Fußballheimat Brandenburg: Wo Euphorie und Melancholie dicht beisammen liegen

Fußballheimat Brandenburg: Wo Euphorie und Melancholie dicht beisammen liegen

 
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MB 19 Mai 2020

Papa wird alt. Er geht stramm auf die 50 zu, und inzwischen begnügt er sich mit einem frisch gezapften Bierchen auf einer Wiese am Rande des Sportplatzes in Altlandsberg. Abendspiel bei herrlichem Sommerwetter. Ein laues Lüftchen bringt die Wipfel der Pappeln zum Wiegen, hinter den Feldern geht die Sonne unter. Noch ein Bier, bitte! Was macht der Lütte? Er hat auf Anhieb Kumpels gefunden und schlägt Purzelbäume auf dem Rasen des Hauptplatzes. Besser geht es nicht! Die zwei Gästefans aus Eisenhüttenstadt - am Start ist die zweite Mannschaft - bringen nach Abpfiff sogar einen Blinker zum Leuchten, was sogar dem Stadion-, äh Platzsprecher des MTV 1860 Altlandsberg gefällt. Icke - Baujahr 1973 - bin endgültig angekommen beim Amateurfußball im Berliner Umland. Scheiß auf Profifußball und Kommerz! Und Ultras! Und Haue und Bullerei!

Nee, jetzt aber Spaß beiseite! Logisch, dass ich auch weiterhin liebend gern zu den Spielen in der 3. Liga und den Regionalligen gehe! Wo flossen kürzlich beim neunjährigen Sohnemann die Tränen der Rührung? Im Rostocker Ostseestadion! Ihn hatte die Stimmung auf der Süd einfach umgehauen. Er war emotional fertig - und ich dann auch. Wenn ich mal im Pott zu Gast bin, liebe ich es, gemeinsam mit Karsten zu Rot-Weiss Essen zu gehen. Die dortige Stimmung ist der Knaller! Wir lechzen nach dem Aufstieg von RWE - wir wollen das Aufeinandertreffen von Essen und Rostock sehen! Logisch, dass mir auch weiterhin das Herz aufgeht, wenn es volle Kapelle auf den Rängen abgeht. 

Aber eines ist Fakt. Der persönliche Fokus rückte zunehmend auf den unterklassigen Fußball. Ganz nach dem Motto „Warum in die Ferne schweifen, das Gute liegt doch so nah“ ging es in den vergangenen Jahren immer mehr ins Berliner Umland, um in Bernau, Borgsdorf, Waldsieversdorf, Oranienburg, Falkensee-Finkenkrug oder Petershagen ein schmuckes Landes- oder Verbandsligaspiel zu sehen. Besuchte ich früher hin und wieder mal zwischendurch ein Bundesligaspiel von Hertha BSC, um neutral einfach mal erstklassigen Fußball zu sehen, so zieht es mich seit geraumer Zeit lieber aufs Land. Und ja, nehme ich beide Kinder mit, so wissen diese die Freiheit auf einem Sportplatz in Petershagen, Wildau, Miersdorf, Waldesruh oder Atllandsberg zu nutzen. Dem Größeren paar Münzen in die Hand gedrückt - geht Euch mal ne Limo holen!

Parallel zu den Partien in erster und zweiter Liga baute ich schon immer mal ein unterklassiges Match ein. Das hatte bereits zu meiner Zeit im Rheinland Anfang der 1990er Jahre Bestand. Der Klassiker: Freitagabend ein Abendspiel in Wuppertal oder bei Fortuna Köln, Samstag um 15:30 Uhr ein Heimspiel im Müngersdorfer Stadion oder im Ulrich-Haberland-Stadion, und am Sonntag wurde noch ein Oberliga-Kick rangehangen. Wenn es zeitlich nicht anders passte auch mal ein Spiel der Amateure von Bayer 04. Allerdings waren es auch später nach meiner Rückkehr nach Berlin meist unterklassige Spiele im städtischen Raum. Erst mit der Zeit kam ich auf den Geschmack, Ausflüge und Wanderungen mit einem Fußballspiel in der Märkischen Schweiz oder im Potsdamer Raum zu verknüpfen.

Für mich hieß es ein wenig back to the roots, bin ich doch in Brandenburg - knapp vor den Toren Ost-Berlins - aufgewachsen. Zur Polytechnischen Oberschule ging es nach Berlin-Mahlsdorf, die wochenendlichen Ausflüge mit meinen Eltern führten mich ins Umland. Picknick im Briesetal, Zelten am Stienitzsee, Wandern im Gabengrund und in der Märkischen Schweiz. Es ist ja allzu oft, dass man sich auf seine eigenen Wurzeln besinnt, und somit ging es in der jüngeren Vergangenheit zunehmend zu Fuß in die Märkischen Weiten. 

Nicht immer verlaufenen dabei Wanderungen wie geplant. So schnupperten wir vor zwei Jahren zu zweit bei einem Heimspiel des FC Concordia Buckow/Waldsieversdorf 03 vorbei. Ein, zwei frisch Gezapfte - und nach dem Spiel gegen Hütte II sollte es dann weiter gehen. Daraus wurde jedoch nichts. Zuerst wurde mit den Mädels von „Blondcordia“ nett gequatscht, später dann wurde bis tief in den Abend hinein mit der Mannschaft getrunken. Und das wie die Weltmeister! Einer hatte uns dann noch mit dem Auto nach Müncheberg gebracht, so dass wir zurück nach Berlin fahren konnten. Schön war´s gewesen. Idyllisch. Lauwarme Luft. Die Mucke lief laut. In der Kabine kabbelten sich die Spieler wie kleine Kinder. Es wurde gemunkelt, dass ich unter die Dusche geworfen werden sollte. Irgendeiner hatte dann aber doch Veto eingelegt. Der Kamera am Handgelenk wegen. 

Über die netten Fußballabende auf dem Sportplatz Leistikowstraße in Falkensee-Finkenkrug hatte ich bereits mehrfach geschrieben, über die Derbys in Bernau ebenso. Grandios war im vergangenen Jahr auch ein Kreispokalfinale in Großbeeren, wo die „Suptras“ des VfB Trebbin für guten Alarm gesorgt hatten. Trommeln bis die Stöcker brechen, trinken bis der Arzt kommt. Der Pokalgewinn musste schließlich angemessen gefeiert werden. Schöne Abende gab es zuletzt auch in meinem Heimatort Waldesruh auf dem Sportplatz des FSV Blau-Weiß Mahlsdorf/Waldesruh. Vor der Corona-Krise war ein Jugend-Pokalspiel gegen Hertha BSC eines der zuletzt gesehenen Partien. Wer hätte das zu jenem Zeitpunkt geahnt?!

Das Manuskript für das Buch „Fußballheimat Brandenburg“ war bereits so gut wie fertig, doch hatte ich noch drei, vier Tagestouren vor, um ein paar Fotos von einigen Spielstätten anzufertigen. Cottbus ist ja nicht nur Energie. Und somit düste ich mit dem größeren Sohn nach Cottbus, um das Südstadion an der Lipzeker Straße, den einstigen Standort des Stadions 8. Mai, das Stadion am Stadtring und den Wacker-Sportplatz abzulichten. Es wurde eine grandiose Tagestour, bei der man gedanklich in die Vergangenheit schweifen konnte. Mensch ja, auf dem heutigen Sportplatz des BSV Cottbus-Ost fanden sich einst tausende Zuschauer ein. Und Vorwärts Cottbus lieferte sich mit der BSG Energie Cottbus große Schlachten.

Auch um solche Themen soll es im nun fertigen Buch „Fußballheimat Brandenburg“ gehen. Witzige Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit, Wissenswertes aus der Historie der jeweiligen Vereine, zudem eine sportliche Standortbestimmung von Babelsberg und Hennigsdorf bis Frankfurt/Oder und von Brandenburg an der Havel bis Guben und Schlieben. 100 Standorte sind im Buch zu finden, und bereits wie beim von mir geschriebenen Buch „Fußballheimat Mecklenburg-Vorpommern“ gibt es mit der Nummer 101 ein Bonuskapitel. Schaffte es bei McPom noch Viktoria Salow ins Buch, so darf sich im Brandenburg-Band der MSV 19 Rüdersdorf glücklich schätzen, mit dabei zu sein. Eines ist klar: Der arete Verlag gab mir die völlige Freiheit, aber manch ein Verein, der eigentlich hinein gemusst hätte, ist aus Platzgründen nicht mit von der Partie. 

In jedem Fall soll dieses Buch Lust machen, sich einmal aufs Rad zu schwingen oder in den nächsten Nahverkehrszug zu setzen, um in Brandenburg ein Spiel mitzunehmen. Die Kombination aus Ausflug und Amateurfußball ist einfach grandios. Noch ein Beispiel gefällig? Leckere Suppe mit Bockwurst in Borgsdorf und im Anschluss das Briesetal abwandern! Bei der „Alten Försterei“ warten dann die Wildknacker und das nächste Bier. In diesem Fall ist jedoch nicht die Heimspielstätte der Eisernen, sondern das Forsthaus mit Ausschank im Briesetal gemeint!

Anmerkung: Das Buch kann - auf Wunsch auch mit Widmung - beim Autor persönlich bestellt werden. Einfach eine Mail an marco.bertram(at)gmx.de senden oder auf der FB-Seite von Zwischen den Welten“ vorbeischauen. 

Fotos: Marco Bertram, privat 

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