Das Stahl-Feuer brannte in Seelow

Autor: Jörg Pochert     veröffentlicht am 04 Juni 2013    
 
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FC Stahl
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FC Stahl Brandenburg bei Victoria Seelow
Foto: Jörg Pochert

BSG StahlEs stand schon besser um Stahl Brandenburg. Der Traditionsverein von der Havel, dessen Vorgänger SG Walzwerk 2013 seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, war in den letzten Jahren der DDR-Oberliga eine große Nummer, hatte zwischen 1984/85 und 1987/88 vier Jahre lang in Folge einen fünfstelligen Zuschauerschnitt und qualifizierte sich 1985/86 sogar für den UEFA-Cup. Die Nordiren aus Coleraine wurden damals ausgeschaltet, das Aus kam erst gegen den späteren Pokalgewinner IFK Göteborg. Nach der Wende spielte Stahl noch ein Jahr in der 2. Bundesliga, ehe ein schleichender Abstieg begann. 

FC StahlNach dem Abstieg in die Verbandsliga Brandenburg 1996 kickte der Verein nur noch innerhalb der Grenzen des eigenen Bundeslandes, zwischen 2006 und 2009 waren die Havelstädter für drei Jahre gar nur noch Siebtligist. Der Wiederaufstieg in die Brandenburgliga wurde seinerzeit heftig bejubelt, brachte langfristig gesehen aber keine Wende zum Besseren. Stahl spielt erneut seit Jahren gegen den Abstieg, ohne Aussicht auf Besserung. Zahlreiche Fans erinnern sich aktuell an die Jahre vor 2006, als man einige Spielzeiten lang großes Glück hatte, irgendwann einmal aber schlichtweg fällig war. Anno 2013 sieht es ähnlich aus. Mit einem Unterschied: Damals konnte sich die Mannschaft auf die Unterstützung der Zuschauer verlassen. Zwischen 200 und 400 Zuschauer peitschten das Team im heimischen Stadion am Quenz damals verzweifelt nach vorn, während aktuell bei den letzten drei Heimspielen nur noch zweistellige Kulissen dem Treiben auf dem Rasen zuschauten, neben der sportlichen Tristesse begünstigt unter anderem auch durch eine Öffentlichkeitsarbeit ohne jegliche klare Linie.

SeelowAm Freitag fuhr Stahl zum Tabellenelften Victoria Seelow, am drittletzten Spieltag mit drei Punkten Rückstand auf das rettende Ufer und zudem gegenüber dem BSV Guten Nord dem schlechteren Torverhältnis. Nach vier Auftritten auf dem unwirtlichen Robert-Koch-Kunstrasensportplatz war es den Brandenburger Fans endlich vergönnt, ein Spiel im schön sanierten Oderbruchstadion zu sehen, und trotz einer Anreise von 160 Kilometern waren etwa 45 von ihnen dabei. Als Autor dieses Berichtes, der bis vor drei Jahren selbst regelmäßiger Besucher von Stahl-Spielen war, überraschten mich zahlreiche neue Gesichter neben den alteingesessenen Fans, die dem Verein oftmals bereits mehr als 30 Jahre lang die Treue halten. Sie sollten sich heute über 90 Minuten sehr lautstark präsentieren, so dass Spieler der Mannschaft anschließend von einer großartigen Unterstützung sprachen. Sportlich hatte Stahl zunächst zwei Schrecksekunden zu überstehen, u.a. hielt Keeper Christoph Böhm einmal sensationell, ehe ein Fernschuss von Steffen Kräuter an die Latte klatschte, es sollte die größte Chance vor dem Seitenwechsel bleiben. Insgesamt hatten die Brandenburger sich in der ersten Halbzeit leichte Feldvorteile erspielt.

FC StahlDie Pause wurde von zwei Stahl-Fans für eine Aktion genutzt, die für Schmunzeln unter den 345 Zuschauern sorgte. Sie erklommen den anliegenden Hochhausblock und hissten auf dem Dach ein Transparent ihres Vereins. Sportlich gerieten die Brandenburger mit dem Wiederanpfiff erneut beinahe in Rückstand, aber Böhm hielt die Mannschaft von Neu-Trainer Udo Richter auch diesmal sensationell im Spiel. Geplagt von einigen Ausfällen und dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Kapitän Lars Bauer, zeigte die Not-Elf von Stahl anschließend, dass sie sich noch nicht aufgegeben hat. Die Mannschaft war immer präsent und nahm jeden Zweikampf aufopferungsvoll an. Dass hier ein Team auf dem Platz steht, das seine begrenzten spielerischen Mittel durch unermüdlichen Einsatz wett macht, honorierten die Fans mit lautstarkem Support.

FC StahlUnd Brandenburg wurde belohnt: Tim Kakoschky kam nach 65 Minuten von der Strafraumgrenze zum Kopfball, Seelows Torwart Lapusiewicz machte eine extrem unglückliche Figur und der Ball rutschte hinter die Linie – 0:1. Seelow drängte anschließend auf den Ausgleich, aber mehr als einen Kopfball, den der überragende Böhm gerade noch aus dem Winkel kratzen konnte, hatte der Gastgeber dem Kampfgeist der Stahl-Elf nichts mehr entgegen zu setzen. Brandenburg gewann letztlich aufgrund der größeren mannschaftlichen Geschlossenheit verdient. Mannschaft und Fans feierten den Sieg nach dem Spiel mit einer La Ola, gegenseitigem Abklatschen, zwei bengalischen Feuern und Bier. Ein eminent wichtiger Dreier war unter Dach und Fach gebracht worden.

FC StahlErnüchterung machte sich in der blau-weißen Familie am Samstag breit. Guben schlug den Tabellendritten Neuruppin sensationell mit 3:2, so dass der Abstand zum rettenden Ufer weiter bei drei Punkten und sechs Toren bleibt. Neben den Südostbrandenburgern sind aber auch Hennigsdorf, Eisenhüttenstadt und gar Seelow noch in Reichweite. Das Restprogramm für die Stahl-Elf ist dabei denkbar schwer. Am nächsten Wochenende kommt der 1. FC Frankfurt an den Quenz, gegen den in den letzten 25 Spielen nur ein einziges Mal gewonnen werden konnte, was bereits mehr als elf Jahre zurück liegt. Und zum Abschluss geht es zur Reserve von Babelsberg 03, bei der nach dem Saisonende der ersten Mannschaft auch einige Drittligaspieler mitwirken könnten. Der hungrigen Mannschaft und den in Seelow so lautstarken Fans ist der Klassenerhalt absolut zu gönnen. Ebenso bleibt es zu hoffen, dass bei den verbleibenden Saisonspielen das Hauptaugenmerk dem sportlichen Teil auf dem Platz gilt, denn beide Partien sind aufgrund der Rivalität mit den Anhängern des jeweiligen Gegners als Risikospiele zu bezeichnen.

QuenzEines steht jetzt schon fest: Egal ob der Klassenerhalt gelingt, der FC Stahl Brandenburg fällt definitiv nicht ins Bodenlose. Finanziell lange Jahre akut von der Insolvenz bedroht, scheint die Existenz des Vereins derzeit nicht in Gefahr. Im Stadion wird durch unermüdliche Vereinsmitglieder immer wieder Werterhaltung betrieben. Die zweite Männermannschaft spielt sportlich eine solide Saison in der Kreisliga, selbst die dritte Mannschaft existiert nach jahrelangen Unkenrufen von Nachbarvereinen und der Lokalpresse immer noch. Und die Frauen spielen in ihrer noch sehr jungen Geschichte aktuell ihre beste Saison überhaupt. Worauf sich die Hoffnung aber derzeit hauptsächlich stützen lässt, ist der Nachwuchs.

FC StahlNachdem Stahl vor einigen Jahren noch über ganze sechs Jugendmannschaften verfügte, davon teilweise keine einzige mehr im Großfeld-Bereich, sind es in der kommenden Saison zwölf Teams, die von insgesamt fast 30 Trainern betreut werden. Ein Teil der Übungsleiter wird dabei von aktuellen Spielern der Brandenburgliga-Mannschaft gestellt. Nach fünfjähriger Pause wird es sogar wieder eine A-Jugend geben. Hier wächst also etwas heran, wenngleich es sicherlich noch etliche Jahre dauern wird, bis der Nachwuchs wieder zu alter Stärke zurück finden wird. Um irgendwann auch wieder Spieler hervorzubringen, die den Verein in sportliche Gefilde jenseits von Brandenburg- oder Landesliga zu bringen, und die Zuschauer zurück ins Stadion am Quenz…

Text: Jörg Pochert

Fotos: Glenn Dawson, Jörg Pochert

> zur turus-Fotostrecke: FC Stahl Brandenburg

 

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