Der Abschied vom Jahn-Sportpark? Gemischte Gefühle beim grandiosen 3:0 des BFC

Der Abschied vom Jahn-Sportpark? Gemischte Gefühle beim grandiosen 3:0 des BFC

 
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MB 30 Oktober 2020

Während ich am Mittwochabend allein die dunkle Schönhauser Allee entlanglief, überlegte ich, wann genau ich mein erstes Fußballspiel im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark gesehen hatte. Mir dämmert, dass ich zu DDR-Zeiten dort einmal an einem BZA-Lauf teilgenommen hatte, doch ganz sicher bin ich mir nicht. Ein dortiges Fußballspiel hatte ich auf jeden Fall nicht vor dem Fall der Mauer bestaunen dürfen, denn meine Eltern hatten ein mehr als deutliches Veto eingelegt, was die Besuche von etwaigen DDR-Oberliga-Spielen und FDGB-Pokal-Partien betraf. Nix mit BFC oder Union. Ich hatte als Kind und als Jugendlicher schlichtweg eine zu große Klappe. Ich eckte an, wo es nur ging. Ich schrieb heimlich ein systemkritisches Gedicht, das von unserer Russischlehrerin entdeckt wurde. Ich musste im Direktorenzimmer antanzen, und zwei Stasi-Typen warteten bereits. Es blieb bei einer mündlichen Verwarnung. Heimlich ging ich ab meinem 15. Geburtstag in die US-Botschaft in der Neustädtischen Kirchstraße, um die frei zugängliche Bibliothek zu besuchen und um - wichtiger noch - den draußen stehenden Volkspolizisten den Mittelfinger zu zeigen. Gedanklich versteht sich. An der nächsten Ecke stand wieder die Stasi und fragte mich aus. Ich war nen heißer Anwärter für den Jugendwerkhof, kriegte aber immer noch geradeso die Kurve.

Hinzu kam, dass in mir das „Bambule-Gen“ steckte. Ich war wirklich für jeden Scheiß zu haben und sprengte mit meinen Kumpels immer wieder die eher dröge Christenlehre und später den Konfirmandenunterricht. Ich erschreckte nachts alte Omis, klaute Busblinker von den Ikarus-Bussen und spielte gern auf dem Acker wilde Sau. Ich konnte zwar zu Hause den Schalter umlegen und das liebste Kind bei Tisch sein, wenn die Verwandten kamen, doch meine Eltern waren ja nicht blöde und kannten ihren Sohnemann zu gut. Kurzum: Fußballverbot! Erwischt dich dort die VoPo und kassiert dich ein, kannste gleich ins Kinderheim gehen! So in etwa lautete die Ansage. Nur diskreter formuliert…

Und während ich vorgestern so die Schönhauser entlang flanierte, schoss es mir durch den Kopf. Alter Schalter! Nun wird mir - wird uns allen - wieder Fußball verboten. Von janz, janz oben. Das hätte ich im Leben nicht gedacht, dass es mal eines Tages so kommen könnte. Aber dazu später noch mal mehr. Was war denn nun mein erstes Fußballspiel im JSP? Die Frage erschien plötzlich äußerst spannend, denn es könnte ja sein, dass das Heimspiel gegen den SV Lichtenberg 47 das allerletzte Spiel in dieser altehrwürdigen Sportstätte sein könnte. Gegen Lichtenberg! Dort, wo ich einst im August 1973 im Oskar-Ziethen-Krankenhaus geboren wurde. Was das erste Spiel betrifft, so muss es entweder 1993 oder 1994 gewesen sein. Erstaunlich spät. Hatte ich doch von 1990 bis zu jenem Zeitpunkt wirklich extrem viele Fußballspiele gesehen. Allerdings wohnte ich in jener Zeit gerade im Rheinland und war in Berlin meist nur in den Ferien und an den Wochenenden zu Gast. Ein Kandidat könnte ein Spiel gegen die Amateure von Hertha BSC sein. Kurioserweise war es offiziell ein Auswärtsspiel. Der FC Berlin verlor mit 2:6, und die BFC-Fans standen unter der alten Anzeigetafel, die sich damals noch auf der anderen Seite befand. 

In den folgenden 26 oder 27 Jahren folgten zahlreiche weitere Spiele. Und es war der eine oder andere Knaller dabei. Meist waren es Partien des BFC Dynamo, doch mitunter gab es auch eine Perle wie der Auftritt der Fans von Bröndby IF beim Europapokalspiel bei Hertha. Den größten und geilsten Jubel hatte ich 2011 erlebt, als der BFC Dynamo nach 0:1-Rückstand bei echtem Pisswetter das Pokalspiel noch drehen konnte. Firat Karaduman machte in der 90. Minute den Ausgleich klar und es gab wirklich kein Halten mehr. Meine Atze brach sich fast eine Rippe und einige fanden sich ein paar Reihen weiter unten wieder. Geilomat! Gänsehaut! Ein Jubel wie von Sinnen. 

Nun also das Heimspiel gegen die 47er, und ich hatte das Glück, mit nach ganz oben genommen zu werden. Aus erhöhter Position fertigte ich mit der 500-mm-Kanone die vielleicht letzten Fotos in diesem Stadion an. Also genauer gesagt, von einem Fußballspiel vor Zuschauern. Ja, es kann gut sein, dass die Betriebserlaubnis Anfang 2021 doch noch einmal verlängert wird. In Berlin ist halt alles möglich. Aber wenn der Amtsschimmel die Hufe hebt und richtig wiehert, kann halt wirklich Schluss sein. Die dort ansässigen Verein müssen dann an andere Stelle ihre kommenden Heimspiele austragen. Sportforum, Poststadion, Amateurstadion - wo auch immer. Noch steht ja einiges - wie so vieles - in den Sternen.

Eigentlich müsste heute die Gegengerade noch einmal brennen, murmelte ich beim Bierchen zu meinem "bärigen" Sitznachbarn. Jetzt oder nie. 1966 Fackeln. Aber nein, es brannte nichts. Also schon, die Mannschaft auf dem Platz! Angefeuert vom aktiven Kern der Ultras BFC und der Fraktion H zeigten die BFC-Spieler eine wirklich 1a Partie. Und der Gegner war ja nicht irgendwer. Schließlich gewannen die Lichtenberger zuvor daheim gegen den 1. FC Lokomotive Leipzig mit 3:2 und sind in der Regionalliga Nordost sportlich stabil dabei. Vor rund 800 Zuschauern ging es flott voran, und nach exzellentem Zuspiel aus der Tiefe enteilte Lucas Brumme nach neun Minuten seinem Gegenspieler und brachte den Ball von schräg rechts im Gehäuse der 47er unter. Wer sich die Tore online anschauen möchte, dem sei der Zusammenschnitt des „Marzahner51“ auf YouTube zu empfehlen. Laut hallte das Dynamo durch das weite Rund, und Lucas Brumme ließ sich zurecht von seinen Mitspielern feiern. 

Bitteres geschah indes nach einer Viertelstunde. Außerhalb des Strafraums prallte BFC-Keeper Kevin Sommer mit einem Gegenspieler zusammen und blieb verletzt liegen. Für ihn kam Damian Schobert ins Spiel, und wie sich später herausstellen sollte, hatte sich Kevin Sommer mehrere Rippen gebrochen. Gute Besserung an dieser Stelle! Nichts anbrennen ließ jedoch auch Damian Schobert, der mehrere gute Aktionen zeigte und den Kasten sauber hielt. Weitere Tore gab es nur auf der Heimseite zu sehen. Nach exakt einer halben Stunde tanzte Lucas Brumme gleich mehrere Gegenspieler aus und brachte anschließend den Ball platziert unter. Keine Frage, dieser Spieler hat wirklich Format!

In der zweiten Halbzeit wurde es auf der Gegengerade kurzzeitig unruhig. Ein Zuschauer wollte wohl „Gegen die Wand“ spielen, nervte die um ihn sitzenden BFC-Fans und versuchte - so wurde es mir übermittelt - einen Schal der Ultras zu ziehen. Klingt abstrus? Wohl wahr! Der Typ und sein Kumpane wurden von den Ordnern rausgeführt, und an einem Durchgang gab es ein kurzes Getümmel. Gut möglich, dass es noch rasch etwas Backenfutter gab. Auf dem Rasen blieb der BFC Dynamo am Drücker, und den Schlusspunkt des Abends setzte Benjamin Förster in der 85. Minute. Trocken oben rein - 3:0 der Endstand!

Abpfiff und ein mulmiges, melancholisches Gefühl. Die Ultras BFC hielten nun ein Spruchband hoch „Auch in den Zeiten ohne uns sind wir immer für Euch da!“, und die Mannschaft lief geschlossen zur Gegengerade. Noch war ja nicht ganz klar, wie es konkret weiter gehen würde. Spiele ohne Zuschauer? Eine Unterbrechung des Spielbetriebs? Womit man nicht wirklich rechnen konnte war der Fakt, dass vielerorts ab dem 2. November sogar das Training untersagt ist. Aber wie gesagt, wir sprechen vom Amateurfußball, zu dem offiziell auch die Regionalligen gehören. Bei den Profis wird dann weiter trainiert, und vor leeren Rängen darf weiter gespielt werden. 

Wer soll das alles verstehen und nach vollziehen können?! Es ist schon verständlich, dass die Zeit für volle Kneipen erst einmal wieder vorbei ist, aber das Training unter dem freien Himmel? In Berlin dürfen wohl ab kommende Woche immerhin Kinder bis zum Alter von 12 Jahren in kleinen Gruppen trainieren. Jugendliche und Erwachsene schauen indes in die Röhre. Geh doch einfach mal allein eine Runde joggen, der Individualsport an frischer Luft ist ja schließlich erlaubt. Erzähl das mal deinem Kind! Du bist 13 - geh doch mal in Neukölln im Dunkeln ne Runde joggen nach der Schule! Das ist mehr als verrückt und sorgte dafür, dass ich gestern gar keinen Bericht schreiben konnte. So wütend und aufgebracht war ich. Wenn wirklich eines noch funktionieren sollte, dann der Sport. In welcher Form auch immer. Mit Maske in die Umkleide. Duschen zu Hause. Im Trainingsanzug direkt zum Sportplatz. Es ist doch alles möglich. Bestimmungen und Regeln gab es doch zuletzt bereits genügend - und beim Sport wurden diese größtenteils mustergültig eingehalten. Ganz anders als in manch einer Schule oder U-Bahn.

Jetzt gerade in der nasskalten Jahreszeit sind neben einer gesunden Ernährung die Bewegung und der Sport das A und O. Das kann man nicht oft genug betonen. Zu Hause bleiben ist keine Lösung. Ich spreche jetzt nicht davon, in Kneipen oder in überfüllte Hallen zu rammeln. Ich spreche vom Training von Millionen Menschen hierzulande. In welcher Sportart auch immer. Was ist das Problem unter Einhaltung der Regeln in einer großen Halle zu zweit Tennis zu spielen? Das muss mir echt mal einer erklären. Oder auch Schwimmen mit den nötigen Abständen. Wenn es nötig ist, alles zu schließen, dann bitte schön auch alles. Schulen, Kitas, und und und. Ach neee, jetzt rege ich mich wieder auf. Schließen wir besser den Kreis und kehren zum Jahn-Sportpark zurück. Noch einmal schweifte der Blick über das beleuchtete Rund. Vielleicht sieht man sich doch 2021 wieder - aber trotzdem sage ich schon einmal Tschüß. Ich erlebte massig triste Spiele im JSP, aber auch viele grandiose Spiele. Karaduman, deine beiden Tore bleiben wirklich unvergessen! Das war der Hammer. Denke ich an den Jahn-Sportpark am Abend - dann denke ich an diese geilen Tore! Bleibt alle gesund! Bewegt Euch! Bleibt fit! Sport frei!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: BFC Dynamo

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Das hässlichste Stadion von all denen die ich kenne hat seine Zukunft endlich hinter sich. Es kann nur besser werden

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Statt Fragezeichen sollten es Smilies sein...

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???
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