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Probetraining, Ligaspiel und Zeitreise: Vom Wellblechpalast zum Erika-Heß-Eisstadion

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Lang, lang ist´s her, als wir mit richtig dick gefütterten Wattejacken auf den zugefrorenen Müggelsee gingen, uns dort eine Fläche frei schoben und aus Taschen zwei Tore zusammenstellten. Auf geht´s! Sport frei, Jungs! Mit Eishockeyschlägern, die wir in der Sportabteilung eines Kaufhauses erworben hatten, ging es gut zur Sache. Am oberen Ende meines hölzernen Schlägers hatte ich ein geschwungenes „D“ gemalt. Initiator dieser kernigen Eis-Gebolzerei auf dem Müggelsee war damals Mitte der 90er Jahre Schulfreund Nico, der mich im Oktober 1991 auch das allererste Mal zum Eishockey in den Welli geschleppt hatte. Damals noch als EHC Dynamo Berlin wurde in der zweiten Bundesliga gegen den Grefrather EC gespielt. Dynamo war auf Aufstiegskurs, und als EHC Eisbären war der Verein in der kommenden Saison im Oberhaus mit von der Partie. Der Rest wurde bereits allzu oft geschildert. Die brachiale Stimmung bei den hitzigen Derbys gegen den verhassten BSC Preussen, die arg schaukelnde Straßenbahn nach dem Spiel, das legendäre 4:3 in der Verlängerung an der Jafféstraße im Herbst 1995, der sportliche Aufschwung der Eisbären, und und und.

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Zwar hatten wir damals als Anfang Zwanzigjährige den Puck über den Müggelsee sausen lassen, doch eine komplette Eishockey-Montur hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht an. Als ich neulich mal wieder im Wellblechpalast vorbeigeschaut hatte, um über die Europapokalspiele gegen EV Zug und Kometa Brno zu berichten, und mein mich begleitender größerer Sohn von der Stimmung auf den Rängen und dem actionreichen Spiel auf dem Eis schwärmte, machte Kumpel Arne, der damals in den 90ern die Wattejacken ins Spiel brachte, den Vorschlag, die Söhne mal zum Probetraining zu den Eisbären zu bringen. Sprich: Der ältere Sohn seines jüngeren Bruders und meiner. So wie Arne ist, wird nicht viel rumgequatscht. Kommender Dienstag ab 17:15 Uhr im Welli. Treffen ab 16:30 Uhr im Foyer. Man müsse nix mitbringen, es würde alles gestellt werden. Dreimal habe man frei. Danach koste es pro Probetraining vier Euro.

Lust? Welch eine Frage! Beide Jungs wollten sich auf dem Eis probieren. Mit Schlittschuhen standen sie nicht das erste Mal auf dem Eis, doch von astreinem Laufen konnte wahrlich nicht die Rede sein. Ich war skeptisch, wollte aber kein Spielverderber sein. Kurz nach 16 Uhr von der Schule abgeholt das Kind und dann nix wie hin mit S-Bahn und Tram nach Berlin-Hohenschönhausen. Den Weg kannte mein Sohn noch allzu gut, waren wir ja kurz zuvor gegen Brno und Zug dort an Ort und Stelle. „Papa, haben die Fans damals als du jung warst, wirklich die Straßenbahn entgleist?“, fragte er mich noch einmal. Ja haben sie. Die Bambule der frühen 90er war legendär, aber nicht wirklich jedermanns Geschmack.

Tja, am ersten Tag hatten wir die echte Arschkarte. Da die Schule etwas länger ging, waren wir zu knapp dran. Mit der Anmeldung hatte alles geklappt, doch gab es keine Handschuhe mehr in seiner Größe. Wut und Trauer. Mit Tränen in den Augen verzog sich der Nachwuchs auf die oberen Ränge, während sein bester Freund unten das erste Mal aufs Eis des Wellblechpalastes durfte. Prüfende Blicke der Trainer. Schlittschuhe fest genug geschnürt? Sitzt der Helm richtig? Wurden die Ellenbogenschützer korrekt angelegt? Und dann schließlich der geübte Scan in wenigen Sekunden. Wie gut kann der Neuling laufen? Im vorderen Bereich durften sich die Minis und die Sechs- bis Siebenjährigen üben, die noch unsicher auf dem Eis waren. Im hinteren Bereich wurden die Jungs und Mädels versammelt, mit denen bereits erste Übungen gemacht werden konnten.

Am Ende des ersten Probetrainings waren die Tränen meines Sohnes getrocknet, neugierig betrachtete er die angelegte Schutzkleidung seines Freundes, der beim ersten Mal noch mit Gehhilfe auf der vorderen Seite hin- und herschlittern durfte. Eine Woche später waren wir pünktlich genug, um uns für sechs Euro die komplette Montur ausleihen zu können. Schnell, schnell ist nicht. Um das Kind komplett zu verpacken - das dauert seine Weile! Jogginghose drunter, Skihose an. Pullover und Jacke - und dann der Schutz für Schulter und Brust sowie die Protektoren für Schienbeine und Ellenbogen. Zum Abschluss werden die Schlittschuhe richtig eng gezogen. Helm noch drauf - fertig! Da unsere mitgebrachten Söhne bereits etwas aus dem Rahmen fielen, wurden auf die Helme die Geburtsjahre 2011 und 2010 geschrieben. Damit die Trainer gleich Bescheid wissen. Nix mit fünfjährigem Turbokind. Unsere Jungs sind bereits sieben und acht Jahre alt. Schlichtweg zu alt, um einfach mal so bei den Eisbären anzufangen. 

Und der Blick aufs Eis bewies es: Die meisten Kinder waren in der Tat zwischen drei und fünf Jahre alt. Erstaunlich, wie sicher manch ein Drei- und Vierjähriger auf den Kufen stand. Wohlwollende Blicke der Nachwuchstrainer, wenn die Minis richtig Freude beim Rutschen und Spielen hatten. Nicht ganz so wohlwollende Blicke erhielten unsere Söhne. Lust - schön und gut, doch die Defizite beim Laufen waren einfach zu deutlich. Zwar durften sich beide Jungs am zweiten Trainingstag hinten ohne Hilfsgeräte probieren, doch der Blick des kernigen Trainers sagte alles. Richtig alte Schule halt. Uns als DDR-Kinder natürlich wohl bekannt. Ach, alles prima so, ruhig mal ins kalte Wasser mit den beiden Söhnen, waren wir uns alle am Rande des Geschehens einig. Eine große Klappe haben die Jungs oft genug, hier werden halt auch mal Grenzen aufgezeigt. Nun denn, nach dem Probetraining gab es freundliche deutliche Worte. Keine Chance! Die Jungs seien einfach zu alt. Die Gleichaltrigen trainieren bereits dort hinten - und das schon richtig in den Leistungsgruppen. Aber klar, das Probetraining könne man natürlich hier fortsetzen. Kein Problem.

Problem nicht, allerdings fielen die Trainer scheinbar echt vom Glauben ab, als die beiden Jungs am kommenden Dienstag wieder hereinschneiten. Ein prüfender Blick auf die Kärtchen, auf denen die Termine eingetragen wurde, und dann wurden sie wieder in den hinteren Bereich geschickt. Sie schlugen sich wacker, eierten mit den anderen über die Eisfläche, rutschten unter die aufgestellten Querstangen, versuchten sich im Schneckentempo im Slalom und gingen beim Fahren in die Knie. Mit großen Augen wurde von Seiten der Kids vernommen, was der Trainer zu sagen hatte. Er mache das richtig gut, waren wir Väter uns an der Bande einig. Innerlich feierten wir ein wenig ab, dass unsere Söhne ganz kleinlaut ohne Murren mal ein bisschen schwitzen und leiden mussten. Zudem malten wir uns aus, wie die Blicke sein würden, wenn man nach dem Training die Trainer fragen würde, wie es nun weitergehe und ob sie Talente erkennen. 

Keinesfalls soll hier bitte etwas falsch verstanden werden! Das Probetraining ist eine großartige Sache und wir wurden äußerst positiv überrascht. Wer bereit ist, seinem Sprössling eine in der Tat sehr zeitintensive Sportart anzubieten, der sollte dort am Dienstag mal vorbeischauen. Und ja, es geht wirklich nicht früh genug! Einfach mal Anschnuppern mit drei, dann könne man ja notfalls ein, zwei Jahre später noch mal wiederkommen. Mit sieben Jahren - und in unserem Fall sogar mit acht Jahren - macht das allerdings keinen Sinn mehr. Es sei denn, das Kind hatte an anderer Stelle bereits exzellentes Schlittschuhlaufen erlernt. Dann ist ein fixer Quereinstieg sicherlich denkbar. Und um dieses Kapitel zum Abschluss zu bringen - mein Bild, das am meisten im Geiste hängenblieb: Lächelnde Minis, die im vorderen Bereich auf den Rücken gelegt wurden, die Arme und Beine ausbreitend, und dann vom Trainer mit dem Schläger zum Drehen gebracht wurden. Grandios!

Am vergangenen Dienstag ergab sich indes noch eine ganz besondere Situation. Nach dem Probetraining als Zuschauer ein Eishockeyspiel sehen! Der Zufall wollte es, dass zeitlich perfekt abgestimmt, um 19:30 Uhr das Oberligaspiel ECC Preussen Berlin vs. Tilburg Trappers beginnen sollte. Gespielt wurde nicht in der heimischen Halle am Glockenturm (es gab Schäden am Dach), sondern im Erika-Heß-Eisstadion. Von der Landsberger Allee aus mit der Ringbahn wahrlich nur ein Katzensprung. Mein Sohn war begeistert - und ich war es auch. Von den Eisbären direkt zu den Preussen. Vom Welli zur Erika-Heß. Verrückt! Im Leben schließen sich wahrlich sämtliche Kreise. Inzwischen hatte ich längst meinen Frieden mit den Preussen geschlossen. Die wilden 90er gehören der Vergangenheit an.

Am Eingang des Erika-Heß-Eisstadions wurden Leuchtstäbe verteilt. In der etwas düster wirkenden Halle sollte auf den Rängen etwas Farbe auftauchen. Es wurde gerade Roland Kaiser abgespielt, als wir uns erst einmal am Imbissstand ein Schnitzelbrötchen und eine Limo holten. Was für eine Zeitreise! Im Erika-Heß-Eisstadion scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das West-Berlin der 70er und 80er ist hier zum Greifen nahe. Aus einem runden Stehtisch wurde kurzerhand ein Stammtisch. Ein Bierträger wurde in die Mitte gestellt. Generationen trafen bei diesem Spiel zusammen. Vom Kind und Jugendlichen bis zur älteren Dame mit Trikot und Rollator. Und das ist nicht gelogen! 

Insgesamt fanden an diesem Dienstagabend 117 zahlende Zuschauer den Weg in das Erika-Heß-Eisstadion, rund 50 von ihnen fanden sich auf den Stehrängen hinter dem Tor ein und sorgten für etwas Stimmung. Gästefans aus Holland waren unter der Woche keine auszumachen. 15-Mal wurden die Tilburg Trappers bereits niederländischer Meister. Seit der Saison 2015/16 nehmen die Trappers an der deutschen Oberliga Nord teil. Bereits dreimal konnte in dieser Liga der Meistertitel gefeiert werden. Alles andere als eine deutliche Niederlage war aus Sicht der Preussen nicht anzunehmen. Zu schmal ist derzeit der Kader, neue Verstärkungen sollen kommen. Aber schau an, nicht unverdient gingen die Preussen vor einer Woche gegen die Trappers mit 1:0 in Führung. Jakub Rumpel war der gefeierte Schütze. 

Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Gäste ausgleichen konnten. „Scheiß egal!“, riefen die Preussen-Fans. Als es dann 1:2 stand, ertönte ein „Das kann doch einen Preußen nicht erschüttern!“ Mit dem Spielstand von 1:3 ging es dann schließlich in die erste Drittelpause. Ran an den Imbissstand. Das Pils schäumte wie irre, dann lieber doch ein Schwarzbier aus der Flasche. Da auch dieses etwas schäumte, nahm ich der Dame mal eben die Arbeit ab. Hinter mir war nämlich großer Bedarf. Her mit dem kubanischen Rum! „Komm, gieß in den großen Becher!“, witzelte der Besteller. „Jeht nicht, Chef guckt!“, gab es als Antwort. „Ach was, der ist beschäftigt!“ 

Auf ins zweite Drittel. Ich reichte meinem Sohn die Kamera. „Hier, versuch dich mal ruhig!“ Und zack, der 2:3-Anschlusstreffer von Felix Braun - festgehalten als Bild des Tages auf meinem Speicherchip. Gebongt. Später werde ich mich nur noch ums Textliche kümmern. Die Fotos macht dann er, wenn er nicht gerade zum Probetraining bei den Preussen oder bei FASS Berlin muss. Ganz abgeschrieben hat er seine Eishockey-Karriere nämlich noch nicht. Was er allerdings an jenem Abend musste, war der Gang ins Bett. Nach dem zweiten Drittel ging es fix mit U6 und U7 nach Hause, im Eisstadion verloren die Preussen am Ende trotz couragiertem Auftritt gegen gnadenlos effektiv spielende Trappers mit 3:7.

Und wie es bei uns weitergeht? Ganz einfach! Im kommenden Winter geht es auf den Müggelsee. Nico besorgt die Eishockeyschläger, Arne besorgt die Wattejacken, ich sorge für den heißen Glühwein...

Fotos: Marco Bertram, Dominik

> zur turus-Fotostrecke: Impressionen vom Eishockey

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