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Hansa Rostock II vs. Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin: Respektvoller Umgang im Volksstadion

 
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MB 11 November 2019
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Wat denn hier los? Wo sind die Stoffe? Vor dem Eingang des Volksstadions tranken die mit der Bahn angereisten Fußballfreunde der Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin noch rasch ihr Bierchen aus, als ich mich fragte, wo wohl all die blau-weißen Zaunfahnen seien. Meine Überschrift stünde nun fest, wurde den Jungs lachend mitgeteilt. Spaß muss sein! Generell sei man auswärts vorsichtiger was die Mitnahme der zum Teil sehr alten Stoffe beträfe. Manch ein Stoff habe noch die Zweitligazeiten zu Beginn der 90er erlebt, und da wäre es schlichtweg blöd, als kleine Truppe unnötige Risiken auf längeren Touren einzugehen. Das habe in diesem Fall wirklich nichts mit Rostock und seinem Ruf zu tun, wurde mir mit Nachdruck mitgeteilt. Schließlich sei man bereits in der vergangenen Saison zu den Amateuren des F.C. Hansa Rostock gereist, und die gemachten Erfahrungen waren durchaus positiv.

Der vordere Bereich der begrünten Ränge dient als Gästeblock, doch musste man beim Gang zum Bierstand eh an den Heimfans vorbei, und somit machte es Sinn, sich gleich ein Stück weiter zu stellen. Wer diese Sportstätte, in die einst bis zu 20.000 Zuschauer gepasst haben sollen, auf seiner persönlichen Liste noch nicht abgehakt hat, dem sei ein Besuch eines Heimspiels der Hansa Amateure empfohlen. Die Liebe steckt im Detail. Die alten Zäune, der alte Zugang, der inzwischen verschlossen ist, das nebenan befindliche zugewucherte Schwimmbecken, die alten Stufen - für die Kamera ergeben sich einige nette Motive. Dazu eine Wurst und ein Bierchen, und durchaus ist auch ein Smalltalk mit dem einen oder anderen Heimzuschauer möglich. Wenn man denn will.

Anfangs ein bisschen mürrisch und skeptisch geguckt wird im Norden schon mal. Doch bricht das Eis auch sehr schnell, wie die Fans von Blau-Weiß 90 feststellen durften. Beim bezahlbaren Becher Bier findet man rasch einen Gesprächspartner. Abgezockt und beraubt wird im Volksstadion so schnell kein Gästefan. Es sei denn, der Gegner heißt Tennis Borussia Berlin. Da kann die Regel schon mal außer Kraft gesetzt werden. Erstaunt zeigte man sich auf Heimseite, als kürzlich beim Spiel gegen den SC Staaken eine ganze Busladung Gästefans vorbeischaute. Ein Heimspiel der Amateure bedeutet eine willkommene Abwechslung zu den Heimspielen der ersten Mannschaft im Ostseestadion. Mal eher locker ein Spiel schauen, einfach zusammenkommen und sich austauschen. 

Zuletzt tat sich ja auch optisch etwas im Volksstadion. Nicht zu übersehen ist das langgezogene „Alles für den F.C. Hansa Rostock“ auf Seiten der Auswechselbänke. Ein „Reserviert für ARTunique“ ist am noch weißen Sanitärgebäude zu lesen. Hier dürfte es in naher Zukunft einen weiteren Hingucker ähnlich wie am Fanhaus geben. 

Muffig war am gestrigen Nachmittag eigentlich nur ein Zuschauer. Als in der zweiten Halbzeit ein Blau-Weiß-Fan seine alte Berlin-Fahne aufhängen wollte, wurde er von einem Heimfan im mittleren Alter angeschnauzt. Der Scheiß müsse abbleiben. Der Gästeblock sei dort hinten, hier wäre der falsche Platz dafür. Ein Blick in die Runde. Wo sei das Problem? Würde er den Stoff anbringen, würde das Teil wenig später brennen. So lautete die klare Ansage. Wer denn die Fahne verbrennen würde, wurde vom Fahnenbesitzer höflich nachgefragt. Das würde er dann schon sehen! Das Ganze wirkte schon ein wenig abstrus, da sich sonst wohl niemand für die Berlin-Fahne interessiert hätte. Aber okay, Respekt müsse sein, schließlich gehöre dieser Abschnitt zum Heimbereich. Die Fahne blieb doch im Rucksack - und gut war´s. Es blieb der einzige kleine Zwischenfall des Nachmittages. 

Bei herrlichem Herbstwetter gab es auf dem Rasen eine prima Partie beider Seiten zu sehen. Anders als beim Auswärtsspiel bei Tasmania Berlin trat die Mannschaft der Sp.Vg. Blau-Weiß 90 Berlin sehr couragiert auf und zeigte Willen und Spielfreude. In Führung gingen vor 140 zahlenden Zuschauern allerdings die Hansa Amateure. In der 34. Minute zeigte der Schiedsrichter auf den Punkt und Sascha Schünemann verwandelte den fälligen Elfmeter. Nur zwei Minuten später hatten die Blau-Weißen eine passende Antwort parat. Nach einem prima Spielzug war es Shean Mensah, der den 1:1-Ausgleichstreffer besorgte.

In der Folge kamen in der fair geführten Partie beide Seiten noch zu Möglichkeiten, doch am Ende blieb es bei der Punteteilung. Nach der 0:5-Klatsche in der Vorsaison fühle sich das 1:1 fast wie ein Sieg an, erklärten die Blau-Weiß-Fans. Nach Abpfiff kamen die Spieler und klatschten mit den Gästefans ab, und auch Trainer Marco Gebhardt bedankte sich für die Unterstützung in der Ferne. Der zuvor etwas schief hängende Haussegen wurde wieder geradegerückt. An der gezeigten Leistung lässt sich nun wahrlich anknüpfen.

Als kleine Truppe ging es nach Spielschluss zu Fuß zum Bahnhof Parkstraße. Es ist doch klar, dass der lange Zugang immer wieder bei Neulingen für große Augen sorgt. Nachdem sich am Hauptbahnhof versorgt wurde, ging es mit dem RE5 weiter nach Oranienburg, von wo aus auf die S-Bahn umgesattelt werden musste. Für eine verbale Entgleisung sorgte indes der Schaffner beim Kontrollieren der kleinen Truppe, indem er zwischen „normalen“ und demzufolge „unnormalen“ Menschen einteilte und zudem recht barsch empfahl, die Mütze abzusetzen, damit man besser höre. Wie jetzt?! Ein, zwei Minuten später entschuldigte sich der Schaffner bei der blau-weißen Reisegruppe. Zurecht. Denn vergleicht man das wahrlich moderate Verhalten der paar Berliner mit dem manch einer trink- und sangeswütigen Truppe bei größeren Fußballspielen, so war die Ansage echt ein Witz.

Am Ende jedoch völlig entspannt erreichten die Blau-Weiß-Fans Oranienburg und wenig später den Bahnhof Gesundbrunnen, wo sich die weiteren Wege teilten. Im Vergleich zum tags zuvor gesehenen Drittligaspiel im Ostseestadion steht solch ein Fünftligaspiel vor 140 Zuschauern im krassen Gegensatz, doch letztendlich bereitet beides Freude. Der Amateurfußball und das lockere Bierchen auf windigen bewachsenen Rängen sind einfach die Würze in der Suppe. 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

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Spielergebnis:
1:1
Zuschauerzahl:
140
Gästefans
20

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