Szczecin vs. Włocławek: Fotoverbot und Fußballstimmung beim Basketball

Autor: Michael     veröffentlicht am 25 Dezember 2017    
 
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Quasi alles verboten ...
Foto: Michael

Eigentlich hatte ich den Peugeot schon abgegeben, aber es bot sich nun doch so kurz vor Weihnachten noch einmal eine kleine Fahrt mit meinem treuen Begleiter an. Der Kleine musste schon häufiger bei mir zittern. Das ist der, in dem der Marco in Zwickau auch schon zitterte. Alte Geschichten… Schon damals in Nowa Sól hatte er Glück, dass das deutsch-polnische Verhältnis doch nicht so schlecht ist, wie es meist propagiert wird. Zwei Gäste-Autos wurden damals von einem Mob angegriffen, der sich plötzlich hinter einer Garage zeigte. Die zwei Autos weg, meins noch da. Ich unschuldig. Dennoch kam der erste Kämpfer auf mich zu und will mir einen Stein in die Windschutzscheibe donnern. Geistesgegenwärtig brüllt ein anderer: „Halt! Nicht! Das ist ein Deutscher!“ Ich wollte in diesem Moment auch nicht in seiner Haut, bzw. in seinem Lack, stecken. Nach einem anderen Spiel wurden allen Autos um ihn herum die Reifen zerstochen. Nur das deutsche Auto war den Tätern suspekt. Und wie sollte es auch anders sein, auch diese eventuell letzte Fahrt führte nach Polen.

Stettin

Es ging nach Szczecin. Der Basketballverband terminierte das Spitzenspiel der ersten polnischen Basketballliga, Dritter gegen Tabellenführer, bzw. King Wilki Morskie vs. Anwil Włocławek, auf den Tag vor Weihnachten. Der Ansturm auf die Geschäfte war mehr als deutlich zu spüren, die traditionellen Baumkuchen gar restlos ausverkauft. Selbst in der Lieblingsspelunke war etwas mehr Treiben als sonst. Grimmige Typen, Alkoholiker, die das Trinken augenscheinlich hauptberuflich betreiben und die obligatorische Blondine feierten offensichtlich schon seit Mittag in die lange Nacht hinein. Jeder bereitet sich eben auf seine Weise auf das Fest vor. Die Fans aus Włocławek hatten schon an 22. Dezember ihre Bäume geschmückt und fuhren daher nach Szczecin. An diesem Tag war es klar, dass da nicht Hinz & Kunz kommen würde. Zu solchen Anlässen kommen dann wirklich die, die nicht mehr anders können. Kurz vor dem Anwurf stürmte so ein 25-köpfiger Haufen in den Sektor. 

Polska

Das sah ganz und gar nicht nach dem üblichen Basketballpublikum aus. Anwil tickt im Prinzip wie Fußball. Teilweise wirken sie wie Relikte einer Zeitreise. Manche Köpfe glänzten wie polierte auf Kapuzenpullover aufgesetzte Bowlingkugeln. Ich versuche das mal so bildlich wie möglich zu beschreiben, denn Fotos gibt es nicht. Es wurde vom Veranstalter festgelegt, dass das Publikum keine Fotos machen darf. Dann ist es eben so. Vor mir sehe ich eine spärlich gefüllte Halle. Zu meiner Rechten klatscht, tanzt und singt ein gut aufgelegter Kleinmob aus Kujawien. Die restlichen ca. 800 Zuschauer haben Klatschpappen und steigen mit ein, wenn die üblichen Rufe wie „Defence“ oder „Wilki morskie“ (Seewölfe) angestimmt werden. 

Polska

Basketball verbinden wir in der Regel mit Ami-Sport. Die Amerikanisierung zieht auch, obwohl sehr viele Polen auch gar nichts mit dem „Weltpolizisten“, „Demokratisierer“ und traditionellen Unruhestifter im Sinn haben. In jeder Auszeit und Pause tanzen Cheerleader übers Parkett und hängen sich selbst an die Körbe. Pseudo-Frauenrechtler würden Alarm schlagen, aber das Getanze gehört auch irgendwie schon zu diesen Veranstaltungen mit dazu. Man kann nun nicht sagen, dass das sich das Publikum angewidert wegdreht. Gerne lauschte ich auch dem „Wake me up before you go-go“ bei Strafwürfen. Wie schrieb mir ein polnischer Hopper? Erwarte nicht zu viel, aber im Winter kann man mit solchen Spielen nicht viel verkehrt machen. Es ist warm und es gibt Stimmung. Da frage ich einfach mal meinen Begleiter, ob er denn schon einmal in dieser neuen Halle gewesen sei. Es ist sein erstes Basketballspiel hier und gibt auch zu, dass er für ein klassisches Konzert diese Einrichtung bereits aufsuchte, es gar nicht so schlecht war mit dieser doch eher untypischen Kulisse, ihn aber das Essen von Popcorn sehr störte. 

Stettin

Ohne die Fans von Anwil wäre es heute mit Sicherheit eine wohl eher triste Angelegenheit geworden. Sind 25 Leute nun schlecht? Ganz und gar nicht. Man muss hier die Zeit in Betracht ziehen. Ganz Polen ist an diesem Tag entweder auf dem Weg nach Hause oder bereitet sich auf das Fest vor. Außerdem ist Szczecin im Basketball ein eher unattraktiver Gegner, obwohl sie schon über viele Jahre den Namen tragen. Die 22 Złoty, die das Ticket kostete waren jedenfalls gut angelegt. Quantitativ stärkere Gegner gibt es natürlich, aber die Qualität der Unterstützung liegt bei Anwil wesentlich höher. Das Spiel beginnt mit einer Schweigeminute für gefallene Soldaten, was den Gästeblock veranlasst „Ehre und Ruhm den Helden!“ zu rufen. Ein Banner wird auch ganz fix angebracht. Dann begann das Spiel, in dem Anwil stets einen kleinen Vorsprung hatte, an den Szczecin auch kurz noch einmal herankam, aber sonst nur hinterher hechelte. Die Stimmung bei Anwil daher auch hörenswert. 

Stettin

Längere Lieder gab es auch wie z.B.: „Wir wohnen in Kujawien, wo es einen sehr starken Glauben gibt. Wir haben eine Mannschaft, die wir nie verraten werden!“ Die Lieder mit der Melodie von „Go West“ (Pet Shop Boys) ist zwar allgemein bekannt, bekommt aber eine Aufwertung durch ein inbrünstiges „Ich liebe nur mein kleines Anwil, dem ich mein Herz gab. Mein einziges Herz gab ich dieser Mannschaft!“. Die Stimmung war gut, sehr gut sogar. Sogar ziemlich ausgelassen. Zwischendurch sangen sie noch davon, dass es keine Geschenke geben würde, wenn sie nicht gewännen. In den letzten Minuten sangen sie einfach nur etwas wie „Fröhliche Weihnachten“ nach unserer Melodie von „Europapokal, Europapokal…“. Mit einem lockeren Vorsprung von 15 Punkten (70:85) gingen die zwei Punkte dann auf die Reise nach Włoclawek.

Stettin

Und da ich immer noch nicht genug vom Fan-Leben hatte, machten wir uns nachdem Spiel noch auf ins Plattenbauviertel, um sich mal so richtig bei Pizza und Getränken über die alten, verrückten Geschichten austauschen zu können. Das Ganze im Schein der bernsteinfarbenen Laternen, erleuchteten Fenster und wie Reklame flackernden Weihnachtsbeleuchtungen. Und wenn ich nicht noch am 24. Dezember einen Termin in Deutschland gehabt hätte, wäre ich länger geblieben.   

Stettin

Stettin

Persönliche Anmerkung von Marco: In Zwickau wurde nicht „gezittert“, es kam nur ein wenig die Muffe. ;-)

Fotos: Michael

> zur turus-Fotostrecke: Basketball

> zur turus-Fotostrecke: Polen

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