Was ist eigentlich los beim FC Rot-Weiß Erfurt?

Was ist eigentlich los beim FC Rot-Weiß Erfurt?

Es ist eine Schande, wahrlich kein Ruhmesblatt und erst recht ein Kaspertheater, was sich am Fuße des Steigerwaldes zu Erfurt abspielt. Wie bekannt sein dürfte, zog sich der Verein zu Jahresbeginn aus der Regionalliga zurück. Dem vorausgegangen war ein jahrelanger, immer wiederkehrender Existenzkampf mit finanziellen Balanceakten und dem alljährlichen Bangen um die Lizenz.

Der FC RWE verkörperte in den letzten Jahren wie kaum ein zweiter Verein den sprichwörtlichen Chaosclub. Sportlich sah es dabei über lange Zeit gar nicht mal so schlecht aus. In der 3. Liga war der Verein über Jahre hinweg Stammgast, als deren letztes verbliebenes Gründungsmitglied sogar der Dino der Spielklasse. Tabellarisch fast immer sorgenfrei hatte sich vor allem das Umfeld mit der Liga abgefunden, Aufstiegsträume gab es meist nur bei den Verantwortlichen in der Geschäftsstelle.

In der Saison 2017/2018 ging man krachend unter. Als Tabellenletzter hieß die Realität zum ersten mal „Abstieg in Liga 4“. Mit dem feststehenden Abstieg wurde beim zuständigen Amtsgericht ein Insolvenzantrag gestellt. Gegen den vom Verband ausgesprochenen Punktabzug wurde kein Protest mehr eingelegt.  Nie zuvor war der FC RWE oder seine Vorgänger sportlich tiefer angesiedelt. Es sollte der Beginn des langen Abschieds vom Profifussball in Erfurt werden. Mit einer nahezu komplett neuen Mannschaft wollte man die Rückkehr in die 3. Liga schaffen, musste aber bereits zur Winterpause fast alle Hoffnungen fahren lassen. Sowohl die starke sportliche Konkurrenz, als auch das anhängige Insolvenzverfahren und die damit einhergehende finanzielle Situation des FC RWE ließen nicht mehr zu als Platz 5 in der Endabrechnung. Sportlich sicher zu verschmerzen, vor allem da sich viele neue Spieler sofort mit dem Verein identifizierten und zu Publikumslieblingen wurden. 

Im Hintergrund herrschte seit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens Unruhe. Hauptdarsteller ist hier der Insolvenzverwalter des Clubs, Volker Reinhardt. Man hat bei ihm bisweilen das Gefühl, dass er nicht verstanden hat, dass die Insolvenz eines Fußballvereins nicht mehr der eines „normalen“ Unternehmens zu vergleichen ist. Wo sonst kaum etwas über die Abläufe eines Insolvenzverfahrens in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit findet, haben bei einem Fußballverein natürlich tausende Menschen ein Interesse. Es mag sein, dass beim Überlebenskampf der „Firma Knödelbein“ Angestellte und Zulieferer mit Interesse dabei sind, beim größten Verein der Stadt sind es dann aber nicht nur Spieler und Angestellte, sondern auch Mitglieder und Anhänger. Und die wollen eben nicht, dass da Grabenkämpfe öffentlich ausgetragen werden. Die wollen den bloßen Fortbestand ihres Clubs. Und genau dieser Faktor wird von den handelnden Personen scheinbar oft übersehen.

Ex-Präsident Rombach, der sicher Mitschuld an der Insolvenz trägt, Ex-Präsident Nowak, der Ehrenpräsident Klaus Neumann, Neupräsident Steiger, der Ehrenrat... Alle hatten plötzlich ganz viel Meinung, aber vermeintlich wenig Ahnung. Eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung sowie A-Jugend in die FC Rot-Weiß Erfurt Fußball GmbH wurde beschlossen. Externe Gesellschafter sollten das Ganze finanzieren. Es war am Ende ein Schuss in den Ofen. Im Januar 2020 wurde bekannt, dass der Verein nicht mehr in der Lage ist die Gehälter zu zahlen, in Folge dessen kam es zum Rückzug aus der Regionalliga.

Seitdem ist einiges Wasser die Gera hinab geflossen und mindestens genau soviel geschrieben wurden. Start in der Oberliga, Neustart in der Kreisklasse, Start in der Vebandsliga. Alles scheint momentan möglich, vor allem da richtungsweisende Entscheidungen immer wieder vertagt werden und es scheinbar keine Klarheit gibt, wie es weitergeht. Der Insolvenzverwalter als momentaner Alleinherrscher im Verein stellt krude Forderungen, um den Vereinsgremien Handlungsfreiheit und Eigenverwaltung zuzugestehen. Ex-Präsident Nowak tritt zurück und empfiehlt im selben Moment, mit Dieter Steigen einen Nachfolger von eigenen Gnaden. Dieser wiederum wird nicht von den Mitgliedern gewählt, sondern von den Vereinsgremien ins Amt gehievt.

Verwirrend? Definitiv. Während der IV im Hintergrund mit Sponsoren verhandelt, verlautbart der neue Präsident bereits, er habe Zusagen über 300.000 Euro zur Deckung des Oberligaetats. Darunter unter anderem 50.000 Euro von Ehrenpräsident Neumann, dieser wiederum sagt, dass mit ihm nie jemand darüber gesprochen und er auch keine feste Zusage gegeben hat. Verwirrend? Definitiv. Das schlimme an diesem ganzen Hin und Her ist nicht nur die Uneinigkeit der handelnden Personen, sondern auch die Austragung des Ganzen via Presse und Social Media. Der lokale Bild-Schreiberling reibt sich wahrscheinlich jeden Tag die Hände, weil ihm die Stories geradezu in den Schoß gelegt werden. Letzter Akt im großen Schauspiel war vorerst die erst anberaumte und dann kurzfristig abgesagt Pressekonferenz zum Thema Investor. Es war nicht das erste Mal, dass der IV seinen vollmundigen Ankündigungen keine Taten folgen ließ. Es ist alles sehr undurchsichtig. Die Fans fühlen sich inzwischen komplett verschaukelt, glauben aber dennoch zum großen Teil an einen Oberligastart des FC RWE. Planmäßig soll dieser in knapp vier Wochen erfolgen.

Bei allen Irrungen und Wirrungen gibt es aber auch positives zu berichten. Der NOFV hat den Verein in die Oberliga eingegliedert. Beim Verband glaubt man also auch an eine Rettung und den Start in Liga 5. Eine Mannschaft scheint sich auch langsam zu finden. Vornehmlich Spieler aus der eigenen U19 sowie einige externe Spieler trainieren aktuell im Sportzentrum „Gebreite“ und haben auch schon zwei Testspiele bestritten. Dazu scheint ein Auszug aus dem eigentlich viel zu großen Steigerwaldstadion vom Tisch. Die Ausweichspielstätte an der Grubenstraße erfüllt Pressemeldungen zufolge nicht alle Hygieneauflagen des Verbandes. Man kann nur hoffen, dass sich in den nächsten Tagen alles zum Guten wendet. Am Freitag (26.07.2020) soll es wohl soweit sein. Wenn der IV nicht wieder kurzfristig etwas dagegen hat.

Fotos: Marco Hensel, Arnaud Schonder, Los Misenas, Felix, Sachseninformer

Artikel wurde veröffentlicht am
23 Juli 2020

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3 Kommentare
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Kommentare
Es scheint ja nun doch weiterzugehen
Am 24.07. wurde sich darauf geeinigt dass die Geschäftsstelle, die 1. Mannschaft sowie die U19 Mannschaft aus dem laufenden Insolvenzverfahren herausgelöst werden. Zudem bleiben die Markenrechte beim Verein. Ob der Investor (Ex-Bundesligaprofi Franz Gerber) einsteigt soll sich in den nächsten Tagen entscheiden. Alles in allem steht dem Start in der Oberliga nun nix mehr im Wege. Ich hoffe in Erfurt ist man in der Lage kleine Brötchen zu backen und endlich aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.
C
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