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FC Rot-Weiß Erfurt 1990 bis Gegenwart: Ajax, Kölleda, Derbysiege und die Hoffnung

 
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CL 06 Januar 2019
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Stell dir vor, jahrelang bist du in deiner Klasse nur ein Mitläufer. Die Noten reichen Jahr für Jahr zwar für die Versetzung, aber wirklich überzeugend ist dein Abschlusszeugnis nie. Sogar die eine oder andere Ehrenrunde musstest du schon drehen. Du wirst nicht aufgrund deiner Leistungen geliebt, sondern einfach weil du eben bist wie du bist. Und dann im letzten Schuljahr, quasi in letzter Sekunde zeigst du es allen und haust mal so richtig auf die Kacke. Lässt all die Streber, die jahrelang immer besser waren als du, die dich mit ihren Leistungen immer überflügelt haben, hinter dir. Selbst das Großmaul aus dem Nachbarhaus, der früher sogar einen Italiener verprügelt hat und den Typen von dem alle wissen dass sein Vater Bulle ist und er ständig mit allem durchkommt. 

Und jetzt stell dir vor, es geht hier gar nicht um deine schulische Laufbahn, sondern um einen Fußballclub. Ähnlich wie oben beschrieben erging es zu DDR-Zeiten dem FC Rot-Weiß Erfurt. Immer wieder agierte der Verein aus der Blumenstadt unter ferner liefen. Nie war es dem FC RWE vergönnt mal länger als ein paar Spieltage am Stück im Konzert der Großen mitzuspielen. Direkt nach der Umbenennung von Turbine in Rot-Weiß im Jahre 1966 ging es in die Zweitklassigkeit, ebenso wie nach dem Abstieg in der Saison 70/71 gelang der direkte Wiederaufstieg. Immerhin eine Pokalfinalteilnahme gelang im Jahr 1980. Rot-Weiß verlor, typisch, so knapp vorm Ziel.

Aber dann in der Saison 90/91 holten die Männer vom Steigerwald zum großen Wurf aus. Gab es in den Jahren zuvor Platzierungen zwischen Platz 7 und 12, beendete man die entscheidende letzte Saison im DDR-Fußball auf einem sensationellen dritten Platz und hatte sich somit sowohl für den UEFA-Cup als auch für die bundesdeutsche 2. Liga qualifiziert. Schwergewichte wie der FCM oder der BFC Dynamo hingegen mussten in die drittklassige NOFV-Oberliga absteigen. Soviel zum Vorgeplänkel.

Einhergehend mit der erstmaligen europäischen Qualifikation des FC RWE begann auch meine Zuneigung zum Club meiner Heimatstadt. „Erfolgsfan“ höre ich da die ersten rufen, wäre eventuell auch richtig, aber es ist schlicht meinem Alter geschuldet dass ich nicht schon früher im Steigerwaldstadion zu Gast war. Im Jahr 1989 gab es zwar den ersten Stadionbesuch (internationales Sommerturnier, gespielt in Erfurt und Jena, der FC RWE unterlag dem FC St.Pauli im Elfmeterschießen), richtig geweckt wurde mein Interesse am Fußball aber erst mit der WM 1990. 

Man war das schön, nachmittags aus dem Hort nach Hause kommen und auf dem Farbfernseher Fußball schauen. In der Saison 91/92 folgten dann erste Stadionbesuche. Natürlich nicht allein. Eine der ersten Erinnerungen ist tatsächlich das UEFA-Cup Spiel gegen Ajax Amsterdam. Zusammen mit knapp 6.000 anderen Zuschauern erlebte ich eine knappe 1:2 Niederlage gegen den späteren Cup-Gewinner. In der zweiten Bundesliga besuchte ich unter anderem die Heimspiele gegen 1860 München, Mainz 05 und den Halleschen FC. Großartige Erinnerungen sind aber nicht abgespeichert. Gesammelte Programmhefte mussten mir hier nachhelfen. Sowohl in der regulären Saison als auch in der ausgespielten Abstiegsrunde landete der FC RWE auf dem letzten Platz, in beiden Fällen abgeschlagen. So hieß es ab der Saison 92/93 erneut Oberligafußball. Drittklassiger Oberligafußball um genau zu sein. 

Drittklassig, ein Synonym, das von nun an für viel Jahre den Erfurter Fußball umschreiben sollte. Neben bekannten Namen wie Zwickau, Aue oder Sachsen Leipzig musste man sich nun auch mit Vereinen wie Kölleda, Borna oder Meißen beschäftigen. Das ganze Spieljahr über hatte man engen Kontakt zum ersten Platz, musste sich aber am Ende mit Platz 3 begnügen. Gerade einmal zwei Punkte haben gefehlt. Verabschiedet wurde zum Ende der Saison auch Jürgen Heun. Mit 399 Spielen und 132 Toren ist er bis heute eine Ikone beim Club.

Die folgende Saison brachte das Novum mit sich, dass der FC Rot-Weiß tatsächlich über die gesamte Saison hinweg ungeschlagen blieb. Am Ende stand trotzdem nur Platz 2 hinter dem FSV Zwickau. Es sollte einfach nicht sein. Der Verein ein Gefangener seiner eigenen Vergangenheit. Immer irgendwie mit dabei, aber Erfolg ist Mangelware. Auf den Rängen fanden sich zu dieser Zeit oftmals nur dreistellige Kulissen ein. Eine meiner prägenden Erinnerungen an diese Zeit sind knapp 450 Zuschauer gegen Bischofswerda. 

Nichts desto trotz entwickelte sich auch in Erfurt eine kleine aber schlagkräftige Szene. Die EF-Parolis sollten sich als legitime und würdige Nachfolger der Erfurter Ostkurve erweisen. Für Aufsehen sorgten Auftritte in Weimar, Leipzig und Suhl, wo sogar ein Polizeirevier belagert wurde. Ansonsten gab es mit „Die Treuen“, „Erfurt auf Achse“, „Bad Langensalza“, und „Leinefelde“ verschiedene Fanclubs normaler Prägung, welche dem Club zu jedem Spiel in mehr oder minder großer Zahl begleiteten. Ebenfalls in die Zeit um 1993 fällt das erste Erscheinen des Fanzines „Kick Off“. Ein Heft, das auch heute noch regelmäßig erscheint und gern in der Erfurter Szene nachgefragt wird.

Zur Saison 94/95 gab es in der neu gegründeten Regionalliga Nordost ein wiedersehen mit alten Bekannten. Neben dem Erzrivalen von der Saale konnte auch wieder Vereine wie den 1. FC Union, Stahl Brandenburg oder Energie Cottbus begrüßen. Nebenbei sollte es ganze acht Mal in der Saison zu Spielen nach Berlin gehen. Spandau, Zehlendorf, Reinickendorf... Unbekannte Welten. Mit 8:0 gegen Brandenburg erlebte ich den bis heute höchsten Ligasieg. Reichlich albern sprangen meine Kumpels bei nahezu jedem Tor an und auf den grünen Zaun, welcher jahrelang das Antlitz des Stadions prägen sollte. Am Ende stand mit Platz 5 ein gutes Ergebnis zu Buche. Man war in der neuen Liga angekommen.

Torarm waren die Heimspiele in der folgenden Saison, ganze 16 Tore in 17 Heimspielen. Auswärts lief es besser und so stand man am Ende mit 50 Punkten auf Platz 7. Großer Auflauf herrschte jeweils zu den Testspielen gegen Dortmund und Gladbach. Gegen beide Bundesligisten konnte der FC RWE mithalten und die Spiele mit 0:0 und 2:0 recht erfolgreich gestalten. 

96/97 war die Saison, in der Cottbus so ziemlich alles in Grund und Boden sielte was nicht bei 3 auf den Bäumen war. In Erfurt holte der spätere Aufsteiger nur einen Punkt, begleitet wurde das Spiel von einer für damalige Verhältnisse sensationellen Pyroshow. Knapp 20 Fackeln fanden den Weg ins Rund und erleuchteten den Erfurter Herbsthimmel. Initiiert wurde das Ganze von den wenige Monate zuvor gegründeten „Erfordia Ultras“. Eine Gruppe aus italienaffinen, hoppenden und fanzineschreibenden Männern. EFU ist damit, meines Wissens, die älteste ostdeutsche Ultragruppe. 

Leider flog die Erfurter Fanszene, wie auch der Verein zu lange unter dem Radar. Nicht zuletzt durch die Einteilung in die Regionalliga Süd im Jahr 2000. Aber soweit bin ich noch nicht. 96/97 war mit Platz 3 die letzte sportlich einigermaßen erfolgreiche Saison bevor es chaotisch wurde. Pleite, Insolvenz, sportlicher Misserfolg prägten das nächste Jahr. Mittelmaß war angesagt. Der Verein war kaum noch lebensfähig. Nur dem Einsatz von Klaus Neumann als Präsident und Sponsor sowie dem Engagement vieler Fans ist es zu verdanken dass das Horrorszenario namens „Neustart ganz unten“ abgewendet werden konnte. Mehr als einmal haben meine Freunde und ich unser Taschengeld in die Sammelbüchsen gesteckt, um dem Club zu helfen. 

Als inzwischen fast schon erfahrene Stadiongänger im Alter von 15, 16 Jahren gab es nun auch endlich die Erlaubnis von Mutti auch auswärts zu fahren. Mein erstes Auswärtsspiel hätte schlimmer nicht laufen können. Regen, 1:4 in Zwickau und rückwärts im Leipziger Hauptbahnhof fast noch ne Naht kassiert. Und trotzdem war es eine Initialzündung. Ich wollte, ich musste dem Club einfach folgen. Stendal,  Berlin, Jena, Leipzig. Die Orte meiner Jugend wenn man so will. 

Wenn der Verein einem schon keine Highlights liefert, dann macht man sie sich eben selbst. Nach Stendal mit knapp 50 Mann, Schneeballschlacht und Weihnachtsmützen inklusive. Dazu nach dem Spiel ein kleiner Schlagabtausch, den man so nicht erwartet hätte, und für fast die gesamte Meute Gewahrsam in Magdeburg. Stichwort Magdeburg, zu einem Spiel passierte man gerade die Stadtgrenze, als das Radio verkündete, dass die Partie abgesagt ist. Immerhin eine Stunde vorher. Außer Spesen also nichts gewesen. Sehr bitter auch ein Spiel in Eisenhüttenstadt, wo man früh in der Saison mit 0:2 verlor. In Hütte, dem Synonym für Abschwung. Spannend zu jener Zeit die Derbies gegen Jena. Pyro, starker Support, gewürzt mit einer Prise Hass auf beiden Seiden. 

Auch auf dem Platz schenkten sich die Spieler nichts. Sportlich war man mit dem Rivalen lange Zeit gleichauf, nachdem dieser vorher fast ununterbrochen zweitklassig war. Dass die Derbies auch bei der Polizei für Schnappatmung sorgten, zeigt unter anderem der Wasserwerfereinsatz im Jahr 1998. Völlig grundlos wurde von der einen Seite geknüppelt und von der anderen volles Rohr in die Menge geschossen. Das Verschulden der Erfurter? Wir haben den Derbysieg an der Saale wohl zu ausgiebig gefeiert. 

Es waren spannende Jahre zum Ende des letztes Jahrtausends. Befeuert durch die Ereignisse bei der WM in Frankreich und durch Hefte wie „match live“ und „Supertifo“ begann man über den Tellerrand zu schauen, sich auszuprobieren, zu imitieren. Nicht immer ging das Ganze gut aus. Manchmal gab es auch richtig eine aufs Maul. Und einmal durften wir in Dresden die halbe Strecke vom Stadion zum Bahnhof im Laufschritt absolvieren. Aber, und da werden mir viele Leute recht geben, es war ein Geben und Nehmen, und es war meistens fair. Und ohne jetzt etwas zu glorifizieren, es war eine geile Zeit. Lange bevor es anfing mit Stadionverboten, Meldeauflagen und Dauerüberwachung.

Zurück zum Sportlichen. Die Jahre 98 und 99 waren geprägt von sportlichem Mittelmaß. Interessant wurde es zur Saison 99/00. Der DFB hatte sich eine Ligenreform auf die Fahne geschrieben. Aus vier Regionalligen sollten zwei werden. Geografisch aufgeteilt in Nord und Süd. In der Nordoststaffel musste ein 6. Platz her, um sicher dabei zu sein, Platz 7 bedeutete Relegation. 

Erfurt wollte es wieder besonders spannend machen und zeigte zwei Gesichter. Während man zuhause 15 von 17 Spielen gewinnen konnte, setzte es auswärts 10 Niederlagen. Das hieß in der finalen Abrechnung, dass man die Relegation gegen den FC Schönberg bestreiten musste. Eine Mannschaft aus Mecklenburg, von der die meisten Erfurter Fußballfreunde noch nie gehört hatten.

Mt 8 Bussen und etlichen Privatwagen ging es zum Hinspiel. Und was soll ich sagen? Erfurt, auswärts, lief halt nicht. Das Rückspiel lief dafür umso besser, mit 4:1 wurde die Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga klar gemacht. Abseits des Rasens vollzog sich bei den Erfordia Ultras ein erster Generationswechsel. Jüngere und motiviertere Leute übernahmen das Ruder, versuchten sich in organisiertem Support und fertigten erste Doppelhalter an. Vom Status Quo heutiger Tage als führende Gruppe war man damals aber noch weit entfernt. Nebenbei gründete sich mit „EF-Süd“ bereits im Jahr 1998 ein Fanclub, welcher auch heute noch aktiv ist und der sich als fester Bestandteil der aktiven Erfurter Fanszene bewährt hat. Auch sonst konnte zur Jahrtausendwende eine Steigerung der Zuschauerzahlen beobachtet werden. Zudem eröffnete auch das Erfurter Fanhaus im unmittelbaren Stadionumfeld und bot seitdem nicht nur einen Treffpunkt rund um die Heimspiele des FC RWE, sondern war auch unter der Woche ein willkommener Anlaufpunkt, Choreobastelraum und Lagerstätte für alle möglichen Stadionuntensilien.   

Die neue Liga brachte bis auf den Dauerrivalen von der Saale komplett neue Kontrahenten. Und so ging es nach Aalen, Burghausen, Pfullendorf, Offenbach, Mannheim (VfR) oder Schweinfurt. Oftmals musste der Erfurter Block gegen einen leeren Gästeblock oder nur mäßig gefüllte Heimtribünen ansingen, selten gab es Highlights auf und neben dem Platz. Am Ende stand um ein Haar der Abstieg. Nur dem Lizenzentzug für die Ulmer Spatzen war es zu verdanken, dass der FC RWE weiter drittklassig blieb. Immerhin konnte man die Saison mit dem Landespokalsieg gegen Jena einigermaßen versöhnlich abschließen. Dass es sportlich aber gerade mal zum Überleben reichte, machte es nicht einfacher immer und immer wieder ins Steigerwaldstadion zu pilgern. 

Ich hatte es weiter oben bereits angedeutet. Durch die Einteilung in die Regionalliga Süd war man plötzlich unter dem Radar, zudem wurde man der Möglichkeit beraubt sich sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen mit den alten Gegnern aus dem Osten zu messen. Nichts gegen Vereine wie Trier, Fulda oder Ansbach, aber die Heimspiele verkamen zu Trauerspielen. Auch wenn man in der Folgesaison auf Platz 5 landete, gab es für neue Zuschauer einfach nichts was einen erneuten Besuch rechtfertigte. Für die Fanszene gab es einfach keine Gegner, mit und an denen man sich messen konnte. Während selbst in der Oberliga viel jüngere Gruppen auf sich aufmerksam machen konnten und auch überregional wahr genommen wurden, lebte man in Erfurt wie in einer Blase und trat auf der Stelle. Ein Umstand der sich auch noch Jahre später bemerkbar machen sollte. 

Immerhin konnte man Kontakte knüpfen, so war man öfters mit den Ultras Gera unterwegs, auch mit  Zwickau gab es Berührungspunkte. Die Freundschaft nach Chemnitz, welche Ende der 90er Jahre gelebt wurde, war hingegen bis auf einige wenige Personen komplett eingeschlafen. Aber auch heute gibt es da zum Beispiel beim Fanclub „auf Achse“ noch einen regen Austausch.  Außerdem gründete sich im Jahr 2002 mit der „Kategorie EF“ eine nicht unumstrittene Gruppe, deren Mitglieder sich eher dem sportlichen Straßenkampf verschrieben haben.

Sportlich gab es im Folgejahr wieder nur Mittelmaß, Platz 9 in der Endtabelle und der Landespokalsieg standen letztlich auf der Habenseite. Vom Aufstieg zu träumen verbat sich angesichts der letzten Jahre einfach und so ging es auch ohne große Erwartungen in die nächste Saison. Die sollte es allerdings in sich haben. Im DFB-Pokal war wie so oft direkt in Runde 1 Schluss, in der Liga startete der RWE eher durchwachsen. Zwar war man immer in Sichtweite zu den Aufstiegsplätzen, aber so richtig wahr genommen wurde das nicht. Oft genug hatte man sportliche Einbrüche erlebt. Reden wollten selbst die größten Optimisten nicht von einem eventuellen Aufstieg. Aber irgendwie schaffte es die Mannschaft sich heimlich, still und leise immer weiter nach vorn zu spielen. Manchmal auch bedingt durch Patzer der Konkurrenz eroberte man schliesslich einen Aufstiegsplatz. 

Im letzten Heimspiel gegen den direkten Konkurrenten aus Saarbrücken  wurde dann das scheinbar Unmögliche geschafft. Am 29.05.2004 stieg der FC RWE in die zweite Bundesliga auf. Wahnsinn was sich im Anschluss an das Spiel im Stadion abspielte. Werbebanden, Tore, der Rasen, alles was nicht niet- und nagelfest war, wurde als Souvenir mitgenommen. Männer weinten vor Freude, Spieler tauschten Ihre Trikots gegen ein Bier. Es war ein Nachmittag, von dem ich mir wünschte er würde nie enden. Ich wollte diesen Text eigentlich schreiben ohne auf einzelne Spieler einzugehen, aber dass es ausgerechnet der Erfurter Fußballgott Ronny Hebestreit war, der den entscheidenden Treffer erzielt, hätte kein Drehbuchautor besser erdenken können. 

Das Jahr in Liga 2 gab der Fanszene einen enormen Schub. Mit Dresden, Aue und Cottbus traf man endlich wieder auf alte Bekannte, mit Köln und Frankfurt konnten man zwei Schwergewichten die Aufwartung machen und sich würdig präsentieren. Lediglich ein Spiel verpasste ich in dieser Saison. Ein Heimsieg gegen Burghausen. Ansonsten ging es per Bus oder Zug nach Aachen, Oberhausen, Essen, München und so weiter. Meistens ohne Ertrag, denn sportlich lief es so gar nicht. Am Ende der Saison stand der FC RWE, Geschichte wiederholt sich, auf dem letzten Tabellenplatz. Ein Highlight am Rande war der Pokalsieg der zweiten Mannschaft gegen den FC Carl-Zeiss Jena. Trotz Abstieg hatte man dem Erzrivalen die schlimmste aller Demütigungen zugefügt.

Eingruppiert in die Regionalliga Nord ging es in die nächste Saison. Wieder nur drittklassig, aber um Längen spannender als die Südstaffel. Mit dem FC St. Pauli stand eines der Highlightauswärtsspiele bereits am zweiten Spieltag auf dem Programm. Motiviert bahnte man sich seinen Weg über den Hamburger Dom um schließlich im noch unangetasteten Millerntor seine Visitenkarte abzugeben. Pyro, Gesang, Niederlage. Und trotzdem ein Spiel, das in Erinnerung bleibt.

Nachdem ich zum Anfang der Saison noch jedes Spiel mitnehmen konnte, wurde es später etwas schwierig. Ein Umzug aus dem grünen Herzen Deutschlands in den Ruhrpott sorgte dafür, dass ich etwas aus der Umlaufbahn des RWE geschleudert wurde. Aber auch hier erwies sich die Einteilung in die Nordstaffel als Glücksfall, manche Gegner lagen nun direkt vor der Haustür. Trotzdem wurden die Spielbesuche weniger. Highlights gab es aber weiterhin. So kann sich die Erfurter Anhängerschaft damit rühmen als erste überhaupt den Platz in der neuen Düsseldorfer Arena gestürmt zu haben. Anlass war die sehr zweifelhafte Spielführung des Unparteiischen im Spiel gegen die Fortuna. Am Ende der Saison konnte mit Ach und Krach der Klassenerhalt erreicht werden. Im strömenden Regen feierten über tausend Erfurter ein 5:1 im Lohrheidestadion zu Wattenscheid.

Seitdem war die dritte Liga der natürliche und gewohnte Lebensraum des FC RWE. Ausreißer nach oben oder unten gab es nicht, meist dürres Mittelfeldgeplänkel. Die Qualifikation zur eingleisigen dritten Liga wurde recht unaufgeregt gemeistert, zwischendurch grüßte man sogar mal von der Tabellenspitze. Aber sonst? Platzierungen zwischen Platz 5 und 13 ließen zu keiner Zeit Hoffnungen oder Ängste aufkommen. Lediglich zur Saison 2014/15 schien es als könnte man erneut ganz oben angreifen. Nach dem 26. Spieltag grüßte man sogar von Platz 2. Danach standen warum auch immer 8 Niederlagen in Folge auf dem Papier. Keiner weiß was mit der Mannschaft los war. War es vielleicht sogar eine Anweisung von oben, nicht aufzusteigen? Hatte die Vereinsführung keine Lust auf Zweitligafussball auf einer Baustelle, weil das Stadion just zu dieser Zeit endlich umgebaut wurde? Man kann nur spekulieren. 

Fakt ist aber, dass diese Serie von Niederlagen, aus welchem Grund auch immer sie zustande kamen, einem Genickbruch gleich kam. Nie wieder danach war der RWE näher am Spitzenfeld der 3. Liga. Im Gegenteil, ein Jahr später gab es zwar noch einmal einen stabilen 8. Platz, in der Saison 2016/17 war aber schon zittern angesagt und am Ende waren es lediglich 3 Punkte die man vor den Abstiegsrängen landete. Man kann also sagen, es deutete sich an, was schließlich bittere Realität werden sollte. Nachdem es in den letzten Jahren immer wieder extrem eng wurde mit der Lizenz, sich die Verantwortlichen finanziell immer einen Ritt auf der Rasierklinge leisteten, der Verein in der Stadt aufgrund seiner Außendarstellung immer mehr Rückhalt verlor, ging es im letzten Jahr richtig bergab und zum Schluss vor die Wand.

Sportlich schon kaum mehr ein ernstzunehmender Gegner, brach auch das finanzielle Übel nun komplett hervor. Dazu in der Führungsetage eine Seifenoper, wie man sie sich gar nicht vorstellen will. Die Zusammenhänge hier noch einmal darzulegen ohne dabei den Laptop zu zerklimpern ist schwer, deshalb werde ich da nicht weiter drauf eingehen. Nur so viel: am Ende stand eine geordnete Insolvenz und damit verbunden zum ersten Mal in der Geschichte des FC Rot-Weiß Erfurt und seiner Vorgänger der bittere Gang in die vierte Liga. 

Geradezu peinlich verabschiedete sich die Mannschaft aus Liga 3. Niederlagen, deren Zustandekommen einzig und allein der Null-Bock-Mentalität der Spieler zuzuschreiben ist, taten weh. Und was macht die Fanszene, zumindest der Teil der trotzdem geblieben ist? Feiert die wohl beste Scheißegal-Party seit langem. Die Insolvenz und der Abstieg taten weh, aber man hat die Kraft gefunden auf seiner eigenen Beerdigung zu tanzen und schließlich im Sommer 2018 den Schulterschluss mit dem Verein geschafft. 

Unter dem Motto „Rot-Weiß lebt“ starteten Fans und Verein in die vierte Liga. Aktuell steht man zumindest sportlich recht gut da, ob man den Überflieger Chemnitz noch einmal angreifen und vielleicht sogar ein Bein stellen kann, wird sich zeigen. Finanziell sieht es weiterhin düster aus am Steigerwald. Im November war eine Fortführung des Spielbetriebes äußerst fraglich. Durch eine Finanzspritze u.a. von Ehrenpräsident Klaus Neumann konnte das Schreckensszenario der Vereinsauflösung zumindest temporär abgewendet werden. Aktuell ist es ruhig rund um den Club. Ich hoffe, dass  es so bleibt und man auf lange Sicht wieder in sein natürliches Habitat zurück kehrt: Die dritte Liga.

Bericht: Christian Lenke

Fotos: Christian Lenke, Marco Bertram, Patrick Skrzipek, Marco Hensel

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Sehr geil geschrieben. Sportliche Grüße von einem Fan des anderen RWE ;-)

R
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Sensationell!!!

G
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RWE lebt

Ein toller Rückblick auf tolle Zeiten ;-)

N
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RWE

Absolut top

SR
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