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Wir werden niemals untergehen! 29. Mai 1999 - Segel setzen und Klassenerhalt!

 
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MB 29 Mai 2019
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Hier geht´s lang! Damit die aus Nah und Fern anreisenden Besucher nicht falsch abbiegen, hatte ich am Tag zuvor ein Boot aus Styropor geschnitzt. Dieses hatte ich auf einen Stock gespießt und an einem Abzweig in den Boden gerammt. Auf zum Tag der offenen Tür! Die Segeljungs luden ein, damit alle auf dem Bauernhof eine gigantische Party feiern können. Nur kurze Zeit später sollte es mit zwei selbstgebauten Segelboote (Bootsschale Typ Hiddensee) am Strelasund los gehen. Der Kurs: Über den Atlantik und den Pazifik nach Sydney! Exakt am gleichen Tag hatten sich tausende Hansa-Fans auf den Weg gemacht. Nicht zu unserem Tag der offenen Tür vor den Toren Berlins, sondern in den Pott. Alle nach Bochum! Auch dort sollte eine riesige Party steigen. Die Kogge sollte auf Kurs gehalten werden. Das klar gesteckte Ziel am Nachmittag des 29. Mai 1999: Mit aller Gewalt - Klassenerhalt!

Während wir am 22. Mai 1999 in der ausgebauten Scheune in einem der beiden Boote die hölzerne Verkleidung der Bugkoje mit Bauschaum und Schrauben befestigt hatten, spielte der F.C. Hansa Rostock daheim gegen den 1. FC Nürnberg. Genaus wie Arne, Jan, Raimar und ich stand der FCH ganz gewaltig unter Druck. Der Abstieg drohte, ein Sieg gegen den Glubb musste her. 23.500 Zuschauer hatten sich im Ostseestadion eingefunden, in der 27. Minute konnte Oliver Neuville per Elfmeter die Rostocker mit 1:0 in Führung bringen. Ernüchterung sechs Minuten vor Schluss. Heiko Gerber machte per Kopf den Ausgleich für die Franken. Ein Punkt. Besser als nichts, doch könnte es nun am letzten Spieltag wahrlich eng werden.

An der Ostsee bereitete sich die Mannschaft unter Trainer Andreas Zachhuber auf das große Saisonfinale vor, 250 Kilometer weiter südlich hatten wir einen strammen Plan. Parallel zu den eigentlichen Arbeiten an den beiden acht Meter langen Booten, musste der anstehende Tag der offenen Tür vorbereitet werden. Dem nicht genug, gab es noch weitere Termine. Ein Gesprächstermin beim Berliner Olympiastützpunkt, das Abholen von zig Bierkästen bei einer Brauerei, das Beantragen eines neuen Reisepasses, am 28. Mai 1999 um 9:15 Uhr wurden mir noch ein paar Kronen eingesetzt. Ich wollte nicht, dass mir irgendwo in der Südsee ne blöde Füllung rausfallen würde. Also rangeklotzt und überkront das Ganze!

Woher ich das alles noch so genau weiß? Die Kalender von 1999 habe ich mir aufgehoben, sämtliche Termine wurden fein säuberlich notiert. Der eine oder andere Hansa-Fan wird auch noch wissen, was er in der Woche vor dem mit Hochspannung erwarteten Auswärtsspiel in Bochum so alles getan hatte. Woran er gedacht hatte. Welch mulmiges Gefühl sich in der Magengrube breitgemacht hatte. Die Kogge war das Flaggschiff des Fußball-Ostens - und das sollte schließlich auch so bleiben. Die Zeit bis zum Spiel in Bochum zog sich wie Kaugummi, und auch für uns auf dem Bauernhof begann das große Kribbeln. Am Nachmittag es 29. Mai 1999 waren sämtliche Sponsoren und Unterstützer sowie zahlreiche Freunde, Familienmitglieder und Medienvertreter eingeladen. Im Spätsommer sollte die große Segeltour starten - nun hieß es Hose runterlassen und der Öffentlichkeit zeigen, wie der Stand der Dinge war. Auf Kurs? Im Plan? Alles im Lot?

Showdown schließlich am Samstagnachmittag. Die Stadiontore öffneten sich - die Tore der Scheune öffneten sich. Anspannung an beiden Schauplätzen. Würde der Nachmittag ein gutes Ende nehmen? Da in der 1. Bundesliga anzunehmen war, dass der direkte Konkurrent Eintracht Frankfurt daheim im Waldstadion gegen den 1. FC Kaiserslautern gewinnen würde, musste aus Sicht des F.C. Hansa Rostock ganz klar ein Sieg her. Zig tausende Hansa-Fans hatten sich an jenem Tag auf den Weg in den Ruhrpott gemacht und erlebten die vielleicht dramatischsten und emotionalsten 90 Minuten nach dem Mauerfall.

Nachdem Oliver Neuville in der 37. Minute die Rostocker in Führung gebracht hatte, drehte der bereits abgestiegene VfL den Spieß um. Kuntz und Pechel sorgten in der 71. und 74. Minute für einen Doppelschlag. Der F.C. Hansa war mit einem Bein in der 2. Liga. Die Frankfurter Eintracht hatte mit dem FCK indes ein wahrlich leichtes Spiel. Das jedoch erst, nachdem der viel zitierte Knoten geplatzt war. Zur Pause stand es im Waldstadion noch 0:0. Nach der Frankfurter Führung durch Yang machte Schjönberg vom Punkt aus den Ausgleich klar. Dann aber nahm die Eintracht Fahrt auf. Sobotzik machte in der 70. Minute das 2:1, Gebhardt erhöhte zehn Minuten später auf 3:1. Am Ende machten Schneider und Fjörtoft noch jeweils eine Bude - 5:1 lautete der Endstand, der für einen anderen Verein noch bittere Folgen haben sollte.

Alles oder nichts im Bochumer Ruhrstadion! Der F.C. Hansa setzte alles auf eine Karte. Nur drei Minuten nach dem Rückstand konnte Victor Agali nach einem Abpraller aus spitzem Winkel zum 2:2 verwerten. Welch ein Jubel bei den angereisten Fans! Und es kam noch besser! Trainer Andreas Zachhuber brachte Slawomir Majak für Mohamed Emara in die Partie. Immer wieder setzte Hansa im Mittelfeld nach und eroberte den Ball. Von der rechten Seite flankte in der 83. Minute der unermüdliche Oliver Neuville in den Strafraum, der heranstürmende Majak köpfte mit voller Wucht das 3:2 für Rostock in Form eines unhaltbaren Aufsetzers durch die Beine des VfL Keepers Thomas Ernst! Kollektives Durchdrehen auf dem Rasen und den Rängen. Majak rannte zu den Fans, kletterte den Zaun hinauf und ließ sich von den Fans feiern. Bilder, die auch 20 Jahre später noch für Gänsehaut und feuchte Augen sorgen. Geiler kann Fußball einfach nicht sein!

Vor Freude durchgedreht war auch Oliver Schubert, der Live-Kommentator von „Antenne Mecklenburg-Vorpommern“. Die letzten Minuten sind im Netz leicht auffindbar. Einfach mal Anklicken, reinhören und in Erinnerungen schwelgen. Der F.C. Hansa Rostock brachte die knappe Führung über die Zeit und war somit gerettet. Die Kogge blieb auf Kurs und durfte weiterhin im Erstliga-Gewässer schippern und Beute einfangen. Richtig am Arsch war indes der 1. FC Nürnberg, der daheim gegen den SC Freiburg knapp mit 1:2 verloren. Dem Glubb das Genick brach der Frankfurter Treffer zum 5:1 gegen die Pfälzer. Nur aufgrund der mehr geschossenen Tore zog die SGE noch am FCN vorbei. Irre, einfach nur irre. Und dabei hatte vor dem Spieltag der 1. FC Nürnberg auf Rang 12 noch die besten Karten gehabt. So kann´s kommen.

Dies konnte den Hansa-Fans egal sein. Als freudetrunkene Karawane ging es wieder zurück gen Ostseeküste. Gefeiert wurde auch auf dem Bauernhof, wo wir von 1995 bis 2000 Quartier bezogen hatten. Der Tag der offenen Tür verlief prima, die Gäste waren zufrieden, die Pressevertreter machten Fotos, führten Interview und fertigten TV-Aufnahmen an. Abends gab es ein großes Lagerfeuer, auf einer selbst zusammengezimmerten Bühne spielte in der Dämmerung eine Band. Als ich zwischendurch oben auf Videotext die Ergebnisse des letzten Spieltages sah, war ich noch glücklicher. Was für ein Tag. Skurrilster Moment an diesem Tag: Eine Firma hatte eine neu entwickelte Seenotrettungsboje mitgebracht. Nur für den Fall der Fälle. Bei Schiffbruch würde diese Boje selbst Alarm auslösen und die Position durchgeben. Dolles Ding! Brauchen wir aber nicht! Wir werden niemals untergehen! 

Fotos: Heiko Neubert, Marco Bertram, Arne Mill, Anika, Klischi, K. Hoeft

> zur turus-Fotostrecke: F.C. Hansa Rostock

 

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2:3

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Rostock fehlt in der Bundesliga!!

W
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