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Viktoria Köln vs. Hansa Rostock: Blaulicht, lockeres Ambiente und ein genialer Auswärtssieg

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MB 22 Dezember 2019

Oli Kahn, der einst mit Inbrunst Eier einforderte, hätte es sicherlich gefreut. Eier, wir brauchen Eier! Im Wappensaal eines berühmten Brauhauses sind Bratkartoffeln mit Spiegeleiern der Geheimtipp, und somit standen am späten Freitagnachmittag ein paar ordentliche Portionen zum fairen Preis auf dem massiven Holztisch, an dem sich ein paar Hansa-Fans vor dem Spiel bei Viktoria eingefunden hatten. Her mit dem Kölsch! Und zwar so lange, bis der Deckel drauf war. Erfreulich war, dass selbst die stilvoll gekleideten Köbesse, die zugleich ruppig-schroff und rheinländisch-heiter sein können, sich zwischendurch mal eben eine Runde genehmigten. Proß! Et kütt, wie et kütt! Et hätt noch immer jot jejange! So steht es bekanntlich im „Kölsche Jrundjesetz“. Für einen Fußballabend so kurz vor Weihnachten war das Rostocker Auswärtsspiel in der Domstadt wahrlich ein feines Ding. Schaute man auf Facebook, so gab es diverse Fotos aus den verschiedensten Brauhäusern zu sehen. Nicht wenige Rostocker hatten den Tag komplett frei genommen, um pünktlich am Rhein einzutrudeln. Wenn schon, denn schon! Einen guten Riecher hatten auch die „Viecher“, die Deutz unsicher gemacht und ein kleines, aber feines Gruppenfoto online gestellt hatten. 

Mit der Straßenbahnlinie 1, die in die andere Richtung auch zum Stadion in Müngersdorf fährt, geht es von Neumarkt bzw. Heumarkt recht rasch auf direktem Wege zum Sportpark Höhenberg, der früher auch Flughafenstadion genannt wurde. Bei Ankunft an der Station „Frankfurter Straße“ frohlockte beim Anblick des schmalen Bahnsteiges das Herz. Oha! Hier könnten wahrlich kernige Fußballstreifen a la „Football Factory“ gedreht werden. Die engen Bahnsteige und die schmalen Treppen haben bei Dunkelheit was. Ein Hauch von Millwall. Noch an der Tanke ein Fläschchen Kölsch und dann ab durch das Gehölz zum Stadion. Etwas abstrus erscheint der lange Weg zum Gästeblock, der hinten an ein paar Einfamilienhäusern vorbeiführt. 

Bekanntlich geht es bei den Heimspielen des FC Viktoria Köln meist mit rheinländischer Gelassenheit zur Sache. Mit Stress ist dort eher nicht zu rechnen. Allerdings verstehen Ordner und Polizei auch in Köln keinen Spaß, wenn Fußballfans ohne Kontrolle in den Gästeblock möchten. Ruckzuck ertönten die Sirenen und mit Blaulicht düsten die Einsatzfahrzeuge der Polizei in Richtung Gästeeinlass. In Reihe und Glied mussten die ganzen Fahrzeuge auf dem schmalen Weg hintereinander abgestellt werden. Vor Ort am Einlass angekommen, musste festgestellt werden, dass behelmte Beamte den Zugang geschlossen hielten und zahlreiche Polizisten im Block standen. Ein paar Hunde wurden schnüffelnd durch das Unterholz geführt. Vielleicht musste der Wauwau einfach nur strullern oder suchte nach Weihnachtstrüffeln, vielleicht aber war er auch auf das Aufspüren von rasch weggeworfener Pyro spezialisiert. 

Am Zaun wechselten noch rasch ein paar Tickets die Besitzer, ein Portemonnaie flog im hohen Bogen über den Zaun. Nimm das Ticket raus und wirf einfach zurück! Wie gesagt, ruhig Blut! Et hätt noch immer jot jejange! Glücklicherweise blieben beide Seiten halbwegs entspannt, so dass kurz vor Anpfiff die draußen stehenden Rostocker in den langgestrecken Gästeblock gehen durften. Als dann auch die Ladung Zaunfahnen befestigt wurde, durfte aufgeatmet werden. Es war wirklich noch mal gut gegangen. Ein Stimmungsboykott hätte noch gefehlt bei solch einer duften Sause nach Kölle. 

Wie bereits beim Heimspiel gegen den SV Waldhof Mannheim wurde ein Plätzchen auf der Stahlrohrtribüne eingenommen. Ein guter Blick auf den Gästeblock, eine prima Gelegenheit mit ein paar Kölnern ins Gespräch zu kommen. Wie bereits gegen Mannheim: Das erste dort getrunkene Kölsch lässt aufgrund der eigenartigen Spudeligkeit „Is dat Fanta?“ erschaudern, doch nach zwei, drei Bechern läuft es dann besser und die Laune verbesserte sich von Kölsch zu Kölsch und von Tor zu Tor.

Erschaudern ließ auch der trostlose Anblick der Stahlrohrtribüne eine halbe Stunde vor Anpfiff. Oh meine Güte, gehen bei Viktoria zuschauertechnisch bald komplett die Lichter aus? Allerdings kamen viele Zuschauer im letzten Augenblick, so dass letztendlich das Ganze vergleichbar mit dem Heimspiel gegen Waldhof war. 2.712 Zuschauer (geschätzt 1.000 Gästefans) sind nicht der Knaller, doch bekam man im Fußballleben schon weitaus mehr Trostlosigkeit zu sehen. Wie gesagt, in Köln kommt man rasch ins Gespräch. Wird man als Auswärtiger erkannt, steht manch einem Kölner im mittleren Alter die Neugier ins Gesicht geschrieben. Lust auf nen Schnack? Zwei, drei Kölsch später war es soweit, und unser Mann vor uns outete sich als einstiges Mitglied von Fortuna Köln. Nein, ich habe mich nicht verschrieben, ich meine wirklich die Fortuna aus dem Südstadion. Beim FC Viktoria kannst du alle antreffen. Echte Fans von Viktoria gibt es wahrlich nicht soooo viele, die restlichen Fußballfreunde wollen einfach mal locker nen Spiel sehen und - ganz wichtig! - beim Kölsch plaudern. 

Wurde auf der Stahlrohtribüne gegen Mannheim mitunter noch hübsch in Richtung Gästefans gepöbelt, so blieb es diesbezüglich völlig ruhig. Mit Wohlwollen wurde geschaut, was sich stimmungstechnisch im Gästeblock tat. Die Atmosphäre war letztendlich dermaßen entspannt, dass später sogar die blau-weiß-rote Mütze rausgeholt werden konnte. In der oberen Ecke der Tribüne entstand ein kleiner Pulk, der sich bierselig austauschen wollte. Zwei Hopper aus Trier ließen es gut laufen und empfahlen mit Nachdruck die Partie Preußen Münster vs. TSV 1860 München für den nächsten Tag. Mit in der Runde waren noch ein Erfurter und die gesprächsfreudigen Kölner. Im typischen Dialekt wurden für den Abend nach dem Spiel noch ein paar Einkehrmöglichkeiten empfohlen. Brauhaus Päffgen sei ein Muss! Das servierte eiskalte Kölsch sei schlichtweg ein Hochgenuss. Und diese Empfehlung gebe ich an dieser Stelle gern weiter. Für das nächste Auswärtsspiel! Angenommen, der FC Viktoria kann die Klasse halten.

Womit wir dann auch beim Sportlichen wären. Die Mannschaft des F.C. Hansa Rostock zeigte am Freitag ein Sahne-Spielchen. Motiviert und konzentriert ging es von Beginn an zu Werke. Man spürte, dass der Dreier vor Weihnachten Pflicht war. Eine Trainerdiskussion über die Festtage sollte vermieden werden. Und da die Abwehr der Viktoria zuletzt alles andere als gut aussah, musste quasi nur mit festem Willen eiskalt zugeschlagen werden. 

Gesagt, getan! Die erste fette Chance hatten allerdings die Kölner. Nach fünf Minuten brachte Holzweiler den Ball mustergültig rein, Bunjaku haute den Ball allerdings aus kurzer Distanz über das Rostocker Gehäuse. Oha, dachte man sich kurz. Würde der Abwärtstrend des F.C. Hansa etwa weiter gehen? Dieser Gedanke flog allerdings wieder rasch. Zu forsch und konzentriert spielten die Rostocker auf. In der 11. Minute war Lukas Scherff zur Stelle, der aus spitzem Winkel die Lücke zwischen Torwart und Pfosten fand. Hoch und weit wurde von der Grundlinie der Ball von Ahlschwede hereingebracht, und als das Leder vor die Füße von Scherff gelangte, fackelte dieser nicht lange. Und ja, das Ding muss man erst einmal so unterbringen!

Und weiter ging’s! Nur fünf Minuten später fiel bereits der zweite Rostocker Treffer. Ja, ist denn heut schon Weihnachten? Ich wollte mir gerade nen besagtes Sprudel-Kölsch holen, als es nach einem Törchen schnupperte. Ich blieb unten am Zaun stehen - und zack, zappelte die Kugel auch schon im Netz! Schön wurde der Ball von Pepic und Riedel weitergegeben, ebenso schön schlenzte Tanju Öztürk das runde Leder links oben rein. Der Viktoria-Schlussmann streckte sich vergeblich. 2:0 für den F.C. Hansa Rostock!

Der Sack quasi zugemacht wurde bereits nach einer halben Stunde. Die Kölner Abwehr befand sich kurz im Winterschlaf und Pascal Breier war plötzlich auf und davon. Allein vor dem Torwart schob er den Ball unten links platziert ein. Die Konsequenz, mit der die drei Dinger klargemacht wurden, konnte sich wirklich sehen lassen. Da hatte jeweils alles gepasst. Maßgenau - 3:0 für Rostock. Und ja, man verzichtet auch mal gern auf Spannung. Das Gefühl auswärts bereits nach 30 Minuten mit 3:0 zu führen, hat man schließlich nicht allzu oft. 

Verständlich, dass die Rostocker es in der zweiten Halbzeit ein stückweit ruhiger angingen. Lebhafter wurde es in der Schlussphase, als Wunderlich einen Freistoß an den linken Pfosten setzte. Die Uhr zeigte Minute 78 an. Beim Spielstand von 1:3 wäre es vielleicht doch noch spannend geworden. Demzufolge legten die Rostocker sogleich ein Schippchen drauf. Nach einer Ecke köpfte Pedersen unbedrängt zum 4:0 für den F.C. Hansa ein. Nun war der Sieg aber wirklich in trockenen Tüchern. Mit zumindest einem Törchen wollten die Kölner in die Winterpause gehen. So war es Richmond Tachie, der in der 88. Minute zwischen all den Beinen die Lücke fand und das 1:4 machen konnte. 

Okay! Nen Fünfer für das Phrasenschwein und für uns noch ein weiteres Kölsch! Einer geht noch, einer geht noch rein! Nur eine Minute nach dem Gegentreffer kam Rostock über die linke Seite, der Ball wurde von Scherff hereingebracht und Pedersen musste am zweiten Pfosten nur noch den Fuß hinhalten. 5:1-Auswärtssieg! Alle rauf auf den Zaun! 

Der Sieg wurde angemessen gefeiert, danach ging es mit einigen Rostockern und Kölnern mit der Straßenbahn in Richtung Altstadt. Strahlende Gesichter bei den Hansa-Fans. Ein Papa machte mal eben vor Freude einen Klimmzug an der Haltestange, sein vielleicht 14-Jähriger Sohnemann schaute ein wenig beschämt weg. Mensch, Papa! Tja, Sohnemann, als du acht warst, hangeltest du immer in Bus und Bahn rum. Nun wird das Ganze wieder umgedreht! Ab ins Päffgen und all die anderen Brauhäuser! Und niemals vergessen: Deckel drauf, wenn man nicht mehr kann. Ansonsten gibt es unendlichen Nachschub… Und ebenso nicht vergessen: Euch allen nen frohes Fest!

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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Klasse Kommentar. Nüchtern sachlich und gleichzeitig urwitzig!!! Die schönste Nebensache bei einer Auswärtsfahrt? Einfach mal mit anderen Fans quatschen und auf die gemeinsame Liebe zum Fußball anstoßen. Gelebte Völkerverständigung.

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Wie immer klasse geschrieben. Köln ist aber auch immer ne Reise wert

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