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Eine Spielstätte aus einer anderen Zeit: Melancholie im Jahnstadion Rheydt

 
4.7 (3)
MB 20 Dezember 2019

Wieder einmal hatte „Rainer Zufall“ seine Hand im Spiel - und das war gut so! Der „Rainer“ wollte es, dass am Abend des 5. Oktober 2019 ein ausführlicher Rundgang auf den Rängen Jahnstadion Rheydt (RSV-Stadion) gemacht wurde. Zwei Tage zuvor wurde gleich nebenan im Grenzlandstadion beim Regionalligaduell Borussia Mönchengladbach II vs. Rot-Weiss Essen vorbeigeschaut, und da lag es auf der Hand, mal im Netz zu schauen, was es eigentlich mit der Historie beider Spielstätten auf sich hat. Englische Verhältnisse in Rheydt! Dass zwei Stadien mit solch beachtlicher Größe so dicht beieinander stehen, kommt in Deutschland nicht allzu oft vor. Sowohl das Grenzlandstadion, als auch das Jahnstadion wurden einst in den 1920er Jahren gebaut, und in beide passten einst deutlich über 20.000 Zuschauer. Im Fall des Jahnstadions sollen es sogar rund 40.000 gewesen sein. Eine irre Vorstellung, wenn man über die alten verwaisten Ränge spazieren geht.

Allerdings ist das mit dem Spazieren so eine Sache. Das letzte Spiel im alten Stadion ging jüngst über die Bühne, und mit dabei waren rund 500 Zuschauer, unter ihnen geschätzte 300 Groundhopper, die ihre Kameras und Handys zückten, um Beweis- bzw. Erinnerungsfotos anzufertigen. Gegen Sportfreunde Neuwerk gab es in der Gruppe 3 der Bezirksliga am 7. Dezember 2019 nach zweimaliger Führung am Ende ein 2:2. Der Rheydter SV, der am 21. Dezember 114 Jahre alt wird, zeigte sich erfreut über die große Kulisse und bietet im Nachhinein noch Eintrittskarten als Erinnerungsstück für all die Groundhopper an. 

Zwei, drei Fotografen konnten auch bereits am besagten Oktoberabend gesichtet werden, als bei lauem Wetter unter dem gelblichen Flutlicht die SG Roki./Gilbach zu Gast war. Da an jenem Abend nur 50 Zuschauer auf den Rängen waren, bot sich das Ganze natürlich prima an, um in aller Seelenruhe zahlreiche Fotos und Videosequenzen anzufertigen. Laut hallten die Rufe der Spieler über den Platz, immer wieder blieben die Augen an den alten Flutlichtmasten hängen, die aus einer noch völlig anderen Ära stammen. Wunderbar! Erinnerungen an das alte Stadion von Hibernian Edinburgh und andere längst umgebaute Spielstätten kamen hoch. Mensch ja, das Spiel der Hibs gegen Celtic ist nun auch schon über 25 Jahre her. Kinder, wie die Zeit vergeht!

Aber was sind 25 Jahre im Gegensatz zu den 114 Jahren, die der Rheydter SV auf den Buckel hat? Noch vor dem 100. Geburtstag wird nun das Jahnstadion, das 1922 eröffnet wurde, umgebaut und wird dann fortan Campus-Park Rheydt heißen. Welch ein Jammer! Es liegt auf der Hand, dass ein Fußballverein moderne Verwaltungs- und Sanitärgebäude haben möchte. Tut es jedoch Not, die alten Ränge abzutragen? Ich hätte das Stadion definitiv so gelassen, die alten Flutlichtmasten und die Haupttribüne saniert und am Rande des Ganzen die nötigen modernen Gebäude errichtet. So aber geht ein weiteres Stück Fußballgeschichte für immer verloren. Wie viele große Stadien gibt es denn hierzulande noch, die den ganz, ganz alten Fußballcharme versprühen?

Aber wie war das nun mit dem Rheydter Spielverein, der meist nur liebevoll „Spö“ genannt wird? Im Jahre 1899 wurde in Mönchengladbach auf der Hehner Rennbahn erstmals ein Fußballspiel ausgetragen. Im Jahr darauf sollte es auch in der damals eigenständigen Stadt Rheydt ein Spiel geben, doch sollte es noch drei Jahre dauern, bis Adolf Kempken die Initiative ergriff und den Plan umsetzen konnte. Am 21. Dezember 1905 wurde schließlich der Rheydter Spielverein (RSpV) im Hotel Reicher ins Leben gerufen, im Jahr darauf wurde er im Rheinisch-Westfälischen Spielverband aufgenommen. 

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde zunächst auf einem Sand- und Aschenplatz an der Watelerstraße gespielt, 1921 begannen die Arbeiten am heutigen Stadion, nachdem der Rheydter SV im Jahr zuvor in die Gauliga aufgestiegen war. 1921 konnte die erste Rheingau-Meisterschaft gefeiert werden. Der Endspielgegner war kein geringerer als der KBC Köln, aus dem später der 1. FC Köln hervorging. Indes gingen die Bauarbeiten am neuen Stadion auf dem Ringofengelände der Firma Heinzberg und Bähren stetig voran, am 22. September 1922 wurde schließlich das Stadion „Rheydter Spielverein“ an der Jahnstraße feierlich eröffnet.

1925 wurde die Tribüne mit Klubhaus, Geschäftszimmer und Umkleideräumen eingeweiht, und somit war man zu jener Zeit dem Nachbarn Borussia Mönchengladbach weit voraus. Ein weiterer Ausbau der Haupttribüne erfolgte 1948, das Fassungsvermögen des Stadions wurde nochmals erhöht. Ein echtes Highlight gab es am 26. Mai 1953, als in einem Freundschaftsspiel vor rund 8.000 Zuschauern der „Spö“ die Blackburn Rovers mit 4:3 besiegen konnte. Und was den Pflichtspielbetrieb betrifft, so durften nach dem Zweiten Weltkrieg folgende Titel gefeiert werden: Niederrhein-Meister 1947 und 1948, Vize-Amateurmeister hinter dem SC Jülich im Jahre 1970, Vize-Amateurmeister hinter dem SV Salmrohr im Jahre 1990. Groß gefeiert wurde auch 1986 und 1987, als zunächst der Aufstieg in die Verbandsliga und dann der Sprung in die Amateur-Oberliga erfolgte. Unvergessen der 2:0-Sieg in Lintfort. Peter Schleuter war damals mit seinen 32 Jahren der jüngste Oberliga-Trainer.

Allerdings gab es auch bittere, tragische Momente in der langen Vereinsgeschichte. So kam im Jahre 1937 der damalige erste Vorsitzende Willi Beines bei einem tragischen Unfall ums Leben. Am 25. Juli 2000 stürzte Kurt Kahle zusammen mit seiner Familie mit der Concorde kurz nach dem Start in Paris ab. Kahle war großer Förderer des Rheydter SV und sollte Gesellschafter der geplanten GmbH werden. In der Folge geriet der „Spö“ in arge Schieflage und musste 2002 beim Amtsgericht Mönchengladbach einen Insolvenzantrag einreichen. In der Folge wurde der Rheydter SV vom laufenden Spielbetrieb der Oberliga Nordrhein ausgeschlossen. 

Das totale Ende blieb dem „Spö“ glücklicherweise erspart. 2003 konnte eine Einigung mit den Gläubigern erzielt werden, ein sportliches Comeback erfolgte in der Verbandsliga Niederrhein. Einen Weg zurück nach oben gab es jedoch nicht mehr. Ganz im Gegenteil. Im Mai 2005 stieg der „Spö“ als Tabellenletzter aus der Verbandsliga ab, in der Folge verließen zahlreiche Spieler und Trainer Peter Schleuter den Verein. In den Folgejahren ging es weiter runter in die Bezirksliga und die Kreisliga A. Stand der Dinge ist, wie eingangs erwähnt, die Bezirksliga. 

Wenn die Sportstätte modernisiert ist, soll wieder sportlich angegriffen werden. So hört man. Allerdings wird man so oder so mit großem Wehmut an das alte Jahnstadion denken. Der Blick auf die Ränge bei Abendspielen unter dem gelb-orangem Flutlicht war schlichtweg genial. Ebenso genial war es, auf der überdachten Tribüne all die kleinen Details zu entdecken. Alte Beschriftungen und ebenso alte Nummerierungen an den Sitzbänken. Gracias a Deus (so sagt man in Brasilien), dass der Zufall es wollte, dass im Zuge des RWE-Spiels nebenan im Grenzlandstadion diese tolle Sportstätte in den persönlichen Fokus gerückt wurde und wir vor der großen Hopper-Flut in aller Ruhe den Anblick dieses Stadions genießen durften.

Fotos: K. Hoeft, Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Jahnstadion Rheydt / RSV-Stadion

 

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RSV

zu erwähnen sei noch,das der rsv 3 spielzeiten in der höchsten deutschen liga spielte 51/52,52/53,und unter weissweiler 54/55.1990 scheiterte der rsv knapp am aufstieg in die 2. liga,vor fast 20.000 zuschauern musste gegen den wsv ein sieg her-die mannschaften trennten sich 0:0

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