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SD Huesca vs. Sevilla FC: Völlig verrückt - 2:1 statt 1:2 in der turbulenten Schlussphase!

 
5.0 (4)
MH 04 April 2019
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Nach langer Abstinenz bezüglich des europäischen Elitefußballs, sollte also kein geringerer als SD Huesca diese Periode beenden. Huesca kann wohl als die Überraschung der Saison angesehen werden. Viele Jahre kämpfte Huesca in der 4. und 3. Liga Spaniens um den Klassenerhalt. In der Saison 2008/2009 durfte dann erstmal in der 2. Liga gegen den Ball getreten werden, stets mit mäßigem Erfolg. Über die Mittelfeldplätze kam das Team eigentlich nie hinaus. Zwischenzeitlich musste für zwei Saisons erneut der Gang in die 3. Liga angetreten werden, bevor die Rückkehr in die Segunda Division gelang. Wirklich erfolgreich spielte Huesca eigentlich nur in den letzten beiden Spielzeiten. Einmal belegte man Platz 6 und schied in den Aufstiegsplayoffs gegen Getafe im Halbfinale aus, in der letzten Saison sollte es aber gelingen. Das kleine Fußballwunder war perfekt. Mit einem 2:0 Sieg in Lugo durfte zusammen mit Rayo Vallecano der direkte Aufstieg in die Primera Division gefeiert werden. Etwas mehr als 52.000 Einwohner zählt der kleine Ort in Aragon, allerdings wird dies vom jahrelangen Primera Division Teilnehmer aus Eibar noch deutlich unterboten, welche sich in ihrer 5. Spielzeit im spanischen Oberhaus befinden. 

Zu Gast war an diesem Tag einer der erfolgreichsten Vereine Spaniens in den letzten Jahren. Der FC Sevilla. Seit 2006 gelang dem andalusischen Club 5-mal der Gewinn der Europa League. Von 2014 bis 2016 gelang der sogar dreimal in Folge. Keine schlechte Bilanz. Auch fantechnisch machte der Verein Schlagzeilen, als man 2013 nahezu alle namhaften Zaunfahnen von Slask Wroclaw erbeuten konnte. Über das Wie wurde damals heiß diskutiert, denn das eine recht schlagkräftige Gruppe wie die Jungs aus Wroclaw all ihre Fahnen im normalen Kampf verloren haben, klingt schon etwas abstrakt. Es war von Messern die Rede, was ich durchaus für glaubhaft halte, aber eine 100%ig sichere Aussage gab es damals soweit ich weiß nicht. Diese Tatsache hat das Reisen für die Fans von Sevilla zu deren internationalen Spielen innerhalb Europa sicherlich nicht vereinfacht, denn eines ist gewiss: Polnische Fans vergessen so schnell nicht, auch wenn bereits über fünf Jahre seit dem Vorfall vergangen sind.

Nach dem kurzen Exkurs zurück zu eigentlichen Partie. Da ich mit dem Auto anreiste und Spanien für seine doch sehr bescheidene Parkplatzsituation bekannt ist, war ich natürlich gespannt wie es sich in dem kleinen Ort verhält. Das gute hierbei ist, der Spanier ist ein absoluter Last-Minute-Fan, sodass diese Situation bei etwas zeitlichem Puffer deutlich entspannter ist. Mit einem etwas längeren Laufweg konnte diese Frage auch sehr entspannt geklärt werden. Am Stadion herrschte schon ein schönes Gewusel und auch die Ticketfrage war noch nicht geklärt. Bei solch kleinen Stadien weiß man ja nie, aber letztlich sind in Spanien die wenigsten Spiele gänzlich ausverkauft, sodass sich auch für den deutschen Fußballtouristen noch ein schönes Plätzchen fand. Das Stadion ist schon ein ulkiges Teil. Wirkt etwas zusammengeschustert, aber auch irgendwie sympathisch, da man durch die Kompaktheit das Gefühl hat, sehr nah dabei zu sein.

Etwa 300 Gäste hatten ebenfalls den Weg nach Huesca gefunden, was in Spanien schon ein großer Gästehaufen ist, außerhalb der Spiele gegen Barcelona und Real. Die Flagge der Fangruppe Biris Norte konnte ich aber nicht sichten. Nun ja, Ultra heißt in Spanien eben nicht, was Ultra in Deutschland heißt. Warum es eine wirkliche Ultra-Kultur in Spanien nicht gibt kann ich auch nicht beantworten. Die sehr zerklüfteten Spieltage, das Preisniveau und die Entfernungen und sicherlich auch die finanziellen Möglichkeiten werden aber einen gewissen Anteil daran haben. Allesfahrer bei Real oder Barca zu sein, ist sicherlich ein teures Hobby, denn was die Spanier sehr gut können ist, Eintrittspreise dem Gegner anpassen und da wird man bei Spielen gegen die großen Teams deutlich mehr zur Kasse gebeten. In diesem Fall sollte es aber im Rahmen sein, der sich bei Primera Division Spielen im Bereich 25 – 35 Euro für die billigsten Plätze befindet. Definitiv kein Schnäppchen.

Das Stadion war am Ende sehr gut ausgelastet und ich nehme es vorweg, ich bekam hier eines der besten Spiele der letzten Jahre geboten. Ein hin und her, beide Teams schenkten sich nichts. Da war die erste Halbzeit fast noch langweilig, wenn man die zweite Halbzeit als Vergleich nimmt. Huesca konnte überraschend sehr früh in Führung gehen und den Gast etwas überrumpeln. Sevilla brauchte die gesamte 1. Hälfte um sich neu zu finden und startete in Halbzeit Zwei einen Ansturm auf das Tor von Huesca wie man es nur aus den Einkaufsmärkten kennt, wenn ein neues IPhone herauskommt. Nicht ganz unverdient gelang der Ausgleich schließlich in der 84. Minute. Ohhh, der Gästebereich lebte noch. Nun waren sie mal zu hören. Bis dato konnten die Gästefans nur durch die nette Schalparade vorm Anpfiff auffallen. Im Heimbereich sah es nicht so viel besser aus. Es gab eine kleine Gruppe unterhalb der Anzeigetafel, welche aber durchweg bemüht waren, die Stimmung im Stadion anzukurbeln, was phasenweise auch gelang. Kurz vorm Spielende erzielte Sevilla das 2:1… 

Ernüchterung im Stadion und heftige Proteste. Hallo Herr Videoassistent, bitte prüfen hieß es anschließend. Bereits in Halbzeit 1 durfte der Videoassistent nach einem Elfmeterpfiff für Sevilla zur Tat schreiten. Nach Prüfung wurde dieser zurückgenommen. Nach einigen Minuten der Ungewissheit hieß es auch hier, kein Tor. Der Jubel war groß unter den Heimfans und er sollte noch größer werden. 98. Minute und der Ball schlug plötzlich im Tor der Gäste ein. Da sich der Schiri nun scheinbar gar nicht mehr sicher war, wurde auch hier der Videoassistent zur Aktion gerufen. Ein gefragter Mann an diesem Abend. Die Leute schauten gespannt, man merkte das Kribbeln in der Luft und dann kam die Erlösung. Tor! 2:1 in der 98. Minute. Das hielt selbst mich nicht mehr auf dem Sitz. Meine Herren, was war denn das für ein spannendes, geiles Spiel. Insbesondere für die Heimfans und die neutralen Besucher natürlich. Die Gäste hatten eher weniger Freude. Das macht den Fußball eben zu dem was er ist, eine der besten Sportarten der Welt.

Huesca war bereits abgeschlagener Tabellenletzter, konnte in den letzten Spielen allerdings gut punkten, sodass man wieder Tuchfühlung zum rettenden Ufer bekam. Ein Sieg gegen den FC Sevilla ist sicherlich auch nicht einkalkuliert gewesen, wobei es auch die den Spitzenclub aus dem Süden dieses Jahr nicht rund läuft. Selbst die Qualifikation für die Europa League ist in Gefahr. Seit diesem Spiel ist Huesca allerdings wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden. In den vier darauffolgenden Spielen konnte nur ein Punkt geholt werden. Da nützte es auch nichts ein top Spiel bei Real abzuliefern und mit zwei erzielten Toren am Ende auch mit leeren Händen dazustehen. 7 Punkte fehlen auf das rettende Ufer. Bei ausstehenden 8 Spielen keine leichte Aufgabe und man wird sich wohl oder übel mit einem Jahr in der Eliteliga Spaniens begnügen dürfen. Den Eindruck den Huesca allerdings hinterlassen hat, ist sicherlich kein schlechter. Wobei ich das permanente Einfordern des Videobeweises schon etwas nervend empfinde. Dies war nämlich auch beim darauffolgenden Auswärtsspiel bei Getafe der Fall, welchem ich ebenso beiwohnte. Gebracht hat es dort nichts.

Aber eines ist sicher, an diesen Fußballabend werde ich mich noch eine Weile erinnern, denn solche Spiele, in denen ich als neutraler Beobachter mitfiebere, sind rar. Sehr rar. Ein geiler Abend in Huesca, Welcome back to Europe!

Fotos: Marcel Hartmann

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Spanien

Spielergebnis:
2:1
Zuschauerzahl:
6.818
Gästefans
300
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