Seespaziergang, Fußball, Plauderei: Perfekter Fußballtag bei „Glückauf“ Brieske/Senftenberg

Seespaziergang, Fußball, Plauderei: Perfekter Fußballtag bei „Glückauf“ Brieske/Senftenberg

 
5.0 (7)
MB 15 September 2020

Zugegeben, hörte ich Senftenberg, musste ich meist an den DDR-Haack-Schulatlas denken. Genauer gesagt an die Karten mit all den Industriesymbolen. Senftenberg galt als Energiezentrale der Deutschen Demokratischen Republik - und dementsprechend stellte man sich in den 1980ern als Schüler die dortige Region vor. Schwarze Pumpe, Boxberg, Senftenberg. Aufgerissene Landschaften, Kraftwerke und Rauch. Sehr viel Rauch. Obwohl den meisten klar sein dürfte, dass die grauen verqualmten Zeiten längst passé sind, wurde ich vor dem vergangenen Wochenende dennoch erstaunt gefragt: „Senftenberg? Wat willste denn da?“

Was wohl?! Am Senftenberger See spazieren gehen und anschließend beim FSV „Glückauf“ Brieske Senftenberg das Heimspiel schauen. Den Verein hatte ich bereits am Wickel, als ich die 100 Kapitel für das Buch „Fußballheimat Brandenburg“ (arete Verlag) schrieb. Wir stellen fest: Der Vorgängerverein BSG Franz Mehring Marga war einer der Gründungsmitglieder der DDR-Oberliga, die anfangs noch DS-Liga hieß. Später wurde als BSG Aktivist Brieske-Ost der Ball rollen gelassen. In jener Zeit (4.11.1953) gab es auch ein Heimspiel gegen Torpedo Moskau vor sage und schreibe 35.000 Zuschauern - und zwar in einem Stadion, das gar nicht so weit entfernt von der heutigen Elsterkampfbahn lag. Zwischenzeitlich wurden die Fußballer in den neu gegründeten SC Aktivist Brieske-Senftenberg eingegliedert, nach dem Abstieg in die DDR-Liga am Ende der Saison 1962/63 ging es wieder weiter bei der BSG Aktivist Brieske-Ost, aus der 1972 die BSG Aktivist Brieske-Senftenberg und nach dem Mauerfall der FSV „Glückauf“ Brieske/Senftenberg wurde.

Höchste Zeit also, diesem Verein mal endlich einen Besuch abzustatten. Mit einem guten Freund und dem Sohnemann an der Hand ging es von Berlin-Ostkreuz aus mit der Regionalbahn direkt nach Senftenberg. Knapp zwei Stunden Fahrzeit - weiter geht es im Land Brandenburg wohl kaum. Der Freistaat Sachsen ist dorten unten bereits in Sichtweite. Der erste Eindruck nach den ersten ein, zwei Kilometern durch die Stadt? Überraschend gut. Ich hatte durchaus einiges erwartet, doch die Stadt überbot unsere Erwartungen. Innenstadt, Schloss, Museumsbergwerk, Tierpark und schließlich der Stadthafen - die Stadt Senftenberg und der Senftenberger See sind eine Reise wert! Der See entstand im Zeitraum 1967 bis 1972 durch die Flutung des ehemaligen Braunkohle-Tagebau Niemtsch. Im Jahr meiner Geburt - sprich im Sommer 1973 - durften erstmals die Badegäste die Badestellen nutzen. Allerdings wurde damals noch empfohlen, sich nach dem Baden im See zu duschen. 

In der Gegenwart ist die Wasserqualität allerdings äußerst gut. Das Wasser ist so klar, dass man unter günstigen Umständen bis in eine Tiefe von fünf Metern sehen kann. Seit November 2007 ist der See ein schiffbares Gewässer und darf auch mit Motorbooten (bis 12 km/h) befahren werden. Am 23. April 2013 wurde zudem der Stadthafen eröffnet. An diesem entstanden eine Marina mit über 100 Bootsliegeplätzen, eine 80 Meter lange schwimmende Seebrücke und ein Hafengebäude. 

War das Ganze bereits wirklich sehenswert, so wurde es ein Stück weiter auf der Terrasse eines italienischen Restaurants noch angenehmer. Bei leichter Brise konnte vom Tisch aus direkt auf den See geschaut werden, im Hintergrund dudelte stilecht italienische Musik. Hier musste man sich wirklich anderthalb Stunden genüsslich zurücklehnen. Während der Sohnemann unten an der Badestelle eine Eidechse fotografierte, schwelgten wir oben auf der Terrasse in alten Reiseerinnerungen. 

Am Ufer weiter ging es dann geradewegs zum Stadtteil Brieske, wo sich die Elsterkampfbahn befindet. Die Anlage wurde klug gebaut. Auf der einen Seite befindet sich der Kunstrasenplatz, wo gerade die zweite Mannschaft ihren Auftritt hatte, auf der andere Seite liegt der Rasenplatz mit der markanten überdachten Tribüne. Allein diese Tribüne mit ihrem alten Sprecherturm ist einen Ausflug wert! Fußballnostalgiker werden sich dort an den alten Stahlträgern und den schiefen Betonstufen erfreuen. Sogar eine Katze hatte sich auf einer der Stufen einst zu DDR-Zeiten mit ihren Pfoten verewigt. Hinter einem rankelte an der Rückwand der Hopfen, in Reichweite wurde Gehopftes frisch gezapft. Bei den rund 100 Zuschauern lief es prima, allein die Knappheit an den leckeren Wildknackern und Bockwürsten war weniger erfreulich. Dank eines Brieske-Fans kamen wir jedoch nach Abpfiff noch in den Genuss.

Zu Gast an jenem Nachmittag war der 1. FC Guben, der sich in der Woche zuvor mit dem VfB Trebbin (wir waren vor Ort) einen hitzigen Kampf geliefert hatte und diesen mit 3:0 gewinnen konnte. Allerdings konnte der 1. FC Guben beim FSV „Glückauf“ nicht mit voller Kapelle antreten. Es fehlten einige Spieler, und somit war es nicht verwunderlich, dass nicht an die Leistung der Vorwoche angeknüpft wurde. Der Gastgeber in Schwarz-Gelb bestimmte die Partie und bot den Zuschauern einiges.

Nach 22 Minuten besorgte Paul Natusch das 1:0, nur fünf Minuten später legte Toni Malinski zum 2:0 nach. „Schalalala, Guben-Schweine raus, schalalala…“, ertönte es nun lachend aus einer Ecke der überdachten Tribüne. Wenig später schauten auch zwei Ordner vorbei und sprachen mit den dort befindlichen Fans. Allerdings ging es um das Verspeisen der draußen bestellten Mahlzeiten. Getrübt wurde an diesem Tag kein Wässerchen. Der FSV „Glückauf“ Brieske/Senftenberg konnte die Partie mit 5:1 für sich entscheiden. Paul Natusch hatte noch zwei weitere Tore geschossen, den Schlusspunkt setzte Francisco Schulze in der 88. Minute. Den Gubener Ehrentreffer erzielte Lansana Sheriff nach exakt einer Stunde.

Etwas zu hoch sei der Sieg schon ausgefallen, meinten nicht wenige Heimfans, doch freute man sich über die momentane Tabellenführung. Anders als in der Woche zuvor in Guben hatten wird dieses Mal mehr Zeit mitgebracht. Der Sohnemann versuchte die überall im Stadion eingesammelten Pfandbecher den „hoch erfreuten“ Mitarbeitern der Vereinsgaststätte gegen „Bares ist Wahres“ zurückzutauschen, und wir kamen indes noch kurz ins Gespräch auf der gemütlichen Terrasse. 

Auf dem Weg am See entlang hörten wir es plötzlich aus einem Biergarten rufen. „Briiiiieske!“ - „Hier gibt´s Bier!“ Ein Blick auf die Uhr - okay, ein Zug später tat es auch. So folgte noch eine gesellige Runde mit meist jüngeren Fußballfreunden, die neben Brieske/Senftenberg der SG Dynamo Dresden, dem FC Energie Cottbus, aber auch dem F.C. Hansa Rostock die Daumen drücken. Da einige von ihnen Handball in einem Verein spielen, warfen sie bereits einen interessierten Blick auf meinen zehnjährigen Nachwuchs. Das wäre doch was, oder?! Notfalls könnte auch als Hansa Senftenberg gespielt werden, so der bierseelige Vorschlag.

Über Lübbenau, wo in Bahnhofsnähe gerade ein Metal-Konzert vor 80 erlaubten Gästen stattfand, ging es schließlich zurück nach Berlin. Wie sagte Hans Rosenthal einst so schön? „Sie sind der Meinung, das war Spitze!“ Ganz klar, wir kommen wieder!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: FSV „Glückauf“ Brieske/Senftenberg

> Infos zum Buch „Fußballheimat Brandenburg“

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