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African Coast FC vs. Jang’ombe Boys FC: Volkssport Fußball unter Palmen auf Sansibar

 
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MH 26 Januar 2019
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Von Äthiopien sollte es aufgrund der Spielpläne zuerst weiter nach Tansania gehen. Bei der Flugrecherche fiel mir dann auf, dass die Flüge auf die kleine Insel Sansibar sogar günstiger waren und da ich sowieso mit einem Besuch der Insel liebäugelte, wurde eben dieser Flug auserwählt. Von Addis Abeba ging es mit knapp sechs Stunden Aufenthalt in Nairobi weiter nach Sansibar. Dass mich hier etwas andere Temperaturen erwarten sollten, war mir bekannt, aber dass es dann doch gleich in solch einem Schwitzinferno enden sollte, zumal ich auch erst recht spät am Abend landete, überraschte mich ein wenig. Nun also wieder normale asiatische Temperaturen. Darüber war ich an sich nicht sauer, denn die letzten drei Stationen waren mitunter doch recht kalt und passten so gar nicht zu meinem Kleidungsbestand.

 

Ich hatte natürlich die Hoffnung auch auf Sansibar ein Fußballspiel zu besuchen, sodass es mich am ersten vollen Tag, gleich zur Zanzibar Football Association zog, welche ihre Büros im Amaan Stadium haben. Dieses ist auch gleichzeitig das größte Stadion der Insel und Heimstätte der 1. Liga sowie der Nationalmannschaft von Sansibar. Ja ihr hört richtig. Die kleine Insel besitzt ihre eigene Nationalmannschaft. Das Archipel besteht aus den beiden Hauptinseln Unguja und Pemba, zuzüglich der darum befindlichen, kleineren Inseln. Sansibar versteht sich als semi-autonomer Teilstaat Tansanias und verfügt über eine eigene Regierung und einen eigenen Präsidenten. 

 

Auch in der deutschen Historie spielte das ehemalige Sultanat Sansibar eine Rolle. Im sogenannten Sansibar-Helgoland-Vertrag vom 01.07.1890 wurden die Gebietsansprüche des Deutschen Reiches und des Vereinigten Königreiches im kolonialisierten Afrika geregelt. Nun klingt es so, als wäre Sansibar einst deutsche Kolonie gewesen, was aber nicht der Fall ist. Es ging vielmehr darum, dass von Seiten des Deutschen Reiches keine Gebietsansprüche gegenüber Sansibar geltend gemacht werden sollten, über das damalige Deutsch-Ostafrika hinaus. Deutsch-Ostafrika war von 1885 bis 1918 die größte Kolonie des Deutschen Reiches, bestehend aus Tansania, Burundi, Ruanda und partiell Mosambik. Es fand somit kein Tausch statt, wie man es vermuten könnte. Im Gegenzug für den Verzicht auf weitere Gebietsansprüche, bekam das Deutsche Reich somit Helgoland übertragen. Das kurz zur Geschichte.

 

Als Teilstaat mit einer gewissen Unabhängigkeit zu Tansania, sieht sich Sansibar auch auf Fußballebene nur bedingt voll zu Tansania zugehörig. Es ist aber für sansibarische Fußballspieler möglich in der Nationalelf von Tansania zu spielen. Auch in den Ligen Tansanias dürfen Spieler von den Inseln spielen. Allerdings spielt kein einziger Verein von den Inseln aktuell in einer der Ligen Tansanias. Und um es noch etwas verrückter zu machen, so ist der Meister der 1. Liga Sansibars in der CAF Champions League und der Zweitplatzierte im CAF Confederations Cup – das afrikanische Pendant zur Europa League – spielberechtigt. Unabhängig von Tansania, welche ebenfalls ihre eigenen Vertreter international ins Rennen schicken. Wie man sieht, alles etwas komisch. Übrigens war Sansibar im Jahr 2017 für einige Monate Vollmitglied der afrikanischen Fußballkonföderation, was dann aber als Fehler des CAF widerrufen wurde. Man sieht so richtig einig über die Stellung Sansibars in der Fußballwelt ist man sich nicht. 

 

Der ein oder andere von euch wird sich vielleicht noch an das TV-Format mit Oliver Pocher erinnern, welches 2006 in Deutschland lief. Hier übernahm Oliver Pocher den Posten des Teamchefs und trainierte die Nationalmannschaft. Im Rahmen dieses Engagements, spielte die Nationalmannschaft von Sansibar auch eine Partie in Hannover gegen eine Deutschland-Auswahl und gewann diese mit 3:1. So richtig ernst war das aber alles nicht. 

 

Nun ja, zurück zu meinem Besuch beim Verband. Das Büro kann man als wirklich winzigen Verschlag unter der Tribüne bezeichnen. Nichtsdestotrotz wurde ich sehr nett empfangen und versuchte ein paar Informationen zu möglichen Spielen in den kommenden Tagen zu erhalten. So richtig wusste es aus der Kalten niemand, da die Liga aktuell pausiert. Somit blieb nur die Hoffnung auf Testspiele. Wir tauschten die Nummern aus und ein Herr namens Suleiman versprach mir, mich diesbezüglich zu updaten. Am Folgetag bekam ich tatsächlich die Information zu einem Testspiel. Allerdings sollte dieses nicht im großen Stadion stattfinden, sondern in einem Ort namens Mchangani. So wirklich konnte ich den Spielort trotz Hilfe nicht lokalisieren. Nachdem ich das Spiel schon fast abgeschrieben hatte, bekam ich am Abend das Angebot, mit einem Angestellten des Verbandes zu dem Spiel zu fahren. Mit so viel Hilfsbereitschaft hatte ich wahrlich nicht gerechnet, aber ich nahm das Angebot natürlich dankend an. 

 

Am Spieltag sollte ich mich dann also erneut am Amaan Stadium einfinden, um von da gemeinsam zum Spiel zu fahren. Wenn es eine Sache gibt, die einem Fußballreisenden die Nackenhaare aufstellt und Gänsehaut beschert, dann ist es sicherlich der Blick auf die Uhr, wenn die angekündigte Anstoßzeit immer näher rückt. Ich war natürlich mehr als dankbar für diese Möglichkeit, denn alleine hätte ich den Fußballplatz nicht einmal ausfindig gemacht, aber bei konstanten 40 km/h ist man dann schon geneigt den eigenen Fuß auf die Seite des Fahrers zu manövrieren und etwas aufs Gas zu tippen. Hier noch fix einkaufen, da noch fix mit einem Spieler plaudern, es kribbelte ein wenig im Körper, da ich den Anpfiff ohne mich geschehen sah. Irgendwann so mitten im Nichts bogen wir auf einen richtig rustikalen Waldweg ab und siehe da, ein Sportplatz. Offiziell war der Anpfiff schon seit einigen Minuten Geschichte, aber tatsächlich war noch nicht einmal die 2. Mannschaft vor Ort. Somit also umsonst kalten Schweiß auf der Stirn gehabt. 

 

Während der Fahrer zum Gebet trabte – Sansibar ist übrigens anders als das Festland von Tansania zu 96 Prozent muslimisch geprägt, wohingegen auf dem Festland 60% christlichen Glaubens sind – inspizierte ich den Sportplatz. Okay, viel gab es nicht zu inspizieren. Es war einfach eine unebene Wiese mit zwei Toren und ringsum jede Menge tropisches Gehölz. Dementsprechend überrascht waren viele Locals über meine Anwesenheit. Hier kam ich auch gleich mit einem Mann ins Gespräch, der sich als Trainer eines Drittligisten und ehemaliger Nationalspieler herausstellte. Auch er hatte in Hannover gespielt. So plauderten wir eine ganze Zeit und teilten uns ein Stück einer Jackfruit. 

Da kamen gleich wieder Erinnerungen an Indonesien hoch. Im Verlaufe des Spiels zwischen einem Zweit-  und einem Erstligisten, sprach mich dann noch ein verletzter Spieler der Jang’ombe Boys an. Auch hier wurde viel geplaudert. Also nett und redselig waren die Leute hier schon. Lag aber wahrscheinlich daran, dass man in mir stets einen Spielerbeobachter vermutete. Tja Jungs, den Wind muss ich euch aus den Segeln nehmen. Eine große Karriere in Europa kann ich euch nicht anbieten. Dafür fehlt aber auch etwas die Qualität. Wobei natürlich schon die Frage ist, ob denn wirklich die spielerische Qualität fehlt oder ob es einfach an dem mehr als grausamen Rasen lag, dass hier nichts wirklich gelingen wollte. Rein sportlich war es schon echt gruselig mit anzusehen, aber wie gesagt, der Rasen war nicht minder gruselig. 

 

Somit musste ich und die anderen knapp 350 Besucher ohne gesehenes Tor von dannen ziehen. Natürlich überwog bei mir dennoch die Freude, überhaupt ein Spiel auf Sansibar gesehen zu haben und ich denke auch, dass auf diesem Platz wahrscheinlich noch nicht so viele Europäer ein Spiel zu Gesicht bekamen. Aber immer wenn ich das denke, melden sich wenig später ein paar Leute mit der typischen Hopperfloskel „Alter Hut!“ So sicher kann man sich da heutzutage nicht mehr sein.  

Ich kann nur noch einmal meinen aufrichtigen Dank in Richtung des sansibarischen Fußballverbandes senden, auch wenn sie es hier wohl kaum lesen werden. Volkssport Fußball? Auf Sansibar wird man dieser Bezeichnung noch mehr als gerecht. 

Fotos: Marcel Hartmann

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Afrika

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