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Von Vorwärts Stralsund bis Motor Weimar: Mal ein anderer Blick auf den DDR-Fußball

 
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MB 20 November 2019
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Wer kennt nicht all die kunterbunten Fußballwimpel aus den 70er und 80er Jahren? DDR-Oberliga Saison 1982/83 zum Beispiel. Damals war die BSG Chemie Böhlen als Aufsteiger mit von der Partie. Die restlichen aufgedruckten Vereinswappen waren die alter Bekannter. 1. FC Magdeburg, BSG Sachsenring Zwickau, 1. FC Union Berlin, FC Karl-Marx-Stadt, FC Vorwärts Frankfurt, 1. FC Lokomotive Leipzig, BFC Dynamo und so weiter und so fort. Es sind die Vereinsnamen, die uns allen bekannt und seit Ende 1965 / Anfang 1966 Stand der Dinge waren. Wirft man indes einen Blick auf das Starterfeld der ersten DDR-Oberligasaison 1949/50, die streng genommen noch DS-Liga hieß (die DDR wurde erst am 7. Oktober 1949 gegründet), so dürfte der eine oder andere staunen, wer zu jenem Zeitpunkt alles mitgespielt hatte. So waren unter anderen die BSG Waggonfabrik Dessau, die BSG Märkische Volksstimme Babelsberg, die ZSG Anker Wismar und die BSG Eintracht Hans Wendler Stendal dabei. Keiner der Namen hatte jedoch lange Bestand, und somit ist es kein Wunder, dass die meisten jene kaum kennen werden. Bereits während und nach der Saison 1949/50 kam es zu zehn (!) Namensänderungen. Es entstanden dann Vereinsnamen, die bekannter sind: BSG Turbine Halle, BSG Anker Wismar, BSG Lokomotive Stendal, BSG Aktivist Brieske-Ost, BSG Rotation Babelsberg, BSG Chemie Leipzig…

Namensänderungen, Ausgliederungen, Umstellungen und Fusionen prägten die ersten zwei Jahrzehnte des DDR-Fußballs. Im Fußballoberhaus kam Ruhe rein, nachdem 1965/66 die Fußballabteilungen aus den Sportclubs ausgegliedert und reine Fußballclubs gegründet wurden. So wurden beispielsweise aus dem SC Aufbau Magdeburg der 1. FC Magdeburg und aus dem SC Leipzig der 1. FC Lokomotive Leipzig. In den unteren Ligen gab es indes weiterhin zahlreiche Fusionen und Namensänderungen. Beschäftigt man sich ausgiebig mit der Geschichte kleinerer Vereine aus der Region Nordost, so ist man immer wieder erstaunt, wie verstrickt und verworren eine Historie sein kann. Und manchmal wurde es nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch verworrener, doch ist diese eine andere Geschichte.

In den einzelnen Bänden der Reihe „Fußballfibeln“ aus dem Hause culturcon Medien wurde in den Kapiteln über die jeweilige Vereinshistorie teils ein Blick über den Tellerrand geworfen und die allgemeine Geschichte des DDR-Fußballs beleuchtet. Jeder Autor hatte hierbei seine Freiheiten und tat dies auf unterschiedliche Art und Weise. Wer sich allgemein für das Thema interessiert, dem sei Band 23 „Fußball in der DDR“ empfohlen. Verfasst wurde dieses Buch vom Herausgeber der Fußballfibel-Reihe höchst persönlich. Frank Willmann haute fleißig  in die Tasten und ließ zudem andere Autorinnen und Autoren zu Wort kommen. 

Fundiert wird auf den ersten 35 Seiten auf die wichtigsten Punkte eingegangen. Ohne großes Tamtam geht es in den ersten beiden Kapiteln im D-Zug-Tempo durch 40 Jahre DDR-Fußball-Historie. Und auch bei alten Hasen, die bereits zig Bücher über den Ost-Fußball gelesen haben, wird es den einen oder anderen Aha-Effekt geben. Dass zu Beginn der Saison 1965/66 die DDR-Oberligaspiele von Sonntag auf Samstag verlegt wurden - das hatte ich so gar nicht auf dem Schirm. Zu jenem Zeitpunkt wurde die populäre „Originalkonferenzreportage“ im Radio der DDR eingeführt. 

Nach ein paar knappen Worten zum „Schiebermeister BFC“ und zur Flucht von Oberligaspielern in den Westen folgen ausführlichere Worte zu „Lutz Lindemanns Fahrt ins Glück“ und zu den sowjetischen Fußballern in der DDR. Nach der „verbrannten Erde zwischen Dresden und Berlin“ und der „Goldgräberzeit“ zur Wende folgt ein Abschnitt, in dem es über die Fankultur in der DDR geht. Wer bereits „Stadionpartisanen“ und andere dicke Brocken zu diesem Thema gelesen hatte, wird in diesem Abschnitt nicht sooooo viel Neues entdecken, doch wird diese Thematik eh nicht allzu sehr plattgewalzt.

Vielmehr wird es ab Seite 51 persönlich, indem Frank über Kindheits- und Jugenderinnerungen aus den frühen 1970ern in Weimar berichtet. Und ja, man staune, seine Eltern hatten bereits 1974 pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft einen RFT-Farbfernseher gekauft. Für schlappe 3.600 Mark der DDR. Man bedenke, erst im Oktober 1969 wurde in der Deutschen Demokratischen Republik das Farbfernsehen eingeführt! In jenem Jahr kam auch das Fernsehgerät Color 20 alias „Projekt 114“ aus Stassfurt auf den Markt. 1973 folgte das besagte Gerät „Color 21“, das für 3.600 Ostmark zu haben war. Das teure Gerät wurde sorgsam gestreichelt, stand zwischen den Fenstern und brachte das Westfernsehen in die Bude. Bekanntlich lag ja Weimar nicht im „Tal der Ahnungslosen“.

„Kicken ist mein Ficken“, rief im Sommer 1978 ein „Icke“ dem Frank am Ostseestrand zu. Verbracht wurde der Urlaub am unteren Ende des Darß, und das Kapitel zu jenen Ferien lässt alte Kindheitserinnerungen aufkommen. Frank gelingt es bekanntlich immer wieder perfekt, mit ein paar ersten Sätzen das eigene Kopfkino einzuschalten. Broiler, FKK-Strand bei Prerow, Fußball kicken am Boddenstrand, unschuldige Küsse hinter dem Hühnerstall. Und der „Icke“, der fünf Jahre später für einen bekannten Oberligisten gespielt hatte und später nach einem Europapokalspiel im Westen geblieben ist. 

Ebenso gut gefallen haben mir die Kapitel „Von weißen Mäusen und anderem Geflügel“, „Rotglotzige Mellinger“ und „DDR-Jugendfußball Marke Empor“. Vielleicht sollte Frank einmal ein ganzes Buch über seine Kindheit und Jugend schreiben. Nur zu! Die an dieser Stelle besprochene Fußballfibel ist indes keine One-Man-Show. Im hinteren Teil des Buches lässt er Jochen Schmidt, Jörg Dietrich, Anne Hahn, Uli Hannemann und Jörg Schieke zu Wort kommen. Während Anne Hahn einige Zeilen über den Club aus ihrer geliebten  Heimatstadt Magdeburg schrieb, widmete sich Jörg Schieke im Kapitel „Das Quallen-Sex-Kommando“ der ASG Vorwärts Stralsund. Hübsch zu lesen das Ganze - so viel sei gesagt.

Mein persönliches Bonbon ist in jedem Fall der Abschluss des Buches: „Die besondere Statistik“. Die fleißigsten Auf- und Absteiger der Oberliga, die souveränsten Absteiger (Fortschritt Weißenfels gelang 1960 kein einziger Saisonsieg), die höchsten Niederlagen in der Oberliga (0:11 und 2:12), die kleinsten Fußballdörfer der Oberliga (Brieske mit 3.500 und Schkopau mit 6.000 Einwohnern) und die Oberligaspiele mit den niedrigsten Zuschauerzahlen (300 zum Beispiel bei Aktivist Brieske/Senftenberg vs. Aufbau Magdeburg im März 1963). Ebenso aufgeführt werden die Oberligaspieler mit den meisten Eigentoren und eine Straße mit den besten DDR-Vereinsnamen. Plattenbrüche Theuma, Stahl Fackel Mosel, Vorwärts Traktor Viereck und Flügelrad Salzwedel sind in der Tat echte Granaten, die nicht jeder kennen dürfte. Von Rotes Banner Trinwillershagen und Aktivist Schwarze Pumpe haben die meisten bestimmt schon was läuten gehört. 

Für Gesprächsstoff dürfte auch die „Ewige Tabelle der Nachwendeoberliga“ sorgen. Mit einberechnet wurden die Ligen eins bis fünf. Pro Saison erhielt der Verein bestimmte Punkte: Von 14 Punkten für Rang eins bis einem Punkt für Rang 14. Daraus ergibt sich eine Gesamtpunktzahl aus den vergangenen 27 Spielzeiten. Ganz verstanden hatte ich allerdings nicht die Sache mit den Meistertiteln. Okay, diese stehen quasi für die Aufstiege. Bei RasenBallsport Leipzig *hüstel* sind es demzufolge vier (davon zweimal als Tabellenerster). Bei Energie Cottbus konnten seit 1991/92 insgesamt fünf Aufstiege gefeiert werden, beim 1. FC Union Berlin sogar sechs (inklusive Qualifikation für die RL Nordost am Ende der Saison 1993/94). In der Tabelle zu finden sind jedoch andere Zahlen. Beim F.C. Hansa Rostock sind es gar neun Meistertitel, beim FC Erzgebirge Aue nur einer (vier Aufstiege seit 1992). Aber okay, das kläre ich mal mit Frank bei einer Runde frisch Gezapftem. 

So oder so: An dieser Stelle eine Kaufempfehlung für dieses Buch! :-)

Fotos: Bildagentur frontalvision.com, Marco Bertram, Claude Rapp

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