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Wanderstress in Thüringen, aber erster Punktgewinn der „Sandhasen“ aus Martinroda

 
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R 21 September 2019
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Meine Mutter! Verdammt, gerade jetzt muss ich eingestehen, dass sie recht hat mit ihrer Behauptung, ich besäße einen Orientierungssinn wie mein Vater. Keinen. Dieser 14. September hatte zeitig begonnen in Berlin, aber seit mich die Bahn in Ilmenau entließ sind viele Stunden vergangen und es ist früher Nachmittag in der bergigen Landschaft geworden. Um mich herum ist Wald, meine Füße brennen, der Rucksack liegt bleischwer auf meinen Schultern und die Sonne scheint mich auszulachen, während sie vom Himmel brennt. 

Vom Nirgendwo habe ich noch 40 Minuten bis zum Spielbeginn, denn um 14 Uhr empfangen „Die Sandhasen“ - der FSV Martinroda - in der NOFV-Oberliga Süd den VfL 05 Hohenstein- Ernstthal. Mein Erscheinen, selbst zur zweiten Halbzeit, erscheint mir zweifelhaft, aber wie weiter? Die Wanderkarte wird wieder herausgekramt. Ein Zurück auf die Landstraße wäre wohl das Beste, denn Landstraßen geben Struktur. Während ich Richtung Anhöhe zurückhaste bleibt kein Blick für die schöne Landschaft. Vor mir erscheint eine Wegkreuzung, kurz darauf verrät ein Straßenschild, dass es nur noch drei Kilometer auf der Straße sind. Tatsächlich erreiche ich den Sportplatz in Martinroda, als der Jubel zum 2:1 für die Hausherren in der 43. Minute aufbrandet. 

Ich hinke ausgepumpt durch das offen stehende Eingangstor. Unter den freundlichen Blicken der Ordner lasse ich mich apathisch auf eine Holzbank fallen. Halbzeitpfiff! Ich bin in meiner Zeitrechnung sozusagen pünktlich eingetroffen. 

Auf dem Sportplatz in Martinroda, einem 800-jährigen Dorf am Nordrand des Thüringer Waldes, 900 Einwohner, Fachwerk- und schiefergedeckte Häuser, ein paar Höfe, Kirche und Rathaus, hofft der Aufsteiger heute am 5. Spieltag auf die ersten Punkte.  Warum Sandhasen? So nennt man hier die Einwohner Martinrodas auf Grund des jahrhundertelangen Sandabbaus in umliegenden Gruben.  

Der Gegner aus der Geburtsstadt von Karl May, einmal siegreich bisher und auch erst eine Saison zuvor aufgestiegen, sollte auf Augenhöhe sein.  Dabei hofft man auch auf Tore des 21-jährigen Serdar Suleiman, seit 2016 im Team, treffsicher in der Thüringenliga und zuvor ehemaliger U-17 Nationalspieler aus Syrien. Immerhin macht er heute tatsächlich mit dem Ausgleich zum 1:1 sein drittes Saisontor.

Der Sportplatz erweist sich als Naturidyll, wo das Spielfeld von hohen Bäumen einerseits und einem steilen Wiesenhang andererseits umschlossen wird. Eine steinerne Treppe führt die Spieler abwärts zum Rasen. Jung und Alt - 110 Zahlende - machen es sich auf Holzbänken bequem oder stehen rund um das Spielfeld. Die Durchsagen des Sprechers aus dem hölzernen Sprecherturm wechseln mit Britpop, natürlich liegt Bratwurstduft in der Luft und die Verpflegungspreise scheinen in den 90ern eingefroren worden zu sein.

Nach Wiederanpfiff reißen die jungen Hohensteiner das zunächst ausgeglichene Spiel zunehmend an sich. Die Gastgeber im weißen Trikot antworten mit langen Bällen in die Spitze, aber einige vielversprechende Ansätze scheitern am „letzten Pass“ oder beim Torhüter. 

Der Druck der Gäste steigt und dann darf bestaunt werden, wie die Abwehr der Sandhasen den Ball in erstaunliche Höhen der Baumkronen der angrenzenden Fichten befördert. Trotzdem kehrt das Spielgerät zurück und nachdem in der 59 Minute eine Schusskanonade noch von Torwart und Latte gebremst wird, schlägt es in der 67. Minute nach strammen Flachschuss aus 20 Metern zum 2:2 ein. Darauf erfolgt ärgerliches Murren im Publikum, denn alle wissen, das kam mit Ansage. 

Wie geht es weiter? Der VfL bleibt bissig, doch die Sandhasen wehren sich jetzt wieder offensiv, ohne aber die ganz große Chance zum Sieg herauszuspielen. 

Als das Spiel abgepfiffen wird, blicken alle etwas ratlos. Und ich? Ich habe die dörfliche Atmosphäre genossen und inzwischen die Bekanntschaft mit dem Sandhasenmaskottchen „Snoopy“ gemacht. Es bleibt immerhin ein Punkt für die Moral der Thüringer, denn es wird nicht leichter: Am 21.09. geht es zu den aufstrebenden Merseburgern. Viel Glück, Sandhasen - es gibt immer eine Chance!

Anmerkung: Die Partie ging 2:6 verloren...

Bericht: Stefan Gröger

Fotos: Stefan Gröger

 

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Spielergebnis:
2:2
Zuschauerzahl:
110

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