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Groundspotting ohne Foto – Armee-Sportplatz Biedrusko

 
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M 02 Februar 2020

„Ach, nein! Was für ein Mist!“ Der Regionalexpress setzt mich gleich beim Zielort ab, als ich bemerke, dass ich die SD-Karte nicht eingepackt habe. So bleiben die Eindrücke von der Arena Auf Schalke und vom Dresdner Steyer-Stadion nur für mein geistiges Auge verfügbar. Aber längst gibt es schon Lücken bei den Gedanken an die Spiele zwischen dem FC Schalke 04 und Eintracht Frankfurt sowie Dresdner SC Fußball gegen den FSV Luckenwalde.

Was aber, wenn man keine Fotos machen darf? Den Fall hatte ich bisher nur einmal, als das Fotografieren untersagt war. Manche Leute sind halt so. Nennt mir einen, der sich dann wirklich daran hält! Pikanter wird es bei Plätzen, die sich auf einem Militärgebiet befinden. Ich kann mich an ein in der Weddinger Julius-Weber-Kaserne angesetztes Testspiel erinnern. Aber durfte man da Fotos machen? In Wielkopolskie hatten wir da einen ganz anderen Exoten. 

Von 2002 bis 2005 nahm ein Verein mit dem Namen „Trans Rakieta Biedrusko“ (rakieta = Rakete) am sportlichen Wettkampf in Wielkopolskie teil. Poznaniak, Lotnik und Odlew Poznań waren damals ebenso noch in dieser B-Klasa-Staffel. Zwei Jahre war an einen Aufstieg in die vorletzte Liga nicht zu denken, im dritten Anlauf gelang der Sprung in die A-Klasa. Im Aufstiegsjahr war dann Schluss, da sich der Sponsor einen anderen Ort auserwählte. Übrig blieben in der Statistik drei Jahre B-Klasa und ein Erreichen der dritten Runde des regionalen Pokals sowie ein verwaister Platz.

Über die Recherche über den Ort wurde ich erst auf den Verein aufmerksam. Biedrusko ist der heutige Name des Ortes Weißenburg, der sich am Warthe-Lager genannten Truppenübungsplatzes der Preußen befindet. Na dann schauen wir mal, ob wir den Platz von Trans Rakieta Biedrusko lokalisieren können!

Das Wetter meinte es wie in den letzten Tagen schon nicht all zu gut. In Owinska sprang ich schnell aus dem Auto, um ein Foto vom Graffito zu machen, das die Lech-Fans aus Owinska an eine Mauer anbrachten. Danach hielt ich mich links und überquerte die Warta. Der Fluss scheint hier mein Peene-Ersatz zu sein. Immer wieder stoße ich auf den recht flachen, aber schnellen Strom, der schon einigen Suizid-Opfern die letzte Lösung bot. Schon vor dem Passieren des Ortseingangschilds merkt man, dass der Ort merkwürdig ist. Rechter Hand befinden sich massive Überreste einer Brücke. Auf der linken Seite lugt das Treskow-Schloss durch die kargen Bäume. 

Den alten Platz von Trans Rakieta an der Poznańska-Straße finde ich auch problemlos. Er liegt ausgerechnet auf einem nichtöffentlichen Gelände. Schon damals machte das Militär missmutig das Spiel mit, dass regelmäßig Zivilisten das Areal betreten durften. Das polnische Militär war da eine Zeit lang recht locker. Lange durfte auch der Übungsplatz selbst am Wochenende betreten werden. Ein paar Orte wurden zu preußischer Zeit umgesiedelt, weshalb eine gut durchlöcherte Kirche einige Wochenendausflügler anlockte. 

Ebenso gibt es auf dem Gelände einen preußischen Wachturm und einen stillgelegten Panzer. Schon seit vielen Monaten ist das Betreten nun zu jeder Zeit strengstens untersagt. Vor dem Treskow-Schloss weht auch gut sichtbar die NATO-Fahne, um das Schloss herum steht Militärtechnik verteilt. Was für eine gruselige Atmosphäre! 

Jedenfalls ist der Platz durch den engmaschigen Zaun sehr nett anzusehen. Eine Seite hat drei alte Stufen, in den Kurven gibt es kleine Graswälle. Mit etwas Fantasie sieht man hier das Tempelhofer Allianz-Stadion. Der sich neben dem Platz befindende Wasserturm wertet den Platz zusätzlich noch auf. Die Kamera bleibt dennoch in der Tasche. Fotoobjekte gibt es hier im 2500-Einwohner-Ort dennoch einige. Viele Bauwerke stammen noch von früher. Neueren Baujahrs ist eine Gedächtnisanlage für die Kämpfer vom Großpolenaufstand (1918/19). Die Fans von Lech illuminieren jedes Jahr am 27.12. um 16:40 Uhr ein paar Hauptstraßen der Stadt mit Bengalos. Letztes Jahr habe ich das sogar mal angeschaut.

Mittlerweile fährt ein Auto an mir vorbei und beschallt die heute leeren Straßen mit dem Titellied der Fernsehserie „Vier Panzersoldaten und ein Hund“. Das Auto fährt Werbung für das gleichnamige Restaurant im überdimensional großen Plattenbauviertel. Wir kennen die Melodie und das Lied auch aus der Fankurve von Pogoń Szczecin. Das Lied passt sich der heutigen Atmosphäre blendend an. Übersetzt heißt in diesem in Moll komponierten Lied – „Dauernder Regen, der Garten ist verwildert, wir sind schon ein paar Jahre in diesem Krieg“. Schon um die nächste Ecke kommt wieder ein bewaffneter Trupp Soldaten. Es sind so viele, dass man das Ende nicht sehen kann. Wenn man sonst nichts zu tun hat…

Fotos: Michael

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