Frauenfußball in Weida sorgt für Furore (und hitzige Diskussionen)

Frauenfußball in Weida sorgt für Furore (und hitzige Diskussionen)

 
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R 16 Oktober 2020

Trostlos ist es geworden im Thüringer Fußball. In jeglicher Hinsicht. Besonders deutlich wird das daran, dass die einstigen Aushängeschilder, der FC Carl Zeiss Jena und der FC Rot Weiß Erfurt, derzeit in der 4. bzw. 5. Liga aktiv sind. Das Aushängeschild in Sachen Frauenfußball, der FF USV Jena ist in der vergangenen Saison mit 4 Punkten und einem Torverhältnis von 15:77 sang- und klanglos aus der 1. Bundesliga abgestiegen. Generell sieht es im Frauen- und Mädchenfußball im Freistaat alles andere als rosig aus. Erst zu Beginn der neuen Saison wurde die Landesklasse als unterste Großfeld-Spielklasse (zuletzt drei Staffeln á 6 bzw. 7 Mannschaften) aufgelöst. 

Die wenigen verbleibenden Mannschaften teilen sich jetzt auf zwei Verbandsliga-Staffeln mit je 9 Mannschaften auf. Im vergangenen Jahr war diese Liga nach dem Rückzug des Weimarer FFC mit stolzen vier (!) Mannschaften besetzt. Mit dem ZFC Meuslwitz und dem FFC Gera haben sogar zwei Mannschaften dem TFV in Sachen Spielbetrieb den Rücken gekehrt und sind aktuell in Sachsen bzw. Sachsen-Anhalt aktiv.

Mitten in dieser für den Thüringer Fußball wirklich trostlosen Zeit, in der es vor allem im Frauenfußball immer schwieriger wird, die Ligen überhaupt in einem sportlich sinnvollen Maß zu füllen, wurde beim FC Thüringen Weida etwas auf die Beine gestellt, was im gesamten Bundesland seinesgleichen sucht. Im Juni wurde ins Auge gefasst, eine neue Frauenmannschaft ins Leben zu rufen. Beim ersten Training wurden sämtliche Erwartungen übertroffen, als plötzlich 18 Mädels auf dem Platz standen. Seitdem hat sich die Zahl kontinuierlich erhöht, sodass der Kader aktuell um die 30 Spielerinnen umfasst. Von der ehemaligen Regionalligaspielerin bis hin zur 15-Jährigen, die das erste Mal mit dem Fußball in Kontakt kommt, hat man es in Weida geschafft, fußballbegeisterten Mädchen und Frauen aus dem gesamten Ostthüringer Raum eine Plattform, eine sportliche Heimat zu geben.

Man sollte also meinen, dass der Verband und auch der Frauenfußball im Land Thüringen froh sein sollten über das, was dort in Weida aufgebaut wird. Doch statt Anerkennung und Schulterklopfern gab es für den Verein zuletzt eine Geldstrafe vom Verband. Zudem muss man die Kosten für einen Spielbeobachter tragen, welcher sich in den nächsten beiden Heimspielen ein Bild von den Fans machen soll. Mit der Frage, wie es dazu kommen konnte, sind wir dann also auch endlich beim Hintergrund des Titels angekommen. Explizit ging es hier um Fehlverhalten der Fans bei einem Heimspiel.

Fehlverhalten der Fans? Beim Frauenfußball?

Neben der nicht erwarteten hohen Zahl an Spielerinnen war vor allem der Zuschauerzuspruch enorm. So staunte man nicht schlecht, als man zum ersten Heimspiel ca. 150 Zuschauer begrüßen konnte. Diese Zahl konnte in den ersten Ligaspielen getoppt werden, wobei man beim Spiel gegen Jena letztendlich sogar 417 Zuschauer zählte. Damit ist man in Sachen Zuschauerzahlen auf Anhieb zur unangefochtenen Spitze der Liga aufgestiegen. Und mittendrin befindet sich mit der Szene W eine Gruppe, die sich den lautstarken Support der Mädels auf die Fahnen geschrieben hat und auch optisch mit diversen Aktionen immer wieder präsent ist. Wenn dann mal wieder "Super Jule! Super Jule! Hey! Hey!" über den Platz schallt, dann hat die Torfrau mal wieder in überragender Manier einen Gegentreffer verhindert. Oder wenn mit "Wir wollen den Kampfdutt sehen!" die Nummer 16 aufgefordert wird, endlich mal den Turbo einzulegen, dann pusht das nicht nur die Spielerinnen auf dem Platz, sondern sorgt auch bei dem einen oder anderen neutralen Zuschauer zumindest für ein Schmunzeln.

Vor allem aber wird die Mannschaft unterstützt und gefeiert. Das ist gerade jetzt so wichtig, wo man – so hart es auch klingen mag – noch ein wenig die Schießbude der Liga ist. Egal, ob es der Führungstreffer zum 1:0 ist oder der Anschlusstreffer zum 3:6. Auf den Rängen wird jeder Treffer bejubelt, als wäre es der Siegtreffer in der 92. Minute. Auch nach dem Spiel, egal ob 1:1 oder 0:12 wird die Mannschaft gefeiert, wie nach einem Sieg. Alles in Allem eine Stimmung, um die man wahrscheinlich nicht nur unter den Frauenmannschaften in der Region beneidet wird.

Apropos beneidet. Vielleicht ist das ja der Grund, warum es überhaupt zu diversen Anschuldigungen gekommen ist. Vielleicht ist es aber auch die Enttäuschung darüber, dass man bei der Schießbude der Liga trotz Elfmeter beim Stand von 1:1 nicht über ein Unentschieden hinausgekommen ist. Alles Spekulation.

Im betreffenden Spiel war von Anfang an Feuer drin. Warum, weiß bis heute niemand so wirklich. Fakt ist aber auch, dass Schlichtungsversuche und Gesprächsangebote, die von Weidaer Seite noch während des Spiels gemacht wurden, ausgeschlagen wurden. Als Außenstehendem, der seine Augen nicht immer nur auf den Ball richtet, fielen einem die zahlreichen Scharmützel abseits das Balles auf, mit denen die Gäste vor allem die scheinbar jüngeren Spielerinnen das gesamte Spiel über provozierten. Da wurde da mal geschubst, hier mal getreten, dort mal das eine oder andere Wort abgelassen.

Alles kein Problem, sollte man meinen. Alles nicht schön, aber wenn man ehrlich ist, gehört das eben dazu. Wichtig ist, dass man sich nach dem Spiel die Hand gibt und sich noch in die Augen sehen kann. Witzig wird es nur dann, wenn man bei ständigem Austeilen nicht auch selbst einstecken kann und dann bei der kleinsten Gegenwehr sofort zum Schiedsrichter rennt.

Dass das Ganze auch den Zuschauern draußen nicht entgangen ist, dürfte sich von selbst erklären. Kleiner Tipp an der Stelle: Einfach mal ein Spiel selbst als Zuschauer verfolgen. Dann dürfte man relativ schnell mitbekommen, dass man als Zuschauer deutlich mehr sieht als der Schiedsrichter.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass zwei Weidaer Spielerinnen nach hartem Einsteigen der Gegenspielerinnen verletzt ausgewechselt werden mussten, eine davon wird zumindest in diesem Jahr aufgrund einer Knieverletzung kein Spiel mehr bestreiten. Dass dann in Verbindung mit der eh schon aufgeheizten Stimmung sowohl auf, als auch neben dem Platz die Stimmung hochkocht, sollte doch absolut verständlich sein. Das nennt man "Emotionen", und die gehören letztendlich zum Fußball dazu.

Dass dann vielleicht auch mal das eine oder andere Wort fällt, ist nicht schön und wird sicher aufzuarbeiten sein. Dennoch sollte auch hier der Grundsatz "Wer austeilt, muss auch einstecken können!" gelten. Stattdessen trägt man beim Verband neben den wirklich nicht wegzudiskutierenden Vorfällen auch haltlose Vorwürfe vor, die nur die Spitze des Eisbergs darstellen und vergisst so ganz nebenbei auch einfach mal, das eigene Fehlverhalten zu reflektieren. Denn auch wenn man krampfhaft versucht, andere Mannschaften auf seine Seite zu ziehen, ist es schon seltsam, dass es solch ein Verhalten und insbesondere Vorwürfe dieser Art bisher ausschließlich von der Mannschaft gab, die die Heimreise vom Roten Hügel nicht als Sieger antreten konnte.

Es bleibt abzuwarten, ob man beim FC Thüringen Weida weiterhin nur einstecken wird oder ob man sich dort aufgrund der TFV-Entscheidung dazu durchringt, auch mal auszuteilen. Chancen dazu hätte es bei den bisherigen Auswärtsspielen auf jeden Fall gegeben. Aber das ist auch nicht der Weg. Wenn man mit all dem nicht umgehen kann, sollte man sich eventuell Gedanken machen, ob man mit dem Fußball die richtige Freizeitbeschäftigung für sich gefunden hat.

Generell entsteht hier jedoch der Eindruck, dass da versucht wird, einen Emporkömmling kleinzuhalten. Als könnte es nicht angehen, dass die bestehenden Mannschaften, Jahr für Jahr mit Personalproblemen und mangelndem Zuschauerinteresse zu kämpfen haben und dann ein neues Team um die Ecke kommt, das solch einen Zuspruch, sowohl von Spielerinnen als auch Fans, erhält.

Abschließend kann ich für meinen Teil nur sagen, dass die Antworten der Mädels aus der Osterburgstadt hoffentlich spätestens in der Rückrunde auf dem Rasen folgen.

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind und sich zusammen mit dem Beobachter vom Verband ein eigenes Bild von der Situation vor Ort machen wollen: Das nächste Heimspiel findet am Sonntag, den 29.11.2020 um 14:00 Uhr in Weida statt. 

Bericht: Charlotta 65

Fotos: Thomas Gorlt (FB-Seite von Thomas)

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@K

Warum sollte man damit vorsichtig sein? Dass es unter den Tisch gekehrt wird ist meines Erachtens nach viel verwerflicher. Zumal es dem Verein (Weida) mehrfach zugetragen wurde.
Geändert hat sich ja scheinbar nichts.
Was in Weida fußballerisch auf die Beine gestellt wird ist große Klasse. Aber diese Art von „Fans“ hat in keinem einzigen Sport etwas zu suchen. Das macht die ganze gute Vereinsarbeit einfach wieder kaputt.

Z
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@ZE: Vorsicht mit solchen Äußerungen. Einfach so was in den Raum stellen.

K
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Naja...

Ich war selbst Zuschauer im ersten saisonspiel. Was dort teilweise von den weidaer „Fans“ gerufen wurde ging einfach gar nicht. Da wurden Spielerinnen als juden beschimpft, dem Schiedsrichter nahe gelegt doch vorm nächsten Spiel mal zu f**** und noch krassere Sachen.
Support für die weidaer Mädels? Gern. Aber so was geht gar nicht. Da braucht man sich auch echt nicht wundern dass die Stimmung auf dem Platz dann hitziger wird. Wer bleibt bitte ruhig wenn man sich 90 Minuten lang solchen Beleidigungen aussetzen muss?
Und dass es jetzt auch wieder passiert... müsste der Verein halt auch mal durchgreifen. Aber scheint ihnen ja zu gefallen wie sich die Fans benehmen.

ZE
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F
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Es ist doch bitter, dass der Gegner rumheult und anscheißt. Und dann eine Strafe vom Verband und ein Spielbeobachter. Lächerlich.

U
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