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Fußball nicht immer bierernst nehmen! Tur Abdin freute sich in Johannisthal über Support

 
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MB 22 Oktober 2019
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Zu Beginn eines langen Fußballtages wurde erst einmal tief in die Ka*** gegriffen. Ich hätte es eigentlich wissen sollen, doch beim Blick auf die Karte dachte ich mir, ach komm, vom Betriebsbahnhof Schöneweide aus wird es schon irgendwie zu Fuß quer durch die Industriebrachen rüber zum Segelfliegerdamm gehen. Vor Ort - mit den zwei Kids an den Händen - durfte ich mich über die gesperrte Überführung freuen. Bereits seit geraumer Zeit gelangt man dort als Fußgänger nicht mehr auf das einstige Betriebsgelände. Mit der S-Bahn ging es zurück nach Schöneweide, wo auf den erstbesten Bus zurückgegriffen wurde. Ein Blick auf die Uhr. Noch zehn Minuten bis Anpfiff. Und siehe da, fünf Minuten vor Anpfiff trafen wir auf der Sportanlage am Segelfliegerdamm ein und hängten die Fahne ans Geländer. 

Der FC Polonia Berlin war zu Gast bei der zweiten Mannschaft der Sportfreunde Johannisthal, und der Sportplatz mit seinen beiden kleinen Sitzplatztribünchen wusste auf Anhieb zu gefallen. Rund 40 Zuschauer (später waren es sogar über 150) hatten sich um 11:30 Uhr eingefunden. Die eine Hälfte drückte dem FC Polonia die Daumen, die andere Hälfte sah dies einfach als nettes Vorspiel für die spätere Landesligapartie. 

Bei strahlendem Sonnenschein und einem Becher Kaffee wurde geschaut, was Polonia am heutigen Tage anstellen würde. Nach dem Durchmarsch von der untersten Freizeitliga in die Kreisliga A kam das Ganze zuletzt ein wenig ins Stocken. Der Unterschied zwischen Kreisliga A und B ist in Berlin bemerkenswert. Während die Mannschaft des FC Polonia Berlin in der vorherigen Spielzeiten stets klare körperliche Vorteile zu verbuchen hatte, wurden beispielsweise auswärts in Frohnau die Grenzen aufgezeigt. Die zweite Mannschaft des Frohnauer SC war jung, dynamisch und richtig spielstark. Mit einfachem Pressing konnte diese Nuss nicht geknackt werden.

Und auch die Mannschaft von SF Johannisthal II wusste am Sonntag zu gefallen. Bissig, mitunter etwas provozierend (was dazu gehört) und spielstark ging es zur Sache, so dass der FC Polonia echte Probleme bekam. Dazu kam, dass der erste Gegentreffer zu einem denkbar ungünstigen Moment erfolgte. Direkt vor dem Pausentee lochte Fabian Ulrich ein. 1:0 für den Gastgeber. Kurz zuvor musste ein Polonia-Spieler längere Zeit auf dem Platz behandelt werden. 

In der zweiten Halbzeit ließen die Johannisthaler nichts anbrennen. Zuerst wurde der Ball knapp über das Gehäuse geschossen, dann traf Paul Göllnitz in der 52. Minute ins Schwarze. Der FC Polonia mühte sich in der Folge redlich und kam zu zwei, drei guten Möglichkeiten, doch wurde halt auch klar, dass es bei Ecken und Fernschüssen noch Verbesserungsbedarf gibt. Am späten Nachmittag meinte einer der Heimspieler, dass Polonia häufiger flach spielen müsse, da hätten sie eher eine Chance gehabt. Mit den vielen hohen Bällen hätten die Johannisthaler indes keine Probleme gehabt. In der Nachspielzeit holte dann Marvin Menge auch noch den Hammer raus und ließ es krachen. 3:0 der Endstand für SF Johannisthal II. Nach vier Siegen und vier Niederlagen (noch kein Remis) wird sich in den kommenden Wochen nun zeigen, ob der FC Polonia die Mittel und den Willen hat, ganz oben angreifen zu können.

Fast alle Freunde / Fans des FC Polonia Berlin ließen indes nicht den Kopf hängen, sondern blieb bei dem tollen Herbstwetter einfach vor Ort auf der Sportanlage, um auch das Landesligaspiel zu sehen. Die erste Mannschaft spiele noch ekeliger und aggressiver, erklärte ein Heimzuschauer voller Vorfreude. Der BFC Tur Abdin würde gut was zu tun haben. Kein Wunder also, dass die Sportfreunde Johannisthal als Tabellenerster der Staffel 1 in die Partie gegen den Verein mit dem klangvollen Namen gingen.

Der BFC Tur Abdin wurde im Jahre 1983 von aramäischen Einwanderern ins Leben gerufen. Mit der Gründung des Vereins wollten sie ihrer Kultur, Sprache und Religion ein Zuhause geben. Von der Freizeitliga ging es nach und nach höher, die Landesliga ist derzeit der Stand der Dinge. In der Saison 2011/12 schaffte es der BFC Tur Abdin ins Viertelfinale des Berliner Pilsner Pokals, musste sich dann aber auswärts beim späteren Finalisten SC Gatow mit 1:4 geschlagen geben. Was „Tur Abdin“ eigentlich bedeutet? Tur Abdin (Berg der Knechte) ist ein Kalksteingebirge, das sich in Nordmesopotamien am Oberlauf des Tigris im Südosten der heutigen Türkei befindet. Die Aramäer sind zum eine Völkergruppe in Syrien und Mesopotamien (seit der Bronzezeit nachgewiesen) und zum anderen eine christliche Religionsgemeinschaft. 

Auf der roten Flagge des Aramäischen Volkes ist in der Mitte ein gelber, fackelköpfiger Adler mit weit ausgebreiteten Flügeln zu sehen. Der Entwurf dieser Flagge basiert auf ein Relief des Aramäischen Königs Gabara aus dem 9. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Die ursprüngliche Sonne wurde durch die Fackel ersetzt. Der Adler wurde auch ins Vereinswappen des BFC Tur Abdin übernommen. Die Vereinsfarben sind jedoch nicht Rot und Gelb, sondern Hellblau / Dunkelblau und Weiß. Wichtig zudem: Der Verein steht sämtlichen Fußballspielern offen. Spieler aus über zehn Nationen spielen bei Tur Abdin, und groß geschrieben wird der respektvolle Umgang miteinander.

Ich hatte es fast vergessen, doch beim Blick in das Fotoarchiv fiel es mir wieder ein. Am 7. November 2012 hatte ich gemeinsam mit Sportsfreund Felix das Berliner Pokalspiel BSV Hürtürkel vs. BFC Tur Abdin gesehen. „Besser als Champions League hier: Packender Fight im Berliner Landespokal“ lautete der damalige Titel unseres Berichtes. Der Siegtreffer fiel in der Nachspielzeit, und nach Abpfiff der äußert hitzigen Partie gab es auf dem Kunstrasen mit dem Schiedsrichtergespann viel Gesprächsbedarf. 

Somit war es also - wie zuerst gedacht - nicht mein allererstes gesehenes Spiel des BFC Tur Abdin. Die anwesenden Polen hatten es sich inzwischen auf der kleinen Sitzplatztribüne richtig gemütlich gemacht. Die mitgebrachten Stoffe wurden auch bei der zweiten Partie einfach hängengelassen, so dass das Erstaunen bei den Gästespielern noch größer war, als bei deren Führungstreffer in der 10. Minute ein erstes lautstarkes „BFC! BFC!“ ertönte. Welton Pereira Dos Santos hatte eingenetzt und der Jubel war unüberhörbar. Wenn Polonia gegen die zweite Vertretung aus Johannisthal verloren hatte, so erschien es mehr als logisch, dass man nun aus Spaß und Freude den BFC Tur Abdin unterstützen würde. Allerdings brauchte es eine ganze Weile, bis die Hintergründe über diesen Verein bei jedem die Runde machten. Bis dato dachten die meisten, um Tur Abdin handele es sich um klassische Türken oder gar um Armenier. 

Der Tabellenführer aus dem Südosten Berlins ließ sich jedoch nicht beirren und konnte Dank des Treffers durch Norman Anton vier Minuten später ausgleichen. Der BFC Tur Abdin hatte am Sonntagnachmittag aber richtig Lust und Laune mitgebracht und zeigte prima Einsatz. In der 22. und 25. Minute sorgte der Spieler Alhassane Kante - welch ein sensationeller Nachname! - für einen Doppelschlag. Es stand 3:1 für Tur Abdin und die kleine Polonia-Truppe ging nun richtig ab. Äußerst erfreut zeigte sich ein Mann in einem bemerkenswerten Anzug (vermutlich der Präsident / Sponsor / Pate des BFC Tur Abdin) über den Support und reichte einem Polonia-Fan völlig überraschend Geld für eine Runde Bier.

Zu sehen gab es eine intensive Partie, in der es kräftig zur Sache ging. In der 50. Minute konnte Kiril Yankov auf 4:1 für Tur Abdin erhöhen. Das Ding schien durch, doch machte es Nikolas Müller mit seinem 2:4-Anschlusstreffer in der 70. Minute noch einmal ein bisschen spannend. In der Folgezeit bejubelten die anwesenden polnischen Sportsfreunde jede erfolgreiche Aktion des BFC Tur Abdin, was hingegen auf Heimseite für manch ein Kopfschütteln (und auch wütenden Blick) sorgte. Frenetisch gefeiert wurde Alhassane Kante, dem bereits während des Spiels ein Bierchen versprochen wurde. Nachdem schließlich der 4:2-Sieg beim Tabellenführer in trockenen Tüchern war, wurden die Spieler mit einem lauten „Wir wollen die Mannschaft sehen!“ ans Geländer gebeten. Wenn schon, denn schon! 

Alhassane Kante bekam tatsächlich noch sein versprochenes Bier, und das eine oder andere Gespräch rundete den erlebnisreichen Fußballtag ab. Erfreulich war, dass die meisten Johannisthaler Spieler das Ganze mit Humor sahen. Als den Spielern erklärt wurde, dass im Falle eines Sieges des FC Polonia bei der Zweiten ein Support für die Johannisthaler Erste erfolgt wäre, meinten diese lachend, dass man das früher hätte wissen müssen. Und was die abziehenden Spieler und Vereinsverantwortlichen des BFC Tur Abdin betraf, so wurde man zu einem Heimspiel nach Wedding eingeladen. Eine neue „Caravan of Love“ ist wohl in Kürze auf dem Weg zu Tur Abdin. Spaß muss sein - das Ganze sollte nicht immer so bierernst genommen werden. Es lebe der Amateurfußball!

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: FC Polonia Berlin

> zur turus-Fotostrecke: SF Johannisthal vs. BFC Tur Abdin

Spielergebnis:
1:4
Zuschauerzahl:
150

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Zu denen wollte ich auch mal hin! Spielen die noch immer im Wedding??

T
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Das Pokalspiel damals 2012 von Tur Abdin bei Hürtürkel war bestimmt ein Spaß. Damals war Hürtürkel ja "berühmt" für sein spezielles Umfeld.

G
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Grosses Kino und auf ein baldiges Widersehen!

Vielen Dank für diesen Bericht, der alles in sich trägt was den Amateurfussball ausmachen sollte. Obendrein ist die Beschreibung unseres Vereins BFC Tur Abdin erste Sahne!
Taudi (aramäisch: Danke :-)

BT
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