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Eisbären Berlin vs. EV Zug: Hochspannendes Spiel und dynamische Stimmung im Welli

 
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Phantastisch! Gänsehaut, Nervenkitzel, Dramatik auf dem Eis und eine Atmosphäre auf den Rängen des Wellblechpalastes wie einst in den 90ern. Okay, fast. Damals quetschten sich allerdings auch gefühlte 7.000 EHC-Fans bei den Derbys gegen die verhassten Preussen auf die engen Stufen des Wellis. Kam man damals vor 20 Jahren bei guten Heimspielen des EHC Eisbären erst kurz vor Beginn der Partie, dann war es schier unmöglich noch irgendwo ein Plätzchen zu finden. Die Ohren flogen einem weg, wenn das „Hey, wir woll´n die Eisbären seh´n!“ über das Eis donnerte. Über die Kapazität hinaus wird heute sowieso nicht mehr verkauft, gestern waren es 3.525 Eishockey-Freunde, die zum Europapokalspiel des EHC Eisbären gegen den EV Zug nach Berlin-Hohenschönhausen kamen, und somit standen die Fans auf den Stehplätzen relativ locker. Die hitzige Atmosphäre zum Ende des zweiten Drittels erinnerte jedoch ganz stark an die alten Zeiten. „Dynamo! Dynamo!“, hallte es durch die altehrwürdige Halle, und ich fühlte mich an alte Spiele erinnert. Das 6:7 gegen die Düsseldorfer EG fiel mir unter anderen ein. Als Außenseiter hatten sich die Eisbären damals nach hohem Rückstand herangekämpft. Dramatik pur, der Ausgleich lag in der Luft, auf dem Eis wurde sich gut gefetzt, doch das 7:7 wollte einfach nicht fallen.

Auch das gesamte Ambiente drumherum fühlte sich an wie eine Zeitreise. Jetzt, wo auch der BFC Dynamo längst nicht mehr im Sportforum Hohenschönhausen spielt, sondern seine Regionalliga-Heimspiele im Jahn-Sportpark austrägt, fahre ich nicht mehr allzu oft vom S-Bahnhof Landsberger Allee aus mit der Straßenbahnlinie Nummer 5 zur Sandinostraße. Ach schön, endlich mal wieder ein EHC-Spiel im Welli. Keine Massenveranstaltung. Das Publikum würde richtig basic sein. Die aktive Fanszene halt, viel „alte Schule“ und EHC-Fans, die in Berlin-Hohenschönhausen fest verwurzelt sind. So auch der erste Eindruck in der Straßenbahn. Ich war mir sicher, das wird ein dufter Abend.

Ich muss gestehen, dass ich diese Partie nicht mal auf dem Schirm hatte. Immer Fußball im Kopf und auf dem Schreibtisch. Sieben Tage in der Woche. Und plötzlich machte das Handy Bing. Eine Nachricht von einem guten Freund. Heimspiele gegen EV Zug und Kometa Brno im guten alle Welli. Husch, husch! Das schreit regelrecht nach einem hübschen Video. Wird gemacht! Mein allererstes Spiel im Wellblechpalast sah ich einst am 25. Oktober 1991 auch nur, weil mich Schulfreund Nico mitgeschleppt hatte. Musste echt mal mit, fetzt voll! Besser als Fußball! Damals wurde noch als EHC Dynamo Berlin gegen den Grefrather EC angetreten, und auf den Rängen quarzte noch jeder zweite Zuschauer. Was für ein Dunst in der noch nicht modernisierten Eishalle!

Gestern nahm ich meinen achtjährigen Sohn mit zum Spiel, es muss ja nicht immer Fußball sein. Und wie der Zufall will: Als wir Sandinostraße aus der Tram stiegen, sammelte sich gerade der kleine Schweizer Gästemob. Für Eishockeyverhältnisse war die Stimmung ein wenig gereizt. Die sich sammelnden Fans aus der Stadt Zug blökten sich kurz untereinander an, und einige ältere EHC-Fans machten den Gästefans klar, dass dies kein Freundschaftsspiel mit Händchenfassen sei. Nix mit Wohlfühl-Atmosphäre im hippen Friedrichshain, gestern Abend ließ man ein wenig alten Ostberliner Charme versprühen. Punktuell zumindest.

Raue Sitten, die auch wir zu spüren bekamen. Ein Rollstuhlfahrer kachelte meinem Sohn in die Hacken. Kannste nicht kieken, wat stehste auch im Weg? Ein paar Tränen flossen. Eher vor Schreck. Fix ein paar tröstende Worte und dann die Ankunft der Gästefans am Welli gefilmt. Hatte was. Mensch ja, ein Derby im Welli - das hätte doch mal wieder was. Aber gut, sind wir froh, dass es ab und an mal überhaupt ein Pflichtspiel im alten Welli gibt. Logistisch ist das ja auch nicht ohne, mal eben ganz woanders ein wichtiges Heimspiel auszutragen. Das fängt bei der Technik an und hört beim Sicherheitskonzept auf. 

Also hinein in die gute Stube und aus möglichst vielen Ecken das Ganze betrachtet und gefilmt. Am Ende blieben mein Sohn und ich dann doch im unteren Bereich der Stehkurve hängen. Ganz unten an der Bande. Die Partie auf dem Eis wurde richtig spannend. Es ging mit vollem Elan zur Sache, nach knapp 15 Minuten brachte Micki DuPont die Berliner mit 1:0 in Führung. Nur 22 Sekunden später konnte Dario Simion für den EV Zug ausgleichen. Richtig zur Sache ging es dann im zweiten Drittel. Mark Olver und Marcel Noebels sorgten in der 22. und 24. Minute für einen Berliner Doppelschlag.

Die Halle bebte, der Weg zu einem Heimsieg des EHC Eisbären schien geebnet, zumal der Gastgeber die Partie gut im Griff hatte. Dann jedoch wurde ein wenig der Faden verloren. In der 33. Minute erzielte Raphael Diaz den Anschlusstreffer für die Gäste, und auf dem Eis und vor allem auf den Rängen ging es nun hoch her. Mit manch einer Schiedsrichterentscheidung waren die EHC-Fans überhaupt nicht zufrieden, und das Publikum kam richtig in Wallung. Als dann Lino Martschini auch noch den Ausgleich machte, war richtig Pfeffer drin. Wie in einem Fußballstadion belöffelten sich aus der Ferne die beiden Fanbereiche. 

Hochspannung dann im letzten Drittel. Bereits nach 25 Sekunden machte Viktor Stalberg das 4:3 für die Gäste. In der Folgezeit versuchte der Gastgeber den Ausgleich zu erzielen, und einige Male war es fast soweit. Immer wieder hallte das geschmetterte „Dynamo“ über die Eisfläche. Von dem Geschehen beeindruckt starrte mein Sohn auf die Eisfläche und klatschte immer wieder mit. Ein Fan im mittleren Alter schien ebenso beeindruckt, verschwand kurz und kehrte nach wenigen Minuten mit einem frisch gekauften Schal zurück und legte diesen meinem Sohn um den Hals. Ja, ist für dich! Ein sanfter Klopfer auf die Schulter. Mein Sohn war baff, ich war baff. Es sollte ein weinroter SC Dynamo-Schal sein. „15-facher Meister der DDR. Tradition seit 1954“. Nun habe ich seit dem Fall der Mauer bei rund 1.000 Sportveranstaltungen einiges gesehen, doch so was passiert wirklich nicht allzu oft. Das berührte mich wirklich sehr - und deshalb an dieser Stelle ein ganz dickes Dankeschön von uns beiden! 

Komm, jetzt der Ausgleich, und dann wäre alles perfekt. Das Leben ist jedoch kein Wunschkonzert. Kurz vor Schluss setzten die Berliner alles auf eine Karte, Reto Suri kam an den Puck und haute diesen in das inzwischen verwaiste Gehäuse. 5:3 für EV Zug am ersten Spieltag Champions Hockey League 2018/19. Am morgigen Sonntag geht es sogleich weiter. Heimspiel im Wellblechpalast gegen Kometa Brünn. Mit dabei in der Gruppe D ist zudem der weißrussische Vertreter Njoman Hrodna. Es wird spannend - wir dürfen gespannt sein! 

Fotos: Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Eishockey

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