Rennereien hatte es bis dahin seit Gryf-Lębork im Jahr 2006 nicht mehr an der ulica Zielona gegeben und das Spiel liegt ja nun auch schon einige Jahre zurück.

Zwischendurch zog sich Kotwica auch mal freiwillig in die niedere Spielklasse zurück, da das Stadion für den höherklassigen Sport einige Mängel aufwies. Lange spielten sie auch auf dem KR-Platz nebenan. Bei diesem Spiel spielten sie nun aber wieder ganz normal in ihrem „Wohnzimmer“, welches aber jetzt ganz anders aussieht. Mit dem alten Stadion hat es leider gar nichts mehr gemeinsam. Auf beiden Seiten steht eine moderne Tribüne. An dem einen Ende gibt es einen Käfig. Natürlich findet man auch an jeder Ecke Kameras. Ich machte mich zeitig auf den Weg, und Erkältung, die am Morgen begann, sowie ekliges Herbstwetter vermiesten doch schon etwas die Stimmung. Als mich dann noch in Szczecin die Info erreichte, dass kurz vor der Fahrt die Woiwodschaft die Busfahrt verboten hatte, obwohl die Polizei schon zwei Wochen vorher eine Namensliste bekam, war die Enttäuschung perfekt. Kalte Füße, schmerzender Hals und draußen Dreckswetter. Wunderbar! Es ist halt Herbst! Die Bimmelbahn tuckerte durch Vor- und Westpommern: Greifswald – Pasewalk – Szczecin - Kołobrzeg. 

Das Zeitpolster in Kołobrzeg war auch nicht schlecht. Ein Bade- und Kurort im Herbst/Winter ist natürlich wie ausgestorben. Das Gute daran ist, dass einem zu dieser Zeit dann am Kantor das polnische Geld geradezu hinterher geschmissen wird. Ein sensationeller Tauschkurs war’s damals. Heute, 2020, steht er ja noch wesentlich besser mit aktuell 1 zu 4,68 zł. Was für Zeiten! Da hatte nicht einmal irgendein Restaurant geöffnet, sodass es mich zum Stadion und zur Gaststätte der Basketballarena/Schwimmhalle zog. Nachdem es zwei Speisen nicht gab, zauberte man mir wenigstens noch ein paar Eierkuchen. Und dann rüber zum Stadion mit noch immer ausreichend Zeit. 

Der Ticketkauf kann kaum beschissener sein. Gegen Geld und Daten erhält man einen Kassenbon, der am Eingang das Drehkreuz öffnet. Für Sammler natürlich ein riesiges Problem, da sich der Mist nicht ewig hält. Dann kam die Info, dass Gryf es doch versucht hat und auf dem Weg sei, aber nun von der Staatsmacht aufgehalten wurde. Wenigstens sammelte sich ein kleiner Haufen Fans im Heimsektor und bereitete Choreo-Material vor, um es ein paar Minuten wieder wegzuschaffen. Orrrr neee, der Supergau. Am Zaun erschien dann auch nur ein „Fußballfür die Fans“-Banner. Beim nächsten Mal bleibste echt zu Hause und ziehst dir nicht solch einen Schund rein, dachte ich mir. Aber so langsam füllte sich der Heimblock. 120 kibice. Passt schon! Leider nur wenig Potenzial.

Und dann tauchte das Himmelfahrtskommando aus Stolp doch noch auf!!! Von der Polizei eskortiert und auf einen Parkplatz 200 m entfernt vom Stadion gebracht. Und sie sangen ihre Lieder, allen voran „Jestesmy zawsze tam, dzie nasz Gryf KS gra“ (Wir sind überall dort, wo Gryf ist.). Nie hat’s besser gepasst als heute. Unvorstellbar wie Verband/Woiwodschaft so eine Fahrt versauen können. Dort existiert ein super-moderner Gästeblock an einer Stelle, wo früher nur ein Maschendrahtzaun den Rest der Stadionbesucher von den Grobianen abhielt. Nach gut 10 Minuten packten die ca. 60 Gäste ein und liefen noch gemütlich für ein Foto zum Strand und hatten dabei noch Spaß mit Einheimischen. Im Stadion holte Kotwica tatsächlich noch eine vernünftige Zaunfahne heraus (die, die 2013 beim Derby gegen Gwardia halb abgefackelt wurde) und präsentiert dazu kurz 8 Stoffbahnen in ihren Farben. 

Wer an diesem Wochenende das Spiel Gwardia – Pogon II wählte, griff noch mehr in die Tonne, denn es wurde komplett unter Ausschluss ausgetragen. Ordentlich angeschlagen quälte ich mich bis nach Angermünde, übernachtete und war wenige Stunden später wieder beim Auswärtsspiel von Blau Weiß bei Eintracht Mahlsdorf mit von der Partie! Danach hatte ich mir aber eine Woche Erkältung verdient und sogar zwei Tage an der Uni gefehlt.

Fotos: Michael

 

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