Lok Stendal vs. Hansa Rostock Amateure: Ein Fußballfest wie zu alten Zeiten

Lok Stendal vs. Hansa Rostock Amateure: Ein Fußballfest wie zu alten Zeiten

 
5.0 (8)
MB 21 September 2020

Der Leipziger Hauptbahnhof war vor allem zu DDR-Zeiten ein großer Konzertsaal für Fußballfans. Und die Transportpolizisten (Trapo) waren mit ihren Schlagstöcken die Dirigenten. Quasi die Karajane des DDR-Fußballs. Was hallte es einst durch die beiden Eingangshallen, wenn Fußballfans ein brachiales „Hurra, hurra … ist wieder da!!!“ anstimmten. Woche für Woche stiegen auf dem Leipziger Hauptbahnhof die verschiedensten Fans um, kehrten noch rasch in die Mitropa ein, um ein gelbes Brausewasser zu zischen, und gammelten in den Ecken rum, um morgens den ersten Anschlusszug nach XY zu nehmen. Welcher Ort bot sich also besser an für ein Interview als dieser legendäre Bahnhof in der Messestadt. Samstagvormittag ging es mit dem ICE von Berlin aus nach Leipzig, und die verbleibende Wartezeit wurde sich in dem alten Preußischen Saal vertrieben.

Herrlich! Inzwischen ist es in diesem wieder möglich einen Espresso zu schlürfen und all die Details des einstigen Wartesaals zu bewundern. Das uralte Parkett, die alten grauen länglichen DDR-Lautsprecher an der Wand, die Kronleuchter, die dunkle Wandtäfelung. Heiko Neubert - den meisten bekannt von der „Fankogge“ - verfasste vor wenigen Wochen einen FB-Beitrag, und unter diesem ergänzten weitere Hansa-Fans Erinnerungsbruchstücke an diesen Bahnhof. Geilomat! Das muss mit rein ins aktuell in Arbeit befindliche Hansa-Buch. Die Trapo als Karajane des DDR-Fußballs - einfach mega. Nun ist der 504-seitige Wälzer fast fertig - das Interview in Leipzig mit zwei alten Haudegen bildete den Abschluss. Sozusagen ein echtes Sahnehäubchen. Noch wird nix verraten…

Am gestrigen Nachmittag bot es sich einfach 1a an, mit einer Sause nach Stendal nahtlos anzuknüpfen. Wenn schon, denn schon - ein richtiges blau-weiß-rotes Wochenende wie es sich gehört. Zum einen bot der letzte Ausflug nach Stendal im April 2019 einen sehr hohen Unterhaltungsfaktor, zum anderen munkelte man, dass es dieses Mal sehr nett werden könnte. Immerhin wurde sogar ein Fanbus gebucht, der sich von Rostock aus auf den Weg in die Altmark machen würde. Da es in der 3. Liga so schnell keine Auswärtsspiele in dem Sinne geben wird, musste halt das Stadion am Hölzchen gerockt werden.

Gesagt, getan. Mit der Regionalbahn ging es nach Rathenow, wo in dem alten Holzhaus ein Käffchen geschlürft wurde. Eine Stunde später ging es mit der Hanseatischen Eisenbahn nach Stendal, wo ein kleines Gruppenfoto im altehrwürdigen Röxer-Tunnel Pflicht war. Also genauer gesagt, die Gruppe bestand aus dem größeren Sohnemann und mir. Die gestrickten blau-weiß-roten Schals um den Hals gelegt.

Anders als beim Auftritt im April 2019 war die örtliche Polizei ganz schön auf Zack. Auf dem Bahnhof waren ein paar Beamte postiert, in der Altstadt fuhren mehrere Polizeibusse Streife. Alles, was irgendwie nach Fußballfan aussah, wurde genau inspiziert. Vor uns im Fokus waren zwei Pärchen, die aufgrund ihrer schwarzen Jacken aus Sicht der Polizei mal gleich verdächtig erschienen, wir drei dahinter dazu - schon wurde durchgegeben, dass ein kleiner Mob sich dem Marktplatz näherte. 

12:15 Uhr überpünktlich am Stadion angekommen, waren sämtliche Tore noch verschlossen, doch auch hier zeigte die Polizei schon mal Präsenz. Wat nu? Abgammeln? Nee, man hat ja ein Näschen und suchte auf der anderen Seite der Hauptstraße einen Sportplatz auf. Und siehe da, die C-Jugend der Stendaler hatte gerade ein achtbares 3:3 gegen den HFC erkämpft, und in der geöffneten Holzhütte gab es noch Kaffee und Bockwurst. Nach einem Smalltalk ging es wieder rüber, wo Punkt 13 Uhr das Tor zum Gästeblock geöffnet wurde. Ich kann mich wirklich nicht dran erinnern, wann ich das letzte Mal als Allererster einen Heim- oder Auswärtsblock betreten hatte. Vielleicht irgendwann in den frühen 1990ern, als Karsten und ich es nicht mehr aushielten und meist überpünktlich am und im Stadion XY abhingen.

Rasch in die Liste eingetragen und die Hände desinfiziert - das war´s dann auch schon. Die Ordner zeigten sich - wie immer in Stendal - von ihrer wirklich freundlichen Seite. Der Kleine konnte auch problemlos sein Päckchen Saft mit reinnehmen. Draußen auf der Wiese traf wenig später der Bus ein, und es wurde sich gesammelt. Geradezu brav stellten sich die Rostocker in die Schlange und betraten unaufgeregt die Spielstätte. Okay, nicht jeder hatte Bock, sich in die Liste einzutragen, doch ist dies auch eine andere Geschichte. Anfangs wurden Listen-Verweigerer noch von den Ordnern ermahnt, doch als der Erste knapp und trocken erwiderte „Sachte ich doch, ich komm vom Dorf!“, ließ man es einfach bleiben. 

Es war angerichtet, es konnte losgehen! „Das Spiel lief drei Minuten, dann ging es zurück in die Kabine. Die Hansa-Fans hatten Pyros im Gepäck“ schrieb die Volksstimme Sport Altmark unter ihrem Video, das sie sogleich gepostet hatte. Fackeln, Rauch und ein paar Elemente, die gen Himmel abgeschossen wurden. Es wurde richtig was geboten - und die paar anwesenden Kinder bekamen große Augen. Dolle Sache - mein Sohn und ich fanden es dufte. Weniger klasse fand die Pyro-Einlage der Schiedsrichter, der sogleich beiden Mannschaften vom Rasen runterschickte. Wenig später delegierte er einen Hansa-Spiel zum Gästeblock, um ausrichten zu lassen: Noch ein Ding - und das Spiel wird abgebrochen. Darauf hatte verständlicherweise auch kein Hansa-Fan Lust, und somit ließ man die restlichen Feuerwerkskörper bis zum Abpfiff im Beutel.

Es gab auch so genug zu tun. Da wenige Wochen zuvor der 1. FC Magdeburg zu Gast zu einem Freundschaftsspiel in Stendal war, waren die Rückseiten der Werbebanden, Wellenbrecher und Zäune übersät mit FCM-Aufklebern. Nun hieß es: Alles Abruppen und das Ganze neu gestalten! Am Ende war kein einziges Stück Magdeburg mehr zu finden, stattdessen lagen unten auf dem Gras all die Reste und unzählige neue Aufkleber wurden angebracht. Ganz unzufrieden waren die Ordner nicht darüber, mag man in Stendal nicht wirklich den 1. FC Magdeburg. Vielmehr gibt es dort einige Fußballfreunde, die stattdessen mit dem Halleschen FC sympathisieren. 

Insgesamt wollten 526 Zuschauer das gestrige Oberliga-Duell sehen, unter ihnen waren zirka 150 bis 170 Hansa-Fans. Eine klasse Kulisse für ein Fünftligaspiel - ein wirklich klasse Auftritt der Gästefans. Wird in der Regel die zweite Mannschaft meist punktuell mit einem „Amateure - Hansa Amateure…“ supportet, so gab es am gestrigen Nachmittag eine ganze Palette an Sangesgut zu hören. Klasse was gezeigt wurde auch auf dem grünen Rasen. Hansa II zeigte sich sehr spielstark und wusste vollends zu überzeugen. Konnten die Gastgeber im ersten Spielabschnitt hinten noch die Null halten, so klingelte es kurz nach dem Pausentee. Nach einer Ecke machte Gian Luca Schulz das 1:0 für Rostock. Der Sack zugemacht wurde in der 68. Minute. Nach einem Handspiel ließ der Schiedsrichter Vorteil laufen - und schon konnte Mike Bachmann den Ball zum 2:0 unterbringen.

Die Zeit verging eh wie im Fluge. Hier ein Smalltalk, dort ein kurzes Gespräch - und schon war Abpfiff. Rauf auf den Zaun und die Mannschaft gefeiert. Die Hansa-Spieler hatten sich wirklich dolle über die Unterstützung gefreut und reichten das eine oder andere Trikot. Als anschließend bemerkt wurde, dass das Kind leer ausging, erhielt dieses prompt eine Spielerhose. Es muss, so sagte man mir, wohl der Spieler mit der Nummer 14 gewesen sein. Ein fettes Dankeschön an Bill Willms! So oder so war es ein klasse Fußballnachmittag, der sich im Großen und Ganzen so anfühlte wie in „Alten Zeiten“. Mensch ja, nach dem letzten halben kargen Jahr weiß man solch eine Fußballsause wirklich noch mehr zu schätzen! Und klar, die genauen Infos zum eingangs erwähnten Buch folgen in Kürze!

Fotos: Marco Bertram & Groundhopping Berlin & Co.

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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Danke an diesen ganz tollen Beitrag !!!

Auch einen ganz großes Danke an alle Hansa Fans es war alles friedlich und ihr habt sehr gute Stimmung gemacht ?

Grüße aus Stendal

W
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HH
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Mega
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So muss Fussball sein!!!

G
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