Zweite Liga in Prag: Die echten und falschen Bohemians

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Bohemians Praha 1905

 Stell dir vor, Eintracht Frankfurt würde Konkurs gehen und bis über beide Ohren verschuldet sein, also an einem Punkt, da jeder Strohhalm willkommen ist. Und dann stell dir vor, dass der FSV Frankfurt daher käme und anbieten würde, Namen und Logo zu übernehmen und fortzuführen. In unserer Geschichte gelingt der ursprünglichen Eintracht aber durch zahlreiche Fan-Spenden sowie Investorenhilfe schließlich am Ende doch die Rettung, die Schulden können bezahlt und der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Nun gibt es da aber immer noch den vormaligen FSV, der jetzt als Eintracht spielt und sich weigert, Namen und Logo wieder abzugeben. Das dürfte vermutlich hier und da zu Konflikten führen.Stell dir vor, Eintracht Frankfurt würde Konkurs gehen und bis über beide Ohren verschuldet sein, also an einem Punkt, da jeder Strohhalm willkommen ist. Und dann stell dir vor, dass der FSV Frankfurt daher käme und anbieten würde, Namen und Logo zu übernehmen und fortzuführen. In unserer Geschichte gelingt der ursprünglichen Eintracht aber durch zahlreiche Fan-Spenden sowie Investorenhilfe schließlich am Ende doch die Rettung, die Schulden können bezahlt und der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Nun gibt es da aber immer noch den vormaligen FSV, der jetzt als Eintracht spielt und sich weigert, Namen und Logo wieder abzugeben. Das dürfte vermutlich hier und da zu Konflikten führen.

Stell dir vor, Eintracht Frankfurt würde Konkurs gehen und bis über beide Ohren verschuldet sein, also an einem Punkt, da jeder Strohhalm willkommen ist. Und dann stell dir vor, dass der FSV Frankfurt daher käme und anbieten würde, Namen und Logo zu übernehmen und fortzuführen. In unserer Geschichte gelingt der ursprünglichen Eintracht aber durch zahlreiche Fan-Spenden sowie Investorenhilfe schließlich am Ende doch die Rettung, die Schulden können bezahlt und der Spielbetrieb wieder aufgenommen werden. Nun gibt es da aber immer noch den vormaligen FSV, der jetzt als Eintracht spielt und sich weigert, Namen und Logo wieder abzugeben. Das dürfte vermutlich hier und da zu Konflikten führen. 

Känguru-Konflikt in Prag

KänguruKlingt unrealistisch? Nicht so in einer anderen europäischen Großstadt: in Prag ist „Bohemians Praha 1905“ in genau dieser Situation. Die Abwärtsspirale des tschechoslowakischen Meisters von 1983 hat sich seit Anfang des neuen Jahrtausends ein wenig schneller gedreht. Nach einigen Jahren schlechten Managements musste der Club mitten in der Zweitliga-Saison 2004/05 Konkurs anmelden und seine Mannschaft vom Spielbetrieb zurückziehen. Der Insolvenzverwalter fand keine Unternehmenswerte mehr vor, so wurden schließlich der Name und das Känguru-Logo per Lizenzvertrag an den Drittligisten FC Strizkov Praha 9 übergeben. Die „echten Bohemians“ (die sich jetzt „Bohemians Praha 1905“ nennen) wurden aber doch (wie oben skizziert) gerettet und der Lizenzvertrag lief letztendlich aus, doch Strizkov klammert sich bis heute an Logo und Namen. Naturgemäß steht „1905“ seitdem in bitterer Zwietracht mit dem „falschen“ Känguru-Club, der sich „FK Bohemians Praha“ nennt.

Seit der Wiederbelebung von „1905” hat dieser Rosenkrieg einige recht bizarre Episoden hervorgebracht. Eine davon ereignete sich in der zweiten Hälfte der Erstliga-Saison 2009/10: „FK“ weigerte sich, gegen „1905“ anzutreten. Die Strafe folgte auf dem Fuß: 20 Punkte Abzug und eine deftige Geldbuße – bzw. der Abstieg bis in Liga 3, als der Club sich weigerte, diese zu bezahlen. Ein stolzer Preis für Stolz. Der Konflikt wurde nie beigelegt, ist aber zu Beginn dieser Saison neu entfacht, da beide Teams wieder in Liga zwei vereint sind und gleich am ersten Spieltag bei „1905” aufeinander trafen; „FK“ trat dieses Mal sogar an, Tore gab es aber keine.

 

1905Ginge es nach dem tschechischen Fußballverband, hätte dieses Spiel gar nicht erst stattgefunden, denn der verlangte, dass es nur ein Team mit dem Namen „Bohemians“ in der Liga geben sollte. Es sollte das Team sein, das am ehesten mit dem Original-Club verbunden ist – aus Sicht des Verbandes war das „1905“. Ein tschechisches Gericht hat zudem „1905“ im letzten Jahr die alleinigen Nutzungsrechte der Worte „Bohemians Praha“ in Zusammenhang mit Fußball zugesprochen. „FK“ weigerte sich jedoch weiterhin, seinen Namen zu ändern und wurde aus der Liga ausgeschlossen, legte aber erfolgreich Berufung ein. Nur der einstweilige Beschluss eines Zivilgerichtes ließ sie am Ende doch auflaufen. Nachdem „FK“ im September 2012 aber auch dieses Verfahren verlor, legten sie erneut Widerspruch ein und verlängerten den Prozess um ein weiteres Mal. Sturheit kommt vor dem Fall?

Geschichte schreiben

Man muss sich schon fragen, was die Führungsriege der „falschen Bohemians“ zu diesem Verhalten bewegt. Das Känguru ist natürlich ein recht putziges Logo und – unter normalen Umständen – auch einzigartig. Aber es ergibt nur Sinn, wenn es zur eigenen Geschichte passt, wenn man es sich erarbeitet hat. Und „Bohemians 1905“ haben genau das getan: 1926 lud der australische Fußballverband zunächst die tschechoslowakische Fußballnationalmannschaft, dann Slavia Praha und dann Viktoria Zizkov für ein paar Spiele nach Australien ein. Keiner wollte es wagen.

Schließlich erklärte sich 1927 ein kleiner Prager Fußballclub aus dem Bezirk Vrsovice bereit, die Tschechoslowakei in den Antipoden zu vertreten. Allerdings klang „AFK Vrsovice” viel zu sperrig für australische Ohren, daher spielte das Team unter dem Namen „Bohemians”. Am Ende ihrer zwei Monate dauernden Tour durch insgesamt 11 Städte hinterließen die Jungs eine hervorragende Visitenkarte: sie gewannen 15 ihrer 20 Begegnungen (zwei Unentschieden, drei Niederlagen, 94:50 Tore), in denen sie gegen regionale Auswahlteams sowie die australische Nationalmannschaft antraten. Eine große sportliche Leistung für ein Team von nur 16 Spielern das nach 23 Tagen auf See ohne Pause gleich das erste Spiel absolvierte.

Als Zeichen der Dankbarkeit und Ehrerbietung erhielten sie von der australischen Regierung zwei lebende Kängurus als Geschenk für den tschechoslowakischen Präsidenten. Die Tiere verbrachten ihr Leben zwar im Zoo und nicht im Stadion, aber die Reise hatte einen solch großen Einfluss auf die Identität des Clubs, dass dieser nicht nur den Namen „Bohemians“ behielt, sondern auch das Logo in sein Wappen übernahm. Die Fans nennen sich zudem „Klokani“ („Kängurus“ auf tschechisch). So schreibt man Geschichte.

Fakten und Artefakte dieser Reise sind detailliert im clubeigenen Museum ausgestellt, dass sich im Stadion Dolicek befindet. Dort war ich 2011 zu einem Freundschaftsspiel zu Besuch und von der Atmosphäre der 1.112 anwesenden „Klokani“ schwer begeistert: während des Spiels gab es abwechslungsreiche Gesänge und danach etwas Pyro. Aber blicken wir wieder in die Gegenwart:

FK Bohemians Praha vs. FC FASTAV Zlin – 2:1 (2:0), 273 Zuschauer

FK BohemiansAktuell neigt sich die Saison 2012/13 ihrem Ende entgegen und ich habe die Möglichkeit, auch einmal die „falschen Bohemians” zu sehen, die im Bezirk Strizkov spielen (Stadion SK Prosek, Kapazität: 2.600). Nach zuletzt sechs sieglosen Spielen ist „FK“ nur noch sechs Punkte von den Abstiegsrängen entfernt, während der heutige Gegner FC FASTAV Zlin seit sieben Spielen ungeschlagen ist und mit einem Sieg vom fünften auf den dritten Platz vorpreschen könnte. Den Tabellenunterschied konnte man jedoch zu keinem Zeitpunkt des Spiels erkennen: „FK“ schoss zwei Tore zu Beginn, kontrollierte das Spiel und verteidigte geschickt. Nur zehn Minuten vor Schluss passte die Hintermannschaft kurz nicht auf, doch über den Anschlusstreffer kam Zlin nicht hinaus.

TorViel wichtiger war für mich aber die Frage, welche Fans sich so ein „falsches“ Team ansehen: mir fiel auf, dass es sich hier hauptsächlich um Anwohner handelt, um Senioren und um junge Familien. Es gibt sogar einen schönen Spielplatz für den Nachwuchs, mit bester Sicht auf das Spielfeld für die Eltern. Insgesamt herrscht hier eine entspannte Atmosphäre wie bei vielen Amateur-Teams in Prag. Das einzige Stimmungs-Highlight kam von einem kleinen Blasorchester. Was anfangs recht originell erschien, geht jedoch schnell ein wenig auf die Nerven – nicht nur kommentierten die fünf Herren jeden Spielzug auf musikalische Art und Weise, sie hatten insgesamt auch nicht sonderlich viele Lieder im Gepäck.

Viktoria Zizkov vs. Bohemians 1905 – 2:0 (2:0), 3.482 Zuschauer

ZizkovEinige Tage später sehe ich „1905” beim Auswärtsspiel im Stadion Viktoria (Kapazität: 5.600) das sich in der Nähe des Prager Hauptbahnhofes befindet und einen urbanen Charme versprüht: man kann die zahlreichen Wohnhäuser ringsum und auch den Fernsehturm in der Ferne gut vom Stadioninnern aus sehen. Für mich ist das reine Fußballstadion eines meiner Lieblings-Grounds in Prag: rustikal, kompakt und man ist nah dran am Geschehen.

Viktoria und „1905” sind beide in der letzten Saison aus der ersten Liga abgestiegen. Während es Viktoria ins Mittelfeld verschlagen hat, könnte „1905“ mit einem Sieg den sofortigen Wiederaufstieg so gut wie perfekt machen.

zizkovOb das Spiel tatsächlich stattfinden würde, stand am Spieltag selbst laut einer Kaufzeitung noch in den Sternen: das Gerücht machte die Runde, dass Viktorias Spieler die Gelegenheit eines seltenen Fernseh-Spiels nutzen wollten, um die Muskeln spielen zu lassen. Sie wurden nämlich schon länger nicht bezahlt, und da die finanziellen Nöte des Clubs ein offenes Geheimnis sind, schien ein Streik im Bereich des Möglichen. Viktorias Richard Kalod sprach diesen Gerüchten jedoch nach Abpfiff allen Wahrheitsgehalt ab. Er war es auch, der seine Mannen mit der Sprungkraft eines Kängurus per Kopfball nach acht Minuten auf die Siegerstraße brachte. Ein Eigentor zehn Minuten später besiegelte das Schicksal der Gäste, da Zizkov geschickt verteidigte und den grün-weißen Angreifern jeglichen Zahn zog. Die Aufstiegsfeier musste also noch etwas vertagt werden. Um ein weiteres Mal war das Geschehen auf dem Rasen aber deutlich weniger interessant, als das auf den Rängen. Bei meinem letzten Besuch im Stadion Viktoria (November 2011) kam die Stimmung noch ausschließlich von den Gästefans des 1.FC Slovácko.

Heute aber trugen beide Fangruppen zu einer fantastischen Atmosphäre bei, die meine Erwartungen an dieses kleine Derby bei Weitem übertrafen. Zu Beginn hissten die Viktoria-Ultras ein großes Banner mit der Aufschrift „110 let“ anlässlich des 110. Geburtstags ihres Clubs. Auch nach Abpfiff kam, es noch einmal zum Vorschein und erleuchtete im Schein einiger aufsteigender Silvesterraketen. Die Heimfans sangen auch ab und an und boten was fürs Auge wie z.B. Flaggen oder rot-weiße Ballons.

bohemiansIn der Überzahl waren jedoch die „Klokani“ – einige Viktoria Fans kamen gar nicht erst ins Stadion, da sie nicht inmitten von singenden Gästen sein wollten. Und sie behielten Recht, denn nicht nur war der Gästebereich fast komplett ausgefüllt, grün-weiße Schals und Trikots waren auch auf Haupttribüne und Gegengerade zu sehen. Nur der Ultra-Bereich gehörte ganz allein den Viktoria-Fans und war deshalb wohl auch etwas besser gefüllt als sonst. Ein Schild wies extra darauf hin, dass dort keine Symbole der Bohemians erlaubt seien. Viktorias Fans sind es aber gewohnt, bei Derbies in der Unterzahl zu sein. Es ist noch gar nicht so viele Jahre her, dass Slavia Praha im Stadion Viktoria seine Meisterschaft feiern konnte und Fans in Heerscharen mitbrachte.

PyroDie „Klokani“ wurden ihrem Ruf am heutigen Tag absolut gerecht: sie sangen trotz der frühen Gegentore das gesamte Spiel über und zündelten zudem kräftig. Die Feuerwehr war vorbereitet: entlang des gesamten Blocks waren Feuerwehrmänner mit Sandeimern und sonstigem Werkzeug postiert. Und wurden in der zweiten Halbzeit gut beschäftigt. Wie auch der Ordnungsdienst: als ein Känguru abgeführt wurde, wollten dies etwa ein Dutzend „1905“ Fans nicht wahrhaben – während der hitzigen Auseinandersetzung auf Höhe der Haupttribüne gegen Ende des Spiels flogen unnötigerweise Fäuste, Füße, Bierbecher und noch mehr Feuerwerk.

Wir wollen aber auch nicht das Banner vergessen, das zu Beginn den gesamten Gästeblock ausfüllte: „Prag – das sind die Klokani, Sparta, Slavia, Dukla und Zizkov. Aber niemals Strizkov!“ Damit schließt sich der Kreis und wir kehren zu den „falschen Bohemians“ zurück.

Warum nicht ein Neustart als FC Strizkov?

FansRein rechtlich hängt die Frage, wem denn nun der Name „Bohemians“ gehört, noch in der Luft. Auf dem Platz hat sich „1905“ klar durchgesetzt, der Club ist nach den Ergebnissen des aktuellen Wochenendes wieder erstklassig und wird dieses Mal auch im heimischen Dolícek bleiben. In der letzten Erstligasaison musste „Bohemka“ aufgrund mangelnder Rasenheizung in das nahe gelegene Arena des Rivalen Slavia ausweichen, was bei den entsprechend wenigen Zuschauern Geisterspielen gleichkam. Jetzt werden die nötigen baulichen Veränderungen aller Wahrscheinlichkeit nach durch Spenden der Fans ermöglicht, die ihrem Club wieder einmal in der Not beistehen und z.B. auf die Rückgabe ihres Becherpfandes verzichten.

Viel wichtiger ist aber die Stimme der Prager Fußballfans, die sich auch für „1905“ entschieden haben: der Zuschauerschnitt ist dort in dieser Saison fast 10 Mal so groß wie bei „FK“ (knapp 3.600 vs. ca. 400).

Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, welche Vorteile sich die Strizkov-Manager von ihrer Sturheit versprechen, die den Club immerhin sogar schon einmal in den Abstieg getrieben hat. Stolz scheint hier an erster Stelle zu stehen, aber – nicht überraschend – gibt es auch monetäre Hintergründe. Es entsteht der Eindruck, als wolle „FK“ so viel wie möglich aus der Situation herausholen und „1905“ wohlmöglich in eine Art Ablöse pressen ehe sie ihre Ansprüche aufgeben.

FreudeEin Känguru auf dem Wappen verleiht aber nicht automatisch Ruhm und Ehre. Die bessere Strategie wäre es, mit der Marke FC Strizkov einen Neustart zu wagen. Damit hätte der Club die Möglichkeit, eine neue Ära zu starten in der er nicht als „falsch“ verachtet wird. Er könnte seine Geschichte neu schreiben, eigene Traditionen und Anekdoten keimen lassen, damit eine engagierte Fanbasis aufbauen (die jetzt noch auf dem dortigen Spielplatz tobt) und auf einzigartige Weise zur Fußballkultur der Stadt beitragen. Einen als „Eintracht“ verkleideten FSV Frankfurt würde in Deutschland schließlich auch niemand ernst nehmen, oder?

Fotos: Felix Natschinski

> zur turus-Fotostrecke: Viktoria Zizkov vs. Bohemians 1905

> zur turus-Fotostrecke: FK Bohemians Praha vs. FC FASTAV Zlin

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