Karkonosze Jelenia Góra vs. Piast Nowa Ruda: Vergebliches Warten auf Gästefans

MB
 
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Jelenia Góra

Stadion CiepliceEin Anruf beim Verein sollte Gewissheit bringen. Wo genau findet das Fünftligaspiel zwischen Karkonosze Jelenia Góra und Piast Nowa Ruda statt? Denn so viel war klar: Das Stadion Miejski nahe des Bahnhofs wird derzeit modernisiert. Und da die offizielle Webseite auf dem Stand von 2011 ist, half nur ein Telefonat mit der Geschäftsstelle des Klub Sportowy Karkonosze. Und siehe da, Anpfiff am Sonntag um 17 Uhr war im Stadion Cieplice an der Straße Lubanska. Auf dem Straßenweg immerhin zehn Kilometer von der eigentlichen Heimspielstätte entfernt.

CiepliceEin Blick auf das am Ortsrand von Cieplice (1975 zu Jelenia Góra eingegliedert) befindliche Stadion am Tag zuvor schmälerte die Hoffnung, dass Gästefans aus Nowa Ruda anreisen würden, um einiges. Der ganz einfache Grund: Es ist kein Gästekäfig vorhanden. Auch in den unteren polnischen Ligen gilt: Kein Gästekäfig, keine Gästefans. Was nicht heißen soll, dass das Vorhandensein eines Gästekäfigs die Anreise der Gästefans garantiert. Verwaltung und Polizei können der Sache jederzeit einen Strich durch die Rechnung machen. Einen hübschen Einblick in Sachen Gästekäfige beim polnischen Fußball erhält man übrigens im folgenden turus-Bericht.

Stadion MiejskiDass Karkonosze Jelenia Góra in der Regel nicht viele Zuschauer bei seinen Heimspielen begrüßen kann, war bereits im Vorfeld der Reise bekannt. Selten pilgern mehr als 300 Fußballfreunde ins Stadion Miejski. Punktuell ist jedoch bei wichtigen Spielen durchaus mit Großalarm zu rechnen. So war bei den Duellen gegen Górnik Walbrzych richtig was los. Laufereien, Polizeieinsatz und Pyrotechnik inklusive. Apropos Pyrotechnik. Diese kam beim Auswärtsspiel von Piast Nowa Ruda bei Nysa Klodzko zum Einsatz. Die rund 100 Gästefans ließen es trotz der 0:2-Niederlage mächtig brennen, qualmen und krachen. Etliche Bengalos und grüne Rauchtöpfe wurden abgebrannt, und die kernigen Typen mit freiem Oberkörper sprachen – wie wohl vielerorts in Polen – eine deutliche Sprache. Echte Kumpels beim Fußball. Teils mit schwarzen Masken vermummt. Bei jenem Spiel vor Ort waren auch mit Piast Nowa Ruda befreundete Anhänger von KS Krysztal Stronie Slaskie.

CiepliceGute Frage, ob man sich ein spontanes Eintreffen der Jungs von Piast Nowa Ruda im Stadion Cieplice gewünscht hätte. Logisch doch, würde man meinen. Allerdings kam das Kopfkino auf Touren, als ich mir die örtlichen Begebenheiten der Ausweichspielstätte anschaute. Sehr großzügig eingezäunt. Sehr unübersichtliches, leicht hügeliges Terrain. Viele Bäume, viel Gehölz. Sprich: Optimal für eine wüste Keilerei. Nun dürften einige Leser wieder denken: Typisch deutsche Denkweise. Immer diese Angst vor den ach so bösen polnischen Schlägern. Nun sei dazu gesagt, dass enge familiäre Verknüpfungen zu Polen zuletzt tiefe Einblicke in das Land gewähren ließen. Und ja, im polnischen Alltag läuft einiges entspannter und weniger aggressiv ab als beispielsweise in meiner Heimatstadt Berlin. Die Situation am Stadion ist jedoch eine völlig andere. Sitzt man in Jelenia Góra in einem Straßencafé, so sieht man zuhauf kernige Polen vorbeiziehen. Eine Frau an der Seite, ein Eis lässig in der Hand oder einfach nur zielstrebig auf dem Weg zum nächsten Termin. Keine blöden Blicke und blöde Worte schon mal gar nicht.

Jelenia GoraDie Jungs, die eine halbe Stunde vor Anpfiff gegen Nowa Ruda auf der Straße Lubanska gen Stadiongelände schlenderten, wirkten dagegen beobachtend und konzentriert. In einem kleinen Laden wurde noch einmal fix ein Sixer Dosenbier gekauft. Auch ein paar Spieler von Piast Nowa Ruda sprangen noch einmal schnell aus dem Auto und versorgten sich mit nichtalkoholischen Getränken. Ein 2-Meter-Typ mit fehlendem Schneidezahn und Narben im Gesicht, der an der Ecke hinter dem Gestrüpp stand und eine Telefonat tätigte, wirkte wie aus dem schärfsten Hooliganfilm herbeigezaubert. Ja, ich gebe es zu, richtig wohl war uns auf dem Weg zum Stadion nicht. Das Haupteingangstor blieb geschlossen, Zutritt auf das Gelände war nur über den seitlichen Zugang möglich. Autos fuhren vor. Die Anhängerschaft des Klub Sportowy Karkonosze sammelte sich auf dem Parkplatz und hielt noch ein Pläuschchen. Erst unmittelbar vor Anpfiff betraten sie geschlossen das Stadion und marschierten über das Gras in Richtung Haupttribüne. Schnitt man beim Foto die Umgebung weg, hätte man meinen können, die Truppe marschierte zur Schlacht auf dem Acker.

KarkonszeMit einem lautstarken „Karkonosze, Karkonosze!!!“ meldete sich anschließend die Truppe zu Wort und befestigte ihr langes Banner am Zaun. „FANATYCY“ war weiß auf blau zu lesen. Daneben die Botschaft „Pozdrowiena do wezienia“ (Grüße ins Gefängnis). Stehend und ohne jeglichen Support verfolgte die Gruppe das Spiel zwischen dem Tabellensechsten und Tabellendreizehnten der IV Liga Grupa Dolnoslaska. Insgesamt waren die schätzungsweise 50 dort versammelten Anhänger viermal zu vernehmen. Das erste Mal beim Anstoß, dann jeweils bei beiden Treffern, die letztendlich den 2:0-Sieg bedeuteten, und am Ende beim Abklatschen mit der Mannschaft. Als kleines Ständchen wurden nach dem kernig klingenden „Karkonosze, Karkonosze!!!“ ein hübsches Lied gesungen.

KloInsgesamt hatten sich rund 100 Zuschauer eingefunden. Neben etwa 80 sportlich auftretenden Männern noch ein paar ältere Kiebitze und Kinder. Eintrittsgeld musste nicht gezahlt werden, Polizei war auch nicht vorhanden. Drei ältere Ordner hatten sich orangefarbene Westen übergestreift und auf der Aschebahn postiert. Wer einen Imbissstand suchte, wurde enttäuscht. Kein Bier, keine Wurst. Spannend war dafür der Gang auf die Toilette. Ein Gefühl wie in einem Betriebsferienlager der DDR. Pissbecken an gelb angestrichenen Wellblechwänden. Waschbecken und Wasserhähne aus der Zeit der Volksrepublik. Vor dem Klo wurde in einer blau-gelben Tonne Stacheldraht gelagert. Kurzum: Viel Liebe zum Detail.

KarkonoszeDas Spiel war erwartungsgemäß kein Leckerbissen, das Ambiente war dagegen einen Besuch wert. Die Quote an skurrilen Gestalten war zudem kaum zu toppen. Durch eine Loch im Zaun rückten immer wieder einzelne Personen an und verhalfen somit, die 100er Marke zu knacken. Ein kantiger Typ mit zugeschnürter Kapuze drehte zudem eine komplette Runde und kam direkt auf uns zu. Auf Grund der hügeligen Umgebung sah man zuerst nur den Oberkörper zwischen den Sträuchern auftauchen. Die Vorhut aus Nowa Ruda? Viel mehr warf er wohl einen interessierten Blick auf die einzeln stehenden Zuschauer der Gegengerade, anschließend postierte er sich auf der kleinen, unüberdachten Haupttribüne und verharrte dort wie eine Säule bis zum Abpfiff. Die youtube-Videos vom Spiel Nysa Klodzko vs. Piast Nowa Ruda im Kopf, fragte ich mich immer wieder, was passieren würde, wenn völlig aus der Kalten sagen wir mal 50 motivierte Gästefans reinstürmen würden. Ja, ich gebe es zu, immer wieder wurde ein hoffnungsvoller Blick in Richtung Zufahrt geworfen. Kommt da nicht ein Auto? Ist in der Ferne nicht ein Polizeiauto zu hören? Bock auf Adrenalin und Action? Die Sensationslust des Schreiberlings? Der Jagdtrieb eines Fotografens? Mag sein. Am Ende waren mein Reisebegleiter und ich uns sicher: Am Ende war es gut so, wie es war...

Fotos: P. Schoedler, Marco Bertram

> zur turus-Fotostrecke: Fußball in Polen

 

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