Hurra, das ganze Dorf ist da! Wo steckt eigentlich Amica Wronki?

MH
 
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Blsany

Amica WronkiHurra, das ganze Dorf ist da! Vielen Bundesliga-Stadiongängern dürfte dieser hämische Gesang nicht unbekannt sein. Doch ganz so abwegig und bösartig wie er klingen mag, ist er eigentlich gar nicht. In einigen Fällen der Gegenwart und Vergangenheit trifft er sogar den Nagel auf den Kopf.  Dass diese Entwicklungen keine wahren Erfolgsgeschichten sind, sondern eher auf finanziellen Einzelsubventionen beruhen, wird in den folgenden Beispielen deutlich. In Deutschland erfüllt diesen Ausspruch ganz klar die TSG Hoffenheim. Die Einwohnerzahl des baden-württembergischen Ortes liegt bei gerade einmal knapp 3.300. Die skurril anmutende Erfolgsgeschichte des kleinen Örtchens bei Sinsheim begann 1990, als Dietmar Hopp – seines Zeichens SAP-Mitbegründer – Geld in den Verein fließen ließ. 

In den 10 darauf folgenden Jahren wechselte der Verein fünfmal die Liga – nach oben versteht sich. Weitere 8 Jahre später stieg die Mannschaft schließlich in die 1. Bundesliga auf und löste damit eine Welle von Protesten und Hassbekundungen in ganz Deutschland aus. Von einem 1.427er Zuschauerschnitt in der Oberliga-Saison 2000/2001 hin zu einem Durchschnitt von über 28.000 nur 8 Jahre später. Vom tristen Sportplatz, zur Arena. Ohne die Finanzspritzen ihres Mäzen eine undenkbare Entwicklung. Heimatliebe oder Wettbewerbsverzerrung?

Amica WronkiAuch im Ausland gab es ähnliche Beispiele, für die man sich nicht einmal weit von der deutschen Landesgrenze entfernen muss! Wirft man einen Blick in das Nachbarland Polen, so wird man dahingehend auf den Namen Amica Wronki stoßen. Auch dieser Ort ist nicht gerade als polnische Metropole und Großstadt bekannt. Aktuell leben knappe 11.600 Menschen in diesem 60 Kilometer nordwestlich von Poznan und 160 Kilometer östlich von Frankfurt/Oder gelegenen Ort. Bekanntheit genießt die Kleinstadt in Polen eher durch das größte Gefängnis des Landes und den Haushaltsgeräte-Hersteller Amica. Eben diese Firma legte den Grundstein des Erfolges im Fußball. In den vier Jahren von 1992 bis 1996 führte dieses finanzielle Förderverhältnis zu einem regelrechten Durchmarsch im polnischen Fußballgeflecht. Von Liga 4 in Liga 1 und nach der ersten Ekstraklasa-Saison belegte man einen sehr guten einstelligen Tabellenplatz.

Lech PoznanWenige Jahre später trieb Amica Wronki sogar auf internationaler Ebene sein Unwesen. Zwar kam man im damaligen UEFA-Cup nicht über die Gruppenphase hinaus, aber man spielte gegen einige bekannte europäische Größen. Neben Bröndby Kopenhagen, Atletico Madrid, Glasgow Rangers durfte auch Hertha BSC die Reise in den polnischen Kleinort antreten. Auf nationaler Ebene lief es da schon besser. Zwar konnte auch hier nie die Meisterschaft errungen werden, aber den polnischen Pokal holte Wronki dreimal nacheinander. Nach der Fusion mit KS Lech Poznan wurde es jedoch ruhig um den kleinen Verein. Man spielte in der Saison 06/07 noch als 2. Mannschaft von Lech Poznan in der 3. Liga, danach verschwand der Verein nahezu komplett von der Bildfläche und konzentrierte sich lediglich auf den Juniorenbereich. Das einzige Relikt aus vergangenen Tagen ist das 5.300 Zuschauer fassende Stadion. Dieses wird gegenwärtig nur noch von den Erstliga-Junioren Lech Poznans genutzt. An die erfolgreichen Jahre erinnert sich derweil kaum noch jemand und von vierstelligen Zuschauerzahlen kann nur noch die Erinnerung zehren. Gegenwärtig kann man froh sein, wenn sich eine dreistellige Zahl an Fußballinteressierten in das schmucke Stadion verirrt.

Länderwechsel! Schaut man etwas südlicher von Polen, nach Tschechien, so sieht man auch dort ähnliche Gegebenheiten. Zwar gehören diese ebenfalls der Geschichte an, aber interessant sind sie allemal. Ein eher unbekannter Verein in diesem Kontext dürfte der AFK Atlantic Lázne Bohdanec sein. Dessen Erfolgsgeschichte steht ebenfalls in einem engen Zusammenhang mit einem privaten Sponsor. Jiri Novak, ein örtlicher Unternehmer, nahm dort in den 90er Jahren das Ruder in die Hand. Lazne Bohdanec, Vorort von Pardubice und mit 3.400 Einwohnern ähnlich groß wie Hoffenheim. Während in der Saison 91/92 noch Achtligafußball das sportliche Geschehen in dem Kurort prägte, fand man sich in der Spielzeit 97/98 bereits in der Gambrinus Liga wieder, was natürlich nur durch einige zusätzliche Tausch- bzw. Fusionsaktionen gelang.

Novak nahm in den Jahren so gut wie alle wesentlichen Führungsrollen persönlich ein. Er war Geldgeber und Präsident in Einem. In den erfolgreichen Jahren wurde daher auch ein 6.000 Zuschauer fassendes Stadion errichtet um dem sportlichen Aufschwung gerecht zu werden. Zur damaligen Zeit besaß das Stadion damit doppelt so viele Plätze wie Einwohner in dem Ort lebten. Am 09.08.1997 war es schließlich so weit und das erste Spiel der höchsten tschechischen Liga wurde in Lazne Bohdanec ausgetragen. In dieser Saison kam der Erfolg etwas ins Stolpern. Insgesamt konnte der Verein nur zweimal als Sieger den Platz verlassen und stieg somit weit abgeschlagen wieder in die Zweitklassigkeit ab.

Im Jahr 2000 kam es schließlich zur Fusionierung mit Slovan Pardubice. Doch Jiri Novak hatte noch lange nicht genug. Da ihm die Situation mit Pardubice nicht zusagte, nahm er sich den nächsten Verein vor. Er stieg beim SK Stoltany ein und schaffte auch hier den sportlichen Aufstieg. Da die Stadt den Aufkauf des ihm gehörenden Stadions in Lazne Bohdanec jedoch ablehnte, löste er auch diesen Verein wieder auf. Gegenwärtig wird im ehemaligen Erstligastadion dennoch gegen den Ball getreten. Der SK Lazne Bohdanec trägt dort seine Heimspiele aus, jedoch auf relativ niedriger Liga-Ebene. Der Verein spielt in der 9. Liga, aber auch in der aktuellen Saison gibt es dort positive Nachrichten in Sachen Fußball zu vermelden, denn das Team schaffte ohne das finanzielle Zutun eines Geldgebers den souveränen Aufstieg in den Okresni prebor mit nur 11 abgegebenen Punkten und satten 123 Toren.

BlsanyEin letztes Beispiel für Dörfer in der höchsten Fußballliga des Landes ist ebenfalls in Tschechien zu finden. Dieser Ort stellte zudem einen einmaligen Rekord auf. Es handelte sich um den einst kleinsten Erstligaort Europas. Blsany in der Nähe von Podborany und nur 60 Kilometer von der deutschen Landesgrenze entfernt, besaß zu dieser Zeit gerade einmal knapp 900 Einwohner. Der Name des Vereins klingt für viele Fußballfreunde sicherlich sympathisch, denn FK Chmel Blsany heißt auf Deutsch so viel wie Fußballklub Hopfen Blsany. Ein Name symptomatisch für die Region, denn Blsany liegt inmitten eines großen Hopfenanbaugebietes. Auch hier begründete sich der Erfolg nicht allein auf sportlichem Geschick. Der ehemalige Torwart von Blsany war zudem ein recht erfolgreicher Unternehmer und wollte diesen Erfolg mit seinem Heimatverein teilen. Der Aufschwung verlief nicht gar so schnell und steil wie bei den anderen Beispielen, dennoch konnte nach fünf Aufstiegen in den Jahren 1985 bis 1998 erstmals Gambrinus-Liga-Luft geschnuppert werden.

BlsanyDas erste Jahr in dieser Liga war zugleich das Erfolgreichste. Man eroberte Platz 6 und damit auch die Berechtigung im UEFA-Intertoto Cup anzutreten. Zweimal gelang dieser Coup insgesamt, jedoch mit mäßigem Erfolg. Beide Male war im Halbfinale einmal gegen Brescia Calcio und einmal Ligakonkurrenten Sigma Olomouc Endstation. In den Jahren des Erstliga-Aufenthalts konnte man zudem einige bekannte Spieler in seinen Reihen aufweisen. Neben dem aktuellen tschechischen Nationaltorhüter Petr Cech, traten auch in Deutschland bekannte Namen wie Jiri Nemec und Jan Simak für Chmel gegen den Ball. In den Folgejahren befand sich Blsany stets im Kampf gegen den Abstieg, welcher nach 7 Jahren Erstklassigkeit mit dem Abstieg ein Ende fand. Seitdem ging es regelmäßig bergab mit dem Dorfklub, welcher in der Saison 2008/09 mit dem Abstieg in die Fünftklassigkeit seinen Tiefpunkt fand. Der erneute Aufstieg in die viertklassige Divize war in der Folge nur von kurzer Dauer und so spielt man gegenwärtig erneut in der 5. Liga, dies allerdings ganz ordentlich. Das Areal ist nach wie vor beachtlich. Neben dem Hauptstadion verfügt der Verein über weitere 5 Plätze, welche sich in einem sehr gepflegten Zustand befinden.

Wie man sieht, Erfolg lässt sich kaufen. Aber die Geschichte zeigt auch, dass dieser Erfolg oft nur eine begrenzte Zeit über gehalten werden kann. Ob es die TSG Hoffenheim in Zukunft ebenfalls wieder in die Niederungen des Fußballs verschlägt und somit nur die Erinnerungen an eine große Zeit verbleiben und ob neue Dörfer die ersten Ligen Europas aufmischen, wird sich somit noch zeigen. Man darf gespannt sein!

Fotos: Marco Bertram (Poznan), Marcel Hartmann

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Polen

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Tschechien

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