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Vor 27 Jahren: Werder Bremen vs Bayer Leverkusen: Kurven-Orgasmus und Oralsex im Fanbus

 
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MB 21 Februar 2019
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21. Februar 1992. In der Meisterstube wurde auf dem 0815-Wandkalender der kleine rote Rahmen über die schwarze „21“ geschoben. Karsten und ich hatten im eigenen Taschenkalender ebenfalls diesen Freitag rot markiert. Auswärtsfahrt nach Bremen! Nach den Touren nach Bochum, Duisburg und Mönchengladbach war diese Tour die erste Fahrt zu einem Auswärtsspiel, das nicht in NRW stattfand. Beim Fanbeauftragten wurden beim Heimspiel gegen den Karlsruher SC die beiden Plätze im von ihm organisierten Fanbus bezahlt. Apropos KSC. Das Heimspiel im Ulrich-Haberland-Stadion gegen die Jungs aus Baden wurde eine richtig heiße Kiste. Es gab auf dem Platz derb auf die Socken. Und als es vor dem C-Block zu einem weiteren Foul kam, rannte KSC-Trainer Winnie Schäfer wie ein Bekloppter quer über den Platz. Es kann sein, dass es auch die rote Karte für Bogdan war, die ihn komplett ausrasten ließ. Auch wir im Block C rasteten völlig aus und brüllten immer wieder wie die Geisteskranken: „Schäfer raus, Schäfer raus!“ Im zum zu zwei Dritteln leeren Schmuckkästchen hallten diese Rufe brachial laut. Winnie zeigte den Bayer-Fans den Vogel, und der Mob ging nun völlig ab. Wütend lief der vom Schiri ermahnte Schäfer zurück zur Trainerbank und warf seine berühmte helle Jacke auf den Boden.

Als in der Schlussphase Stürmer-Gott Ulf Kirsten den Karslruhern noch zwei Dinger einschenkte und Leverkusen demzufolge mit 2:0 gewinnen konnte, war es die Genugtuung hoch zehn. Der Schwatte machte die Säge, die Fans auf den Rängen bekamen den Abgang. Was für eine Hormonausschüttung! Kollektives Umarmen und Bierbecher werfen. Schäfer, du blöde Sau, dachten wir wohl alle, jetzt wurdest du richtig… Ach nee, das lassen wir jetzt mal lieber. Winnie war schon nen cooler Typ, aber bei diesem Spiel heckte ich schon insgeheim Pläne aus, wie ich über den Rasen rennen und kräftig reinschlagen könnte. Als 18-jähriger Fußball-Frischling musste ich noch lernen, mit den krassen Emotionen halbwegs umgehen zu können. Die Spannbreite von „Ich könnte alle küssen“ bis zu „Ich könnte die alle umtreten“ war richtig groß.

Nun also am 21. Februar 1992 - sprich vor exakt 27 Jahren - sollte es in die Hansestadt Bremen gehen. Mit Werder konnte ich soweit nichts anfangen. Zumindest gehörte Werder Anfang der 90er nicht zu meinen Hass-Vereinen. Eine Zeitlang hing sogar ein Werder-Schal an meiner Wand im Ausbildungswohnheim. Es muss wohl der legendäre Europapokalsieg 1992 gewesen sein. Gegen Monaco. Ihr wisst schon, Wynton Rufer und Klaus Allofs! Dufte Truppe. Im Februar 1992 konnte ich zu Bremen allerdings noch gar nix sagen. Karsten und ich waren einfach neugierig auf das Weserstadion und die Fahrt im Fanbus.

Bevor es vom Parkplatz an der Dopatka-Halle losgehen würde, musste noch im Werk geackert werden. Die Ausbildung rief. Karsten musste schweißen, flanschen und Rohre verlegen. Ich musste Strippen ziehen, die Farbcodes auf den kleinen Widerständen auswendig lernen und Platinen bestücken und löten. Für fünf Mark wurde sich mittags der Wanst in der coolen Kantine in Flittard vollgeschlagen, danach wurde der schwere Kopf noch kurz auf die Werkbank gelegt. Was für eine Fülle! Was für eine Müdigkeit! Als endlich die Lehrwerkstatt gefegt werden durfte, konnte das Wochenende beginnen! Auf zum Treffpunkt der Bayer-Fans.

Vielen wurden es am Freitag nicht. Von 1.500 Fans wie beim Auswärtsspiel in Bochum konnten wir nur träumen. Wenn es in Bremen 200 sein würden, durfte man bereits froh sein. Es fuhr an jenem Freitag quasi nur der harte Kern mit. Trinkfeste Allesfahrer im Bus. Auf eigene Faust dazu noch ein paar alte Haudegen wie die „Schwarzen Wölfe 79“ und ein paar jüngere Hools. Karsten und ich durften es uns im Bus, der wahrlich nicht das neueste Modell war, gemütlich machen. Flaschen wurden geöffnet und Musik wurde eingelegt. Gut möglich, dass auch im Bus geraucht wurde. So genau weiß ich das nicht mehr. Auch Karsten und ich rissen unsere mitgebrachten Bierbüchsen auf. Ich kann mich erinnern, dass ich damals nur Büchsen auf Auswärtsfahrten mitnahm, da ich nicht wusste, wie man Flaschen mit dem Schlüssel oder dem Feuerzeug aufmachte. Und irgendwelche Typen zu fragen, ob sie einem das Fläschchen öffnen, war uns zu blöde. Aber trinken kannste schon alleine, oder? So nen Spruch wäre 100pro gekommen.

Der Umgangston war rauer Natur. Mitunter auch richtig krass. Auf Etikette achtete niemand. Es war auch völlig mumpe, ob auch Frauen dabei waren. Eine Sexismus-Debatte gab es damals nicht. Immer frei nach Schnauze labern. Karsten und ich hörten auf den ersten Auswärtsfahrten eher zu und feierten innerlich ab. Wenn die alten Mittvierziger nur von Kloppen, Suff und Abspritzen quatschten und dazu tief und dreckig lachten, wurde mir immer ganz anders. Alter, dachte ich, was führen die privat für ein Leben? Ich fand das faszinierend und beängstigend zugleich. 

„Pinkel-Pause, Pinkel-Pause!“ Immer wieder musste der Bus auf einem Parkplatz halten. Zehn Minuten brüllte der Nächste wieder was rein. „Wir haben Durst! Aral, Aral, wir plündern total!“ Ran an die Tanke und Nachschub geholt. „Hey, Fahrer, ich muss pissen!“ Meine Fresse, so kämen wir nie pünktlich am Weserstadion an. Mir war schon klar, dass das ganze Drumherum den älteren Fans schon wichtiger war als das eigentlich Spiel. Hauptsache saufen und versaute Witze erzählen. „Ey, ich hab Druck! Kann mal jemand helfen! Hö hö!“ Die wenigen mitfahrenden Frauen schauten in jenen Momenten nur verschämt aus dem Fenster. Oh meine Güte, wie schmerzfrei musste man als Frau gewesen sein, um an solch einer Tour teilzunehmen.

Dolle Wurst. Der Bus samt Sauf-Truppe kam überhaupt nicht aus den Knick und erreichte verspätet das Weserstadion. Die örtliche Polizei sprach noch ab, wo denn nun der Bus stehen dürfe, und dann durften wir endlich den Gästeblock entern. Wir hatten es bereits draußen mitbekommen. Der SV Werder ging in der 11. Minute mit 1:0 in Führung. Thorsten Legat war der Torschütze. War das bitter, direkt vor dem Gästeblock dort drinnen den Jubel zu hören. Wut, grenzenlose Wut. Fassungslosigkeit. 

Aber dann! Kaum waren wir drin im Gästeblock, erzielte Ulf Kirsten nach Vorabeit von Andi Thom den Ausgleichstreffer! 18. Minute. 1:1. Es war wie ein Abschuss nach drei Monaten Enthaltsamkeit. Die angetrunkene Leverkusener Meute kriegte sich nicht mehr ein vor Freude. Rauf auf den Zaun! Richtig abgehen! Mein Kreislauf drohte zu Kollabieren. Die Sinne versagten. Es rauschte nur noch, das Blut wummerte in den Ohren, die Umrisse der Umgebung wurden zunehmend verschwommener. Nach und nach schärften sich die Sinne wieder. Meine Güte, was haben die Heimfans eigentlich für eine Kurve? Ich hatte nun erst einmal Zeit, mich in Ruhe umzuschauen. Die Heimkurve hinter dem Tor musste damals ohne Dach auskommen. Das mussten die Stehfans in Gladbach und Duisburg bekanntlich auch. Jedoch war das restliche Weserstadion komplett überdacht. Das sah dann doch ein wenig skurril aus.

„Was ist grün und stinkt nach Fisch? Werder Breeeeemen…“, sangen immer wieder die mitgereisten Bayer-Fans. Und auch ins ferne Köln wurden wieder die bekannten Grüße geschickt. „In der Südkurve viertel nach vier einen Geißbock schlachten wir, frisches Kölner Blut tut uns allen gut…“ Das Standard-Repertoire wurde abgespult. „Oooh Rot-Schwarz-Rot, wir saufen bis zum Tod, wir holen den UU-EFA-Cup und wir werden Deutscher Meister!“ - „Leeeeeeverkusen, schalalalala, Leeeeeeverkusen…“ Und dann noch ein „Hurra, hurra, der Bayer, der ist da!“ Auch ein Vierteljahrhundert später weiß ich noch genau, was ich gedacht hatte, als ich die ersten Male am Rhein aufmerksam diesen Gesängen und Schlachtrufen lauschte.

Weitere Treffer wollten an jenem Abend nicht fallen. Immerhin, ein Punkt wurde mitgenommen. Und dieser wurde ausgiebig gefeiert im Bus. Die dunklen Landschaften zogen vorbei, im Dämmerlicht trieben die betrunkenen Fans ihre Späßchen. Bei einem Mann wurde nach all den versauten Witzen der Druck wohl allzu arg. Im Suff holte er seine halbsteife Nudel raus, schwankte durch den Bus und hielt das gute Stück der Frau in der Reihe vor uns ins Gesicht. Keine Ahnung, ob die sich näher kannten oder nicht. Nun denn, so was sah ich zum ersten Mal live in meinem Leben. Ich denke, in all dem Trubel im Bus kam es auch rasch zum Oral-Akt. Das machte auch Sinn, denn an Ärger oder geäußerte Empörung kann ich mich nicht erinnern…

Die damals anstehenden Aufgaben: Heimspiel gegen den F.C. Hansa Rostock (waren wir dabei, wurde bereits ausführlich beschrieben) und das Heimspiel gegen den FC Schalke 04 (waren wir auch dabei). Unsere nächste längere Auswärtssause mit dem TSV Bayer 04 Leverkusen führte uns am 1. Mai 1992 nach Nürnberg. Auch über jene legendäre Tour gibt es bereits einen ausführlichen Bericht zu lesen.

Fotos: Marco Bertram, K. Hoeft

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen vom Fußball in den 1990ern

Spielergebnis:
1:1
Zuschauerzahl:
13.800
Gästefans
300

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