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Subbotnik, Babelsberger Pionierausflug und weinrot-dynamische Heimatgefühle

 
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MB 09 Mai 2019
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Mitte der 1980er mussten wir Piepels immer ran. Subbotnik auf dem „Ulli“. Genauer gesagt, auf dem Ullrichplatz in Mahlsdorf-Süd. Jener „Ulli“ war meist Treffpunkt der Älteren, die schon rauchten, ne Braut an der Seite hatten und ne Karre fuhren. Den anderen mal zeigen, was die „Tesi“ (MZ TS 150) so alles kann. Dort auf dem „Ulli“ erfuhr man auch stets die neuesten Gerüche. Haste gehört? Steffen musste mit seiner „Simmi“ ne krasse Vollbremsung machen. Die Abdrücke seiner Eier waren anschließend auf dem Tank zu sehen. Ich zeigte mich damals sehr beeindruckt von dieser Horrorgeschichte. Sie lag auf dem gleichen Level wie die in den Betriebsferienlagern kursierende Story von dem heimlich gespannten Draht über die Landstraße. Dann kam Oleg mit seiner 250er - und zack fuhr der Ärmste noch paar hundert Meter ohne Kopf weiter. Um zum Punkt zu kommen: Den „Ulli“ verbinde ich immer mit diesen Geschichten und dem Subbotnik. Am Samstag mussten wir dort ab und an die Büsche entmüllen und das Gehölz ein wenig stutzen, so dass das Ganze ein wenig lichter wurde. 

Einen Subbotnik in ähnlicher Form gab es am vergangenen Sonntag im Sportforum Hohenschönhausen. Da im Jahn-Sportpark derzeit nix funktioniert wie es funktionieren sollte und sogar Elemente von den Flutlichtmasten herabfallen könnten, muss / darf der BFC Dynamo die letzten beiden Heimspiele der laufenden Regionalliga-Saison im Sportforum austragen. Zahlreiche BFC-Fans sehen dies als echtes Geschenk an und freuten sich beim Hören der Nachricht wie Bolle. Im Gegensatz zu früher, als man murrend als POS-Schüler zum Subbotnik schlurfte und eigentlich eh keinen Bock auf etwaige Schnitt- und Harkarbeiten hatte, eilten am Sonntag über 100 Freiwillige mit bester Laune ins Sportforum, um den arg verkrauteten Gästeblock hübsch zu machen.

Für die Heimfans steht derzeit nur die Haupttribüne zur Verfügung, und damit sich auch die Gästefans pudelwohl fühlen, musste das meterhohe Unkraut beseitigt werden. Angesetzt waren eigentlich zwei Termine, doch gleich nach dem ersten Subbotnik erstrahlte die Gästekurve im neuen Glanze. Einem Fußballfest gegen den SV Babelsberg 03 am Tag der Befreiung stand nichts mehr im Wege. Rund 200 Gästefans hatten sich angesagt - und diese wollten sich auch nicht lumpen lassen und ließen noch mehr DDR-Nostalgie aufkommen. Doch dazu später mehr.

18 Uhr an einem Mittwochabend - auch mein größerer Sohnemann und ich sahen dies als echte Abwechslung. Mal nicht im weiten JSP, sondern schön familiär wie früher im Sportforum. Klassisch ging es mit S-Bahn und Straßenbahn bis zur Sandinostraße. Mensch ja, was kommen bei dieser Tram-Fahrt immer für Erinnerungen hoch. Kurios: Ich kann nicht mehr genau sagen, wann ich eigentlich mein allererstes Spiel im Sportforum Hohenschönhausen gesehen hatte. Ich weiß genau, wann ich einst Anfang der 1990er die ersten Spiele von Hertha BSC, Hansa Rostock, Dynamo Dresden, Bayer 04 Leverkusen, etc. gesehen hatte. So war ich im Stadion An der Alten Försterei das allererste Mal am 7. Juni 1992 im Zuge des Aufstiegsrundenspiels der Eisernen gegen den VfL Wolfbsurg. Das Datum wurde auf die Eintrittskarte gestempelt.

Und eben dies war bei den Eintrittskarten des damaligen FC Berlin meist nicht der Fall. Manchmal machte ich eine Notiz auf die Karten, aber halt nicht immer. Es waren 1993/94 und 1994/95 noch diese ganz schlichten Karten der Arbeitsgemeinschaft der Berliner Amateur - Oberliga Vereine in N.O.F.V. Hinten drauf war eine Werbung von „Pak Tours“. 1996/97 gab es dann welche mit Vereinswappen. Die ersten dort gesehenen Heimspiele waren unter anderen die gegen Altmark Stendal, Tennis Borussia Berlin, Erzgebirge Aue, Sachsen Leipzig und den 1. FC Union Berlin. Allerdings fuhr ich bereits drei Jahre zuvor das erste Mal mit der Straßenbahn in Richtung Hohenschönhausen. Ein Schulfreund schleppte mich im Oktober 1991 mit zum Zweitligaspiel des EHC Dynamo gegen Grefrath im guten alten Welli.

Viel geändert hat sich seitdem nicht auf dem Areal des Sportforums. Die Welt im Wandel, Berlin im Wandel, doch dort ist ein stückweit die Zeit stehen geblieben. Das kann durchaus angenehm sein. Bereits eine dreiviertelstunde vor Anpfiff setzte ich mich mit dem Sohnemann ins Vereinsheim und beobachtete die anwesenden Fans. Egal, mit wem man ins Gespräch kam, der Tenor war meist derselbe: Mensch ja, herrlich, endlich mal zu Hause. Zwar gibt es auch durchaus Stimmen, die meinen, nur im Jahn-Sportpark habe der BFC Dynamo eine sportliche Zukunft, doch die Mehrzahl der Fans wollen ganz einfach wieder zurück. Das Sitzen und Klönen am und im Vereinsheim, die Stände, der Spielplatz für die Kinder - das schafft eine familiäre Atmosphäre, die es halt im Jahn-Sportpark nicht gibt. 

Im Gegensatz zu früheren Oberliga-Zeiten, in denen die Babelsberger Anhängerschaft regelmäßig die Auswärtsspiele im Sportforum boykottierte, fanden sich am gestrigen Abend tatsächlich rund 200 Fans des SV Babelsberg 03 ein. Insgesamt waren es 1.013 zahlende Zuschauer, die für eine recht ordentliche Kulisse sorgten. Rund 100 von ihnen verbrachten allerdings die ganze Zeit am Vereinsheim und auf dem Vorplatz. Gleiches gilt für meinen Sohnemann. Ansonsten in der Tat auch am Spielgeschehen auf dem Rasen interessiert, hatte er wohl gestern gerade mal zwei Minuten das Spiel verfolgt. Ein rascher prüfender Blick auf den Gästeblock (gibt es dort vielleicht Pyro?) - dann ging es wieder zu den anderen Jungs an Schaukel und Rutsche. 

Auch die Mannschaft des BFC Dynamo fühlte sich sichtlich wohl im Sportforum, was sicherlich auch daran lag, dass die Atmosphäre schlichtweg besser war als bei den vergangenen eher tristen Heimspielen im JSP vor unter 500 Zuschauern. Bereits nach zwei Minuten machte Patrick Brendel fast das 1:0 für die Weinroten, doch Masami Okada konnte auf der Linie mit dem Kopf retten. Jubeln durfte der Gastgeber nach einer Viertelstunde. Nach einer guten Hereingabe von Mateusz Lewandowski war Deniz Citlak zur Stelle und machte die Führung klar. Na, der Jubel an und auf dem Zaun erinnerte doch wieder ein wenig an alte Zeiten. 

Nach der Halbzeitpause kam der Einsatz der Gästefans. Passend zum 8. Mai wurde zuerst ein Spruchband gezeigt: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“ Worte, die sich einst als Schüler an der POS in der DDR fest eingeprägt hatten. Allerdings folgte am gestrigen Abend im Gästeblock ein Aufruf, den es in der Form damals nicht gab. Mit schwenkenden roten Fahnen in der Hand wurde immer wieder „Nie wieder Deutschland!“ gerufen.

Die Rufe wurden in Richtung Haupttribüne gerichtet, doch dort lockten diesen Rufe - im Gegensatz zu früheren Zeiten - wirklich niemanden hinter dem Ofen vor. Eher mit einem müden Lächeln wurde mal kurz in Richtung Gästeblock geschaut - das war´s dann auch. Mag sein, dass es bei Einzelnen innerlich ein wenig geköchelt hatte, doch war allen klar: Komplett die Füße still halten und sich nicht provozieren lassen. Am Zwischenzaun hängende und pöbelnde BFCer hätten wieder nur zu gut ins Bild gepasst. Diese gab es jedoch nicht. Erstaunlich ruhig ging die Partie über die Bühne. Man wollte keine Gegenargumente schaffen für eine mögliche dauerhafte Rückkehr ins Sportforum.

Erstaunlich war zudem, wie jung teilweise die erste Reihe hinter dem Filmstadtinferno-Banner war. Mit allem hatte ich beim Blick durchs Tele gerechnet - aber nicht damit. Aber fein, dass für Nachwuchs stets gesorgt ist. Auch auf BFC-Seite durfte registriert werden, dass bei den Ultras und der Fraktion H durchaus richtig junge neue Gesichter zu sehen sind. Na ist doch was, der BFC wird doch nicht der totale Opa-Club, bei denen eines Tages nur noch die Althauer auf Krücken zum Heimspiel humpeln. 

Auf dem Rasen humpelte zudem auch niemand. Der BFC Dynamo zeigte eine flotte Partie. In der 55. Minute konnte Marcel Rausch nach Vorarbeit von Deniz Citlak auf 2:0 erhöhen. Im späteren Verlauf hätte nach einem Freistoß Lewandowski auf 3:0 erhöhen können, doch am Ende blieb es beim 2:0-Sieg der Weinroten. Der Gästeanhang zog friedlich von dannen - eine Fantrennung funktioniert am Sportforum immer blendend  -, und auf Heimseite wurde das Vereinsheim angesteuert. Bier, noch ein Bier und überaus zufriedene Gesichter. Was die Zukunft bringen wird? Man wird sehen. Aktuell freuen sich die meisten erst einmal auf ein weiteres Heimspiel im Sportforum. Zu Gast ist dann die VSG Altglienicke.

Fotos: Marco Bertram

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Inhalt über Klub(s):
Spielergebnis:
2:0
Zuschauerzahl:
1.013
Gästefans
200

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Regionalliga
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G
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Auf einem Ohr taub?

Mich wundert, dass die "Arbeit macht frei - Babelsberg 03"-Rufe keine Erwähnung finden und der BFC-Anhang in höchsten Tönen gelobt wird, sich nicht provoziert haben zu lassen.

Ansonsten aber ein guter Artikel.

K
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Zu Besuch

....kommt halt nicht jeder sportlich elegant gekleidet ???

G
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Schön zusammengefasst.
I
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BABELSBERG mal wieder. *LOL*

E
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Es waren ja sogar eher Jungpioniere bei denen im Block. :-D

G
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A
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