Mahlsdorf/Waldesruh vs. Hertha BSC: Mondschein, Käuzchenschreie und ein scheiß Elfmeter

Mahlsdorf/Waldesruh vs. Hertha BSC: Mondschein, Käuzchenschreie und ein scheiß Elfmeter

 
5.0 (11)
MB 05 März 2020

Na, das passte ja. Kaum hatte ich am S-Bahnhof Hirschgarten die Bahn verlassen und den nahen Kiefernwald erreicht, ertönten linke Hand die unheimlichen Schreie eines Käuzchen. Aber gut, das „chen“ konnte man getrost weglassen. Es muss einer fetter Waldkauz gewesen sein, der im dunklen Forst sein Unwesen trieb. Auf den ersten Metern in Richtung Waldesruh darf man sich an ein paar neu installierten Laternen erfreuen, dann geht es ab durch den dunklen Wald! Die Wildschweine lassen grüßen. Und diesem Fall auch der „Strix aluco“, der gemeinsam mit der Waldohreule zu den häufigsten Eulenarten in Mitteleuropa zählt. Immerhin warf der Mond ein fahles Licht auf den Waldweg, so dass man einen Keiler recht gut erkannt hätte, wenn er sich vor einem aufgestellt hätte. Auf dem Handy ließ ich leise das Lied „Pokloni poljubac“ von Sinan Sakic laufen. Mensch, wat biste für nen Schisser geworden! Also nicht der leider verstorbene Sakic, sondern ich. 

Wie oft bin ich hier nachts Anfang der 1990er Jahre hentlanggetigert durch die Finsternis. Rattenstramm vom Besäufnis im legendären ABC Klub in Hirschgarten. Während die anderen noch weiter kübelten, wanderte ich gegen drei gen Waldesruh. Noch wohnte ich bei den Eltern auf dem Grundstück an der Endhaltestelle des 8er Bus. Und wenn wir schon beim Saufen sind. In der dortigen Lindenschänke lernte ich mit 17 das erste Mal richtig Bier zu trinken. Zuvor versuchte ich es immer lieber mit Aprico-Cola im MZG in Hellersdorf oder mit einer Flasche selbstgemachten Johannisbeerwein auf einer Wiese im Erpetal oder bei Kumpels im Garten.

Während ich gestern Abend flotten Schrittes gen Sportplatz Waldesruh marschierte, gab der Waldkauz keine Ruhe. Ich musste an das Buch „Käuzchenkuhle“ denken, das wir einst in den 1980ern in der Schule gelesen und besprochen hatten. Es hatte mir genauso gut gefallen wie das berühmte Buch „Die Reise nach Sundevit“. Wobei mir das zweitgenannte doch ein stückweit mehr behagte. Thematisch fand man sich in diesem Werk als Kind einfach besser wieder.

Vormittags hatte ich noch einen längeren Bericht über die DFB-Problematik geschrieben. In diesem empfahl ich, verstärkt den unterklassigen Fußball um die Ecke zu besuchen. Gesagt, getan, abends wollte ich beim B-Junioren-Spiel FSV Blau-Weiß Mahlsdorf/Waldesruh vs. Hertha BSC vorbeischauen. Immerhin war es schon das Achtelfinale im Nike Youth Cup, und man rechnete mit über 100 Zuschauern. In der Zwischenrunde hatten die Jungs von Mahlsdorf/Waldesruh den Berliner AK 07 mit 1:0 bezwingen können, zuvor in der zweiten Runde gewann man mit 4:1 gegen den Grünauer BC 1917. In der ersten Runde konnte ein 4:2-Sieg bei Hansa eingefahren werden. Genauer gesagt, beim FSV Hansa 07.

Das Anrauschen zum Anpfiff war zeitlich nicht machbar, vielmehr würde ich in der Halbzeitpause den Sportplatz Waldesruh erreichen. Und es war echt kurios. Kaum hatte ich den sandigen Weg in Waldesruh erreicht, holte ich die Kamera raus und filmte das ländliche Ambiente. Just in jenem Moment ertönte in zirka 200 Metern Entfernung lauter Jubel. Die Mahlsdorfer/ Waldesruher hatten einen Treffer erzielt. Aufgrund der Intensität des Torjubels vermutete ich, dass es ein wichtiger Treffer war. Das klang gewiss nicht nach einem 1:7-Ehrentreffer. Das musste der Ausgleich oder gar die Führung gewesen sein!

Auf der Sportanlage war gut was los, und im Vereinsheim tummelte es sich in den Farben Rot und Weiß. Die DFB-Pokalpartie Bayer 04 Leverkusen vs. 1. FC Union Berlin wurde gezeigt, und die Eisernen lagen noch mit 1:0 in Führung. Verrückt. Was für ein Zufall. Hatte ich doch von 1991 bis 1994 in Leverkusen gewohnt und dort meine Ausbildung gemacht. Als die Werkself im Frühjahr 1993 in das Pokalfinale einzog, beklebte ich an einem Wochenende jeden Waldesruher Stromkasten. „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!“ Mit rotem Edding war ich abends auf Achse und machte die Gegend unsicher. Meine Eltern fanden das weniger dufte. Das „Ich war das nicht!“ leuchtete nicht wirklich ein. 

Also gut, im Fernsehen spielte Bayer 04 gegen die Köpenicker, draußen auf dem Platz kickten die örtlichen B-Junioren gegen Hertha BSC. Und da auch bald das Derby zwischen Hertha und Union ansteht, bekam das Ganze gestern eine gewisse Würze. „Run BSC - Scheiß Hertha“ hatte jemand mit einem Edding auf weiße A4-Blätter geschrieben und diese mit Klebeband am Geländer befestigt. Sachen gibt´s! Auch die Waldesruher Jugend ist schon auf Betriebstemperatur. Verständlich, dass mein Heimatort aufgrund der räumlichen Nähe zu Köpenick fest in der Hand der Eisernen ist. Daher wurde ich wohl auch gestern im Vereinsheim am Tresen ignoriert. Ob bewusst oder unbewusst - das weiß ich nicht. War mir auch egal, mal ein Bier weniger kann auch nicht schaden. Zumal ich zurück wieder durch den finsteren Wald laufen wollte.

Draußen auf dem Platz ging es mit dem Stand von 1:1 in die zweiten Halbzeit. Die Führung der Gäste in der 40. Minute konnte unmittelbar vor der Pause egalisiert werden. Starkes Ding! Und ja, der Gastgeber hielt wunderbar dagegen. Ich war wirklich erstaunt, wie ausgeglichen die Partie war. Zwar hatte Hertha etwas mehr vom Spiel, doch zu guten Chancen am laufenden Band kamen sie weiß Gott nicht. Heftigste Schwachstelle in der Heimelf waren die Abstöße des Torwarts. Diese landeten entweder im Aus oder beim Gegner. Dafür aber zeigte der Torwart generell durchaus eine souveräne Leistung. Bei Ecken und Schüssen war er stets zur Stelle.

Vor rund 100 Zuschauern - weiter 50 blieben im Vereinsheim und verfolgten das DFB-Pokalspiel auf der Leinwand - ging es gut zur Sache. Leider, leider machte die Schiedsrichterin einen Strich durch die Rechnung. Nach knapp einer Stunde zeigte sie auf den Punkt. Elfmeter für Hertha BSC. Wie jetzt? Echt? Den musste man doch wirklich nicht geben. Da waren sich wohl so ziemlich alle einig. Tony Rölke trat an und verwandelte souverän zum 2:1 für die Hertha-Junioren. 

In der Folge versuchte der FSV Blau-Weiß Mahlsdorf/Waldesruh alles, doch ein Treffer wollte einfach nicht gelingen. Aber ja, auch ein weiterer Gegentreffer konnte verhindert werden. Wir alle wissen, dass es in der Jugend gegen solch große Vereine schon mal locker eine 0:8-Klatsche geben kann. Kurz vor Ende wurde die Partie kurz unterbrochen, weil Zuschauer zu dicht an der Linie standen. Das Spiel ging weiter, doch ein Jugendlicher blieb unberührt direkt an der Linie stehen. Am Ende blieb es beim 1:2 und die Heimmannschaft bekam den verdienten Applaus der Zuschauer.

Nicht viel besser lief es im fernen Leverkusen aus Sicht der Eisernen. Am Ende musste man sich mit 1:3 geschlagen geben. Ins Vereinsheim ging ich eh nicht mehr. Das hebe ich mir auf, wenn es mal wieder zu zweit oder zu dritt zu einem Ligaspiel der ersten Mannschaft geht. Ab durch den Wald ging es zurück zum S-Bahnhof Hirschgarten. Und während ich so durch die Dunkelheit spazierte, dachte ich an die Pioniermanöver auf dem ehemaligen Schießplatz Mittelheide. Zu DDR-Zeiten nutzte die GST dieses Gelände, und während wir uns dort in der achten Klasse sportlich betätigen sollten, suchten wir den sandigen Boden nach Patronenhülsen ab. Früh übt sich, im Wehrlager durfte sich dann kurze Zeit später selbst am KK-MPi 69 probiert werden…

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: FSV Blau-Weiß Mahlsdorf/Waldesruh

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Spielergebnis:
1:2
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100

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Komm wieder, das nächste Mal gibt es auch Bier für dich. ?

T
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??????

Geiler Bericht, ich musste so schmunzeln als du vom ABC geschrieben hast.... ich werde echt alt???????????

AB
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Ein sehr guter Artikel. Schön geschrieben
AS
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