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Gedenken an Überfall auf Polen 1.9.1939: Wenn Fußball (fast) zur Nebensache wird

 
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MB 02 September 2019
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1. September 1984. Fahnenappell auf dem geräumigen Schulhof der 10. POS „Helene Weigel“ in Ost-Berlin. Da es damals in der Regel auch Samstagvormittag Schulunterricht gab, konnte der Fahnenappell direkt am 45. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges abgehalten werden. „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“, mahnte der Direktor in seiner Ansprache vor den rund 500 Schülern. Wenngleich Fahnenappelle für uns Schüler eigentlich nur lästige Veranstaltungen waren, bei denen wir von der 4. Klasse beim tief genölten „Freundschaft!“ der FDJler auch feixend mit einstimmten, so brannte sich der 1. September fest ein. Am 1. Mai und 7. Oktober winkte man innerlich nur ab, doch die geschilderten Schrecken des Zweiten Weltkrieges ließen uns beim Fahnenappell am 1. September nicht ganz so viel herumhampeln wie bei den anderen besagten Anlässen. Zumal wir immer wieder Pioniernachmittage hatten, bei denen Zeitzeugen von den Qualen im KZ oder an der Front berichteten. Als ein Jahr später am 8. Mai 1985 der 40. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gefeiert wurde, kam wirklich kein Schüler am Thema vorbei. Es mag damals an der POS so manch Fragwürdiges unterrichtet worden sein, doch der Zweite Weltkrieg mit all seinen entsetzlichen Ausmaßen wurde wahrlich angemessen thematisiert.

1. September 2019. Wiederum 35 Jahre nach dem besagten Fahnenappell auf dem Schulhof fuhr ich mit beiden (halb-polnischen) Söhnen mit der S-Bahn nach Frohnau im äußersten Norden Berlins. Das Auswärtsspiel des FC Polonia Berlin stand an, und während die beiden Jungs wie immer es nicht lassen konnten, im S-Bahnwaggon die gesamte Belegschaft auf Trab zu halten, dachte ich kurz an die Zeitsprünge. Nun ist der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen exakt 80 Jahre her. Als ich eingeschult wurde, waren es etwas über 40 Jahre. 40, 45 Jahre - das war durchaus greifbar. Zumal all die Großmütter und Großväter damals noch allesamt selbst aus jener Zeit berichten konnten. 80 Jahre - das erscheint vor allem für Kinder und Jugendliche bereits abstrakt lang. Und trotzdem sollte ohne Frage in gleicher Intensität über den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen gesprochen und gedacht werden wie vor 40 Jahren.

Vor Ort auf dem Sportplatz an der Schönfließer Straße wurde Schiedsrichter Andreas Franke vor dem Anpfiff der Kreisligapartie Frohnauer SC II vs. FC Polonia Berlin gefragt, ob es möglich sei, eine Gedenkminute abzuhalten. Kein Problem, kurzerhand wurden die Frohnauer Spieler drüber informiert. Stille auf dem Sportplatz, die Spieler legten die Arme auf die Schultern der anderen. Wer denn gestorben sei, fragte mich ein irritierter Frohnauer Zuschauer. Als er flüsternd auf den Jahrestag hingewiesen wurde, meinte er nur, dass es ihm gleich eiskalt den Rücken runterlaufe. Für einen Moment drückte sich auch mir ein Tränchen aus dem Augenwinkel, doch wenig später rückte das Fußballgeschehen in den Mittelpunkt. 

Am Rande des Sportplatzes waren es am gestrigen Nachmittag weniger Zuschauer als sonst. Der Grund: Etliche Personen aus dem Verein waren an jenem Gedenktag bei anderen Veranstaltungen vor Ort. So gab es am Sonntagvormittag nicht nur die Gedenkfeier auf dem englischen Friedhof, sondern unter anderen um 13:30 Uhr eine Veranstaltung beim deutsch-polnischen Institut, bei der zahlreiche Vereinsangehörige teilnahmen. Ein paar Nachwuchsspieler und Spielerfrauen nahmen es sich jedoch nicht nehmen, die erste Mannschaft beim schweren Auswärtsspiel beim Frohnauer SC II zu unterstützen.

Das laute „Polonia! Polonia!“ hallte das erste Mal über den Platz, da stand es bereits 0:1 aus Sicht der Weiß-Roten. Bereits nach zwei Minuten nutzte Moritz Stoll eine Unachtsamkeit der Hintermannschaft des FC Polonia. Sei es drum! Die Kids knüpften noch Fahne und Schals ans Geländer und die Fans öffneten sich ein Bier, als es plötzlich nach fünf Minuten 2:0 für die Frohnauer stand. Wie jetzt?! Die junge, überaus agile Frohnauer Mannschaft hatte den FC Polonia komplett überrumpelt. „Tja, viele von denen spielten in der Jugend höherklassig“, erklärte ein Frohnauer Zuschauer. Und in der Tat machte dieses Team einen richtig guten Eindruck. Wettbewerbsverzerrung konnte es indes nicht geben, denn die erste Mannschaft hatte direkt davor gegen Türkspor gespielt. Somit musste die zweite Mannschaft voll und ganz mit dem eigenen Spielerpotential klarkommen. 

Und das tat sie in der ersten Halbzeit auch. Bereits in der elften Minute machte Moritz Stoll seine dritte Bude des Tages. Richtig bitter für den FC Polonia, der gern oben mit spielen möchte und sich nach der etwas überraschenden 2:4-Schlappe gegen Cimbria Trabzonspor einiges vorgenommen hatte. Nach 20 Minuten wurde Polonia dann etwas besser. Der Schreck war halbwegs verdaut. In der Kreisliga kannst du durchaus mal schnell sieben Tore in einem Spiel schießen. Allerdings fehlte beim gestrigen Spiel Jacek-Franciszek Jerszynski vorn im Angriff.

Polonia ging nun konzentrierter zur Sache, hielt besser gegen und kam vor allem bei Standardsituationen zu guten Möglichkeiten. Es roch nach dem 1:3, doch direkt vor der Pause machte Moritz Stoll das 4:0 für den Frohnauer SC II klar. Da halfen nur eine Runde Eis für die anwesenden Kinder und zwei weitere Bier für die Papas. Jetzt war eh nix mehr zu verlieren. Nun konnte es nur noch besser werden.

Und es wurde besser! Im zweiten Spielabschnitt zeigte der FC Polonia sein Potential. Nachdem der Ball an den Pfosten ging und es verhext zuzugehen schien, traf Sebastian Piotr Czardybon in der 49. Minute ins Schwarze. Da ging noch was! Und nachdem Konrad Cudny mit einem prima Kopfball zum 2:4 treffen konnte, wurde es lebhaft am Rande des Sportplatzes. Jung und Alt waren bei der Sache, die rund 40 Zuschauer bekamen etwas geboten. Polonia drückte nun und erzielte fast das 3:4. Aber eben nur fast. Mit Bravour klärte der Frohnauer Keeper den Ball zur Ecke. Es sollte halt nicht sein. Ein paar gute Möglichkeiten, ein Schuss in Abseitsposition - ein drittes Tor für den FC Polonia wollte nicht fallen.

Mannschaft und Fans / Angehörige waren nach Abpfiff betrübt, doch entschädigte die Leistung in der zweiten Halbzeit für die erste katastrophale Viertelstunde. Laut hallte das „Dziękujemy!“ über den Platz. Ganz klar, auswärts bei Hermsdorf II in zwei Wochen werden wieder drei Punkte eingefahren. 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: FC Polonia Berlin

Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
4:2
Zuschauerzahl:
40
Gästefans
25

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Kreisliga
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