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Allein gegen den Westen! Weitere geniale 90er-Anekdoten aus der Rostocker Schatztruhe

 
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MB 13 Dezember 2018
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„In Halle gab es dann die erste Störung. Unsere Abteiltür wurde aufgerissen und man rief: ‚Mach die Tür tau, du Idiot!‘ Ein Zweiter versuchte es dann auch noch und oh Schreck, der ‚Idiot’ war ein Beamter vom BGS. Der Beamte war der Meinung, dass wir jetzt aussteigen sollen. Es war morgens um 02:30 Uhr und wir wollten nach Karlsruhe. So erklärte ich dem Beamten, dass er uns laut Paragraph 25 der Deutschen Eisenbahn Betriebsordnung mit gültiger Fahrkarte nicht mitten in der Nacht rauswerfen dürfe. Das glaubten sie dann auch und so zogen sie wieder ab. Gut gerollt!“ Jene Anekdote trug sich am 30. September 1995 zu. Der F.C. Hansa Rostock hatte zuvor den Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gepackt, und in den kommenden zehn Jahren schiffte die Kogge durch das Erstligagewässer. Apropos Schwimmen. Bei jener Auswärtssause zum KSC trug sich zudem folgendes zu: „Da wir noch viel Zeit bis zum Spielbeginn hatten, wollten einige von uns ins Schwimmbad, aber Nacktschwimmen war nur am Sonntag möglich. In der City ging es dann in eine Kneipe, in welcher auch ein ‚Greifdirdasplüschtierautomat‘ stand. Ich steckte 5 DM rein und wollte mir den großen ‚Vossibär‘ ergreifen. Da am Automaten kein Hinweisschild war, wie man diesen benutzt, halfen wir etwas nach und holten den ‚Vossibären‘, ein kleines Plüschtier und dazu zwei Flaschen Sekt aus dem Automaten raus.“ 

Nachzulesen ist der gesamte Bericht über jene Fahrt im neuen Buch „Allein gegen den Westen: Fankogge 2“ von Heiko Neubert. Heiko Neubert von den Rostocker Viechern? Ja, genau dieser! Während meiner Recherche zur „F.C. Hansa Rostock Fußballfibel“ vor dreieinhalb Jahren fragte ich im gesamten Umfeld rum. Wer könne mit alten Geschichten und alten Fotos helfen? Die Antwort war quasi immer dieselbe: Haste den Heiko von den Viechern schon gefragt? Klar hatte ich, und er war mir ja auch behilflich. Zuvor hatte ich selbstverständlich sein 2014 erschienenes Buch „Fankogge - Mit Hansa durch die DDR-Oberliga“ gelesen. 

Nun kam kürzlich Teil 2 auf den Markt. Dieses Mal ganz in Eigenregie aufgelegt. Zwar gibt es nicht wie im ersten Teil farbige Bilder zu bestaunen - stattdessen muss mit sw-Bildern vorlieb genommen werden -, doch die Berichte lassen so oder so das Kopfkino rattern. Heiko hatte sicherlich überlegt, das Ganze noch einmal neu niederzuschreiben, doch letztendlich beschloss er, nach einer Einleitung die einstigen Texte aus der Fanzeitschrift „Fankogge“ in diesem Buch zusammenzufassen. 

Dies war mit Sicherheit gar kein schlechte Idee, denn somit wird das Ganze richtig authentisch. Auf 182 Seiten gibt es vor allem die Anekdoten aus der wilden Zeit von 1991 bis 1996 zu lesen. Den Abschluss bildet ein Bericht von Axel über das legendäre Auswärtsspiel in Bochum im Mai 1999. Gestartet wird indes mit dem Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart am 21. August 1991. Und um Euch einen kleinen Vorgeschmack zu geben und Lust aufs Buch zu machen, möchte ich ein paar kurze Auszüge präsentieren. So hieß es im Bericht über die Auswärtsstour ins Schwaben-Land: „Vor dem Spiel wurde auch der betrunkene Boulette gesichtet, welcher mit Liedern wie ‚Schwester zur Hure geworden‘ gut auffiel. Man hörte ja noch böse Sachen von ihm: unter anderem hatte er im ICE sechs Stunden lang die anderen Fahrgäste mit ‚Drachenlied“ und ‚sterbende Maikäfer‘ genervt.

Zum Spiel beim SV Werder Bremen am 21. September 1991 heißt es unter anderen: „Es sollte aber auch der Tag der Hools werden. In der Stadt hatte es bereits geknallt! Schon vor dem Spiel gab es am Gästeeingang großen Ärger, weil die Miliz etlichen Hansafans den Zutritt verweigerte. Sie hatten ermäßigte Karten gekauft, aber dazu keinen Berechtigungsausweis. Im Gästeblock hatten sich dann rund 1.500 Hansafans und zirka 100 Hools versammelt, welche von Anfang an sehr gute Stimmung machten. … Noch vor der Pause gab es Ärger wegen einer am Zaun hängenden DDR-Fahne, die im Hoolblock von der Miliz entfernt wurde.“ Tja, vor 27 Jahren tickten die Uhren auch nicht viel anders. Zwei Fan-Generationen und ähnliche Probleme.

Unschön und blutig wurde es am 12. Oktober 1991 im Gelsenkirchener Parkstadion. Zuerst kam es zu Provokationen, dann rissen Schalker Ordner drei Hansa-Transparente vom Zaun und warfen diese den Schalke-Fans zu, welche diese dann kurzerhand verbrannten. Nachdem es im Gästeblock unruhig wurde, wurden von der Polizei Tränengas und Gummiknüppel eingesetzt. Im Detail ist das Ganze im Buch nachzulesen.

Die Tränen in den Augen vor Lachen hatte ich auch beim Lesen des Berichtes über das Auswärtsspiel in Dresden im April 1992. Von der CSSR aus wollten Heiko und seine Kumpels mit dem Raddampfer anreisen. Nach paar Piwo und gesichteten „Tramperinnen“ im Nachbarland ging es schließlich von Bad Schandau per Schiff gen Dresden, wo am Anleger bereits die Polizei und ein Shuttlebus warteten. Später im Block wollte „Boulette“ im VIP-Bereich herangeschafftes Flaschenbier an die rund 500 Hansa-Fans verteilen, daraufhin gab es ein wenig Ärger mit den Ordnern und der Polizei.

Witzigerweise kreuzten sich die Wege von Heiko und mir zum allerersten Mal im Kölner Müngersdorfer Stadion. Karsten und ich standen damals am 02. Mai 1991 mit den rund 400 Hansa-Fans im Gästeblock, und nicht nur für mich blieb es ein ganz besonderes Spiel. So schwärmte Heiko in seinem Fankogge-Bericht: „Nur durch einen zwei Meter hohen Zaun getrennt, stand direkt neben uns ein großer Kölner Hool Mob. (Anmerkung: Sie müssen wohl vom Block 38 runtergekommen sein.) Was absolut geil die Stimmung und den Hass aufheizte. So ging es die ersten Minuten immer hin und her. Kölner: ‚Baut die Mauer auf!‘, Rostocker: ‚DDR unser Vaterland‘. War absolut lustig. Und als das 1:0 für Hansa fiel, war alles am Tanzen. Die erste Halbzeit war stimmungsmäßig der Höhepunkt in diesem Jahr.“ Okay, nun wird mir endgültig klar, weshalb damals der Funke übersprang. Ich fand es nicht nur geil, es muss auch wirklich hammermäßig geil gewesen sein!

Zum Abschluss der Saison 1991/92 gab es auswärts im Hamburger Volksparkstadion noch einen Platzsturm der HSV-Ultras in Richtung Gästeblock - und das trotz der damals recht freundschaftlichen Verbindungen zwischen Hansa und dem HSV. Trotz 2:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt, der hübsch der Meistertitel vermasselt wurden, musste der FCH den Weg in die 2. Bundesliga antreten. Damals hatte die zweite Liga bekanntlich nicht den Stellenwert wie heute.

Umso interessanter ist, von jenen drei Jahren mal die eine oder andere Episode zu lesen. Auswärts im Leipziger Zentralstadion, auswärts auf der Halde in Zwickau, ein Skandalspiel in Chemnitz, ein prügelnder Hansa-Trainer in Remscheid, Teebeutel-Essen im Zug nach Mannheim, eine dritte Halbzeit in Bochum, eine Schlammschlacht bei St. Pauli, gefangen in Jena, Hools in Mainz und die Wolfsburger Mädchen auf der Suche nach den Rostocker Hools. Und nach dem Aufstieg im Frühjahr 1995 ging es dann wieder richtig in die Vollen!

Ich denke, das Interesse ist geweckt. Doch zwei, drei schmucke Textpassagen möchte ich hier abschließend noch zum Anfüttern reichen. So heißt es im Bericht über die Fahrt nach Zwickau am 11. März 1995: „Vor dem Stadion standen zirka 30 Zwickauer Hools rum, welche etwas aufgeregt wirkten, da in kurzer Entfernung der Rostocker Hoolmob gesichtet wurde. Die Hälfte der Zwickauer verpisste sich sofort. Da waren die übrig gebliebenen mutigen Zwickauer ein gefundenes Fressen für die Rostocker. … Die Stimmung der Z-Fans war gar nicht so schlecht, abgesehen von ihren monotonen ‚Rostock-Schweinen‘-Rufen. Wir können auch nichts dafür, dass ihr nach Rostocker Schweinen verlangt, während es in Zwickau bloß BSE-versuchtes Rindfleisch aus Aue gibt.“

Nach dem Spiel trug sich noch folgendes zu: „Wir elf Viecher und zwei Mutanten gingen noch zum Hansabus und trafen dort auf Katarina Witt. Wir plauderten mit ihr über verschiedene Eis-Arten und stellten die Frage, ob es sich auf Vanille- oder Schokoeis besser laufen lässt.“

Nun denn, mehr soll nun wirklich nicht verraten werden. Aber eine noch muss sein. Der 1. FC Köln zu Gast im Rostocker Ostseestadion am 18. Mai 1996. Zu lesen ist: „Man zechte vor dem Spiel ein wenig am Fanprojekt und kurz vor Spielbeginn lief plötzlich ein Mob von 60 Colognefighters vorbei. Die ließen uns aber glücklicherweise in Ruhe, denn mit nur 15 Hanseln hätten wir doch höchstens 3 Runden gegenhalten können. Zu ihrem Pech trafen sie schon wenig 50 Rostocker ‚Gestörte‘ und fielen um.“

So! Jetzt dürfte in etwa klar sein, wie sich Heikos Buch liest. Weltliteratur ist nicht zu erwarten. Umso mehr wird der Leser auf geniale Art und Weise gedanklich in die 90er zurückgeführt. Authentischer geht es nicht! Also doch Weltliteratur! Und die Fotos, die im Buch leider nur schwarz-weiß abgedruckt sind, dürfen Dank Heiko hier in Farbe bestaunt werden!

Das gute Stück ist direkt bei Heiko Neubert zu bekommen. Zudem im nofb-shop (Stephan Trosien) oder halt auch bei amazon.

Fotos: Heiko Neubert

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