Die letzte Saison? Überlebenskampf beim 1. FC Lokomotive Leipzig

JK

Demo LokBereits damals konnten sie nicht ausgelassen feiern, die Aufstiegsfreude erstickte im Pfefferspray der Chemnitzer Bereitschaftspolizei. Über 2.500 Fans von Lok Leipzig waren nach Chemnitz gekommen, um ihren Verein das letzte Mal in der fünften Liga spielen zu sehen. Die Elf aus Probstheida gewann 2:0. „Stell dir mal vor, nächste Saison machen wir RedBull platt!“, meinte nach dem Spiel ein Fan zu seinem Kumpel. Riesen Euphorie. Dann ein erster Dämpfer: Trainer Willi Kronhardt, ohne den der Aufstieg sicherlich nicht geklappt hätte, dankt ab, und das nur einen Tag nach dem Einzug in die vierte Liga. Zum Aufstiegskater kam ein flauer Magen, nur hatte an dem der Alkohol lediglich eine Teilschuld.

Demo LokBereits damals konnten sie nicht ausgelassen feiern, die Aufstiegsfreude erstickte im Pfefferspray der Chemnitzer Bereitschaftspolizei. Über 2.500 Fans von Lok Leipzig waren nach Chemnitz gekommen, um ihren Verein das letzte Mal in der fünften Liga spielen zu sehen. Die Elf aus Probstheida gewann 2:0. „Stell dir mal vor, nächste Saison machen wir RedBull platt!“, meinte nach dem Spiel ein Fan zu seinem Kumpel. Riesen Euphorie. Dann ein erster Dämpfer: Trainer Willi Kronhardt, ohne den der Aufstieg sicherlich nicht geklappt hätte, dankt ab, und das nur einen Tag nach dem Einzug in die vierte Liga. Zum Aufstiegskater kam ein flauer Magen, nur hatte an dem der Alkohol lediglich eine Teilschuld.

Demo LOKDas alles war im Mai 2012. An diesem Tag, es ist der 25. März 2013, ist es klirrend kalt. Ein paar Autoscheinwerfer leuchten die große Gruppe auf Hüfthöhe an. Das Bruno-Plache-Stadion liegt ansonsten im Dunkeln. Vor dem Clubkasino, es liegt eingebaut in der 81 Jahre alten Holztribüne, sammeln sich die unzufriedenen Fans. Unzufrieden und wütend, sorgenvoll und ängstlich. Das blau-gelbe Herz schlägt im zehnten Jahr seiner Neugründung nur noch schwach. 325.000 Euro fehlen in den Kassen des Regionalligisten, eine Summe, die für Vereine dieser Spielkasse eigentlich nicht zu stemmen ist. Dafür verantwortlich machen viele Fans das aktuelle Präsidium, allen voran Lok-Präsident Michael Notzon und Steffen Kubald, Teammanager und Sicherheitsbeauftragter. Vom Präsidium ist am Abend des 25. März keiner da. Und auch das beschert vielen Fans Bluthochdruck: Seit Wochen hört man nichts oder nur vages aus dem Präsidium. 

Das ließ die Lage am 18. März bereits eskalieren. An jenem Abend drangen etwa 50 Fans auf das Vereinsgelände, einige mit handfesten Absichten. Das Präsidium, das gerade tagte, verschloss die Türen. Einzig Steffen Kubald, Machtfigur seit der Neugründung, ließ sich blicken, hielt die Gruppe zurück. „Es wird keinen Insolvenzantrag geben“, sagte er zu den aufgebrachten zumeist Jugendlichen und jungen Erwachsenen, „aber Notzon wird auch nicht zurücktreten“. Dabei blieb es an diesem Abend.

Demo Lok LeipzigEine Woche später stehen dann etwas über 250 Lok-Fans am Clubkasino. Maik Ehrler, langjähriger Vereinsfan, spricht über ein Megafon zum Rest der Fans. Die halten Schilder hoch, auf denen „Wir sind der Verein“, „Arbeitspräsidium jetzt“ oder schlicht das Vereinswappen gedruckt ist. Hinter einem schwarzen Transparent mit der Aufschrift „Wir sind die Fans – Vorstand raus – Wir sind der Verein“ sammeln sich Mitglieder der Gruppe „Scenario Lok“. Maik Ehrler beendet seine Rede, die er ohne Manuskript vorgetragen hat, der Capo bestätigt seinen Vorschlag zum Präsidiumsgebäude zu gehen. Das liegt gleich hinter dem Klubkasino, das Tor dorthin ist aufgeschlossen. Das Gebäude, ein weißer und schmuckloser Flachbau, liegt ruhig in der Nacht. Ein Bewegungsmelder geht an, das Blitzlicht von zwei Fotografen wirft sich immer wieder zwischen die Fans, die im Dunkeln wortlos auf den Vorplatz laufen. Einige „La Bombas“ explodieren abseits. 

Demo Lok LeipzigAlle stellen sich hinter das schwarze Transparent mit weißer Aufschrift, auf Kommando brennen fünf bengalische Lichter. Die Masse schreit „Wir sind die Fans, wir sind der Verein – Vorstand raus!“, brüllt „L-O-K“. Danach die Ansage, dass dies die einzige Veranstaltung dieser Art gewesen sein wird. Kein wöchentliches Demonstrieren, das sich im Sand verläuft. Alles löst sich auf. Im Clubkasino gehen die Gespräche weiter. Hier ist man zufrieden mit der Zahl der Anwesenden. Aber was jetzt zählt ist der 13. April, denn da findet die außerordentliche Mitgliederversammlung statt. Das Ziel: Notzon abwählen. Das hält hier jeder für wahrscheinlich. Ansonsten, und auch da sind sich alle einig, gibt es den 1. FC Lokomotive Leipzig ab dem 30. Juni nicht mehr. An diesem Tag endet die Saison 2012/2013. 

Plache StadionDie Alternative zur Rettung steht schon fest, das sogenannte Arbeitspräsidium. Das sind fünf Männer, allesamt mehr oder weniger Finanzexperten, die in einem offenen Brief nach Abwahl des Präsidiums sich als Übergang vorgeschlagen haben. Legitimieren soll sie dazu der Aufsichtsrat. Die Chancen, dass es so kommen wird, stehen gut. Immer klarer wird, welche Last Notzon nach seinen anfänglichen Wohltaten für den Verein ist. Im Dezember 2012 gewährte er dem klammen Verein ein Privatdarlehen von 50.000 Euro, Laufzeit vier Wochen. Und nach vier Wochen holte er sich das Geld über die Mitgliedsbeiträge zurück. Da kippte das Verhältnis. Rechtlich kein Problem, aber moralisch sahen das viele kritisch. Bereits Anfang 2012 verkaufte Notzon seine Anteile als Geschäftsführer von goldgas, dem Hauptsponsor des 1. FC Lok. Dessen Vertrag endet in dieser Saison, eine Verlängerung scheint unwahrscheinlich – zumindest unter Notzon. Das vermeldet auch die blau-gelbe Gerüchteküche: Weitere Sponsoren würden kommen, würde Notzon nur endlich gehen. Sogar Ex-Trainer Mike Sadlo, der - beurlaubt und entlassen im Dezember 2011 – auf eine fünfstellige Abfindung wartet, würde mit sich reden lassen, nur nicht unter Notzon.

Plache StadionSeit Januar dieses Jahres haben die Fans von Lok Leipzig bereits 125.300 Euro gesammelt und ihrem Verein übergeben. Sie sind damit Hauptsponsor des Clubs. Aber noch immer fehlen mindestens 200.000 Euro - eine Summe, die die Fanszene alleine unmöglich aufbringen kann. Eine Idee war der Verkauf der Namensrechte, aber die liegen noch immer zusammen mit dem Erbbaurecht bei dem ehemaligen Insolvenzverwalter des VfB Leipzig, Friedbert Striewe. Er und Notzon sahen sich bereits Mitte März – vor dem Landgericht. Drei fällige Monatsmieten für das Stadion wollte dieser endlich sehen.

Lok KurveAuch das Arbeitspräsidium, welches großen Rückhalt in der Fanszene genießt, ist sich des Erfolges nicht sicher. „Aufgrund der Höhe der bisher aufgelaufenen und noch zu erwartenden Verbindlichkeiten können wir nicht dafür garantieren, diese selbst gesteckten Ziele auch tatsächlich zu erreichen“, heißt es ehrlich im offen Brief. Was keiner wirklich sagen will: Hoffentlich ist es am 13. April nicht schon zu spät; hoffentlich sagt ein Blick in die Bücher nicht, dass es aus und vorbei ist. Denn eine erneute Neugründung, und das weiß hier jeder, hat keinen Sinn. Die Geschichte des ersten Deutschen Meisters wäre wohl endgültig zu Ende.

Text & Fotos: Jannik Kaiser (Marco Bertram untere drei Fotos)

> zur turus-Fotostrecke: 1. FC Lokomotive Leipzig

 

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