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Wunderbares Fußballerlebnis Äthiopien: Defence Force SC vs. Saint George SC

 
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MH 16 Januar 2019
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Äthiopien – das Herkunftsland des modernen Menschen, das Ursprungsland des Kaffee, der bevölkerungsreichste Binnenstaat der Welt, eines der ärmsten Länder der Welt, eine Alphabetisierungsquote von nur 50 Prozent, 45 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt, es ist eines der wirtschaftswachstumsstärksten Länder der Welt, ein Demokratie-Index Platz 124 von 167, die höchste Anzahl Weltkulturerbestätten Afrikas… Wenn man sich all diese herausgepickten Fakten durchliest, weiß man im ersten Moment nicht so wirklich, was einen in Äthiopien erwartet. Viele positive Punkte, aber auch viele negative Aspekte. Definitiv ist Äthiopien aber ein interessantes Ziel.

Dass meine Sympathie bereits am zweiten Tag sehr auf die Probe gestellt werden sollte, konnte ich nach der Ankunft am Flughafen Addis Abeba noch nicht ahnen. Aber so sollte es nach all den Jahren ohne jeglichen Diebstahl, eben Äthiopien sein, welches als Erstes in diese Negativannalen eingehen sollte. Mein schönes, auf Bali erworbenes Smartphone wechselte somit ungewollt und ungefragt den Besitzer. Da ich auf dieser Reise nun keine freien finanziellen Mittel mehr habe, musste ich also mein Althandy wieder aktivieren. Daher werdet ihr leider auch einen Qualitätsverlust bei der Bilderauflösung feststellen. Ich war dennoch froh diese Alternative zu haben. 

Eigentlich war es nicht mein Ziel, ein ganzes Land mit dem negativen Stempel als „Klauland“ zu versehen, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nun gegenüber jedem Menschen sehr skeptisch war und versuchte auf Abstand zu gehen. Insbesondere im Zentrum von Addis Abeba wurde einige weitere Male mit dem gleichen Trick versucht am Wertgegenstände zu kommen und auch viele der Leute, die ich in meinem Wahlhostel traf, hatten ebenfalls Dinge eingebüßt. Also wenn ihr nach Äthiopien reist, seid stets wachsam. Vor allem wenn euch jemand mit einem Kleidungsstück oder einer Zeitung über einer Hand entgegen kommt. Ich war nun auf einem Extremsicherheitsmodus, sodass ein Herankommen an meine brauchbaren Wertgegenstände eigentlich nur mit Gewalt möglich war. Das ist aber glücklicher Weise keine übliche Praxis. 

Ich nehme es aber vorweg, Äthiopien konnte auch einige Pluspunkte sammeln. Es gab überall günstiges Bier und eine lebhafte Kneipenkultur, eine Vielzahl der Frauen sind extrem hübsch und auch der Fußball konnte mich begeistern, allerdings nicht im Bezug auf die Spielqualität.

Nun bin ich also beim eigentlichen Thema angekommen. Wie es bereits zum guten Ton bei mir gehört, ging es am Tag nach meiner Ankunft zum Fußballverband, um einige Informationen aus erster Hand zu bekommen. Da in Äthiopien am 07.01. Weihnachten ist, war es am Folgetag nicht so leicht einen passablen Gesprächspartner ausfindig zu machen, sodass man mich auf den Folgetag vertröstete. Allerdings konnte mir dennoch von einem abendlichen Spiel im zentral gelegenen Addis Abeba Stadium berichtet werden. Das passte doch perfekt. Noch perfekter passte, dass die recht neue Metrostrecke direkt eine Haltestelle an eben diesem Stadion hat. Bei der Ankunft war ich sichtlich überrascht, denn die Ränge waren bereits sehr gut gefüllt. 25 Birr (1€ = 32 Birr) kostete der Eintritt. Ein Spottpreis. 

Bis hierher wusste ich noch nicht einmal wer hier eigentlich auf wen trifft. Auch die Auskunft, dass es sich um ein Pokalspiel handelte, bekam ich erst im Verlaufe des Spieles mit, da mir der Angestellte vom Verband doch glatt ein Premier League Spiel angekündigt hatte. Was auch durchaus logisch war, denn die gleiche Partie sollte wenige Tage in der Liga stattfinden, sodass für mich klar war, es handele sich um eine simple Spielverlegung. Der Gastgeber war der Defence Force SC. 11-maliger Meister und 14-facher Pokalsieger. Somit das zweiterfolgreichste Team im äthiopischen Fußball. Die letzte Meisterschaft datiert allerdings aus dem Jahre 1989. Der Gast Saint George SC ist seines Zeichens der erfolgreichste Verein im äthiopischen Fußball. 29 Meistertitel, 12 Pokal- und 16 Supercupsiege stehen zu Buche. Zudem ist es Saint George, welcher zu den fanstärksten Teams des Landes gehört und als Verein mit der besten Stimmung gilt. Von der Fanmasse wohl nur noch durch Ethiopian Coffee SC getoppt. Das Duell gegen Ethiopian Coffee wird als „Sheger Derby“ bezeichnet und gilt somit als das interessanteste Spiel. 

Vom Papier her ein wirklich interessantes Duell, welches mir hier mehr zufällig vor die Füße fiel. Auf dem Rasen allerdings ein eher behäbiges Elend, mit wenigen Torszenen und kaum wahrnehmbarer spielerischer Klasse. Wenn dies bereits die beiden erfolgreichsten und somit wohl auch sportlich fähigsten Teams sein sollen, dann sagt das einiges über die Qualität des äthiopischen Fußballs aus. Ein Blick in die FIFA-Weltrangliste unterstreicht dies. Platz 151 in der Welt und auch kontinental gesehen, sind nur neun Nationen schlechter gelistet. Der größte Binnenstaat der Welt befindet sich sportlich also hinter Lesotho und den Komoren. Das ist mal eine Ansage! Aber vielleicht bringt die extrem hohe Quote der Jugendlichen im Land, auch hier in naher Zukunft eine Verbesserung mit sich, insoweit man die Ausbildung dieser aktiv gestaltet und ernst nimmt. 

Auf den Rängen war es hingegen sehr überraschend. Wie schon erwähnt, ich hatte keinerlei Vorstellungen über das hiesige Fantreiben, aber dass es hier sehr organisierte Fanblöcke gab, welche ihre Teams lautstark nach vorne peitschten, nahm ich sehr wohlwollend zur Kenntnis. Der Stil war gänzlich anders, aber dadurch auch schön. Mal wieder einige neue Melodien gehört. Besonders hervorstechen konnten die gelb-orangenen Blöcke von Saint George. Diese nutzten auch diverse Formen des Arm- und Körpereinsatzes, was schon sehr an europäische Ultras erinnerte. Es unterschied sich dennoch merklich zu dem, was wir aus Europa kennen. Fans von Defence sah ich im ersten Moment gar nicht, bis ich feststellte, dass ich inmitten ihres Blockes stand. Es hatte halt niemand einen entlarvenden Fanartikel am Körper, erst die zunehmenden Pöbeleien und final der Torjubel entlarvten den Sektor. Und ich als einziger weißer Fleck mittendrin. Ein sehr schönes Fußballerlebnis in Afrika.

Fotos: Marcel Hartmann

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Afrika

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Genial!
L
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Zugabe!!

R
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Gute Informationen

Vielen Dank für diesen Artikel.

Da ich mich schon länger für eine Reise nach Afrika interessiere und speziell für Äthiopien habe ich einen kleinen Eindruck bekommen.

Würde mich wie Tommek freuen wenn wir ein wenig mehr über die Reise erfahren können! ;-)

Merci

D
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Sehr interessant! Gibt es noch mehr von der Reise zu lesen? Mich würde interessieren, wie der Diebstahl genau ablief, der leider nur angedeutet wurde. Generell ein paar mehr Informationen, wie es als Tourist in dem Land ist, wären interessant. Wie wird man als hellhäutiger Mensch aufgenommen? Vor allem im Stadion, wo sich kaum ein Tourist hin verirrt und man wirklich der einzige Weiße im weiten Rund ist.

Blöde Fragen eigentlich, aber vielleicht auch nachvollziehbar, wenn Äthiopien einem als so ferne Welt vorkommt.

Dankeschön!

T
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