Geschwärmt, gejubelt und gelitten: Rückblick auf zwei Jahre FC Hansa Rostock

Autor: Mia B.     veröffentlicht am 05 Januar 2013    
 
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Hansa RostockDas Jahr 2013 ist jung. Bis zum Start des Ligabetriebes sind es noch etliche Tage hin. Ein perfekter Zeitpunkt, um einmal inne zu gehen und die vergangenen Monate Revue passieren zu lassen. In diesem Fall tat dies unsere Autorin Mia, die ein leidenschaftlicher Fan des Drittligisten FC Hansa Rostock ist und im Laufe der letzten zwei Jahre viele Höhen und Tiefen miterlebte. Der Sturz in die Drittklassigkeit, viel Hickhack zwischen Vorstand und den aktiven Fans – aber auch zahlreiche Momente, die die Anhänger fest zusammenschweißten. Solch ein Augenblick war zum Beispiel das nächtliche Treffen an dem Stein vor dem Stadion anlässlich des 47. Geburtstages des FC Hansa, der einst im Dezember 1965 aus dem SC Empor Rostock hervorging...

Stadion RostockEs war mal wieder soweit. Am 27. Dezember 2012, also einen Tag nach dem „großen Fressen“ ging es mal wieder in die heilige Stadt. Diesmal nicht nur wegen Fußball. Aber trotzdem ein Stück weit wegen des FC Hansa, dem Verein, der zwar schon lange eine Rolle in meinem Leben spielt, aber dessen Bedeutung sich innerhalb der letzten zwei Jahre vom puren Dasein bis hin zu einem der wichtigsten Bestandteile entwickelt hat.
Auf dem Weg zum Stadion, wo später zirka  60 Leute in den Geburtstag unseres glorreichen FCH reinfeiern sollten, hörte man es immer mal wieder knallen. Kein Wunder, stand doch schließlich Silvester direkt bevor. Umso erstaunlicher war es dann, dass ein Vater seinem Kind in diesem Zusammenhang und dem für ihn scheinbar dazu passenden Anblick einer Gruppe junger Hansafans erklärte: „Guck, da sind Hansafans. Hansa Rostock hat heute gespielt, deswegen knallt das hier überall!“


Hansa RostockDas kurze Schmunzeln über diese Aussage wich schon kurz darauf der Nachdenklichkeit. Hat er als Vater nicht einen Bildungsauftrag? Warum erzählt der seinem Kind denn solch einen Unfug? Und bedeutet Hansa wirklich nur Pyro, Böller, Chaos und junge Menschen in schwarzen Klamotten und Jogginghosen?
Um mal wieder die Antwort vorweg zu nehmen: Für mich hat sich der FC Hansa im Verlauf der letzten beiden Jahre zu mehr entwickelt. Viel mehr!
Dadurch, dass ich schon von Klein auf fußballbegeistert war und mein Vater aus Mecklenburg kommt, mein Großvater sogar in Rostock geboren wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch mich das Hansa-Fieber packen sollte.
Vor etwa zweieinhalb Jahren wuchs das Interesse schlagartig. Hansa stieg in die Dritte Liga ab. Was für den Verein eine mittlere Katastrophe und einen kompletten Neuanfang bedeutete, machte den ihn für mich nun greifbarer. Die Neustrukturierung betraf dabei nicht nur den Verein direkt, sondern auch das Umfeld. 

Hansa RostockSo gab es mit der Öffnung der Hintertortribüne Süd als Supporterbereich eine weitere positive Nebenerscheinung.
Ich fing an, die Spiele von Hansa zu verfolgen. Im Fernsehen natürlich! 1.000 Kilometer, nur um 90 Minuten Fußball zu sehen? Für mich zu diesem Zeitpunkt undenkbar. Aber nicht nur das Spiel an sich, sondern auch das Geschehen auf den Rängen war immer interessant. „Was singen die da?“ ist eine Frage, die mein Vater auch heut noch allzu oft zu hören bekommt.
Da also lediglich die Entfernung das Problem war, gab es beim Spiel von Hansa in Jena keine Ausreden mehr. So wurden rechtzeitig Karten geordert. Natürlich im neutralen Bereich. Ein Sitzplatz mit sicherer Entfernung zu den Blöcken, in denen die „Action“ abging.
Wenn ich jetzt im Nachhinein so über mein früheres Denken nachdenke, habe ich schon ein Lächeln auf dem Gesicht. Irgendwie wirkt alles so distanziert und gewisse Gruppen von Fans erschienen einem so verdammt weit entfernt, fast schon „von einem anderen Stern“.
Das Spiel wurde damals gewonnen, doch bis auf die Tore habe ich von dem ganzen Spiel nicht wirklich viel mitbekommen, da meine Augen förmlich am Geschehen im Gästeblock klebten.


Hansa RostockSo ähnlich lief es dann bei meinem ersten Heimspiel im Ostseestadion gegen Jahn Regensburg. Die große Südtribüne und das Treiben dort haben zusammen mit dem 5:0-Sieg unserer Jungs die eisige Kälte für ein paar Minuten vergessen lassen.
Der Verein begann langsam eine etwas größere Rolle zu spielen. Die ersten Kontakte und sogar Freundschaften zu Gleichgesinnten entstanden. Beides zusammen sorgte dafür, dass zum Heimspiel gegen Offenbach eine erste WET-Tour folgte. Anderthalb Stunden im Auto, 16 Stunden im Zug und knapp 1.200 Kilometer waren neben einem schlappen 0:0 die Bilanz des Tages. Zurück in Gera angekommen, folgte dann auch der erste Kontakt, den ich als Fußballfan mit der Polizei machen „durfte“. Beim Aussteigen wurden wir von drei Polizisten in voller Montur empfangen, aus dem Bahnhof geführt und dann mit dem Hinweis, doch bitte „schnellstmöglich zu verschwinden“ verabschiedet. Kleine Randinformation: Unsere Gruppe bestand zu dem Zeitpunkt noch aus drei (Als Ziffer: 3) Leuten.

Hansa RostockGegen Ende der Saison folgten dann noch einige Heimspiele, die zwar schon im Stehplatzbereich, aber immer noch weit weg von der Südtribüne entfernt verfolgt wurden.  Immer noch war das alles, was „da drüben“ geschah, nicht nur optisch weit entfernt. „Was will ich auf der Süd? Wenn man dahin geht, muss man supporten und das ist nicht so meins“, war die Standard-Antwort, die jeder bekam, der mich fragte, warum ich nicht auf der anderen Seite des Stadions weilte. Was heute vielleicht lustig klingt, ist damals wirklich so gewesen.
In den Sommerferien und damit verbunden der Saisonpause, lernte ich dann eine Person kennen, die zwar die Szene und die Leute kannte, aber das ganze leider aus einer völlig anderen Perspektive. Auf meinen Spruch, dass ich zunächst im Sitzplatzbereich und dann im Stehplatzbereich die Spiele verfolgte, prophezeite er nur: „Das ist der typische Werdegang von Leuten, die sich langsam an die Süd und das Drumherum rantasten. Ich gebe dir ein halbes Jahr, dann schauen wir noch mal, auf welcher Tribüne du dich dann rumtreiben wirst“.


Polizei DresdenInzwischen war ich 18 und meine Eltern gaben mir zu verstehen, dass ich nun in einem gewissen Rahmen machen könnte, was ich will, für die Folgen aber selbst verantwortlich sein würde. Gleichzeitig wuchs der Wunsch, endlich mal ein Auswärtsspiel im Gästeblock zu verfolgen. Plötzlich waren all die Gedanken, die noch zum Ende der letzten Saison Bestand hatten, vergessen. Auch hier spielte der Faktor Zufall wieder eine entscheidende Rolle und so war ausgerechnet das erste Spiel der letzten Zweitliga-Saison, was ja bekanntermaßen in Dresden stattfinden sollte, mein erstes richtiges Auswärtsspiel. Die Kommunikation (wenn man es denn so nennen darf) mit der Polizei lief zwar nicht ganz nach Plan, konnte aber im Großen und Ganzen als gelungen bezeichnet werden und die Wege innerhalb der Stadt gestalteten sich wider Erwarten relativ problemlos. Im Stadion ging´s dann an das nächste Problem. Wenn man schon in diesem Block war, galt es auch den Mund aufzubekommen, was aber irgendwie überhaupt kein Problem war, da man einfach mitgerissen wurde. Für mich in diesem Moment ein Gänsehaut-Erlebnis, was mir noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.
Gibt es eigentlich ein deutsches Wort für „geflasht“? Das würde meine Gefühle zumindest sehr gut beschreiben. 

RostockGenau aus diesem Grund sollte es nicht das letzte Spiel gewesen sein. Allgemein fanden in dieser Saison nur vier Auswärtsspiele ohne mich statt. Das Fieber war nun wohl endgültig ausgebrochen, aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich, wenn ich einmal nicht zu einem Spiel fahren konnte, noch nicht das Gefühl, was ich heute habe. Das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Das dumme Gefühl, irgendetwas verpassen zu können. Das Gefühl, das Wiedersehen mit den Freunden, die man gewonnen hat, um eine oder zwei Wochen verzögert zu haben.
Doch es sollten nicht nur positive Erfahrungen sein, die diese Zeit prägten. Es gab auch negative Erlebnisse, die letztendlich dafür sorgten, dass man heute eine bestimmte Einstellung zu gewissen Gruppen von Personen hat oder einfach gewisse Sicherheitsvorkehrungen trifft. Zu nennen wäre da zunächst das Auswärtsspiel beim selbsternannten Randalemeister Eintracht Frankfurt, wo ich am eigenen Leib erfahren durfte, dass Polizisten nicht immer nur Freunde und Helfer sind.


Rostock sagt jaIn Braunschweig hingegen waren es gegnerische Fans, die einen entscheidenden Teil zu meinem Lernprozess im Dasein als aktiver(er) Fußballfan beitragen sollten.
In unserer Bundeshauptstadt, in der unser letztes Auswärtsspiel dieser von Niederlagen geprägten Saison, mit dem Abstieg ein jähes Ende nahm, merkt ich zum ersten Mal, wie sehr mir dieser Verein mittlerweile ans Herz gewachsen war. Es folgte eine Zeit voll Hoffen und Bangen. Die Zukunft des Vereins lag plötzlich nicht mehr in unseren Händen, so dass uns außer dem Leisten von Überzeugungsarbeit nichts anderes übrig blieb, als abzuwarten und zuzusehen. Nicht wenige Leute hatten bei dem Lied „Zusammen“, dessen Zeilen
„Wenn wir zusammen geh´n.
Wenn wir zusammen steh´n.
werden wir niemals untergeh´n“
In dieser Zeit oft gesungen wurden, Tränen in den Augen. Auch beim Schreiben dieser Zeilen merke ich, wie die ganzen Gefühle noch einmal hochkommen. Es war keine einfache Zeit. Aber sie war auch geprägt von Zusammenhalt. Ob beim gemeinsamen „Ja-Sagen“ mit 30 Leuten im 500 Kilometer von Rostock entfernten Gera oder beim Feiern der letztendlich positiven Entscheidung.


RostockEs jedoch aber auch nicht alles schlecht in dieser Saison. Momente wie der Schlusspfiff in München, der ungeplante Stadtrundgang in Fürth oder das gemeinsame Verfolgen eines Spiels, bei dem man ständig auf der Ausschau nach Rostocker Ordnern und Zivilpolizisten war, weil man eigentlich „Stadionverbot“ hatte, werden ebenso einen Platz in den Erinnerungen erhalten. Genau wie die Tatsache, dass man viele Leute kennen gelernt hat, die mittlerweile echte Freunde geworden sind. Freunde, die zu dieser Gruppe von Menschen gehören, die vor einem Jahr noch so furchtbar weit weg erschien. Plötzlich kannte man sie und war vielleicht nicht unbedingt ein Teil davon, aber zumindest nah dran. Vielleicht mache ich mir auch etwas vor, wenn ich sage, dass ich kein Teil davon bin, aber selbst wenn es so wäre, wäre es nichts, wofür man sich jetzt großartig rühmen würde. Was erst so weit weg erschien, kam mit der Zeit immer näher, ohne dass man es registrierte. Erst wenn man in einer ruhigen Minute, wie dies grad eine ist, das alles realisiert, was in dieser kurzen Zeit passiert ist, dann fängt man an nachzudenken. Geht das alles nicht ein bisschen zu schnell? Sollte ich mich nicht doch ein bisschen zurückziehen? Oder waren die Gedanken von damals schlichtweg Blödsinn?

RostockAber so viel Zeit zum Nachdenken blieb gar nicht, denn kurz nachdem die Zukunft des Vereins geklärt war, sollte auch schon der „Alltag“ wieder losgehen. Im Gegensatz zur Vorsaison wuchs plötzlich das Interesse, auch die Heimspiele von Hansa zu besuchen. Es fanden sich Gleichgesinnte aus der Region, die einem das Ganze sowohl stimmungstechnisch, als auch finanziell erträglich machten und ohne dass man sich versieht, ist nun auch schon wieder die Hinrunde vorbei. Eine Hinrunde, in der man beim Nachzählen feststellt, dass man von 18 möglichen Spielen ganze 14 besucht hat.
Dass da für die Spiele der eigenen Mannschaft die eine oder andere Ausrede gefunden werden musste oder man aufgrund eines spontanen Entschlusses zu Hansa zu fahren, einfach unentschuldigt nicht zum Spiel erschien sind nur ein paar Begleiterscheinungen, die das alles mit sich bringt. Und wenn der eigene Trainer irgendwann meint: „Und wenn Hansa Rostock im Sudan spielen würde, würdest du noch mit dem Fahrrad hinfahren, oder?“ muss das nicht unbedingt ein Kompliment sein.

in BielefeldIn dem Zusammenhang kommt mir unser Spiel in Darmstadt in den Kopf, als ich bereits im Block stand, einen Anruf vom Trainer bekam und erst in diesem Moment realisierte, dass ich in zehn Minuten selbst ein Spiel haben sollte. Doch das alles ist mittlerweile schon wieder vergeben und vergessen.
Genau wie die Mannschaft mit mehreren Siegen in Folge zwischenzeitlich dafür sorgte, dass die schlechten sportlichen Leistungen vom Beginn der Saison vergessen wurden. Wer denkt nicht gerne an das Spiel in Bielefeld zurück? Nichts für schwache Nerven, gerade wenn man an die dreifache Hundertprozentige der Bielefelder kurz vor Schluss denkt, die nur Dank Hahnel und massenweise Aluminium nicht für den Ausgleich sorgte.
Doch scheinbar hatte man in diesem Spiel das Glück einer ganzen Saison verspielt, denn in den darauf folgenden Spielen lief nicht mehr viel zusammen. So kam die verfrühte Winterpause nicht einmal ungelegen. Mit ihr kommt die Hoffnung, dass danach wieder alles besser wird und dass die Mannschaft vielleicht nicht nur das Spielen, sondern auch das Kämpfen lernt.
Und was mir 2010 noch egal gewesen wäre, ist mir jetzt so wichtig, dass es hier unbedingt erwähnt werden muss. Für das Jahr 2013 wünsche ich mir auch, dass die Mannschaft zu schätzen lernt, was wir als Fans tun und auf uns nehmen. Genauso wünsche ich mir, dass wir als Fans alle Zusammenhalten, was im Moment wohl leider nicht so ganz der Fall ist.

Ja und jetzt?
Jetzt sitze ich hier und wollte eigentlich nur einen Bericht über das Training schreiben, bei dem ich war. Stattdessen sind es nun mittlerweile acht handgeschriebene Seiten voller Erlebnisse, die meine kurze Zeit mit Hansa geprägt haben. Eine kurze Zeit, in der ich Erfahrungen sammeln durfte (positiv wie negativ), die ich ohne den FC Hansa niemals gemacht hätte. Eine Zeit, in der ich wunderbare Menschen kennen gelernt habe, die ich ohne Hansa bis heute nicht kennen würde. Eine Zeit, die hoffentlich noch lange so weitergehen wird! Man sieht sich in Babelsberg!

Fotos: turus.net-Archivaufnahmen (M. Bertram, Mia B., Karsten H., P. Schoedler, Tobi)

> zur turus-Fotostrecke: FC Hansa Rostock

 

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